Interviews

10/02/2017 - 07:15

Stadt-Mama Katharina

"Unser Sohn ist mit vier eingeschult worden - und es war gut so." Interview mit Antonia

Ihr Lieben, vor einiger Zeit hatten wir hier die Leserfrage, ob ein Kind mit fünf schon schulreif sei. Daraufhin entwickelte sich eine spannende Diskussion, vielen Dank dafür. Im Zuge dessen hat sich auch Antonia aus München bei uns gemeldet. Ihr Sohn war erst vier Jahre alt, als er eingeschult wurde - und ist somit das jüngste Kind, das je in Bayern eingeschult wurde. Warum Antonia und ihr Mann sich für diesen Schritt entschieden haben, verrät sie uns im Interview. Vielen Dank für die spannenden Antworten! 

Euer Sohn war noch nicht mal fünf bei seiner Einschulung. Wie kann das sein?

Unser Sohn ist Ende September 2011 geboren. In Bayern beginnt das neue Schuljahr immer rund um den 10.09. und jedes Kind, dass bis 30.09. 6 Jahre alt wird oder ist, wird für das dann beginnende Schuljahr erstmal grundsätzlich schulpflichtig. In unserem Fall wäre das das Schuljahr 2017/2018. Unser Sohn ist im September 2016 eingeschult worden und 10 Tage nach Schulbeginn 5 Jahre alt geworden. 

Das war sicher keine leichte Entscheidung. Mit wem habt Ihr Euch beraten?
 
Nein, das war definitiv keine leichte Entscheidung - aber der Weg dort hin begann bereits Ende 2015. Unser Sohn, damals gerade 4 geworden, äusserte immer öfter den Wunsch ein Vorschulkind sein zu dürfen. Der Kindergarten an sich wurde immer unbeliebter und irgendwann ein wahrer Kampf. Jeden Tag. Für alle Beteiligten. Da wussten wir, dass etwas passieren muss. 

Der Kindergarten sah keinerlei Handlungsbedarf. 

Wir haben relativ schnell den Kontakt zu einer Schulpsychologin gefunden und waren im stetigen Beratungskontakt mit unseren Kinderarzt. Die Schulpsychologin, die letztendlich auch ein Gutachten über unseren Sohn erstellt hat, hat viele Gespräche mit ihm geführt und ihn im Kindergarten besucht. Für sie war auch schnell klar, dass seine Situation so nicht bleiben kann.
 
Habt Ihr Euren Sohn auch mit einbezogen in die Entscheidungsfindung?
 
Ja, das ließ sich gar nicht verhindern. Es war sein Hauptgesprächsthema. Er möchte ein Vorschulkind sein, irgendwann schwappte das um in "Ich möchte ein Schulkind sein". Er träumte von Hausaufgaben, forderte Nachmittags Hausaufgaben in Form von Rätselheften usw. Durch das Hinzuziehen der Schulpsychologin genehmigte der Kindergarten dann im Januar 2016, dass er ab sofort vereinzelt bei den Vorschulkindern "mitmachen dürfe".
 
Welche Punkte sprachen FÜR und welche GEGEN eine so frühe Einschulung?
 
Für die frühe Einschulung sprach grundsätzlich seine starken kognitiven Fähigkeiten und sein starker Wille in Richtung Schule. Er beobachtete begeistert Geschwisterkinder von Freunden, die von der Schule oder Hausaufgaben berichteten. Er erzählte von den Vorschulkindern im Kindergarten, und was die alles Tolles machen dürfen... 
Dafür sprach ebenfalls, dass wir uns ganz klar waren, dass eine neue Situation für ihn nötig ist. Wir hatten hier aber auch noch die Alternative "Kindergartenwechsel" im Kopf. 
 
Gegen eine frühe Einschulung sprach ganz klar sein Alter... Wir haben viel gelesen. Einschulung mit fünf oder fünfeinhalb oder kurz vor dem 6. Geburtstag, das scheint es öfter zu geben. Aber vor 5? 
Neben den kognitiven Fähigkeiten und Stärken ist unser Sohn ein typischer 5 jähriger. Dass das Probleme in der Schule bringen könnte war uns ganz klar. 
Aber der Arzt der Schuleingangsuntersuchung formulierte es ganz treffend: Probleme oder "Themen" wird er haben, wenn er im Kindergarten bleibt - aber genauso wird er Probleme oder "Themen" haben, wenn er eingeschult wird. Nun muss man eben sehen, für welche Probleme oder Themen man sich entscheidet... 
 
Wie fühlte es sich an, als die Entscheidung gefallen war?
 
Die Entscheidung war gefallen, als wir uns auf Anraten der Schulpsychologin eine Montessori Schule angesehen haben und unser Sohn dort hospitiert hat. Nach dem Schulspiel kam dann die Zustimmung der zukünftigen Klassenleitung, dass sie unseren Sohn für geeignet hält, sie dem Gutachten der Schulpsychologin zustimmt und ihn gerne in die Klasse aufnehmen wird. 
Als wir das zuhause verkündet haben, flossen Tränen... vor allem bei unserem Sohn. Er hatte endlich wieder ein Strahlen im Gesicht und war schlichtweg glücklich. 
Klar bei uns als Eltern schwang immer die Angst, mit ihn eventuell zu überfordern, oder die falsche Entscheidung getroffen zu haben. Wir haben viele Gespräche geführt und beschlossen, dass wir diese Angst einfach annehmen werden und diese Angst immer da sein wird. Ihn im Kindergarten zu lassen hätte uns wahrscheinlich die Sorgen gebracht, dass er weiter unglücklich ist. 
Wir hatten von Beginn an einen tollen Kontakt zu den künftigen Pädagoginnen und wussten, dass er einfach gut aufgehoben sein wird. 
 
Wie waren die Reaktionen des Umfeldes auf die frühe Einschulung?
 
Ehrlich? Grauenvoll. Was mussten wir uns Vorwürfe anhören, wir mussten uns vielen Fragen stellen lassen. Alles ging immer sehr schnell in die Richtung, dass wir doch einfach nur übereifrige Eltern seien und das wir unserem Sohn ein Jahr Kindheit stehlen würden. Und ob wir uns denn auch im Klaren seien, was wir ihm da antun. 
Nur vereinzelt bekamen wir Rückmeldungen wie: Ihr kennt euern Sohn am Besten, ihr wisst was ihm gut tut!
Aber gut, ich weiss selbst nich,t wie ich reagieren würde, hätte ich diese Geschichte im Umfeld gehört. Letztendlich kann man von niemandem eine wirklich "sinnvolle" Reaktion erwarten, der nicht selbst in genau einer solchen Situation steckt. 
 
Ich denke man sollte seinen Mama- oder Papagefühlen einfach vertrauen - und vor allem seinem Kind. Das war für uns immer das Wichtigste. Wir haben ihm immer offen gesagt und bewusst gemacht, dass Schule nicht nur Spass bedeutet, sondern auch anstrengend ist, bzw. von Jahr zu Jahr anstrengender wird. Er meinte darauf hin ganz locker: Mama ich kann auch nachmittags spielen oder am Wochenende. Das reicht mir!
 
Wie hat Euer Sohn den Einstieg in die Schule gepackt?
 
Super! Egal, wie müde er morgens auch ist, wir haben nach 6 Monaten noch kein einziges Mal gehört, dass er nicht hingehen möchte. 
Er hat Freunde gefunden und hat einfach nur Spass daran zu lernen. Bereits in der 3. Woche konnte er seinen Stundenplan auswendig. Von den Pädagogen wird er uns als aufgeweckter und sehr interessierter kleiner Kerl berichtet.
 
Wo ist er besonders gut und was liegt im weniger?
 
Wenn wir ihn fragen, welches sein Lieblingsfach ist oder was er in der Schule am Liebsten mag: Sport und Mathe Stars (Sein Mathe Heft). Er lernt - auf sehr spielerische Art Englisch und Italienisch und liebt beide Fächer sehr. 
 
Weniger liegt ihm das Buchstaben schreiben. Er kannte bereits alle Buchstaben und findet es manchmal langweilig, wenn er nun jeden Buchstaben der Reihe nach Zeile für Zeile üben muss. Aber ich habe ihm erklärt, dass Schulkind sein eben auch bedeutet, dass man mal etwas tun muss, dass nicht so viel Spass macht und das Buchstaben schreiben für alles spätere essentiell ist. Seither ist es okay für ihn :) 
 
Morgens die Garderoben Situation ist im Moment noch seine tägliche Herausforderung. Dort gibt es einfach zu viel Ablenkung, wenn alle Kinder gleichzeitig zu ihren Plätzen strömen. Aber hier haben wir mit den Lehrern eine Vereinbarung getroffen und können ihn dort noch ein bisschen unterstützen. 
 
Fällt der Altersunterschied zu seinen Mitschülern auf?
 
Die Pädagogen berichten uns, dass er eigentlich nur in "offenen Gesprächsrunden" etwas auffällt. Er erzählt natürlich mit 5 ganz anders als ein 7 jähriger oder ältere Schüler. Den anderen Schülern fällt das natürlich auch auf, oder das er eben nur 5 mal um den Jahreskreis laufen durfte zum Geburstag. Andere Kinder eben schon 6 oder 7 mal.
 
Wobei wir noch nie erfahren haben, dass er hier ausgelacht oder belächelt wird. Durch die Montessori typische Jahrgangsmischung sind es alle gewöhnt, dass eben kleinere und größere Schüler zusammen sind. Das zusammen leben und lernen und eben auch zusammen helfen wird gross geschrieben - davon profitiert natürlich nicht nur unser Sohn!
Er hat sowohl unter den 1. wie auch den 2. Klässlern Freunde gefunden und ist toll in der Klasse aufgenommen worden. 
 
Das ist für uns ganz klar auch das Tolle an einer Montessori Schule an sich, aber ganz Speziell an unserer. Die Kinder - egal welchen Alters gehen alle ganz ganz toll miteinander um und akzeptieren sich gegenseitig. Die Pädagogen sind einfach grossartig!!! Die Kinder werden indivuell betreut, dort abgeholt wo sie gerade stehen und auf unterschiedlichste Art optimal unterstützt und gefördert!
 
Würdet Ihr die Entscheidung wieder so fällen?
 
Für ihn: Definitiv ja. 
Pauschal würden wir natürlich nicht für eine vorzeitige Einschulung stimmen. Wir finden, dass das immer eine 100% individuelle Entscheidung ist. Genauso wenig wie man unserer Meinung nach sagen kann, dass ein Jahr mehr im Kindergarten genau das richtige ist für alle Kinder, so kann man nicht pauschal sagen, dass eine frühe Einschulung immer das Richtige ist. Sicherlich hängt es auch immer von den Pädagogen ab.
Wir haben aber für unseren Sohn definitiv die richtig Entscheidung getroffen. Diese Schule, diese Pädagoginnen, dieses Umfeld. Es passt einfach alles super!
Er ist glücklich und wir dadurch natürlich auch!
 

 

Tags: Schule, schulreif, Stichtag, Schulkind, Kindergartenkind, Entscheidung, Kindergarten, Montessori

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Kommentare

Evi — Fr, 02/10/2017 - 09:17

Wow! Ich habe auch erstmal gedacht, krass mit 4 in die Schule?? Aber man liest wirklich, wie viel Ihr Euch damit auseinandergesetzt habt, um leztendlich diese Entscheidung zu treffen. Ich fand es sehr interessant zu lesen, vielen Dank! LG Evi

M — Fr, 02/10/2017 - 09:50

Vielen Dank fuer den Artikel. Das ist echt doch immer wieder so spannend wie unterschiedlich die Kinder sind. Unser Sohn wurde (allerdings in GB) mit gerade 4 eingeschult, und fuer ihn definitiv zu frueh. Als Eltern gibt es erst ab dem kommenden Jahr die Moeglichkeit, Kinder zurueckstellen zu lassen. Wir haetten ihn zwar nicht schicken muessen, aber er waere dann das Jahr spaeter in die gleiche Klasse seiner Kohorte gekommen. Das haben wir fuer uns ausgeschlossen - wir hatten auch viele Gespraeche mit Aerzten, Freunden, Psychologen etc. Wir haetten ihm auch ein Problem "andichten" koennen, aber wir wollten ihm auch keinen Stempel aufdruecken und Probleme erfinden, wo keine sind, ausser eben, dass er mit Abstand der juengste in seiner Klasse ist.

Dorle — Fr, 02/10/2017 - 13:14

Ihr habt für euch echt das Beste rausgeholt und v.a. muss man anmerken, dass er keine Regelschule besucht, sondern in die Monte geht. Dort halte ich das allgemeine Bildungsniveau und den Umgang der Kinder miteinander (zumindest in der Grundschule; in der weiterführenden Monte stehen mir eher die Haare zu Berge) und der Lehrkräfte mit den Kindern überlegter und ausgewogener. Ich hab hier auch so ein Kann-Kind zuhause, zum Glück erst 2, aber Berlin ist halt ein ganz anderes Pflaster als München. Hier gibt es weitaus mehr soziale Probleme, mehr Diversität und wegen der hohen Flüchtlingszahlen viele ältere Kinder in eigentlich jüngeren Jahrgangsstufen. Und ich würde meinen 4jährigen ungern dazwischen sehen (rein alterstechnisch!!).

Susanne — Fr, 02/10/2017 - 13:22

Ich finde es ganz toll, dass ihr euch dafür entschieden habt. Letztendlich müssen Eltern immer für ihr eigenes Kind die richtige Entscheidung treffen. Egal was die Norm sagt oder was alle anderen machen. Ich habe mich schon bei der Auswahl des Kindergartens gezielt gegen den in Ort entschieden und einen ausgewählt, bei dem mein Bauchgefühl stimmte. Auch wenn die Großeltern und Bekannten gesagt haben, dann hätte er ja keine Freunde im Ort. Die lernt er meiner Meinung nach auch im Turnen oder auf dem Spielplatz kennen und sonst hat er halt Freunde im Nachbarort. In vielen anderen Ländern dieser Erde ist es ganz normal Kinder mit 4 Jahren in die Schule zu schicken auch wenn das Lernumfeld dort natürlich nicht mit dem einer "normalen" Grundschule in Deutschland nicht zu vergleichen ist und alles noch etwas spielerischer von Statten geht. Ich bin der Meinung, dass sich hier in den nächsten Jahren auch noch etwas ändern wird. Viele Privatschulen wie zum Beispiel die Europäische Schule (in FFM) wird bereits Early Learning gelebt oder wie auch in den Einrichtungen von Montessori wenigstens gefördert. Leider sind das alles Einrichtungen die nur Familien mit dem richtigen Kleingeld offen stehen und das zeigt mal wieder wie die Bildung unserer Kinder doch vom Geldbeutel der Eltern abhängig ist.

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