Interviews

18/11/2017 - 08:00

Land-Mama Lisa

Kontakabbruch der Tochter: "Meine Mutter und ich - wir passen einfach nicht zusammen"

Es gibt Eltern, die den Kontakt zu ihren Kindern abbrechen. Und es gibt Kinder, die den Kontakt zu ihren Eltern abbrechen. Neulich haben wir diesen Text zum Thema erneut auf unserer Facebookseite verlinkt. Eine Leserin fragte, ob es möglicherweise auch Kinder gibt, die den Kontakt abbrechen, ohne Misshandlungen erlebt zu haben. Und daraufhin meldete sich Annika, die sofort bereit war, uns ein Interview zu geben. Allerdings nicht unter ihrem echten Namen.

Annika, Du hast vor drei Jahren den Kontakt zu deiner Mutter abgebrochen. War das ein Abschied mit Knall oder eher ein leises Verschwinden?

Es gab immer wieder mal Funkstille zwischen uns und jede wurde mit einem sehr lauten Knall eingeleitet. Der Auslöser war jedes Mal, dass ich nicht mehr nach ihrer Pfeife getanzt habe.

Was gab den Auslöser für die endgültige Trennung?

Im Dezember vor drei Jahren habe ich das letzte Mal mit meiner Mutter gesprochen. Der große Knall war eigentlich seit Monaten überfällig. Meine Zwillinge waren gerade zehn Monate alt und wir wollten über Weihnachten zu den Eltern meines Freundes. Seit drei Jahren war er an Weihnachten nicht mehr bei ihnen. Meine Mutter hatte andere Pläne. Sie ließ auch nicht mit sich reden und warf mir vor, nur an mich zu denken. Meine letzten Worte an sie waren nicht sonderlich nett, denn ich war sehr wütend.

Du sagst, deine Mutter und du, ihr hättet nie zusammen gepasst. Wie äußerte sich das in der Kindheit?

Meine Eltern waren immer viel arbeiten. Meine Mutter war Krankenschwester im 3-Schicht-System und war entweder auf Arbeit oder schlief.

Die guten Zeiten erlebte ich fast ausschließlich mit meiner Oma. Das änderte sich, als ich acht Jahre alt wurde und wir 300 Kilometer weit weg zogen, mitten in die Stadt. Meine Mutter hatte sofort einen Job und so blieb nur mein Stiefvater als Verbündeter. Doch vier Jahre später trennten sie sich und ich blieb mit meinem Bruder allein bei meiner Mutter. Nun war ich die "Große" und musste mich kümmern.

Und dann?

Sie arbeitete und ich versorgte meinen Bruder. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich mit meiner Mutter reden konnte. Darüber, was mich interessierte, was in meinem Leben vor sich ging, welche Boygroup ich aus welchen Gründen gut fand und welche nicht, ob ich verknallt war. Einige Male habe ich es versucht, aber es hat sie nicht interessiert. Sie hat mir nicht zugehört und so ließ ich es und telefonierte lieber stundenlang mit meiner besten Freundin.

Wie ging es dann weiter?

Als ich 16 war, zog sie mit meinem Bruder zu ihrem Freund (200 Kilometer weg) und ließ mir die Wahl, ob ich mit wollte. Ich wollte nicht! Die Wohnung wollte sie sowieso behalten, also hatte ich weiterhin ein Dach über dem Kopf.

Drei Jahre später kam sie zurück. Ohne meinen Bruder (der war zu seinem Vater gezogen) dafür mit meiner zwei Jahre alten Schwester. Sie hatte einen neuen Job als Krankenschwester und ich hatte ein neues Ziehkind.

Wie klappte das?

Ab da fing es immer öfter an, richtig zwischen meiner Mutter und mir zu knallen. Wegen jeder Kleinigkeit wurde sie laut und drohte mir mit Rausschmiss. Ich fing an, mir heimlich eine Wohnung zu suchen und meinen Auszug vorzubereiten.

Als ich die Zusage für die Wohnung hatte, musste ich nicht lange auf den nächsten Knall warten. Es war wiedermal eine Kleinigkeit. Ich tanzte nicht nach ihrer Pfeife. Sie wurde laut, sagte, ich solle gefälligst verschwinden und ging. Ich tat ihr den Gefallen und war bei ihrer Rückkehr nicht mehr da. Mein Schlüssel lag im Briefkasten.

Und dann war erstmal Funkstille?

Es dauerte Monate, bis meine Oma mich überredet hatte, wieder den Kontakt zu suchen. Ich machte es für meine Oma und wegen meiner Schwester. Von meiner Mutter kamen nur Vorwürfe. Die Schuld lag natürlich allein bei mir. Aber ich war ein prima Babysitter.

Mit 23 Jahren wurde ich dann selbst schwanger. Der Moment, als ich meiner Mutter davon erzählte, war schrecklich. Sie versuchte mich zwei Stunden davon zu überzeugen, dass es falsch sei.

Oh weh…

…meine Oma hingegen freute sich so sehr. Ihr erstes Urenkelchen war unterwegs.

Meine Mutter gewöhnte sich an den Gedanken, Oma zu werden und freute sich dann sogar darauf. Meine Beziehung zum Kindesvater ging kurz nach der Geburt in die Brüche und meine Mutter unterstützte mich die ersten Monate.

Ein Jahr später starb meine Oma. Wir fuhren zur Beerdigung und weinten am Grab. Aber darüber geredet haben wir nie.

Wann kam der nächste Knall?

Meine Tochter wurde drei Jahre alt, als der nächste Knall kam. Ich hatte eine Geburtstagsparty geplant. Da ich Leute eingeladen hatte, die meine Mutter nicht mochte, sollte ich die Party doch bitte verschieben. Ich sagte nein und hörte Monate lang nichts mehr von ihr.

Kurz vor Weihnachten rief sie an, ich ging nicht dran und erfuhr dann von einem Bekannten (der mich anrufen sollte), wie krank sie sei und dass sie keinen hatte, der sich kümmerte. Das kümmerte mich dann aber nicht. Ich hatte meine eigenen Sorgen.

Aber ihr hattet dann nochmal Kontakt?!

Weitere Monate vergingen und meine Tochter wurde vier. Von Oma hörte sie nichts. Zwei Monate später haben wir meiner Schwester ein Päckchen zum Geburtstag geschickt und so schlich sich der Kontakt wieder ein. Natürlich lag die Schuld ein weiteres Mal allein bei mir.

Die nächsten vier Jahre liefen ziemlich gut. Ich hatte gehofft, dass sie mich endlich als erwachsene Frau und Mutter anerkannt hatte. Dann lernte ich meinen jetzigen Freund kennen und hatte nicht mehr so viel Zeit. Die Unstimmigkeiten wurden wieder mehr.

Auch deine Lebenslage veränderte sich nochmal…

Ja, zwei Jahre später wurde ich wieder schwanger – mit Zwillingen. Meine Mutter freute sich sehr. Doch diese Freude half nichts. Als ich im Supermarkt an der Kasse stand und ihr am Telefon vergebens erklärte, dass ich grad nicht telefonieren kann und auflegte, war es wieder soweit. Ich hatte sie verärgert. Als ich zurückrief ging sie nicht mehr ran.

Aber dann kam nochmal eine Annäherung!?

Nach einer Vorsorgeuntersuchung in der 21. Schwangerschaftswoche kam ich mit dem RTW ins Krankenhaus und sollte operiert werden. Mein Freund drängte mich dazu, meine Mutter anzurufen. Sie war sehr reserviert und kühl. Sieben Tage war ich im Krankenhaus und sie rief regelmäßig an und auch danach war alles wieder entspannter. Sie plante sogar ihren Urlaub zur Geburt der Zwillinge ein.

Weihnachten verbrachte ich ruhig mit meiner Tochter, meinem Freund und dem dicken Babybauch zu Hause und auch Sylvester war schonen angesagt. Mitte Januar war ich dann wieder im Krankenhaus und nach einer Woche wurde spontan ein Notkaiserschnitt angeordnet. Mein Freund musste auf meine Tochter warten und schaffte es nicht mehr zum Kaiserschnitt. Meine Mutter aber ließ alles stehen und liegen und fuhr mit dem Taxi durch die halbe Stadt, um bei mir im Kreissaal zu sein.

Und dann krachte es endgültig?

Ja, denn auch diese gute Phase hielt nicht lange. Nur zehn Monate waren die Kleinen als der schon erwähnte letzte Knall zum endgültigen Kontaktabbruch führte. Meine Mutter meint, ich halte mich für etwas Besseres. In ihrer Welt steht sie an erster Stelle. Andere Meinungen sind nicht gefragt.

Wie ging es Dir in der Zeit nach dieser letzten Trennung – fühltest du dich erlöst oder bedrückt?

Ich fühlte und fühle mich befreit. Ich muss mir nicht mehr überlegen, ob ich meiner Mutter alles recht mache, ob es Streit gibt wenn ich Nein sage. 34 Jahre habe ich mich immer wieder untergeordnet und klein gemacht. Das ist vorbei.

Menschen brauchen Wurzeln, heißt es. Hast du das Gefühl, dass dir eine Basis fehlt – oder hast du dir eine eigene andere Basis erschaffen, die dir Halt gibt?

Meine Verbündete war immer meine Oma. Sie hat schon an der Art, wie ich ans Telefon ging, gehört, wie es mir geht. Zu ihr hatte ich immer vollstes Vertrauen und konnte mich immer an sie wenden. Und dann kam meine Tochter zur Welt. Meine eigene kleine Familie.

Hast du irgendwelche Hilfe, um mit der Trennung klarzukommen? Oder hattest du Hilfe, um dir überhaupt bewusst zu werden, dass es besser wäre, den Kontakt ganz abzubrechen?

Ich brauchte keine Hilfe, denn die Trennung war für mich eine Erleichterung. Vor dem Kontaktabbruch rief meine Mutter jeden Tag an. Sie wollte über Belangloses reden und selbst wenn die Zwillinge vor Hunger schrien, sie redete einfach weiter. Es war ihr einfach egal, dass ich keine Zeit hatte. Sie wollte reden also hatte ich mir Zeit zu nehmen. Ging ich nicht ans Telefon klingelte sie ewig weiter. Das war kein Zustand und ich war wirklich froh und erleichtert, dass dieser Terror aufhörte.

Fragst du dich manchmal, wie es ihr geht, was sie gerade macht?

Nein. Ich höre aber manchmal von meinen Geschwistern wenn was passiert ist. Ich könnte aber auch damit leben, wenn ich nichts erfahre.

Fürchtest Du Dich, ihr einmal aus Versehen zu begegnen?

Sie wohnt nicht in der Nähe und verlässt kaum ihre Wohnung. Also bin ich sehr sicher, dass das nicht passieren wird.

Nun bist du selbst Mutter. Wie hat eine Mutterschaft deine Sicht auf die Dinge (in Bezug auf die eigene Mutter) verändert?

Ich nehme sie als Negativbeispiel und stelle mir des Öfteren die Frage, wie sie auf gewisse Situationen reagiert hätte und hat und mache es dann anders. Ich will, dass meine Kinder zu jederzeit zu mir kommen können und sich geliebt fühlen.

Möchtest du es mit deinen Kindern durch deine Geschichte gerade anders machen?

Auf jeden Fall. Meine Kids sollen später sagen können, dass sie eine tolle Kindheit hatten und mich zu einer glücklichen Oma machen, die ihre vielen Enkel oft und gern zu Besuch hat.

Zum Weiterlesen: Interview mit einer "verlassenen" Mutter

Fotoquelle: pixabay

 

Tags: Eltern, Kinder, Verwandtschaft, Familie, Kontakt, Kontaktabbruch, Beziehung, Verletzung

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Kommentare

Flora — Sa, 11/18/2017 - 11:02

..aus ganzem Herzen! Ich kann deine Situation sehr gut nachvollziehen und habe auch den Weg des Kontaktabbruchs gewählt, auch nach dem letzten Knall. Diese regelmäßigen Ausraster meiner Mutter, die Schuldzuweisungen, die Funktstille (damit sollte ich als unartiges Kind bestraft werden), der Ego-Wahn, dass sich alles nur um sie dreht. Endlos. Und endlos kraftraubend. Ohne meine Mutter ist mein Leben schöner, positiver, entspannter und optimistischer geworden. Und ja, es ist eine Tragödie, sich so von seiner Mutter zu trennen, aber so weiterzumachen wäre keine Option gewesen.

Maria — Sa, 11/18/2017 - 15:02

die du da getroffen hast. Endgültig einen Strich drunter zu machen scheint sehr sinnvoll zu sein. Ich lese gerade das Buch "Wenn Mütter nicht lieben" und denke, dass es schlimm ist, wenn wir Töchter unser Leben lang denken, es könnte sich was ändern, wir würden irgendwann die Liebe und Zuwendung bekommen, die wir verdienen. Aber es wird nicht passieren. Du bist sehr mutig.

Carolin — Sa, 11/18/2017 - 16:33

Ich schließe mich allen an und kann deinen Entschluss sehr gut verstehen. Manchmal passt es einfach nicht, auch wenn es Mutter und Tochter sind.. Mich würde interessieren, wie deine Geschwister mit dem Kontaktabbruch umgehen. Ich habe den Kontakt zu meiner Mutter vor 2.5 Jahren abgebrochen und seitdem habe ich die ganze Familie gegen mich: meinen kleinen Bruder, meinen großen Bruder + Freundin, und meine Großeltern. Ist das normal? In dem Bericht oben klingt es anders und ich würde mich freuen, wenn es Geschwister gibt, die trotz unterschiedlicher Meinungen/Beziehung zur Mutter noch zueinander halten können. Alles Liebe euch!

Jeanny — Mo, 06/10/2019 - 15:15

Hi, vllt liest du es ja. Ich habe auch den Kontakt zu meiner Mutter abgebrochen. Ich habe noch eine Schwester, die recht guten Kontakt zu ihr hat. Irgendwann fragte sie mich ob es so wäre, dass wir keinen Kontakt haben könnten, weil sie 'zu meiner Mutter stehen würde'. Da wurde es mir noch mals bewusster und das sagte ich auch ganz klar. NEIN! Das können wir nicht, denn wer zu einer Person Kontakt hält, die mich gedemütigt, geschlagen, nie geliebt (usw) hat möchte ich keinen Kontakt mehr. Sicherlich geht es, dass Kontakt bestehen bleibt, aber möchte man den?

Leon Castillo — Sa, 11/18/2017 - 23:22

Das geht auch bei Männern. Ich habe vor 12 Jahren den Kontakt zu meiner Mutter abgebrochen. 36 Jahre zu spät. Seit dem weiß ich, wie schön das Leben ist. Ich habe zwei Brüder und eine Schwester, und zwei davon wollen ebenfalls nichts mehr von unserer Mutter wissen. Ich denke, das sagt alles aus. Stets die eigenen Kinder hintergangen und verraten. Immer neue Steine in den Weg gelegt bekommen. Das Leben der eigenen Kinder versaut. Wer so eine Mutter hat, hat die Hölle kennengelernt!

xxx — Di, 11/21/2017 - 17:53

Ich habe habe auch vor ca 1,5 Jahren den Bruch zu meinen Eltern erlebt. Wir hatten nicht einmal einen Streit. Sie zeigen kein Interesse am Leben anderer. Nachdem ich sie nicht mehr besucht habe (immer musste ich zu ihnen auf Besuch fahren), war Funkstille. Traurig, vor allem fürs Enkelkind. Die hat das mit ihren damals fast 3 Jahren nicht so mitbekommen. Sie fragt auch nicht nach ihnen... Bin ich verletzt? Ja war ich schon, aber es tut mir nicht mehr weh. Ich weiß nicht mal, ob sie noch leben.

ilona — Mi, 10/17/2018 - 12:00

nein, sowas kann ich mir nicht vorstellen. Meine Eltern sind für mich so wichtig und wenn man selbst einmal Kinder hat, sollte man merken, dass Eltern auch mal Recht hatten in manchen Dingen. Menschen, die den Kontakt zu ihren Eltern, denen sie ihr Leben doch zu verdanken haben, einfach abbrechen, sind für mich unmöglich. Ein absolutes NEIN und KEIN VERSTÄNDNIS habe ich für eine solches Verhalten. Den Menschen, die sich von ihren Eltern abwenden in einer so wie vor geschilderten Situation, denen sollte es nicht anders gehen, und wenn sie abwarten, denen wird es auch nicht anders gehen. Das ist meine persönliche Meinung.

Jeanny — Mo, 06/10/2019 - 15:24

Du sagst es. Deine Eltern sind dir wichtig. Hätten sie dich misshandelt (wovon ich jetzt mal nicht ausgehe) gedemütigt usw würdest du nicht die Leute verurteilen, die den Kontakt abbrechen. Es geht hier nicht um kleine Meinungsverschiedenheiten, sondern um psychische und eventuell sogar physische Gewalt. Bitte etwas mehr Verständnis.

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