Gastbeitrag: Für meine Tochter habe ich meine Bulimie besiegt

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Mein Name ist Evelyn und ich möchte Euch meine Geschichte erzählen. Ich war schon als Kind dick, als ich in die Pubertät kam, ging das Mobbing los. Pummel, Fetti, Miss Piggy – das waren noch die netteren Namen, die Mitschüler mir gaben. 

Wenn ich darüber nachdenke, war Essen für mich nie ein unbelastetes Thema. Ich war immer übergewichtig und meine Eltern zügelten mein Essverhalten. Ich hatte nie ein normales Verhältnis zum Essen, wenn ich aß, hatte ich immer ein schlechtes Gewissen. 

Sport machte mir eigentlich immer Spaß. Ich war zwar nie die Beste oder Schnellste, aber ich hatte Freude an Bewegung. Es war die Zeit, in der die Serie „Anna“ rauskam und ich wollte auch Ballett machen. Als ich das meiner Mutter sagte, lachte sie mich aus und sagte: Im Tutu siehst du aus wie eine Presswurst. 

Ich durfte also nicht zum Ballett, weil ich zu fett war. Das veränderte etwas in mir und ich begann weniger zu essen. Ich nahm ab und wurde plötzlich mit Komplimenten überhäuft. Ich sei ja so hübsch ohne den Babyspeck. Ich freute mich über die Komplimente und aß immer weniger. Meinen Eltern sagte ich, ich hätte bei Freunden oder in der Schule gegessen. Das ging einige Zeit so, bis meine Eltern realisierten, dass ich zu dünn wurde. 

Plötzlich ging das Spiel ganz anders: Zum ersten Mal wurde ich zum Essen animiert, regelrecht gezwungen. Wenn ich mich weigerte, drohten meine Eltern mir mit Einweisung in eine Klinik. Also aß ich – und übergab mich danach. Irgendwie musste ich die Kalorien ja wieder los werden. Ich wollte nie wieder dick sein, nie wieder Miss Piggy sein. 

Ich war eine Meisterin der Vertuschung. Das ist das Fatale an Bulimie – man kann sie so furchtbar lange verstecken. Ich konnte essen, was ich wollte und nahm nicht zu, weil ich alles erbrach. Mein Körper aber litt. Irgendwann blieb meine Periode aus, ich hatte Schwächeanfälle – aber hey, dafür war ich schlank. 

Ich wurde älter und machte ein paar nicht ganz so schöne Erfahrungen, die meinen Körper noch mehr zu meinem Feind machten. Ich hatte Beziehungen, die mir mal mehr, mal weniger gut taten. 2004 kam der komplette Zusammenbruch. Ich kam in die Klinik. Für mich war das die Rettung. Ich weiß nicht, ob ich heute ohne diesen Klinikaufenthalt noch da wäre….

Ich habe im Anschluss an den Klinikaufenthalt eine Psychotherapie gemacht. Ich habe so viel gelernt über mich, meine Probleme, meine Familie. Doch die Bulimie blieb. Ich konnte mein theoretisches Wissen nicht umsetzen. 

Der Moment, der alles veränderte war im Jahr 2006. Ich hielt einen positiven Schwangerschaftstest in der Hand. Dass ich überhaupt schwanger geworden war, glich bei meinem körperlichen Zustand einem Wunder. Deshalb war mir ab dem ersten Moment auch klar, dass ich diesen kleinen Wurm in mir so gut es geht beschützen würde! Ich beschloss, all die wichtigen Nährstoffe, die das Kind zum wachsen braucht, nicht mehr ins Klo zu kotzen. Ironischerweise habe ich das die ersten Wochen doch getan – allerdings schwangerschaftsbedingt. 

Die Übelkeit verging und ich zwang mich zum Essen und zum Nicht-Übergeben. Jeden Tag. Und dann kam schließlich der erste Tag, an dem ich nicht mehr daran gedacht habe, mich zu übergeben. Als ich das bemerkte, war ich einfach nur glücklich und voller Mut. Die Schwangerschaft machte mich stärker, so stark, dass ich Dinge umsetzen konnte, die ich in der Therapie gelernt hatte. 

Dann kam der Tag der Geburt. Es war lang, heftig und wunderbar. Plötzlich war da das wundervolle Wesen, das mir auf die Brust gelegt wurde. Dieser Moment hat mich mit allem versöhnt. Mein Körper hatte dieses Kind wachsen lassen und ich konnte es durch diesen Körper sogar ernähren. Das war und ist einfach unbeschreiblich.

Ich wiege heute etwa 35 Kilo mehr als zu meinen Bulimiezeiten. Ja, manchmal wünsche ich mir, etwas schlanker zu sein. Aber niemals werde ich meinem Körper wieder diese Strapazen zumuten. Meine Wertigkeiten haben sich komplett verschoben. Ich weiß, dass ich so viel mehr bin, als nur mein Aussehen. Ich bin schön – vielleicht nicht im klassischen Sinn, aber gesund und stark. Und gleichzeitig weich. 

Ich wünschte, ich könnte meinem jungen „Ich“ zeigen, wie wertvoll ich schon damals war. Und dass es auch damals keinen Grund gab mich nicht zu mögen. Da das aber leider nicht geht, versuche ich es nun bei meiner Tochter besser zu machen. Ich will ihr ein gesundes Selbstbewusstsein mitgeben. Und wenn ich mir dieses fröhliche, tolle Kind ansehe, scheine ich das bisher richtig gut hinzubekommen. 

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6 Kommentare

  1. Hallo, danke für das Teilen deiner Geschichte. Ich würde mich sehr gerne einmal persönlich mit dir über die Thematik austauschen, wenn du magst. Es würde mir sehr helfen…

  2. Wow!
    Vielen Dank für die Gänsehaut. Eine wirklich beeindruckende Geschichte.
    Ich bin stolz auf die ehemals werdenden Mamas in meinem Freundeskreis welche schwanger seiend unmittelbar das Rauchen aufgegeben haben, doch das was du geschafft hast ist, glaube ich, nochmal ein Spur schwerer zu leisten.

    Viel Liebe und Glück wünsche ich.

    PS:
    Auch wenn zum aktuellen Verhältnis nichts geschrieben steht; eine Mutter welche die eigene Tochter in der oben beschriebener Art herabsetzt, war sicherlich kein geringer Teil des Problems … furchtbar!

    1. Die Rolle der Mutter
      Liebe/r René, ja, das Verhältnis zu meiner Mutter war und ist ein großes Thema. Aber ich habe gelernt mich emotional zu distanzieren, damit wir trotzdem einen guten und liebevollen Kontakt pflegen können. Sie ist eine fantastische Oma und meine Tochter genau so, wie meine Mutter mich gern gehabt hätte. Aber so ein Kind bekommt man halt nur mit ganz viel bedingungsloser Liebe hin 😉 Es macht mich traurig, wenn ich daran denke, dass mich meine Mutter damals zu einer Abtreibung zwingen wollte…Aber manchmal muss man einfach die Vergangenheit ruhen lassen – ändern kann ich sie ja eh nicht. Aber ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich mir nicht doch wünschen würde weigstens EINMAL im Leben von meiner Mutter zu hören, dass ich „genug“ bin…

      1. Für andere bist du mehr als genug!
        Deine Geschichte macht Mut und spendet ähnlich Betroffenen Hoffnung! Auch wenn deine Mama dir nicht das Gefühl geben kann genug zu sein, bist du dennoch Inspiration für viele Weitere. Das ist mehr als nur genug 🙂
        Alles Liebe für dich und deine Tochter!

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