Endlich mal nicht funktionieren müssen – Celsys Bericht aus der Reha

Liebe Celsy, wir haben schon ein paar Mal über dich berichtet. Du hast eine schlimme Krebserkrankung hinter dir und kämpft immer noch mit den Spätfolgen der Erkrankung und der Chemotherapie. Nun warst du gerade in Reha. Wie lange warst du dort und was genau war das Ziel deines Aufenthaltes?

Ich war jetzt genau drei Wochen in der Reha-Klinik, also 21 Tage. Das ist erst einmal die Standarddauer für eine Rehabilitationsmaßnahme. Mein Ziel war es, mich nun endlich mit meiner Krebserkrankung auseinanderzusetzen und all den Gefühlen, die sich diesbezüglich aufgestaut hatten, endlich mal Raum geben zu können, ohne im Alltag „funktionieren“ zu müssen. Außerdem kämpfe ich nach wie vor mit der Fatigue, die oft mit Lymphdrüsenkrebs und nach ausgestandener Chemotherapie einhergeht. Darunter versteht man einen chronischen Erschöpfungszustand, der sich sowohl psychisch als auch körperlich niederschlagen kann. 

In meinem Fall waren es nicht nur Schlafstörungen, sondern auch Schmerzen in den Gelenken sowie schnelle Erschöpfung bei körperlicher Anstrengung. Vor der Reha war die Fatigue teilweise so schlimm, dass ich mir abends nicht einmal mehr mein Essen allein machen konnte. Spaziergänge waren für mich an manchen Tagen kaum machbar, weil ich nach 500 Metern schlicht nicht mehr konnte. Von der Reha hab ich mir – zurecht – versprochen, dass ich hier Hilfe bekomme, besser damit umzugehen.

Außerdem hat der Krebs psychisch sehr viel kaputt gemacht. Ich litt die letzten 2,5 Jahre unter Panikattacken, unter schweren Ängsten und depressiven Episoden. Die Reha sollte mir helfen – und hat mir geholfen – damit besser umzugehen.

Du hast dir in den letzten Jahren trotz Krebserkrankung wenig Auszeiten genommen, sondern viel gearbeitet und funktioniert. Warum war eine größere Auszeit einfach nicht drin bisher?

Wie auch ihr, Lisa und Katharina, arbeite ich als freie Journalistin und bin seit 5 Jahren selbstständig. Nach der Chemotherapie lief das Elterngeld für meine jüngere Tochter aus und wir waren finanziell schlicht auf meinen Verdienst angewiesen. Als Selbstständige, die zwei kleine Kinder hat und chronisch krank ist, war ich bislang nur als nebenberuflich selbstständig versichert und hatte deshalb keinen Anspruch auf Krankengeld oder Ähnliches. Wir konnten uns eine Auszeit also schlicht nicht leisten.

Darüber hinaus war meine jüngere Tochter ja nu gerade 10 Monate alt, als meine Chemotherapie vorbei war. Eine 3-wöchige Anschlussheilbehandlung (so nennt man die Reha, wenn sie direkt auf die Akuttherapie folgt) wollte ich damals nicht in Kauf nehmen, nachdem ich von den ersten 10 Monaten durch die Krebserkrankung sowieso so viel vom Leben meiner Tochter verpasst hatte. Mitnehmen hätte ich sie aber auch nicht können, denn so kleine Kinder werden von Reha-Kliniken in der Regel noch nicht mit aufgenommen.

Gab es jetzt einen Punkt, an  dem du gesagt hast: Jetzt kann ich nicht mehr?

Tatsächlich gab es DEN Punkt gar nicht. Es war mehr die Summe aus den zwei Jahren vorher, die schlussendlich dazu führten, dass mein Mann und ich beschlossen, es muss irgendwie anders gehen. Gerade seit Mitte 2020 war ich in immer kürzeren Intervallen krank oder so erschöpft, dass ich sowohl für den Job als auch für die Familie ausfiel. Uns war recht schnell klar, dass das vor allem den Krebsnachwirkungen zu verdanken war. Also haben wir Anfang 2021 beschlossen, dass ich vielleicht doch mal darüber nachdenken sollte, die Reha zu beantragen. Bei der Krebsnachsorge Ende April hab ich dann meine Onkologin um Unterstützung gebeten.

Wie schwer oder leicht ist es, so eine Reha genehmigt zu bekommen?

Grundsätzlich hat jede Person, die ein körperliches oder seelisches Leiden hat, das droht, chronisch zu werden und die Lebensqualität sowie Arbeitsfähigkeit einzuschränken, das Recht auf eine Rehabilitationsmaßnahme. In der Praxis werden die Anträge oft aber zuerst abgelehnt, weil die Kostenträger natürlich versuchen, Geld zu sparen. Hier zeigt die Erfahrung, die ich als AWO-Vorsitzende gemacht habe, allerdings, dass es oft reicht, einen simplen Widerspruch einzulegen und dann wird die Maßnahme auch bewilligt.

Für mich als Krebspatientin war das tatsächlich aber wirklich unproblematisch, weil mir die Reha sowieso innerhalb der ersten zwei Jahre nach Ende der Akuttherapie zugestanden hätte. Ich war über diese Frist jetzt leicht drüber, aber in der Regel sind die Kostenträger da schon vernünftig und genehmigen das auch.

Nun warst du 3 Wochen ohne die Familie – nach Monaten des pandemienbedingten Aufeinander-Hockens sicher eine Umstellung. Wie hast du dich alleine gefühlt?

Tatsächlich ging es mir die drei Wochen wirklich gut. Natürlich hab ich meine Familie vermisst, klar. Aber ich hab die Zeit für mich, die Ruhe, die Struktur und die Therapien wirklich genossen. Es war schön, mal wieder in Ruhe denken und schreiben zu können, nicht für den Haushalt oder das Essen zuständig zu sein. Die Zeit verflog auch super schnell.

Was hat dich in diesen Tagen ganz besonders bewegt?

Ich habe mir in den drei Wochen endlich erlaubt, zu betrauern, was ich durch die Krebserkrankung verloren habe. Meine Unbeschwertheit, dieser unerschütterliche Glaube an das Gute in der Welt, dieses immense Vertrauen in mich selbst, das ich vor dem Krebs hatte – das alles ging mir verloren und ich hab mich da nie richtig mit beschäftigt. Ich bin mit 180 km/h vor die Wand geknallt und in der Wand stecken geblieben – also metaphorisch gesprochen. Diesen Schock darüber hab ich nie an mich herangelassen. Bis jetzt. 

Obwohl ich auf meinem Instagram-Account @die.drahtseiltaenzerin damals meine Krebserkrankung sehr detailliert dokumentiert habe, wollte ich danach auf keinen Fall mehr „die mit dem Krebs“ sein. Ihr wart z.B. der einzige Blog, dem ich dazu überhaupt ein Interview gegeben habe. Schlicht, weil ich irgendwie versucht habe, wegzuschieben, dass das ausgerechnet MIR passiert ist. Dass ausgerechnet ICH diejenige war, die vor der Diagnose und dann während der Therapie je einmal fast gestorben ist.

Hier ist mir das erst so richtig bewusst geworden und hier konnte ich das das erste Mal an mich heranlassen. Ich hab hier lernen dürfen, zuzulassen, was mir passiert ist, anzunehmen, dass dieses unbändige Vertrauen ins Leben einen Riss bekommen hat und gleichzeitig eben auch immer wieder klar zu sagen: Aber ich habe überlebt, ich bin am Leben.

Was erhoffst du, mit in deinen Alltag nehmen zu können?

Ganz praktisch: Mein Mann hat mir einen gebrauchten Crosstrainer gekauft, damit ich das Ausdauertraining, das ich hier in der Klinik angefangen habe, zuhause nahtlos fortsetzen kann. Wir haben hier nämlich beigebracht bekommen, dass sowas wie Fatigue besser wird und auch besser zu bewältigen ist, wenn man mindestens drei Mal pro Woche 20 Minuten Ausdauertraining macht. Das ist also mein großer Vorsatz für zuhause. 

Ich erhoffe mir aber eben auch, die Lebensfreude, die ich hier wiedergewonnen habe, in den Alltag zu retten. Ich bin immer noch am Leben. Ich habe nicht gegen den Krebs verloren – auch wenn es sich emotional lange so anfühlte, weil er seelisch so viel zum Einsturz gebracht hat. Ich möchte diesen Lebenswillen, diesen vorsichtigen Optimismus und die Selbstfürsorge, die ich hier gelernt habe, mit nach Hause nehmen. Es gibt da draußen noch so viel zu sehen, das ich noch nicht entdeckt habe – ich möchte die Angst nicht mehr ständig im Gepäck haben.

Was wünscht du dir vom restlichen 2021? 

Keine weiteren Katastrophen. 😀 Ich wünsche mir mehr Leichtigkeit im Alltag. Öfter mal spontan am Wochenende irgendwo hin rausfahren, öfter mal Picknick im Kinderzimmer, ein Glas Wein mit meinem Mann und ausgelassene Spieleabende mit Freund*innen. Es sind die kleinen Dinge. Wir glauben immer, unsere Wünsche müssten riesig sein, das Leben voller Highlights – aber am Ende des Tages sind es die vielen kleinen Momente voller Liebe, die Erinnerungen schaffen. Und schreiben würde ich gern – also für mich, nicht für Auftraggeber*innen.

Dein Tipp an alle Frauen, die ebenfalls eine Reha bräuchten, aber noch zögern? 

Mach es trotzdem! Ja, am ersten Abend ist das Heimweh riesig und vorher die Angst ebenso – aber wenn man eine gute Klinik ausgewählt hat und sich drauf einlässt, kann solch eine Reha wirklich ein Wendepunkt sein. Tu es für dich! Denn auch wenn die Kinder klein sind – meine sind ja erst 3 und 5 – ist es wichtig, dass man als Elternteil für sich selbst sorgt. Kein Schaumbad und kein Glas Wein kann die Akkus so aufladen wie eine Reha, in der man mit verschiedenen Maßnahmen fit für den Alltag gemacht wird. Aber nur, wenn man sich diese Zeit nimmt, bleibt man auch langfristig gesund. Wenn du dir also bislang unsicher warst, ob du wirklich fahren sollst, hier ist dein Zeichen: Tu es!


Wer mehr von Celsy erfahren möchte, kann dies über ihren Account https://www.instagram.com/die.drahtseiltaenzerin tun. Es lohnt sich!

Du magst vielleicht auch





Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.