Jugendlicher in stationärer Jugendhilfe: „Hört bitte nie auf, uns zu lieben!“

Systemsprenger

Foto: pixabay

Ich habe geweint… Ich saß grad im Bus und habe geweint, als ich euren Artikel zu ADHS und Aggressionen gelesen habe. Ich fühlte mich mit Simon so sehr verbunden, er hat viel durchgemacht. Und diesen Schmerz der Mutter durch jede Zeile zu lesen, hat mich einfach berührt, weil ich weiß, dass auch meine Mutter viel geweint hat. Über mich. Wegen mir.

Mein Name ist Vince und ich bin mittlerweile 18 Jahre alt. Ich habe mir eine Ausbildung erarbeitet, weil mein Chef an mich glaubt und ich offenbar verdammt gut in dem bin, was ich tue. So gut, dass sogar die oberste Geschäftsführung mich schon kennt, und das im ersten Ausbildungsjahr!

Mit 18 wohne ich in einer Verselbständigungsgruppe

Mittlerweile wohne ich in einer Verselbständigungsgruppe, das ist eine Wohngruppe, in der der Betreuer oder die Betreuerin unter der Woche von etwa 12 bis 17 Uhr da ist und die Jugendlichen ansonsten alleine sind. Uns steht außerdem ein gewisses monatliches Budget zur Verfügung, von dem wir auch alles selbst bezahlen, also Essen, Haushaltswaren und Klamotten.

In die Jugendhilfe bin ich mit 16 eingezogen, für mich war das damals ein Tag der Freiheit, denn ich wollte gehen, ich wollte von zu Hause weg. Eigentlich hatte es nur einen simplen Konflikt gegeben, im Grunde ein Missverständnis… aber ich habe direkt beim Jugendamt angerufen, dass ich weg will, raus aus der Familie. Ich war mir in dem Moment einfach sehr sicher.

Mein Auszug von zu Hause kam plötzlich

Ich sprach also mit meiner Jugendamts-Mitarbeiterin und sie kümmerte sich um alles. Innerhalb einer Stunde stand fest, dass ich wirklich ausziehen würde. Sie informierte meine Mutter, ich ging zurück heim und packte meine Sachen. Daraufhin fuhr meine Mutter mich in die Nachbarstadt, zur Aufnahme-Gruppe. Während der Fahrt sprachen wir quasi gar nicht miteinander. Ich selbst fühlte dabei auch nichts, ich war einfach nur leer, gleichzeitig aber auch aufgebracht. Ein komisches Zwischending.

Bei der Ankunft wurden wir freundlich empfangen, es gab ein kurzes Aufnahme-Gespräch und ich bekam mein eigenes Zimmer. Auch der Abschied war dann ziemlich kühl und leer. Ein bisschen so, als würde ich einfach nur bei einem Freund übernachten.

Mit 16 in die Wohngruppe: Wie es dazu kam

Vorher war schon viel passiert: ADHS-Diagnose, Medikamente und psychiatrische Aufenthalte. Ich war als Kind nicht richtig aggressiv oder so. Aber ich war hyperaktiv, ein wenig wütend, unkonzentriert, manchmal auch heimtückisch und hinterhältig, impulsiv und unüberlegt und manches mehr… 

Ich denke, eine der schlimmsten Sachen, die ich so brachte, war, meiner Mutter zu drohen, dass ich dem Jugendamt melden würde, sie würde uns schlagen. Natürlich tat sie das nie! Es wurde nie körperlich, geschweige denn überhaupt mal verbal wirklich beleidigt. Sie hatte mir einfach nur Tablet- oder Handy-Verbot erteilt.

Meine Mutter hat mich trotz allem einfach nur geliebt

Das Zusammenleben ging irgendwann einfach nicht mehr. Ich selbst habe mich halt immer im Recht gesehen, mich missverstanden gefühlt und falsch behandelt. Warum ich so war? Ich weiß es nicht, heute kann ich mir nur an den Kopf fassen. 

Ich habe meine Mutter gehasst. Und sie hat mich trotz allem – meistens jedenfalls, haha – einfach nur geliebt. Das weiß ich mittlerweile. Seit ein paar Monaten geh ich ihr sogar auf die Nerven, so oft wie ich sie anrufe :-). Es kam halt einfach irgendwann dieser eine Moment.

Es kommt der Moment, in dem wir bedauern

Dieser Moment, in dem ich es merkte und verstand. Und dann… ich will nicht sagen bereuen, aber bedauern, ja, dann bedauerte ich, was war. Was vorgefallen ist. Was ich mir geleistet habe. Darum hoffe ich sehr, dass meinen Appell nun alle lesen, die den Simon-Text kommentiert haben:

Hört bitte niemals auf, uns zu lieben… Auch wenn wir Kinder das selber manchmal gar nicht begreifen, aber diese Liebe ist unser Anker…

Also hier nochmal an jeden Vater und jede Mutter, der oder die das liest: Einfach nur DANKE. Macht weiter so! Natürlich lieben wir euch auch, egal wie sehr es manchmal auch nach Hass aussehen mag. Habt bitte niemals Angst vor nötigen Schritten wie zum Beispiel einer Wohngruppe. Durch Wohngruppen wurde ich zu dem, der ich heute bin.

Es lohnt sich, nicht aufzugeben

Macht bitte weiter, seid weiterhin stark, wenn es irgendwie geht – egal wie sehr wir euch terrorisieren, egal wie viele Vorwürfe ihr euch macht, bleibt bitte stark…

Denn es lohnt sich und irgendwann kommt es an. Und dann klingelt vielleicht auch euer Handy andauernd in den unpassendsten Momenten. Weil auch euer Kind plötzlich gemerkt hat, wie unersetzlich und wunderbar ihr seid… so wie bei mir und meiner Mutter.

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22 comments

  1. Eigentlich ein wunderschöner Appell, deine Erfahrungen machen Mut und regen zum Nachdenken an. Schön, dass du Positives erfahren durftest. Das ist jedoch leider, aber ebenso aus verständlichen Gründen, nicht die Regel. Es ist purer Luxus, seine Eltern hassen zu dürfen und von ihnen trotzdem noch geliebt zu werden. Ich habe im Beruf mit einem Mädchen zu tun, die gesagt hat, sie hasst ihre Familie. Die ist in eine WG gezogen. Die Familie, Eltern Hartz4 Empfänger, haben daraufhin eine Wohnung gekauft, die billiger und kleiner war. Das Zimmer für das Mädchen fehlte. Mit 16 sollte man seine Worte bedenken. Hass lieber nicht vor den Eltern benennen. Das Mädchen war natürlich traurig, fühlte sich verstoßen, aber hätte sie ihre Worte mit Bedacht gewählt, hätte die Familie nie die Wohnung gewechselt. Auch Liebe der Eltern ist nicht selbstverständlich, zumindest nicht unter allen Umständen. Daran können Eltern auch zerbrechen.

    Der Appell des Artikels ist gut, aber er könnte auch heißen: ihr liebt eure Eltern, auch wenn ihr es nicht immer spürt. Wenn ihr denkt, dass sie euch ebenfalls lieben, geht achtsam damit um.

    1. Sabine
      Vince ( und andere Kinder) haben jedes Recht ihre Emotionen ehrlich und offen zu benennen! Wir als Erwachsene haben das einzuordnen und sollten dazu geistig in der Lage sein. Kindern/ Jugendlichen den Mund verbieten geht garnicht sondern eine Klärung sollte immer im Rahmen der Eltern-/ Kindererziehung möglich sein. Also bitte immer offen und frei aussprechen was ihr ( Kinder) fühlt, DANKE! UND LIEBE IST SELBSTVERSTÄNDLICH! (Eltern) Liebe muss nicht verdient werden sondern ist ein Grundanspruch/ Recht das alle Kinder haben! Jedes Kind ist es wert! Diese fatale Einstellung von Jemandem aus so einer Einrichtung ist bitter und traurig. Für diese Worte schäme ich mich fremd als „normal“ fühlende Mutter.

  2. Lieber Vince,
    nun muss ich weinen, als ich deinen Beitrag komplett lese. Deinen Kommentar zu Simons Leben kannte ich ja schon.
    Danke für deine Worte. Ich liebe meine Kinder über alles, ja, auch meinen Großen, der mir sehr viele Sorgen bereitet. Ja, wir geben euch nicht auf! Jeder Tag bietet eine neue Chance. Auch wenn es so verflixt schwer ist, immer wieder einen Schritt aufeinander zuzugehen. Wir bleiben dran.
    Was wäre es, was du so dringend gebraucht hättest? Mein Sohn sagt, er weiß nicht, warum er sich so verhält. Es passiert einfach. Was können wir außer unserer Liebe noch tun? Manchmal ist man als Mutter einfach ratlos.
    Danke, dass du uns die Sicht der Kinder gezeigt hast.

    1. Das bedeutet mir viel 🙂
      Aber so leid es mir tut, ich kann’s dir nicht beantworten, es ist schwierig, ich hatte mir mehr Freiheit gewünscht, gleichzeitig hatte ich die aber auch schon. Es mag doof klingen, aber entweder läuft das Leben so, oder halt so 😞ich kann es nicht anders sagen😞
      Ich denke was das ausschlaggebende war bei mir, dass es besser wurde war dass ich älter würde, mit der Zeit und dem Leben gelernt habe, und was meine Mutter angeht: Einsicht? Vertrauen? Eine gewisse Strenge, die trotz allem blieb, aber auch weniger Misstrauen, und weniger Vorurteile. Natürlich ist es bei jedem denke ich im Detail anders…
      Aber hey du schaffst das💪🏻Mütter sind ziemlich stark haha

  3. Ich danke euch so sehr für diesen Beitrag, und für diese Kommentare, es dir wirklich schön zu hören, und bedeutet mir wirklich wirklich viel 🙂

  4. Danke für deinen Beitrag! Es ist viel authentischer als jeder Expertenkommentar, die Hinweise eines Jugendlichen/jungen Erwachsenen zu hören.

    1. Ich finde auch super, daß die Wortmeldung von Vince nochmal aufgegriffen wurde! Hat mich sehr berührt.
      ( ich schreibe als Antwort weil unten bei mir kein Kommentarfeld auftaucht, dafür ist die Seite wieder lesbar)

  5. Toller Beitrag …deckt sich mit meinen Erfahrungen. Hör nie auf, Dein Kind zu lieben. Sie brauchen unsere Liebe am meisten, wenn sie gerade nicht liebenswert sind…

    1. Der vorige Beitrag der Mutter den könnt ich gut nachvollziehen.. Wir haben das volle Programm durch mit unserem Sohn mittlerweile 19 Jahre. ADHS Diagnose und er konnte von Anfang an nur auf eine spezielle Schule.. Es war echt hart wir waren auch in Kontakt mit Jugendhilfe ect. Oft dachten wir auch wir schaffen es nicht mehr und wir bringen ihn in eine Einrichtung. Unser Sohn wollte das aber nie und ich glaube es haette die Situation fuer ihn noch verschlimmert. Und genau was dieser Junge Mann in seinem Beitrag sagt “ hört nie auf uns zu lieben“ hruehrt mich zu Tränen. Genau dies war immer mein Ansatz ich habe meinem Sohn immer gesagt wie sehr ich ihn liebe und wir waren immer fuer Ihn da. Auch bei allen Gerichtsverhandlungen wegen Diebstahl und Drogen ect. Ich bin der festen Meinung dass nur die Liebe und der Rückhalt diesen Jugendlichen den richtigen Weg ebnet. Unser Sohn beginnt nun im Herbst eine Ausbildung. Egal wie schwierig es war er war immer respektvoll mit uns hat uns nie beklaut oder ähnliches. Wenn wir als die wichtigsten Menschen ihnen den Halt entziehen sind sie ganz verloren.. Danke fuer diesen Bericht.

  6. Ihn als Systemsprenger zu bezeichnen, tut ihm einfach Unrecht. Er beschreibt sich ja so, dass er von der Wohngruppe profitiert hat. Und dass er selbst so entschieden hat, dass es zuhause nicht mehr geht. Systemsprenger sind diejenigen, die kein Hilfeangebot erreicht. Die sich kein Vertrauen nehr aufbauen können und deswegen in den Maßnahmen scheitern. Damit ist von mir keine Wertung gemeint, das ist beschreibend gemeint. Eieso die Hilfsangebote scheitern kann ja sehr unterschiedliche Gründe haben. Es sind vielleicht die Kinder und Jugendlichen, bei denen im Hilfeplan ratloses Schweigen vorherrscht, statt einem Ideenaustausch, wie es weitergehen kann Ich bin jedesmal sehr geschockt, wieviele obdachlose Minderjährige in Deutschland leben. Davon ist ja in dem Text des Jugendlichen keine Rede. Ich persönlich fand den Film Systemsprenger ergreifend und toll, aber die Benutzung des Wortes nach diesem Film inflationär. Eine knallige Überschrift kann ich dazu nicht bieten. Kein Mensch lässt sich mit einem Knallerbegriff beschreiben. Selbst wenn „sprengen“ im Wort enthalten ist.

    1. Du hast total recht und wir haben die Überschrift nun geändert in „Jugendlicher aus stationärer Jugendhilfe“. Danke, wir waren auch nicht glücklich mit dem Wort Systemsprenger, müssen uns aber immer sehr kurz fassen in den Titeln. Jetzt gefällt es uns viel besser. Danke, dass ihr da so aufmerksam seid!

      1. Danke!
        Es ist schon so, wie Birgit es schreibt. Es ist für Mitarbeitende in Jugendhilfeeinrichtungen so selten, positive Berichte über die eigene Arbeit zu lesen. Die kann vor allem auch bei Jugendlichen nur gelingen, wenn alle Seiten mithelfen. Da soll seine Mühe und Arbeit auch gewürdigt sein.

    2. Und genau das beweist doch diese Stärke, er hat nie etwas gegen euch getan, weil ihr ihm Halt bietet, auch wenn er das selber vielleicht noch nicht eingesehen hat. Macht weiter so, ihr macht das toll, es freut mich so unglaublich dolle dass ich euch stärken konnte🙂

  7. Hallo, das gehört zwar nicht zu diesem beitrag-aber ich würde gerne wissen ob es bei anderen auch seit gestern probleme mit der seite hier gibt. ich kann leider keine texte oder kommentare mehr lesen da die wie mit anderem text überschrieben sind. dadurch ist nichts lesbar…. sehr schade

    1. Ja, wir haben seit gestern leider massive Probleme mit der Seite. Bei den meisten geht es nun wieder. Geh doch bitte mal auf Einstellungen und lösch dann deinen Browserverlauf. Dann solltest du alles wieder wie gewohnt lesen können.

  8. Also bitte, nur wril jemand auf eigenen Wunsch in ein Heim geht und dort profitiert, ist er doch kein Systemsprenger! Ganz im Gegenteil. Geht es noch ein bisschen Reisserischer als Aufmacher? Wie wäre es mit mehr Ausrufezeichen und nem Subtitel wie “ nun packt er aus“ .

      1. Lieber Vince, vielen Dank für deinen Beitrag. Das gibt mir ein wenig Hoffnung. Ich finde es toll, wie du entschieden hast. Ein Schritt in die richtige Richtung. Das kann nicht jeder Jugendliche. Chapeau! Wünschte ich mir, mein Sohn (22) würde das auch erkennen. Er tut sich sehr schwer und wir als Eltern wissen uns nicht mehr zu helfen. Mal ist er offen für Unterstützung, aber meistens zieht er sich zurück und lässt dabei sein Leben mehr und mehr vor die Wand fahren. Es ist zum Verzweifeln. Aber ich gebe nicht auf. Immer wieder annimiere ich meinen Sohn, wir gehen gemeinsam zu Ärzten, suchen geeignete Therapeuten oder ich höre einfach nur zu. Nur den entscheidenden Schritt…den bekommt er nicht hin. Danke für deine aufmunternden Worte nicht aufzugeben und an ihm festzuhalten. Ich wünsche dir von Herzen einen guten Lebensweg!

        1. Das wird er ganz bestimmt, es dauert halt, aber das wird werden, vertrau mir🙂 ich könnte wirklich weinen vor Freude was ich alles lese von euch, einfach nur danke, wirklich danke

    1. Tatsächlich haben wir länger über die Überschrift nachgedacht und uns dann letztlich für diese entschieden. Wie hättest du den Jugendlichen in der Überschrift genannt, um zu zeigen, dass zu Hause nicht alles immer einfach war? Vielleicht finden wir gemeinsam eine gute Alternative.

      1. Man könnte einfach Schreiben „Jugendlicher in der stationären Jugendhilfe.“ Ein Systemsprenger ist jemand der aus allen Einrichtungen und Maßnahmen rausfliegt und da ist der junge Mann ja sehr weit von entfernt. Ich arbeite seit 8 Jahren im Fachdienst einer stationären Jugendhilfeeinrichtung und freue mich sehr über die Artikel, in der Wohngruppen als hilfreich erlebt werden. Sowohl von den Eltern als auch von den Kindern und Jugendlichen. Vielen Dank dafür.

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