ADHS: Mein Kind ist kreativ, chaotisch, unkonventionell, empathisch

ADHS

Ihr Lieben, manchmal kann die Diagnose ADHS auch eine Erleichterung sein, weil sie erklärt, warum das eigene Kind manchmal so anders ist als die anderen. In dieser Familie war das so. Anna ist zehn Jahre alt und nachdem Ergotherapie und Neurofeedback-Training nur wenig Veränderungen brachten, klappt es heute im Schulalltag mit einer geringen Dosis Medikinet.

Du Liebe, erzähl doch mal, wer alles zu eurer Familie gehört.

Das sind mein Mann (45) und ich (41) und unsere beiden Töchter. Nennen wir sie Anna und Lilly. Anna ist zehn Jahre alt und in der vierten Klasse, Lilly ist acht Jahre alt und in der zweiten Klasse. Mein Mann ist Projektmanager bei der Stadt, ich bin gelernte Journalistin und arbeite selbständig als Texterin und Autorin.

Deine erste Tochter ist jetzt zehn Jahre alt, seit zwei Jahren wisst ihr, dass sei ADHS hat. Wie kamt ihr dazu, sie testen zu lassen?

Unsere Große war schon als Kleinkind wild und ungestüm. Sie war immer ein bisschen „mehr“ von allem: chaotischer, lauter und frecher; willensstark, aber auch neugierig, interessiert und einfallsreich, in alle Richtungen sehr emotional. Sie ist oft bei anderen Kindern und auch Erwachsenen angeeckt.

Wenn wir auf den Spielplatz kamen, verdrehte manch andere Mutti schon die Augen. Auf der anderen Seite ist sie aber auch empathisch und mitfühlend. Als Kleinkind ging sie am liebsten verkleidet und mit Ketten behangen aus dem Haus. Wir haben sie machen lassen und uns gedacht, sie ist eben eine kleine verrückte Künstlerin, ein Freigeist.

Probleme gab es erst ab der Schule: Lesen und Schreiben fielen ihr schwer, ihre Schrift war kaum lesbar. Aus der Pause kam sie mit den Taschen voller Stöcke und Steine zurück, die sie auf dem Tisch sortierte, statt sich auf den Unterricht zu konzentrieren. Dass dahinter mehr steckte, als ein bisschen Pippi-Langstrumpf-Haftigkeit, vermutete unsere Kinderärztin, als Anna bei einer der U-Untersuchungen lieber Pirouetten gedreht hat, als wie gefordert auf einem Bein zu hüpfen oder sich abhören zu lassen.

Die Auffälligkeiten wurden erstmal darauf geschoben, dass sie eine kranke Schwester hat, richtig?

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Annas kleine Schwester kam mit einer seltenen Erkrankung zur Welt. Als Baby war sie oft im Krankenhaus und brauchte mit einem Jahr eine Lebertransplantation. Die Kinderärztin hat bei Anna eine emotionale Störung aufgrund der belastenden Familiensituation vermutet.

Mein Mann und ich haben uns Vorwürfe gemacht, dass sie zu viel Paw Patrol und die Eiskönigin gucken durfte, weil die Kleine wegen ihrer schweren Krankheit so stark im Fokus stand. Ich bin dann mit Anna zu einer Psychotherapeutin gegangen. Die war sich schnell sicher, dass etwas anderes dahintersteckte, nämlich ADHS.

Das wurde durch einen Test abgeklärt. Die Lehrerin und wir Eltern mussten Fragebögen ausfüllen. Langsam fügte sich das Puzzle zusammen. Wir sind dann weiter zum Kinder-Neurologen, der den Verdacht nochmals bestätigt hat. Und der uns bis heute an die positiven Seiten der ADHS erinnert: kreativ, unkonventionell, empathisch.

Wie war es für euch, diese Diagnose zu bekommen?

Als ich mich in das Thema ADHS eingelesen habe, hat plötzlich alles einen Sinn ergeben – von der unbeherrschbaren Unordnung in ihrem Zimmer bis zu der Unmöglichkeit, pünktlich das Haus zu verlassen. Dass Anna stundenlang malen und basteln, aber sich keine fünf Minuten auf die Hausaufgaben konzentrieren kann.

Dass sie sich jedes Wort aus einem Minecraft-Tutorial auf YouTube merkt, aber nicht, was in der Mathearbeit drankommt. Oder dass sie auf dem Weg von der Küche in ihr Zimmer schon wieder vergessen hat, dass sie sich Socken anziehen wollte, weil sie zur Schule muss und sich stattdessen an ihre Nähmaschine setzt. Für uns war die Diagnose eine große Erleichterung. Endlich hatten wir eine Erklärung dafür, warum ihr das Lernen so schwer fällt und warum sie immer ein wenig aus der Reihe getanzt ist.

Ihr habt euch auch entschieden, ihr Medikamente zu geben, habt ihr darüber länger nachgedacht oder war das für euch recht klar von Anfang an?

Darüber haben wir sehr, sehr lange nachgedacht. Insgesamt gut ein Jahr. Zuerst haben wir es mit Omega-3-Tabeltten versucht, die die Konzentrationsfähigkeit unterstützen. Mit Ergotherapie und Neurofeedback-Training. Nichts hat so richtig etwas gebracht.

Bei Anna kommt hinzu, dass sie eine Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS) hat. Unser Kinder-Neurologe hat uns bei dem Schritt sehr einfühlsam begleitet und wir haben die Dosis langsam gesteigert. Sie bekommt jetzt an den Schultagen eine geringe Dosis Medikinet. Seitdem klappt es in der Schule deutlich besser. Dass Klischee, dass ADHS-Medikamente die Kinder einfach ruhigstellen, kann ich nicht bestätigen, jedenfalls werde ich immer noch gefragt, woher meine Tochter ihre Energie nimmt.

Wie geht es ihr seither, hat sie sich verändert?

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Sie kann dem Unterricht besser folgen und hat endlich Erfolgserlebnisse in der Schule. Und man kann ihre Schrift entziffern. Das Lesen klappt mittlerweile gut, auch wenn sie darauf keine Lust hat. Ich habe immer das Bild im Kopf, dass meine Tochter ein Wildpferd ist, das sich in der Steppe austobt und Freiheit und Bewegung braucht. Durch die Medikamente lässt sie sich kurzzeitig an die Longe nehmen, um ein paar Basics zu lernen. Dann muss sie aber wieder rausgaloppieren.

„Jetzt haben wir einfach zwei Spezialfälle“, schreibst du ganz selbstbewusst und positiv. Gehst du das als Mama wirklich so bewundernswert optimistisch an?

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In dieser Kombination ist das sicher ungewöhnlich. Wir haben gemerkt, dass es gut tut, mit den Herausforderungen, die unsere Familie hat, offen umzugehen und so anderen Eltern vielleicht Mut zu machen. So haben wir es mit der Erkrankung der Kleinen auch gemacht.

Ich engagiere mich im Vorstand des Vereins Leberkrankes Kind und habe die Erkrankung auch in meinem Blog oder bei Instagram immer wieder mal thematisiert. Uns ist es wichtig, unsere Kinder nicht defizitorientiert zu betrachten. Sie sollen sich sicher sein, dass sie so wie sie sind genau richtig sind. Das hört sich an, als ginge es bei uns zu wie im Lehrbuch, aber ich kann beruhigen: Das tut es absolut nicht. Vor allem nicht, wenn morgens alle pünktlich fertig sein müssen.

Ich gebe zu, dass Anna mich oft an meine Grenzen bringt und ich noch lange nicht so geduldig und verständnisvoll bin, wie ich es gern wäre. Die beiden haben viele Termine, wie Ergotherapie, Logopädie, Physiotherapie oder Lernbegleitung und ja auch noch ihre „normalen“ Aktivitäten wie Ballett oder Schwimmen. Dass war auch ein Grund dafür, dass ich meinen festen Job gekündigt habe und jetzt als freiberufliche Texterin und Autorin flexibler bin.

Steht ihr manchmal ungläubig vor euren beiden Töchtern und denkt euch: Wow. Hätte uns das alles mal einer vorher erzählt?!

Jeden Tag.

Was wünschst du dir für dich und deiner Familie für die nächste Zeit?

Anna wechselt im Sommer zur weiterführenden Schule, die einen LRS-Förderschwerpunkt hat. Ich wünsche mir für sie, dass sie dort gut ankommt und mehr Spaß an der Schule findet. Ich lese gerade das Buch mit dem schönen Titel „Kirmes im Kopf“ von Angelina Boerger, die als Erwachsene die ADHS-Diagnose bekam und wichtige Aufklärungsarbeit leistet, u.a. über bei Instagram.

Generell wünsche ich mir, dass ADHS weniger als Störung und mehr als eine von vielen Varianten der Wahrnehmung und des Denkens akzeptiert wird – als eine, die auch Stärken hat: Kreativität, Innovation und die Fähigkeit, um die Ecke zu denken – das sind Talente, die Menschen mit ADHS oft im Übermaß mitbringen und für die wir sie schätzen sollten.

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3 comments

  1. Liebe Berit
    Vielen lieben Dank für die spannende Schilderung. Wir können nur zustimmen: Wir arbeiten als Lerncoaches auch mit ADHS-Kinder, die Mühe beim Lesen, Rechnen und Rechtschreiben haben. Natürlich sind sie oft wild und überfordernd. Doch haben sie auch so viele wundervolle Seiten: kreativ, einfühlsam, lustig und vieles mehr. Genau diese Seiten sollten wir viel mehr wahrnehmen.
    Alles Liebe, Monika & Thomas

  2. Ein toller und sehr ehrlicher Bericht.
    … und bevor jetzt die Kommentare kommen bzgl. „geht es nicht auch ohne Medikamente“ und Ähnliches: jedes Kind mit ADHS ist anders und immer individuell zu betrachten. Bei manchen hilft Ergo-und/oder Verhaltenstherapie, bei anderen helfen Medikamente sehr, im Alltag an- und klarzukommen. Die meisten Eltern, die Medikamente geben, wägen mit Arzt und Therapeuten sehr genau ab, was letztendlich die beste individuelle Therapie für das Kind bedeuten kann.

    1. Genauso ist es! Kein Elternteil gibt seinem Kind leichtfertig Medikamente, dahinter steckt doch häufig eine gut überlegte Entscheidung. Ein halbes Jahr lang habe ich jeden Morgen geweint, weil wir es ohne Medikamente schaffen wollten und weil wir uns so vor den Nebenwirkungen gefürchtet haben. Und ich habe oft auch nach vielen Jahren immer noch ein merkwürdiges Gefühl mich rechtfertigen zu müssen. Dabei ist die Entscheidung für oder gegen Medikamente immer individuell und anderen steht hier einfach kein Urteil zu!

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