Gastbeiträge

02/08/2016 - 07:00

Stadt-Mama Katharina

Gastbeitrag von Jana: Meine Kindheit war wie eine Isolationshaft

Immer wieder sind wir zutiefst berührt, wenn uns Leserinnen ihre Lebensgeschichten erzählen. Wir sind so dankbar für Euer Vertrauen. Heute erzählt Jana (die eigentlich anders heißt, der Name wurde von uns geändert) von ihrer Kindheit, die von einer Mutter gesprägt war, die unter einer Persönlichkeitsstörung leidet...

"Erst als ich selbst Mutter wurde, stellte ich fest, dass irgendetwas so gar nicht stimmt in meinem Leben. Besonders in meiner Gefühlswelt schienen einige Dinge völlig verkehrt zu laufen und ergaben keinen Sinn mehr. Denn ich liebe meine Tochter von Herzen, sie ist unser Wunschkind und war mehr als herzlich in unserer Familie willkommen. Ich fühlte auf einmal, dass ich ihr eine Liebe gab, die mir selbst so fremd war, die ich nicht als Erinnerung abrufen konnte. Die ich selbst als Kind nie bekommen hatte. Ich brauchte dennoch fast drei Jahre mehr, um heraus zu finden, dass meine Mutter unter einer narzistischen Persönlichkeitsstörung litt und meine Kindheit deshalb so war, wie sie war.

Meine Kindheit war eine einsame Zeit, heute würde ich sagen, ich war in Isolationshaft, ohne dass es irgendjemandem aufgefallen wäre. Meine Familie wirkte nach außen völlig normal und unauffällig, durch das Jahr fanden regelmäßig Familientreffen an Geburtstagen statt, alles wirkte sehr eng und vertraut. Es war normal, dass meine Mutter mehrfach am Tag mit ihrer Mutter telefonierte und über alles in ihrem Leben Bericht erstattete, es war normal, dass meine Mutter keine richtigen Freunde hatte, sondern immer betonte, dass alles in der Familie bleibt und man "fremden" Leuten nichts von sich erzählt, geschweige denn ihnen vertraut.

So war ich erst im Kindergarten, dann in der Grundschule und später auf dem Gymnasium ein einsames Kind, ein Außenseiter und Sonderling. Die Kindergeburtstage meiner Klassenkameraden fanden ohne mich statt, ich durfte nicht mit auf Klassenfahrt, nicht mit ins Schwimmbad, nirgendswohin.

Ich war zu Hause, entweder allein oder unter Aufsicht meiner Mutter. Mein Vater arbeitete von früh bis spät. Ich sehnte ihn abends nach Hause, weil ich dann eine kurze Verschnaufpause hatte und ich kurz der Dauerkontrolle meiner Mutter entfliehen konnte. Wenn mein Vater da war, war meine Mutter ein anderer Mensch, nachgiebiger, wohlwollender, freundlicher. Wenn er nicht da war, zog sie über ihn her, machte ihn schlecht, entwürdigte ihn, aber nie direkt, sondern auf eine sehr subtile Art. So lernte ich, dass mein Vater ein minderwertiger Mensch ist, der alles, was er ist, meiner Mutter zu verdanken hat, ohne sie wäre er nichts. Ich habe das geglaubt, so wie alles Kinder das glauben, was ihre Mutter ihnen erzählt. Heute schäme ich mich zutiefst dafür.

Ich wachte jeden Morgen mit Angstschweiß auf

In der Grundschule war mein Selbstbewusstsein bereits so beschädigt, dass ich davon überzeugt war, für die Welt völlig nutzlos zu sein und niemals im Leben etwas erreichen würde. Auf dem Gymnasium wurde ich schnell zum beliebten Mobbingopfer, da ich die Regeln der sozialen Interaktion nicht verstand, meine Unsicherheit und Schüchternheit taten ihr übriges. Ich verbrachte Jahre damit, jeden Morgen mit Magenkrämpfen und Angstschweiß aufzuwachen, ich hatte körperliche Schmerzen und wusste nicht, woher sie kamen, ich stand ständig unter Stress und Anspannung und quälte mich selbst mit Horrorszenarien bezüglich meiner Zukunft.

Fast täglich träumte ich davon, einfach zu sterben und meine Ruhe zu haben. Meine Mutter bemerke dies alles, beobachtete und tat nichts, sie sah einfach dabei zu und kümmerte sich weiter um sich selbst.

Meine Teenagerzeit kam und ich begann erste Beziehungserfahrungen zu machen, natürlich immer streng kontrolliert und überwacht von meiner Mutter. Meine Art Beziehungen zu führen, hatten von Anfang an ein merkwürdiges Muster. Ich versuchte grundsätzlich mich allen Wünschen meines Freundes anzupassen, ihm alles Recht zu machen, alle seine Interessen zu kopieren, ich mutierte sozusagen zu einem perfekten Spiegelbild.

Ich wurde stets verlassen mit der Aussage, dass es mit mir langweilig wäre und ich zu nichts eine eigene Meinung hätte. Diese Erfahrungen bestätigten mich immer wieder in meinem ohnehin sehr negativen Selbstbild.

Meine Mutter hatte kein Interesse an mir

Die Kontrolle meiner Mutter war immer darauf gerichtet wie ich nach außen wirke. Sie hatte nie Interesse daran, mich als Menschen kennen zu lernen, meine Träume oder Ideen als Kind waren für sie gänzlich irrelevant. Bis heute weiß ich, dass sie nie Interesse an mir als Mensch, als Persönlichkeit hatte und darin auch kein Problem sah oder sieht. Meine Pubertät fand im Stillen statt, meine Mutter verweigerte mir altersgemäße Kleidung, Hygieneprodukte oder verbat mir Dinge wie das Rasieren der Beine oder das Benutzen von Wimperntusche. Sie entschied bis zu meinem 18 Lebensjahr welche Kleidung ich trug, da sie nichts anderen kaufte. Ich bekam zwar Taschengeld, durfte aber nicht einkaufen gehen.

Mit Blicken und Gesten, die nur ich verstand, gab sie mir zu verstehen, dass ich zu dick war und zu viel aß, gleichzeitig erlaubte sie mir nicht, Sport- oder Tanzkurse zu besuchen und kaufte mir hochkalorisches Essen. Ich hatte ständig das Gefühl, mit ihr in Konkurrenz zu stehen. Ja, sie war eine schöne Frau, und ich durfte nicht die geringste Chance haben, auch als hübsch wahrgenommen zu werden. So trug ich die alten Sachen meiner Verwandten auf, teilweise sogar Kleidung von meiner Oma. Mit 18 Jahren fühlte ich mich uralt, ich war emotional völlig erschöpft und gleichzeitig komplett unvorbereitet auf das Leben, was nun vor mir lag.

Ich wußte nichts über mich als Mensch, die einfachsten Dinge, wie mein Lieblingsessen, Lieblingsfarben, Kleidungsstil war mir unbekannt, ich war nur eine erweiterte Form meiner Mutter. Alles drehte sich immer um sie, alles passierte wegen ihr und ich musste arbeiten, um einem Idealbild gerecht zu werden, welches sie von mir erschaffen hatte. Erst wenn ich dieses Idealbild erreichte, wäre sie bereit mich zu lieben.

Ich habe jetzt dreißig Jahre "gearbeitet", sie konnte mich als Baby nicht lieben, nicht als Kleinkind oder Schulkind, sie hat den Teenager genauso ablehnend gegenüber gestanden wie der jungen Frau oder der Mutter, die ich jetzt bin. Ich war der Feind in ihrem Leben und werde es wohl immer bleiben.

Es ist sehr schwer Außenstehenden zu erklären, was mir passiert ist, den der Großteil der Dinge, die meine Mutter mir zugemutet hat, fand ohne Zeugen statt, es waren sehr subtile Verhaltensweisen, Gesten, die nur ich verstand und die mir große Angst einjagten. Es sind Sätze wie: Kinder ruinieren dir nur das Leben! Nichts kriegst du auf die Reihe! Immer mußt du alles hinschmeißen, du bist eine Versagerin! Du bist so egoistisch, kalt, denkst nur an dich! Die mich zeitlebens begleitet haben.

Was macht mich glücklich?

Ich war ein auffallend stilles, liebes und zuvorkommendes Kind. Ich kann bis heute jedem Menschen förmlich seine Wünsche von den Augen ablesen und habe gleichzeitig große Probleme damit, zu wissen, wie es mir geht und was ich brauche, um glücklich zu sein.

In den nächsten zehn Jahren sind viele schlimme Dinge in meinem Leben passiert, meine 20ziger waren keine schöne Zeit, aber ich habe sie überlebt. Und ich habe eine Therapie gemacht und den Grund gefunden, warum mein Leben so verlaufen ist und wie ich meine seelischen Wunden heilen kann. Es ist ein langer Weg, aber ich bin nicht allein, habe mit Anfang dreißig einen wunderbaren Mann geheiratet und eine Familie gegründet. Ich habe meine universitäre Ausbildung nachgeholt und gehe jetzt meinen Weg..."

 

Info: Von der Caritas gibt es ein eingängiges Video mit Hilfe für Kinder psychisch kranker Eltern, schaut mal rein.

 

 

 

Tags: Kindheit, Trauer, Erziehung, Beziehung, Mutter, Verhalten, gestört

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Kommentare

Sonja — Di, 08/02/2016 - 09:28

Ich erkenne mich sehr wieder,und bin auch mit einer narzistischen Mutter gross geworden.Die eigene Persoenlichkeit gibt es da niht,man ist eine menschliche Huelle und wird gelenkt.Ich habe das leider erst vor wenigen Jahren erkannt und die Folgen sind noch sehr da. Aber auch ich bin Mama,und ueberwaeltigt von der Liebe zu meinem Sohn,gleichzeitig erkennt man wie man selber gross wurde...und da beginnt die Trauer!

Lea — Di, 08/02/2016 - 11:53

Für diesen intimen Einblick. Ich wünsche dir, dass dein restliches Leben leichter wird! Und das du mit deiner eigenen Familie, in deiner Mutterrolle, die du hoffentlich selber prägen darfst, glücklich bist.

Nina — Di, 08/02/2016 - 11:59

Ich muss mir die Tränen trocknen. Ich bin toef ergriffen, denn ich stecke gerade noch mittendrin in dem Prozess des loslassens und der Heilung. Auch meine Mutter hat eine Persönlichkeitsstörung (disssozial) und ich kann mit dir fühlen.

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