Anderthalb Jahre nach der Hochzeit: „Papa findet sich gerade als Frau“

Liebespaar

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Liebe Pia, erzähl doch mal, wer alles zu eurer Familie gehört und wie die aktuelle Lage ist.

Wir sind Pia, 37, Daniel, 50, und Lilli, 2 Jahre alt. Daniel und ich sind seit fünf Jahren zusammen, seit zwei Jahren und fünf Monaten Eltern einer wundervollen Tochter und seit anderthalb Jahren verheiratet.

Das klingt erstmal wunderbar und relativ gewöhnlich. Euer Leben nimmt aber gerade eine neue Wendung, stimmt´s?

Ja, denn mein Mann ist gerade dran, sich als Frau zu finden – oder auch nicht 😉

Wir haben von Anfang an über seine Weiblichkeit gesprochen und befinden uns auf einem spannenden Weg. Für uns beide ist das erstmal „keine neue Wendung“, aber seit einem halben Jahr für unser Umfeld.

Was meinst du mit Weiblichkeit genau? Hat er von Anfang an seiner Männlichkeit gezweifelt oder stand er einfach irgendwann mit einem „Ich muss dir was sagen“ vor dir?

Daniel ist schon seit er ca. 10 Jahre alt ist von dem Thema Weiblichkeit fasziniert. Er interessiert sich also bereits einen sehr langen Zeitraum dafür, doch es war immer wechselhaft, mal war seine weibliche Seite intensiver, mal war sie völlig still, doch sie kam immer wieder zurück.

Bis er sich fragte, wie er sich eigentlich als Frau fühlen würde: Wäre er dann glücklicher, zufriedener?

Er beneidete Frauen um ihr in der Gesellschaft Frau-Sein-Dürfen und vor allem um ihren weiblichen Körper. Es ging ihm weniger ums „Verkleiden“, um den Körperschmuck, sondern mehr um den wunderschönen Frauenkörper selbst. Doch zu Männern fühlte er sich noch nie hingezogen.

Es gab zu Beginn unserer Beziehung schon den „Ich muss dir was sagen“-Moment, in dem es um seine Weiblichkeit ging, aber das lief alles so step by step und natürlich im Gespräch und in der Entwicklung der Jahre, dass es kein Big Bäng für uns beide war.

Was hat sich vor einem Jahr geändert?

Wahrscheinlich hat ihm Corona ein wenig in die Karten gespielt: Durch die Situation war er mehr „bei sich“ als „anderswo“. In seiner Lebensmitte fragte er sich auch, wie der zweite Teil denn am Besten aussehen sollte. Daniel wollte sich seinen Gefühlen und Fragen endlich stellen und Antworten finden.

Daher gibt er seiner weiblichen Seite seit rund einem Jahr wesentlich mehr Raum in seinem Leben. Er beschäftigt sich intensiv mit dem Thema und was es noch alles zu entdecken gibt.

Es fühlt sich gut an für ihn. Wo es hinführt? Keine Ahnung 😉 Schritt für Schritt weitergehen und immer wieder schauen, wie es sich für uns beide anfühlt. Zusammen gehen – zusammen fühlen – in uns hineinhören.

Sollte es sich ab irgendeinem Punkt nicht mehr gut für ihn anfühlen, so kann er jederzeit wieder komplett in seine männliche Rolle zurück. Selbst wenn er eine Hormontherapie beginnen würde, wäre das ohne große körperliche Veränderungen in einem gewissen Zeitraum möglich.

Wie reagiert euer Umfeld auf die neue Situation?

Vor einem halben Jahr haben wir angefangen, mit unserer Familie und dem engsten Freundeskreis zu sprechen. Meine eher konservativen Eltern waren da schon eine Hausnummer für mich persönlich. Wir haben vorm nächsten Besuch gemeinsam einen Brief an sie geschrieben, der dann zwei Tage vorher ankam, so dass sie das Thema erstmal sacken lassen konnten. Dann haben wir beim Spazierengehen darüber gesprochen.

Familie und Freunde haben es alle durchweg positiv und offen aufgenommen. Natürlich können wir niemandem hinter die Stirn schauen, aber noch mussten wir keine negativen Reaktionen erleben. Es steht ja auch jedem selbst frei, wie er mit so einer Info für sich persönlich damit umgeht. Leben und leben lassen. Von beiden Seiten.

Momentan weiten wir auf unseren Bekanntenkreis und die Kita aus, das wird sicherlich mit jedem weiteren Ring spannender, da man sich nicht mehr so nahe steht. Beim Step Arbeitskollegen sind wir noch nicht angekommen.

Du sprichst von einem „spannenden“ Weg, den ihr gerade geht. Das klingt so liebevoll, so voller Wärme und Akzeptanz. Wie geht es dir mit der Situation?

Mir spielt in die Karten, dass ich vor einigen Jahren entdeckt habe, dass ich bi bin und ich nicht sehr an (seiner) Männlichkeit hänge. Das macht es sehr viel einfacher für mich. Und er steht überhaupt nicht auf Männer, das kommt mir auch entgegen.

Generell über das Thema zu sprechen ist eine Sache, es zu erleben eine andere. Das ging uns schon mit dem Thema Kinderkriegen so 😉 Deshalb bringt jeder neue Schritt neue Gefühle, die wir alle zulassen und über die wir regelmäßig sprechen.

Ich freu mich mega, dass er grade glücklich(er) und erfüllter wird. Das tut gut zu beobachten. Ich bin ängstlich, weil ich nicht in die Glaskugel schauen kann und weiß, dass wir – und besonders Lilli – nicht immer positive Reaktionen erleben werden.

Ich bin unsicher, weil das Thema Kinderplanung noch bei uns im Raum steht, wir noch keinen Zeitplan haben. Ich bin gelassen, weil ich weiß, dass wir schon so viel gemeinsam gemeistert haben und ich diese Seele so sehr liebe, dass da kommen kann was will.

Manchmal ist mir das Thema auch zuviel, wenn grade zu viele andere Thema während des Corona-Lockdowns anstehen. Dann pausieren wir und reden zu einem anderen Zeitpunkt drüber. Alles zu seiner Zeit.

Wie habt ihr euch damals kennengelernt, wie habt ihr euch verliebt, was hat dich an Daniel fasziniert?

Wir wurden tatsächlich von einer sehr guten Freundin verkuppelt. Damit hätten wir nie gerechnet. Im Grunde fing es auf der Couch meiner Freundin an, auf der wir uns stundenlang festgequatscht haben.

Ich hatte von der ersten Sekunde an das Gefühl, dass ich mit Daniel über wirklich alles sprechen kann. Und genau dieses gegenseitige Gefühl ist die Basis unserer Ehe geworden. Das und seine aufmerksame, offene, abenteuerlustige Art haben mich fasziniert.

Wie sehen die Pläne konkret aus? Sprecht ihr über einen neuen Vornamen, über OPs?

Daniel ist schon länger regelmäßig bei einem Psychologen, der auf dieses Thema spezialisiert ist. Er trägt immer mehr Frauenkleidung, ohne dass das besonders auffällt (alles sehr dezent; wobei er langsam „mutiger“ wird), um zu sehen, wie es sich anfühlt. Er lässt seine Haare wachsen. Er ist stolz, mittlerweile 75 kg abgenommen zu haben und wiegt jetzt unter 80 kg!

Er denkt darüber nach, weibliche Hormone zu nehmen (natürlich nur in enger Absprache und Kontrolle mit einem Arzt), um dem Ganzen noch mehr Raum zu geben und dadurch weitere Antworten zu bekommen. Der neue Vorname schwirrt schon länger umher, aber der wird noch nicht verraten 😉

Welche Hürden habt ihr bereits jetzt kennengelernt – oder welche erwartet ihr oder flößen euch Respekt ein?

Für mich persönlich war die größte Hürde bisher das Gespräch mit meinen Eltern. Danach fielen mir erstmal viele Steine vom Herzen. Ich hätte das wirklich als sehr traurig empfunden, wenn dadurch meine Beziehung zu meinen Eltern, die Beziehung zwischen meinen Eltern und Daniel und/oder der Kontakt zwischen Großeltern und Lilli gelitten hätte.

Wenn es gesundheitliche Hürden gäbe, die eine Hormontherapie ausschließen würden, müsste das Daniel sicherlich erstmal verarbeiten. Sollte eine Hormontherapie möglich sein, stellt sich uns natürlich die Frage, inwiefern sich dadurch seine Stimmung/seine Gefühle etc. verändern könnten.

Ich erwarte im öffentlichen Leben und eventuell später in der Schule auch negative Reaktionen mit denen wir dann lernen werden umzugehen und Lilli auch dabei helfen werden müssen.

Gibt es gute Beratungen, die auf dem Weg – und zwar der ganzen Familie, auch dir als Ehefrau – unterstützend zur Seite stehen können?

Es gibt sehr gute Beratungen. Viele Psychologen und Ärzte sind darauf spezialisiert. Manchmal komme ich mit zum Psychologen, wenn wir ein gemeinsames Thema haben. Wir haben auch schon eine Selbsthilfegruppe besucht – aber festgestellt, das wir nicht der Typ dafür sind, andere fühlen sich dort sehr wohl. Das muss jeder selbst herausfinden.

Daniel ist auch eher der Typ, der ausprobieren muss, wie sich etwas anfühlt. Ich bin eher der Typ. dem darüber reden hilft, deshalb fallen meine Antworten auch ziemlich ausführlich aus, fällt mir grade auf. Ich möchte mich gerne noch mit anderen Frauen in ähnlichen Situationen austauschen, da finde ich bestimmt noch Kontakte über die Selbsthilfegruppe.

Für dich war es nie ein Thema, das nicht mitzutragen? Weil du dich in den Menschen und nicht in sein biologisch zugeordnetes Geschlecht verliebt hast?

Das hast du genauso formuliert, wie ich es fühle, ja!

Wo siehst du euch als Familie in fünf Jahren?

Eine Frage wie beim Bewerbungsgespräch – krieg ich den Job? 😊 Spaß…
In 5 Jahren ist Daniel 55, ich 42, Lilli 7 Jahre und ihr kleiner Bruder 3 Jahre.
Wir wohnen in einer größeren Wohnung. Corona schwirrt nach wie vor um den Globus, die Einschränkungen sind nicht mehr so massiv wie in den ersten Wellen und wir haben gelernt, damit zu leben.

Daniel fühlt sich und lebt als Frau, hat seinen neuen Wunschvornamen erobert und ist noch näher bei sich. Lilli ist in der 1. Klasse und wird von ihren Freunden gefragt, warum sie zwei Mamas hat. Wir sprechen offen mit allen Menschen über Daniels Weiblichkeit, wenn es sich ergibt, passt oder sein muss. Wir finden uns immer noch als Eltern, Partner und vor allem Menschen.

Wir sind gesund und wir sind glücklich als Familie. Das wäre mein Wunschbild für uns!

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