Adipositas bei Kindern: Wenn das Kind zu dick ist

Ihr Lieben, in Deutschland ist etwa jedes sechste Kind übergewichtig oder adipös. Unter den 11- bis 13-Jährigen ist es sogar jedes fünfte. Noch gibt es keine Studien dazu, wie die Corona-Pandemie diese Zahlen beeinflusst hat – Experten gehen aber davon aus, dass die Zahlen steigen werden. Adipositas ist nicht einfach nur „ein bisschen Babyspeck“, Adipositas beeinträchtigt schon im Kindesalter die Gesundheit und kann bis ins Erwachsenenalter negative gesundheitliche Folgen haben.

Doch wie weiß ich, ob mein Kind zu schwer ist für sein Alter? Bei Kindern und Jugendlichen spricht man ab der 90. Perzentile von Übergewicht, ab der 97. von Adipositas und ab der 99,5. von extremer Adipositas.

Wir haben neulich auf unserer Facebook-Seite gefragt, ob wir Mamas in der Community haben, deren Kind adipös ist und die uns ein Interview geben würden. Es haben sich zahlreiche Frauen gemeldet, einige erzählen uns nun ihre Geschichte. Danke für euer Vertrauen!

„Mein Sohn ist 6 Jahre alt, wird im Oktober 7. Bei einer Körpergröße von 1,20 Meter wiegt er 55 Kilo. Seit 2,5 Jahren begleitet und das Thema Übergewicht. Damals ist sein heiß geliebter Opa gestorben und plötzlich fing Marco an mehr zu essen. Im Kindergarten holte er sich mehrmals Nachschlag – erzählte uns aber beim Abholen, er habe nichts gegessen, weil es nicht geschmeckt hatte. Also gab es zu Hause nochmal essen. Es dauerte eine Weile, bis wir dahinter kamen, da hatte er schon ordentlich zugelegt. Heute ist er ein Schulkind und wird wegen seines Gewichts gemobbt. Seit einem halben Jahr tue ich nun alles, um seine Essgewohnheiten zu verändern. Es gibt feste Essenszeiten, ich habe ihn im Sportverein angemeldet und wir gehen nachmittags oft Radfahren. Manchmal isst er heimlich, vielleicht kompensiert er damit den Verlust des Opas. Dieses Essensthema ist wirklich ein blöder Teufelskreis…“ (Heike)

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Liebe Tanja, heute geht es um deine 10jährige Tochter. Sie ist 152 cm groß und wiegt 62 Kilo. Seit wann hat sie Probleme mit dem Gewicht?

Sie lag schon immer über bzw. auf der 97. Percentile – schon im Alter von 5 Wochen. Kurz vor ihrem 3. bzw. ihrem 6. Geburtstag war es kurz gesunken, d.h. auf einen Wert von um die 90. Aber das hielt nicht lange an, sondern stieg schnell wieder auf 97-99 an. 

Was isst deine Tochter gerne und bewegt sie sich genug?

Sie isst gerne süß und vor allem gerne Kohlenhydrate. Beides versuchen wir seit Jahren einzuschränken, aber gerade bei Kindern ist es schwierig, weil sie ja keine Diät halten sollen. Sie trinkt ausschließlich Wasser. Problematisch ist die Tatsache, dass wir ihr Essverhalten nicht den ganzen Tag kontrollieren wollen und können, denn sie ist ja in der Schule und hat eigenes Geld zur Verfügung.

Sport macht sie an 4-6 Tagen in der Woche – Fußball (2x Training + Spiel), Leichtathletik (1-2x pro Woche) und Reiten inkl. Stallarbeit (1x pro Woche). Dazu kommt der Schulweg mit dem Fahrrad und Schulsport.

Wie geht sie mit ihrem Übergewicht um?

Das ist abhängig von der Tagesform. An manchen Tagen bezeichnet sie sich selber als fett, an anderen Tagen ist es ganz ok. Natürlich wurde und wird sie wegen ihres Gewichtes gehänselt, zum Teil auch richtig gemobbt. Das hält sie aber (noch) nicht davon ab, das zu tun, was sie mag wie z.B. Schwimmen. Sie hat jetzt im Sommer gerade das Goldabzeichen gemacht und ist furchtbar stolz darauf. Im Fußball setzt sie ihre Statur als Verteidiger sogar erfolgreich ein und macht dadurch ihre fehlende Schnelligkeit wett.

Was habt ihr schon versucht, um ihr zu helfen?

Wir waren bei ihrer Kinderärztin, um ihre Blutwerte zu checken. Da war alles ok. Auch eine Ernährungsberatung haben wir schon aufgesucht. Wir versuchen, gesund und kalorienarm zu kochen; bieten viel Gemüse an und animieren sie zum Sport und zur Bewegung. Der nächste Schritt ist eine Kinderendokrinologin, um tiefer in ihren Stoffwechsel zu schauen. Außerdem haben wir sie zu einem Programm für adipöse Kinder angemeldet, um auch dort Hilfe zu bekommen. 

Wie geht es dir mit der ganzen Situation?

Ich mache mir Vorwürfe und denke manchmal, dass wir schon viel früher hätten versuchen sollen einzugreifen. Aber ich habe auch Angst zu viel zu tun und eine Essstörung auszulösen oder sie zumindest zu begünstigen. Bei jedem Eis oder jeder kleinen Süßigkeit habe ich eine Stimme im Hinterkopf, die fragt, ob das jetzt sein muss. Es gab auch schon“ interessante“ Blicke von anderen Menschen, wenn meine Tochter in der Öffentlichkeit gegessen hat. Das versuche ich auszublenden, aber ich fühle mich jedesmal schuldig, dass ich nicht besser aufgepasst habe…


„Mein Sohn ist 12 und wiegt 80 Kilo. Eigentlich war er schon immer ein dickes Kind. Weil ich viel gearbeitet habe, war er jeden Tag bei den Großeltern. Oma und Opa sind auch nicht gerade schlank und kochen sehr deftig. Mit dieser Ernährung ist mein Sohn also täglich konfrontiert gewesen und hat wirklich schnell zugenommen. Ich habe oft mit ihm und auch mit meinen Eltern gesprochen, aber irgendwie habe ich das Gefühl, es ist schon zu spät. Ich finde oft Chipstüten und Colaflaschen im Rucksack von meinem Sohn, das kauft er sich auf dem Schulweg. Leider wird mein Sohn jetzt schon ausgegrenzt – alle Jungs in seinem Alter sind auf dem Fußballplatz, aber er hockt nur zu Hause. Ich werde das nun angehen und externe Hilfe holen. Ich bin mit dem Thema überfordert, weiß aber, dass es so nicht weitergehen kann.“ (Marlies)

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12 comments

  1. Ich kann nur zustimmen, was das Pressen in Schubladen angeht. Bei vier in der 41./42. Woche geborenen Kindern mit einem Geburtsgewicht zwischen 2500 und 3000 Gramm haben wir hier ähnliche Erfahrungen. Gerade unser Mädel war uns ist immer gerade so über der 3er Perzentile. Dee Zweitjüngste wird meist für zwei Jahre jünger gehalten.
    Ich selbst kämpfe seit meiner Jugend gegen Übergewicht, dass mir eine jahrelang unentdeckte Autoimmunerkrankung der Schilddrüse eingebracht hat. Aber ich kenne viele füllige Kinder, die als Erwachsene schlank sind und Kinder wie mich, die immer klein und zart waren und nun als Erwachsene Übergewicht haben.

  2. Oh Mann, das sind echt Geschichten, die mich mitfühlen lassen. Vor allem das 10 jährige sportliche Mädchen bewegt mich sehr. Ich persönlich glaube ja, dass das Gewicht und das Wachstum auch schon sehr genetisch vor programmiert ist. Wir haben das gegenteilige Problem: unsere beiden Kinder sind viel zu klein und zu leicht für ihr Alter. Unsere jetzt 8jährige Tochter war noch nie in den Perzentilen, sie wächst unter der 3. auf einer eigenen. Der 10 jährige Sohn ist in der 3. Perzentile. Er ist locker 1 Kopf kleiner als gleichaltrige und etliches leichter. Er spielt auch leidenschaftlich gerne Fußball, linkes Mittelfeld. Er macht die fehlende Statur wiederum mit Schnelligkeit wett und wird in seiner Mannschaft so genommen, wie er ist. Das ist leider nicht immer so. Es schafft fast niemand die Kinder ohne Kommentar so anzunehmen, wie sie sind. Im Schwimmverein ist man erstaunt, dass sie trotzdem mithalten, andere Eltern fragen mehrfach nach, ob sie wirklich schon so alt sind, in die Schule bzw. das Gymnasium gehen. Unser Kinderarzt ließ mich mehrfach Ernährungsprotokolle schreiben, fragte komisch, ob wir Vegetarier sind, hat ausdrücklich vor den Kindern darauf aufmerksam gemacht, dass sie Süßes essen können. Dazu wurden beide von Kopf bis Fuß durch gecheckt, die Kleine mehrfach auf Mukovizidose getestet, alle 2 Jahre wird ihr Wachstum in der Wachstumssprechstunde kontrolliert bei einer Endokrinologin. Das macht echt etwas mit uns Eltern, als ob wir den Kindern nichts zu essen geben und wehe man stellt die Notwendigkeit einer Untersuchung in Frage! Da wird einem schon fast Unterlassung unterstellt! Ich bin letztendlich mit beiden zu einer Rehakur gefahren, habe dort alles mitgemacht und mir alle nicht vorhandenen Diagnosen schriftlich geben lassen. Damit wir es schwarz auf weiß haben, dass sie einfach sind, wie sie sind! Das wäre wahrscheinlich auch ein guter Weg für die sportliche 10 jährige! Es ist doch so toll, dass die Kinder selber alles so nehmen, wie es ist! Das Bewerten kommt doch häufig erst von den Erwachsenen! Die Fußballmannschaft ist froh eine solche Verteidigung zu haben! Bewahrt Ihr diese Freude am Fußball! Das ist soviel wichtiger, als in eine Schablone zu passen. Egal ob nun über oder unter der Perzentilennorm!!! Meine Nichte ist Lt. den Tabellen schon immer zu groß für ihr Alter. Was soll man denn da machen? Der Papa ist über 2m! Also meist gibt es genetische Gründe, warum ein Kind ist, wie es ist! Wir sind z. B. als Eltern auch unterdurchschnittlich groß!

    1. Volle Zustimmung!

      Mich persönlich regt das auch immer auf, wenn Ärzte nur nach Listen und Tabellen gehen und nicht den Menschen betrachten.

      Ich hatte so eine Diskussion mal mit einer Amtsärztin.
      Sie: „Sie haben einen BMI von 31. Sie sind eindeutig übergewichtig und müssen abnehmen.“
      Ich: „Klar bin ich schwerer als der Durchschnitt. Ich mache Krafttraining und Kampfsport und habe deutlich mehr Muskelmasse als ein Durchschnittsmann.“
      Sie: „DER BMI LÜGT NICHT!!! SIE!!! MÜSSEN!!! ABNEHMEN!!!“

      Ging bei mir natürlich zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus. Habe nur deshalb keinen Streit angefangen, weil ich ja noch diese blöde Bescheinigung von ihr brauchte.

      Meiner Meinung nach sollte es nur ein Check geben. Dieser lautet: Ist das Kind sportlich und kann sich gut bewegen?

      Wenn ja ist alles ok.
      Wenn nicht, dann muss im Interesse des Kindes was an Ernährung und Sport getan werden (bzw. medikamentös therapiert, wenn tatsächlich eine Stoffwechselstörung vorliegt).

      1. Danke. Auch unsere Tochter ist unter der 3. Perzentile. Sie isst wählerisch, ist aber praktisch nie krank und munter.
        Mit 5 1/2 haben wir sie nun einmal beim Endokrinologen und genetisch durchchecken lassen. Es ist nichts auffällig. Da das BLutabnehmen traumatisch war, werden wir die Praxis nicht wieder besuchen, überlegen allerdings, mit 7 oder 8 einmal die Röntgenaufnahme zu machen, um die Endgröße abschätzen zu können und möglichen Handlaungsmöglichkeiten zu überlegen.
        Jetzt müssen wir sie erstmal stärken, da sie immer als „die Kleine“ bezeichnet wird und darunter leidet. In blöden Zeiten wünsche ich mir mehr Austausch mit anderen Eltern. Das es hier solche gibt, freut mich sehr.

    2. @K natürlich fühlt es sich für Sie persönlich als Angriff an wenn z..b der Kinderarzt nachfragt etc. Und klar ist jedes Kind anders, ich selbst war auch immer so ein Fall von „viel zu klein für das Alter“ ABER, ja es kann genetische Grunde geben, es kann aber auch eine bis dato unentdeckte Ursache e..f in Form von Krankheit, Gendefekt etc vorliegen. Als Arzt ist es unverantwortlich derartige Gründe nicht zumindest zu betrachten. Zweitens, der Arzt kennt Sie persönlich als Herr oder Frau K ja nicht. Er Richter sich nicht gegen Sie ganz persönlich. Es liegt einfach in der Aufgabe auch Familiäre Ursachen auszuschließen, zu gucken ob absichtlich oder unwissentlich eine Fehlernährung vorliegt etc. für Eltern der Patienten ist es oft schwierig dies nicht auf sie als Individuum zu beziehen. Als Arzt muss das wohl des Patienten an erster Stelle stehen, und man die Familie nie 100% kennen. Es mag zwar sein, dass Sie als K natürlich für eine gesunde Ernährung sorgen, aber Ihr Arzt kann natürlich nicht in Ihren Alltag gucken. Daher nehmen Sie solche Fragen etc. (Solange diese sich im professionellen Rahmen bewegen) bitte nicht auf Sie als Person bezogen. Ihr Arzt will nur das beste für seine Patienten und alle potentiellen Ursachen ausschließen.

      Zweitens. Die Sorge bei kindlichem Übergewicht liegt nicht darin, dass alle Kinder in eine Schablone passen sollen. Auch liegt die medizinische Beurteilung nicht darin, ob der Verein froh über ein gutes und engagiertes Mitglied sein solle. Übergewicht bei Kindern kann langanhaltende und schwerwiegende gesundheitliche Folgen haben. Diabetis, Schäden an Gelenken, so wie die Tatsache, dass (starkes) Übergewicht als Kinder auch häufig mit starkem Übergewicht als Erwachsener führen kann. Dabei geht es nicht um den idealen BMI, oder kosmetische Aspekte, sondern die stark erhöhen Risiken von Langzeit Folgen die vermieden werden sollen.
      Ob ein Kind jetzt super schlang oder etwas schwerer ist, ist nicht die Sorge des Arztes, sondern tatsächlich rein gesundheitliche Bedenken, wenn das Übergewicht eines Kindes tatsächlich kritische Ausmaße annimmt.

      1. Liebe Fr.M.,
        der Text ist aufgrund gravierender sprachlicher Mängel kaum lesbar.
        Auch finde ich es bedenklich, dass Sie stark verallgemeinern und die Intention aller Ärzt:innen zu kennen glauben.
        Die Realität zeigt, dass das Kindeswohl leider nicht immer im Mittelpunkt steht und viele Ärzt:innen leider auch nicht sonderlich empathisch sind bzw. reagieren.

        1. Liebe Simone,

          Ich konnte den Text gut lesen, trotz „Mängel“. Dein Kommentar ist jedoch stark verallgemeinernd. Auch heißt es Intentionen, da Ärzt:innen im Plural ist und grundsätzlich kaum ein Mensch nur eine Intention hat, sondern zumeist mehrere Absichten pflegt.

      2. Danke!
        NATÜRLICH muss ich als Ärztin bei so deutlichem Übergewicht und einem (laut Eltern) sportlichen und sich normal ernährenden Kind nachhaken. Und zwar hartnäckig.
        Falls da doch was ist, das übersehen wird, sind dann die „beleidigten“ Eltern wie Frau K., die Ersten, die sich dann lautstark über die unmöglichen Ärzte beschweren!

        Heute muss wirklich kein Kind mehr irgendwo in eine Schablone passen!

        1. Oh, wo praktizieren Sie? Ich würde gerne zu Ihnen kommen! Ich habe leider die beschriebenen Erfahrungen mit mehren Kinderärzten gemacht, da in unserer Praxis leider mehrfach die Ärzte wechselten. Jeder/ jede neue Arzt/ Ärztin wollte sofort Blut nehmen, Ernährungsprotokoll usw. mit der Begründung, die Kinder passen eben nicht in die Perzentilen. Da halte ich es als Pflicht für uns Eltern auf vorhandene Werte hin zu weisen und auch weniger invasive Untersuchungen einzufordern. Bzw. den dritten Schweißtest in einem Jahr zu hinterfragen, ob man nicht doch andere Werte zum Ausschluss von Mukoviszidose mit hinzuziehen möchte, wenn der Schweißtest immer im Graubereich landet und eine eindeutige nicht zu lässt usw… Da bin ich nicht beleidigt sondern einfach nur nicht gleichgültig und habe das Wohl meiner Kinder im Blick. Dass genau bei Abweichungen hingeschaut werden muss, ist ja richtig! Aber eben auf das Gesamtbild und nicht nur einzelne Werte (z. B. die motorische und kognitive Entwicklung)! Denn mit dem Blick auf Einzelwerte kann ja auch mal etwas übersehen werden! Und auch wenn bestimmte körperliche Maße nicht passen, so ist der Mensch mehr als das! Und wenn ein Kind sein Alter auf Nachfrage sagt, dann braucht es bitte niemand in Frage stellen, egal ob es nun groß oder klein ist! Es ist ja nicht blöd, nur weil es nicht Durchschnitt ist. Das meine ich jetzt nicht nur an Kinderärzte gerichtet. Ich wollte nur sensibilisieren, dass der Fokus auf Durchschnittswerte (was die Perzentilen ja sind) etwas mit Familien macht. Wir als Gesellschaft treiben das Gendern voran, versuchen uns in Inklusion und Integration und kommentieren wertend doch leider immer wieder unbedacht die individuelle Entwicklung unserer Kinder.

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