Interviews

31/08/2019 - 06:30

Land-Mama Lisa

Vor einem Jahr starb Papa: Ich bin froh, dass wir das Atmen nicht verlernt haben

Ihr Lieben, im Februar dieses Jahres haben wir Ines schon einmal interviewt, damals hatte sie gerade ihr fantastisch-rührendes Buch Rock den Himmel, mein Held (Affiliate Link) herausgebracht, das zum Bestseller wurde. Darin erzählt sie mutmachend von der Krebserkrankung und dem Tod ihres Mannes - von ihrem "Helden" Simon. Und der bleibt auch nach seinem Tod ein Held, wie uns Ines heute in ihrem Update-Interview mit uns erzählt. Wie geht es ihr und den Kindern heute, ein Jahr nach der Beerdigung? Wir haben mit ihr gesprochen - und es gibt sehr, sehr schöne News... 

Liebe Ines, wie geht es dir eigentlich heute?

Das ist eine Frage, die ich immer noch schwer beantworten kann. Es gibt gute und weniger gute Tage. Aber in Summe denke ich, dass es mir ganz gut geht.

In der letzten Woche hattest du mal wieder einen Wahnsinns-Grund zur Freude. Erzähl doch mal.

Letzte Woche habe ich von zwei tollen Menschen eine E-Mail bekommen. Sie haben aufgrund unseres Blogs und unseres Buches von Simons Geschichte erfahren. Daraufhin ließen sie sich bei der DKMS (Deutsche Knochenmarkspenderdatei) als potentielle Stammzellspender registrieren.

Eine von ihnen hat inzwischen ihre Stammzellen spenden dürfen, an einen Patienten in den USA. Der andere Held wird seine Stammzellen im Oktober spenden dürfen. Damit sorgte Simons Geschichte inzwischen für 14 Menschen, die ihre Stammzellen auch tatsächlich spenden konnten. 14 Mal die Chance auf ein gesünderes Leben.

Die Neu-Registrierungen bei der DKMS, die wir durch Simon erreichen konnte, schätze ich auf einen zweistelligen Tausenderbereich, wenn nicht sogar höher. Daher hoffe ich, dass es eventuell sogar noch mehr als diese 14 Menschen gibt, die tatsächlich gespendet und Leben gerettet haben. Grandios, oder?

Wie ging es dir letztes Jahr um diese Zeit?

Nicht so gut. Letztes Jahr um diese Zeit war mein Mann, unser Held Simon, noch keine zwei Monate tot. Ich war gefangen im Bürokratie-Wahnsinn und versuchte, unsere Kinder aufzufangen.
Ich überlegte mir zig Rituale, die es unseren Kindern möglich machen sollten, mit dem Verlust ihres Vaters umzugehen. Wir alle waren unter einer Glocke, fern jeglicher Realität und versuchten zu realisieren, was da eigentlich geschehen war.

Alle Mütter erleben Höhen und Tiefen in ihrem Alltag, in ihrem Leben. Deine Höhen und Tiefen sind aber krasser als andere. Wie gehst du mit dieser Gefühls-Achterbahn um?

Ich glaube nicht, dass meine Achterbahn "krasser" ist, nur anders. Jeder fährt auf seiner ganz persönlichen Achterbahn und findet diese manchmal extrem anstrengend. Ich glaube nicht, dass es Päckchen gibt, die schwerer als andere zu tragen sind.

Jeder empfindet seines subjektiv als schwer, daran ist nicht zu rütteln. Ich versuche, mich auf diese Achterbahn einzulassen, denn zum Verarbeiten gehört auch das Erleben jeglicher Gefühle. Manchmal bade ich in Selbstmitleid. Ich brauche das, weil ich erst danach wieder richtig am Leben teilhaben kann.

Ich versuche, nicht ständig über Dinge nachzudenken, die ich sowieso nicht ändern kann, denn dann werde ich blind für Dinge, die trotz allem noch gut funktionieren oder einfach nur schön sind.

Wie begleitest du die Kinder durch diese Phasen?

Für die Kinder gilt das Gleiche wie für mich. Alle Gefühle sind okay, es gibt da keine Verbote. Unser Sohn fängt an zu vergessen wie Simon gerochen hat oder wie sich seine Stimme anhörte. Dann hören wir meine Mailbox mit Nachrichten von ihm ab oder schütten sein Duschgel in die Dusche. Dann riecht das Haus wieder ein bisschen nach ihm.

Noch immer schicken wir Luftballons mit Briefen in den Himmel, manchmal, wenn eines der Kinder Geburtstag hat, oder wie jetzt die Einschulung feierte, hingen wir ein Säckchen mit Kuchenkrümeln an den Luftballon. Damit Simon auch etwas abbekommen kann. Wir haben außerdem ein Papaglas, in dem wir Dinge sammeln, die wir mit zu unserem Helden in den Friedwald nehmen wollen.

Unsere Kinder dürfen schreien, wütend sein aber auch lachen bis sie Bauchweh haben. Wenn es ganz schlimm ist, gehen wir auf ein Feld in unserer Nähe und schreien laut. Oder wir gehen bei Regen raus und springen barfuß durch die Pfützen, um nicht zu vergessen, dass alles was passiert zwei Seiten hat.

Wie integriert ihr Simon in euren neuen Alltag?

Hauptsächlich dadurch, dass wir oft über ihn reden. Diese Gespräche sind manchmal traurig und manchmal wirklich witzig. Als wir diesen Sommer das erste Mal zu Dritt im Urlaub waren, haben wir ein Kuscheltier mitgenommen, das aus seinen Klamotten genäht worden ist.

Außerdem gibt es da noch unsere Bucket List die wir zusammen mit unserem Helden geschrieben haben. Simon und ich hatten uns versprochen, dass die Kinder und ich die Liste auf jeden Fall noch zu Ende „abarbeiten“ werden.

Dazu gehörte zum Beispiel unsere „Silberhochzeit“, die wir feiern wollten. Wir feierten unsere Hochzeitstage monatlich; zwölf zusammen, die letzten 13 feierte ich allein.

Immer wenn wir einen Punkt abhaken konnten, schickten wir einen Luftballon mit Brief in den Himmel. An Simons 38. Geburtstag im Dezember sind wir in den Friedwald zu seinem Zauberbaum gefahren. Dort haben wir seine Geburtstagskrone hingestellt, Luftschlangen gepustet und Simons Lieblingskuchen gegessen.

Am Morgen laufen die Kinder oft nach draußen und rufen „Guten Morgen“ in den Himmel. Simon ist eigentlich nie wirklich weg gewesen, nur können wir ihn nicht mehr sehen.

Nun wurde euer Kleiner gerade eingeschult – euer Ziel als Paar nach der Diagnose war es eigentlich, die Einschulung noch zu schaffen. Dafür hat es nicht gereicht. Wie habt ihr den Tag erlebt?

Der Tag der Einschulung fiel zeitgleich auf den ersten Jahrestag von Simons Beisetzung. Ich hatte Angst, dass dadurch ein fader Beigeschmack entstehen und diesen besonderen Tag unseres Sohnes verdunkeln könnte.
Während der Einschulung in der Schule sah unser Sohn viele Kinder mit ihren Vätern. Die meisten trugen die Schultüten, so wie es auch mein Mann vorgehabt hatte.

Das machte unseren Sohn im ersten Moment wirklich traurig und er empfand es als ungerecht, dass sein Papa nicht die coole Batman-Schultüte tragen konnte. Dann aber ist ihm eingefallen, dass ich in den letzten Monaten sowieso die Stärkere gewesen war und Leo drückte mir seine Schultüte in die Hand.

Traurig war er dennoch, allerdings konnte er den Tag immer mehr genießen. Er freute sich im Mittelpunkt zu stehen und war sich sicher, dass Simon uns von seiner Wolke zusieht. Meine Angst vor diesem Tag war am Ende größer als es nötig gewesen wäre. Dieser Tag war so ganz anders als gedacht und erhofft. Aber schön war er trotzdem.

Dankbarkeit ist ein Begriff, den du in der letzten Zeit zum Leben erweckt hast. Wenn du das letzte Jahr Revue passieren lässt: Was sind die Dinge, für die du in dieser Zeit am dankbarsten warst?

Am dankbarsten bin ich dafür, dass wir das Atmen nicht verlernt haben. Eine gute Freundin von Simon meinte zu mir: „Setzt einfach einen Fuß vor den anderen“ und im Grunde hatte sie recht damit.

Ich bin dankbar dafür, dass sich die Welt einfach weitergedreht hat, auch wenn ich bis heute nicht immer Schritt halten kann. Ich bin dankbar, erkannt zu haben, wer meine wirklich guten Freunde sind und auch wenn nur wenige übrig geblieben sind… ich weiß jetzt, auf wen ich mich immer verlassen kann.

Ich bin dankbar für meine offenen Augen, die mir zeigen, dass Eis mit bunten Streuseln immer noch lecker schmeckt.

Ich bin dankbar dafür, dass unsere Kinder über Ressourcen verfügen, die sie das letzte Jahr gut meistern ließen.

Und vor allem bin ich dankbar für das grenzenlose Vertrauen, dass mir mein Mann vor seinem Tod entgegengebracht hat. Für die zehn Jahre mit ihm, auch wenn wir sechs davon mit Krabbe Kunibert teilen mussten.

Diese Zeit hat aus mir einen anderen Menschen gemacht, skeptischer irgendwie aber auch wissend, wozu ich in der Lage bin. Ich glaubte zuvor, meine Grenzen zu kennen, weiß aber jetzt, dass sie viel höher gesteckt sind.
Ich bin dankbar für die wahnsinnige Anteilnahme, die plötzlich online herrschte, über die zahlreiche Bereitschaft, sich bei der DKMS zu registrieren damit es anderen Familien besser ergeht.

Wenn du die Augen zukniepst und dich mal in die Zukunft denkst: Was siehst du da für dich und deine Kinder?

Ich hoffe, dass wir wieder ankommen. Noch sind wir auf den Weg ins Leben 2.0. Ich hoffe, dass wir weiterhin lernen, ohne Simon zu leben und nicht nur überleben zu können.

Ich glaube, dass das Leben noch einige Dinge für uns bereithalten wird und hoffe fest darauf, dass wir die Lust an all dem Neuen nicht verlieren bzw. zunächst wieder finden werden.

Unsere Zukunft soll vor allem bunt sein, mit bunten Streuseln, Glitzer und all dem, was es erst wirklich schön macht. Ich denke, dass wir irgendwann Frieden schließen werden mit dem Tod, der uns Simon genommen hat, mit der Blutkrebserkrankung, die sechs Jahre lang unser Leben bestimmen wollte – und es auch irgendwie natürlich noch immer tut, wenn auch anders.

 

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Tags: Krebs, Krankheit, Tod, Trauer, Familie, Kinder, Witwe, Hoffnung, Erbe, Gesundheit

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Kommentare

Ute — Sa, 08/31/2019 - 20:46

Allles Allles Liebe für Dich und Eure Kinder! Krebs ist ein Arschloch!!! Keine Frage und dennoch habe ich Respekt davor, wie DU damit lebst - ein positives Beispiel - für EURE Kinder! Du hast so viel Kraft, ich ziehe nicht nur meinen Hut!! Ich wünsche Euch weiterhin so viel Kraft, wie Ihr benötigt - und Dein Simon ist für IMMER in Deinem und den Herzen Eurer Kinder! Alles Liebe für Euch und fuck cancer!!!!!

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