Papa ist jetzt eine Frau: Wie ich das Outing meines Mannes erlebte

Lesbisches Paar

Symbolbild: pixabay

Ihr Lieben, stellt euch mal vor, euer Partner oder eure Partnerin steht eines Tages vor euch und sagt, sie oder er gehöre eigentlich dem anderen Geschlecht an. Japhia ist genau das passiert und es hat ihr Leben einmal ordentlich auf links gedreht. Ihr Ehemann, der Papa ihrer zwei Kinder, hat sich vor nicht allzu langer Zeit als Frau geoutet. Wir durften sie zu den Höhen und Tiefen dieses Outings interviewen. Und auch bei Instagram spricht sie offen über ihre Erfahrungen. Danke für deine Ehrlichkeit, liebe Japhia!

Liebe Japhia, du bist 36, hast zwei Kinder, fünf und zwei Jahre alt und bist die Ehefrau einer Transfrau. Wie geht´s euch gerade?

Wir Eltern schwanken zwischen Aufregung (weil alles neu ist) und Alltagstrott. Eine seltsame Mischung, aber das beschreibt es momentan am besten. Den Kindern geht es sehr gut und sie genießen die entspanntere „Papa“ sehr.
Was die Transition angeht, stehen wir gerade vor einem extrem spannenden Schritt! Die Hormontherapie beginnt und wir sind echt gespannt, was das mit ihr und uns machen wird.

Was hättest du jemandem geantwortet, wenn er dir vor 20 Jahren erzählt hätte, wie du heute lebst?

„Wie bitte?! Niemals, würde ich bei sowas mitmachen, ich bin doch nicht lesbisch!“ Aber jeder von uns wächst an seinen Aufgaben und ich liebe ja den Menschen und nicht primär das Geschlecht. Dazu kommt, dass mich die letzten 20 Jahre aufgebaut, geschliffen, aber auch verletzt haben. Vor allem in den letzten zehn Jahren musste ich viel wegstecken und die Narben, die sich gebildet haben, haben mich robuster gemacht. 

Ihr seid seit 20 Jahren zusammen. In was hast du dich damals verliebt?

Damals, vor 20 Jahren habe ich mich in einem Onlinechat in einen frechen, humorvollen und unheimlich anständigen 16 jährigen Jungen verliebt. Ein Junge, der mich auf Händen getragen hat und bei dem es niemals langweilig wurde.

Hättest du damals schon ahnen können, wohin euch euer gemeinsamer Weg führt?

Nein nie, mein Mann* war immer sehr maskulin. Er ist groß und breit gebaut, hat einen Hang zum Handwerken und hielt sich tunlichst von allem fern, was irgendwie weiblich erschien (Shoppen, Kaffeetrinken gehen usw.).

Ihr habt eine schwere Phase hinter euch, weil dein Damals-noch-Ehemann* mit Depressionen zu kämpfen hatte und niemand so richtig wusste, was seine Stimmung trübte. Bis zu dem einen besagten Abend, an dem er dir eröffnete: „Ja, ich glaube, ich bin eine Frau“ – erzähl uns mal von dem Abend. Und von deinen Gedanken in der Nacht, die darauf folgte.

Wir saßen – wie bereits einige Abende davor – am Kamin und sprachen über unsere Gefühle und unsere allgemein Familiensituation. Suchten nach Lösungen, sie unseren Alltag leichter machen könnten, denn wir alle litten sehr unter dem „Coronatrauma“ und dem Stress, den wir Eltern uns ausgesetzt sahen. Aus dem Nichts stellte ich dann eine Frage, von der ich bis heute nicht weiß, woher sie plötzlich kam: „Bist du eine Frau?“

Darauf folgte erst mal quälendes Schweigen, bis er* schließlich ehrlich verblüfft bejahte. Diese Tatsache, war ihm niemals vorher in den Kopf gekommen, auch wenn er immer schon fand, dass „Frauen ein schöneres Leben führen als Männer“. In der anschließenden Nacht war mein Kopf seltsam leer. Normalerweise denke ich Dinge eher tot, aber diesmal war ich wie „leergefegt“, als wenn ich in einer Art Schockstarre gefangen war.

Zunächst erschien dir das Thema Transidentität „wie ein Monster, dass unser perfektes* Leben zerstört.“ Erzähl mal.

Ich wollte das einfach nicht! Mein Ideal war eine „normale“ Familie zu haben. Dazu kam dass ich Angst hatte, meinen Ehemann* zu verlieren. Früh recherchierte ich im Internet nach anderen Paaren in dieser Situation und stieß ausschließlich auf Horrorszenarien. Dort hieß es, dass transidente Menschen nur noch an sich denken, sich charakterlich extrem verändern und ihnen alles nicht schnell genug gehen kann. Familien rissen auseinander, weil der transidente Partner seine Veränderung über seine Familie stellte. Alles total gruselig!

Dazu kam noch, dass wir im Bekanntenkreis eine transidente Frau haben, die durch das Outing ihre intakte Familie verloren hat. Auch darüber hinaus lief es damit nicht gut und dies war mir natürlich noch in Erinnerung. Der Kopf malt sich allzu gern Dinge aus, wenn er rational nicht weiterkommt und darunter litt ich sehr.

Dein Partner hat sich dann sehr verändert, aß er früher Mett, gab´s nun Salat und Gemüsebeilage, als wäre das früher nicht möglich gewesen… das wiederum freute dich auch ein bisschen, oder?

Auf jeden Fall! Zuerst war ich verwundert, fand es fast ein wenig albern, aber mit der Zeit erkannte ich, dass ein riesiger Knoten bei ihr geplatzt war. Seit vielen Jahren versuchte ich eine gesündere Ernährung bei uns zu etablieren, stieß aber immer auf taube Ohren. Fleisch musste schließlich zu jeder Hauptmahlzeit sein. Aber nun konnte mein Mann* diese konstruierten maskulinen Vorlieben ablegen!

Im Zeitabschnitt danach hast du angefangen, nicht mehr von „meinem Ehemann“ zu sprechen. Der Begriff „Papa“ für die Kinder durfte aber bleiben?

Richtig, Svea sagte dazu einmal: „Der Titel „Papa“ ist eine Auszeichnung und auf die bin ich sehr stolz! Ich bin nun mal der Papa unserer Mädchen und das werde ich immer bleiben.“

Wie haben die Kinder die Veränderungen aufgefasst?

Die Kleine ist gerade mal zwei Jahre alt, sie hat es einfach nur genossen, dass Papa nun mehr Energie und Lebensfreude ausstrahlte. Die Große hat mir ihren fünf Jahren extrem empfindliche Antennen. Sie spürte sofort, dass sich etwas zum Positiven gewendet hatte. Sie hat das Outing ihres Papas zuerst sehr gut aufgenommen und schien überglücklich, dass er* nun endlich glücklich sein konnte.

Am Abend dann aber, vor dem Schlafengehen, brach es aus ihr heraus: „Ich will nicht, dass mein Papa sich so schnell verändert! Er ist doch so toll, wie er ist!“ waren ihre Worte, als sie weinend in meinen Armen lag. Ich beruhigte sie, stand ihr an diesem Abend bei. Seitdem kam nichts dergleichen wieder auf. Sie hat es mittlerweile vollkommen akzeptiert und gemerkt, dass seitdem alles besser ist.

Würdest du dich heute als lesbisch bezeichnen, obwohl die Person an deiner Seite ja die Gleiche geblieben ist, nur mit anderem sozialen Stempel?

Puh, das ist echt eine extrem schwere Frage. Ich denke nicht, dass ich wirklich lesbisch bin, aber vielleicht entwickelt sich das noch. Aber Svea, wie sie nun heißt, gefällt mir (auch optisch) um Längen besser als mein betrübter Mann. Scheinbar ist es vor allem die Lebenslust und die Freude, die auf mich anzieht.

Hat die Neuordnung nicht auch ordentlich an eurem Familien-Mobilé geruckelt, weil der Fokus plötzlich so viel auf Papa lag? Wie hast DU es geschafft, da mit deinen Gefühlen und Empfindungen nicht unterzugehen?

Oh ja, die Gefahr bestand und besteht vielleicht irgendwann auch nochmal. Aber ich halte alles zusammen! Dazu muss ich meine Frau auch manchmal in ihrer Geschwindigkeit bremsen, auch wenn es ihr wehtut. Schon vor dem Outing gab es bei uns ein Motto: „Das Ich steht immer hinter dem Wir!“ das heißt, dass das Wohl unserer Familie Vorrecht vor der Selbstverwirklichung des Einzelnen hat.

Manchmal bin ich gefühlstechnisch aber dennoch schlicht und einfach untergangen. Ich habe viel geweint und habe mit mir gekämpft. Aber der eigentliche Schlüssel, war das Miteinandersprechen. Über ALLES und zwar auch manchmal so, dass bei beiden Seiten riesige Wunden gerissen wurden. Aber das war ok und sie konnten heilen. Nach 20 Jahren gemeinsam, indem das Miteinanderreden immer schon eine extrem wichtige Säule war, überwinden wir alle Hürden gemeinsam!

Was möchtest du Familien mit auf den Weg geben, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen?

Geduld.
Alles wird sich neu ordnen und dann, wenn die Gewöhnung einsetzt, scheint alles nur halb so wild.

Bitte sucht rasch Kontakt zu anderen, denen es ähnlich geht. Kontaktiert gezielt Menschen, die positiv mit dem Thema umgehen, denn diese positive Energie wird euch trösten, wenn ihr selbst alles hinschmeißen wollt.

Alles kann gut werden!

Ein kleiner Tipp am Ende: Um den Partner oder die Partnerin nicht mit zu schnellen Schritten zu überfahren, ist es wichtig, dass man sie „ins Boot“ holt. Bei uns war es so, dass ich immer entscheiden durfte, wann der nächste Schritt kommt. Und auch ein Schritt zurück war immer möglich und gab mir viel Sicherheit.

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2 comments

  1. Lisa und Katharina, vielen Dank für diesen tollen Beitrag. Als Transgender lese ich solche Artikel immer sehr gern – sie sind persönlich, ehrlich und ganz offen. Transparenz finde ich sehr wichtig und hoffe, daß die Gesellschaft lernt, daß wir keine „Paradiesvögel“ sind, sondern ganz normale Menschen.

    Die Geschlechterrollen sind in meinen Augen heutzutage völlig überholt – wer bestimmt, was weiblich oder männlich ist? Wir brauchen keine Normen oder Schubladen in die wir gesteckt werden, sondern Offenheit und Toleranz. Wir sind schon weit gekommen, weiter als es noch vor ein paar Jahren möglich war.

    Ich selbst kann sehen, daß die Gesellschaft offener wird und jede*r beginnt seien Scheu abzulegen und Interesse aufzubringen. Dies gelingt auch dank solcher Beiträge!

    LG
    Jennifer

  2. Ihr seid zwei tolle starke Frauen und eine starke Familie. Ich wünsche euch alles Gute und Danke dir/euch für den offenen Bericht! Alles Gute!

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