Schlauchmagen-OP: Das war meine letzte Option, endlich abzunehmen

Schlauchmagen

Ihr Lieben, Kathrin hat sich bei uns gemeldet, um uns ihre Geschichte zu erzählen. Sie war fast ihr ganzes Leben lang übergewichtig, hat sehr darunter gelitten und sich vor wenigen Wochen zu einer Schlauchmagen-OP entschieden. Wie das ihr Leben verändert hat, erzählt sie hier.

Liebe Kathrin, Du warst schon in deiner Kindheit übergewichtig. Erzähl mal, wie du aufgewachsen bist.

Ich bin 1985 geboren, mein biologischer Erzeuger hat uns verlassen, als ich zwei Jahre alt war. Mein Papa, also der Mann, der mich aufgezogen hat, ist bei uns, seit ich 3,5 bin. Ich bin in einem Dorf aufgewachsen, habe einen großen Bruder und eine kleine Schwester. Meine Großeltern mütterlicher Seite und meine Urgroßeltern haben gleich um die Ecke gewohnt.

Wie würdest du das Essverhalten in deiner Herkunftsfamilie beschreiben? 

Meine Mama hat gekocht, aber nicht übermäßig gesund. Es gab viel Weißbrot und auch Limonade zum Trinken. Es hieß immer, man soll nicht vor bzw. beim Essen trinken, weil der Bauch sonst schon zu voll mit Flüssigkeit sei. Die Teller mussten natürlich leer gegessen werden. Damals war das „normal“, heute weiß ich, dass das alles eher schlecht war…

Wann wurde dir zum ersten Mal klar, dass du übergewichtig bist?

Da war ich etwa 10 Jahre alt, ich war damals sechs Wochen auf Kur und hatte solches Heimweh. Als Trost bekam ich ein Paket mit Süßigkeiten. Die habe ich natürlich alle gegessen und wohl noch mehr, denn ich hatte zugenommen, als ich wieder nach Hause kam. Wenn ich mir Fotos von damals ansehe, empfinde ich mich selbst nicht als dick, aber meine Mutter war alarmiert und seitdem wurde ich nur auf mein Gesicht reduziert.

Ich war damals gerade auf dem Sprung vom Kind zur jungen Frau und ohne viel Ahnung zu haben, wurde ich von einer Diät in die nächste geschickt. Eierdiät, nur Bananen, Kohlsuppe – alles Mögliche wurde an mir ausprobiert. Meine Mutter hat mich bei Wind und Wetter joggen geschickt, Runde um Runde, selbst bei schlechtem Wetter. Reinkommen durfte ich erst, wenn ich ihrer Ansicht nach genug geschwitzt hatte. Es wurden Bilder in Unterwäsche gemacht, um mir zu zeigen, wie fett ich war. Ab 16 musste ich mir dann anhören, dass ich so nie einen Freund finden werde, weil kein Mann dicke Frauen mag.

Schlauchmagen

Puh, was hat das mit dir gemacht?

Ich hab irgendwann angefangen, wirklich viel essen und wurde dann tatsächlich richtig dick. Essen wurde mein Trost, meine Zuflucht. Leider kompensiere ich bis heute Frust/Stress/Traurigkeit mit Essen Mein Selbstbewusstsein sank in den Keller, denn im Prinzip war es egal, was ich sonst so im Leben gemeistert habe, immer stand mein Gewicht im Vordergrund.

Selbst, als ich mit 28 in eine 600 Kilometer weit entfernte Stadt zog, um endlich allem dort zu entfliehen, fand ich in meinem Gepäck einen Brief meiner Mutter – in diesem wünschte sie mir nicht alles Gute für den Start in der neuen Stadt, sondern sie schrieb, ich solle dort endlich mal was gegen mein Übergewicht machen. Auch in Beziehungen war es nicht leicht, bei Streit musste ich mir immer anhören, dass ich ja gehen könne – aber daran denken solle, dass mich eh kein anderer nimmt, so wie ich aussehe. Das hab ich lange auch wirklich geglaubt…

Du hast immer weiter probiert abzunehmen.

Ja, unzählige Male. 2012 auch per Weight Watchers, 2015 hab ich durch „Metabolism Miracle“ in 5 Monaten fast 30 Kilo abgenommen, war dann bei knapp über 100 Kilo. 2016 verliebte ich mich, nahm etwas zu, 2017 war ich bei der Ernährungsberatung, weil ich wegen des Kinderwunsches abnehmen wollte. 15 Kilo sind gepurzelt, dann wurde ich schwanger.

2018 kam das erste Kind, für kirchlichen Hochzeit 2019 hab ich wieder durch Shakes wieder abgenommen, dann musste ich Hormone nehmen, nahm wieder 12 Kilo zu, 2020 wurde meine Tochter geboren, am Ende der Schwangerschaft war ich bei 167 Kilo.

Nach der Geburt hab ich mit Betreuung in unserer Uniklinik durch Intervallfasten und Kalorien zählen 25 Kilo abgenommen, bis ich 2021 zum 3.mal schwanger wurde. Die Zwillinge wurden 2022 geboren und wieder hatte ich bei der Geburt fast 170 Kilo. Nach der Geburt waren 20 waren sofort weg, 10 kamen wieder und so war ich irgendwann immer zwischen 157-160 Kilo, die an mir gingen wie ein Magnet.

Ich habe zusätzlich Schilddrüse Probleme, Insulinresistenz und muss durch eine gynäkologische Erkrankung seit 2015 Hormone nehmen. Egal, was ich versucht habe, ich habe einfach nicht mehr abgenommen – was aber auch schwer ist mit dem Stress bei 4 kleinen Kindern, Schlafmangel, ungünstige Essenszeiten und und und.

Wie geht es dir heute psychisch damit?

Heute bin ich 38, durch die starke Zunahme in den Schwangerschaften hat mein Selbstbewusstsein sehr gelitten. Meine Mama lässt mich inzwischen in Ruhe, sie weiß, dass sie früher viel falsch gemacht hat und das tut ihr auch leid. Aber die Gesellschaft ist wirklich fies. Die Menschen haben keinen Respekt, wenn man dick ist. Das kann man sich als dünner Mensch vielleicht nicht vorstellen, aber es gibt so oft Sprüche, Blicke…

Ich traue mich in der Öffentlichkeit nicht mal ein Eis zu essen mit meinen Kindern und bestelle mir immer nur ein Getränk. Ich fahre nächste Woche in Kur und eine liebe Freundin hat nur tatsächlich gewünscht, dass ich endlich mit mehr Selbstbewusstsein zurückkomme. Obwohl mein Mann mir immer das Gefühl gibt, die schönste Frau zu sein, will mein Selbstwertgefühl einfach nicht zurück kommen… 

Du hast seit Kurzem einen Schlauchmagen. Warum hast du dich dafür entschieden?

Meine Endokrinologin riet mir im Herbst zur Schlauchmagen-Op. Ich hatte nun einen BMI von über 50 und es war einfach klar, dass mindestens 80 Kilo wegmüssen und ich das alleine nicht mehr schaffe. Ich hab mich dann übers Wochenende eingelesen, war Anfang Dezember bei einer Selbsthilfegruppe von Menschen, die bereits operiert sind und die es noch vor sich haben. Das hat mir unglaublich geholfen und Mut gemacht und so hab ich mich für diesen Weg entschieden.

Wie geht es dir seit der OP? Was musst du langfristig an deinem Essverhalten ändern?

Ich bin heute genau sechs Wochen nach der OP und habe fast 20 Kilo abgenommen. Mein Mann und generell mein Umfeld sagen, dass ich entspannter und glücklicher wirke und mein Strahlen langsam zurückkommt. Es geht mir super und ich hatte zum Glück keinerlei Probleme oder Komplikationen.

Langfristig muss ich auf kleine Portionen achten. Essen dürfte ich generell alles, aber man sollte auf gesundes Essen achten. Wenig Kohlenhydrate, viel Eiweiß.

Ich kann nicht mehr essen und trinken gleichzeitig. Ich muss mindestens 30 Minuten vor dem Essen zum letzten Mal trinken und dann erst 30-45 Minuten danach wieder. Ich trinke keinen Alkohol und keine Kohlensäurehaltigen Getränke. Es passen auch nur noch wirklich kleine Portionen in meinen Magen, was klar ist, denn es wurden 90% entfernt. Ich esse von kleinen Tellern mit einer kleinen Gabel und kaue gut. Hungergefühl kennt mein Körper nicht mehr, die „Sensoren“ dafür sind mit entfernt.

Und ich muss natürlich mein Leben lang Zusatzstoffe nehmen (Multivitamin, Eisen, Vitamine, Calcium) und alle drei Monate in die Klinik zur Kontrolle. Aber all das macht mir nichts, denn ich bin wirklich glücklich, dass ich diesen Weg gehe.

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Was würdest du anderen Frauen raten, die über eine OP nachdenken, sich aber vielleicht nicht trauen/Bedenken haben?

Ich würde raten, sich gut zu informieren. Viele Kliniken haben Selbsthilfegruppen, zu denen man gehen kann und Fragen stellen kann. Ja, eine OP hat Risiken, aber Übergewicht bringt auch viele Risiken mehr. Ich möchte nicht mit 40 tot umfallen, weil ich zu dick bin. Ich möchte leben, mit meinen Kindern fangen spielen, rutschen und (das hab ich meinem Sohn versprochen) im Winter endlich mit ihm Schlittschuhlaufen gehen…

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5 comments

  1. Dann viel Glück fürs “ neue“ Lebe und die neue Einstellung! ( respektvoll aber ehrlich, nein es sind nicht nur die Anderen, die Veranlagung schuld oder es kommt von außen- ich selbst bin für mich verantwortlich und habe dazu beigetragen)

  2. Danke dass Du Doch traust über Deine Erfahrungen zu berichten. Als übergewichtiger Mensch bekommt man immer die Schuld und es wird so getan als müsste man eben nur aufhören jeden Abend Chips und Gummibärchen zu essen… Dabei spielt so vieles eine Rolle beim Gewicht – auch die Veranlagung für die man nun einmal gar nichts kann.

    Ich wünsche Dir alles erdenklich Gute und viele tolle Freibad – Besuche mit Deiner Rasselbande!!!

  3. Danke für deine offenen Worte. Dein Text hat mich sehr traurig gemacht was du als Kind Jugendliche und junge Frau erleben musstest. Man kann da so unglaublich viel kaputt machen. Ich wünsche dir alles Gute für deinen weiteren Weg 🍀🍀🍀

  4. Danke für deinen Mut und deine Geschichte zu erzählen! Es kostet so viel Kraft seinen Kurs zu wechseln und neue Wege zu gehen! Ich wünsche dir Alles Gute für deinen weiteren Weg, das du kg um kg zu deinem Wohlfühlpunkt findest, welcher auch immer das sein mag. Und Heilung von all den belastenden Erfahrungen der Vergangenheit! Ich kann’s zum Teil nachfühlen. LG

  5. Ganz toller Text! Ich habe seit knapp 4 Wochen einen Schlauchmagen und kann einiges aus den Erzählungen nachfühlen! Ich wünsche dir für die Zukunft alles Liebe!
    Schön, dass auch mal so ein Thema bei euch aufgegriffen wird, finde ich super 🙂

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