Mobbing-Update: Früher hat Jonas andere Kinder drangsaliert, heute hat er sich im Griff

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Ihr Lieben, wir freuen uns immer, dass wir einige Familien über einen längeren Zeitraum begleiten dürfen und euch auch Updates geben können, wie sich gewisse Dinge entwickelt haben. Kristin hat uns vor dreieinhalb Jahren erzählt, dass ihr Sohn andere Kinder mobbt. Das Thema Mobbing ist generell sehr emotional, daher waren wir total dankbar, dass uns eine Mutter anvertraut hat, wie es sich anfühlt, wenn das eigene Kind andere Kinder mobbt und ärgert. Und wir freuen uns sehr, dass sie uns jetzt berichtet, wie es ihr und ihrem Sohn geht.

Liebe Kristin, im August 2019 haben wir schon mal ein Interview mit dir geführt. Da ging es um deinen Sohn Jonas (damals 6 Jahre alt), der andere Kinder gemobbt hat. Kannst du nochmal kurz zusammenfassen, welche Probleme dein Sohn damals hatte?

Jonas hatte sehr viele Schwierigkeiten in der Kita. Er konnte seine Kraft und die Gefühle anderer Mitmenschen gar nicht einschätzen. Anfangs hat er viel gebissen, danach Kinder einfach umgerannt und sich einfach genommen, was er brauchte. Er hat Regeln komplett missachtet. Sobald er keinen Rahmen hatte, ist die Situation völlig eskaliert. Besuche auf dem Spielplatz endeten meist damit, dass andere Kinder weinten und Eltern uns beschimpften. Er wurde von den meisten Kindern gemieden oder Eltern verboten ihren Kindern, mit ihm zu spielen.

Ihr habt damals viel unternommen, ihm zu helfen, wart in vielen Therapien. Wie geht es Jonas heute?

Jonas hat mit fünf Jahren angefangen Ergotherapie zu machen. Bei einigen Problemen, insbesondere der Feinmotorik, hat das auch wirklich sehr gut geholfen. Im SPZ fühlten wir uns nicht gut aufgehoben. Sie haben einen Verdacht auf ADHS gehabt, wollten dies aber erst mit Schuleintritt testen.

In den letzten Wochen der Kita Zeit eskalierte Jonas in der Kita komplett. Er würgte sogar seinen besten Freund dort. An diesem Tag haben wir mit dem Team der Kita beschlossen, einen Kinderpsychiater zu kontaktieren. 

Bereits eine Woche später hatten wir dort unseren ersten Termin. In weiteren Sitzungen wurde Jonas dort von mehreren Therapeuten begutachtet. Der Verdacht wurde nun bestätigt, dass es sich um ADHS handelte. Wir haben viele Tipps und Lösungsansätze mit an die Hand bekommen. Mit Schuleintritt haben wir es erst ohne Medikamente probiert, ab den Herbstferien mit. 

Wie geht es Jonas aktuell in der Schule?

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Jonas geht sehr gerne in die Schule (er würde es aber nicht zugeben, das ist uncool). Momentan ist er in der dritten Klasse und gehört zu den besten dort. Gerade Mathe macht ihm besonders Spaß. Mit seiner Lehrerin haben wir das goldene Los gezogen. Wir stehen im engen Austausch und sie kann mit Jonas sehr gut umgehen. Sie weiß, wo er in der Klasse am besten neben wem sitzt und was er gerade braucht. Sind Auffälligkeiten bei Jonas im Schulalltag, kontaktiert sie uns sofort. Sie tauscht sich auch oft mit uns über die Dosierung der Medikamente aus.

Ohne Medikamente hat er es so schwer gehabt, dass er teilweise in die Verweigerungshaltung gegangen ist. Er konnte sich nicht konzentrieren, war in Gedanken woanders und war dann vom Lernstoff überfordert.

Zurück zum Mobbing: Das letzte Mal hast du uns berichtet, Jonas sei aufgrund dessen bei anderen Kindern unbeliebt, würde nie auf Geburtstage eingeladen werden. Wie ist das heute?

Jonas hat heute Freunde. Nicht viele, aber einige, die wissen, wie sie mit ihm umgehen müssen. Selber Wert auf ganz feste Freundschaften, legt Jonas allerdings nicht. Das mussten wir als Eltern auch lernen zu akzeptieren. Am liebsten macht er nur etwas für sich und baut Sachen. Er ist auch mal auf einem Geburtstag eingeladen, doch wir besprechen dann auch mit den Eltern, dass wir abrufbereit sind, wenn es eskaliert. Dazu kam es zum Glück noch nicht.

Du hast uns auch erzählt, Jonas würde die Empathie gegenüber euch und auch seiner Schwester fehlen. Wie ist da heute der Stand?

In den letzten Jahren hat Jonas gelernt, bestimmte Verhaltensmuster in bestimmten Situationen zu zeigen. In neuen Situationen, die er noch nicht kennt, ist er oft noch überfordert und weint dann oder entzieht sich der Situation. Wir reflektieren dann mit ihm die Situation, um verschiedene Lösungsansätze zu erarbeiten. Manchmal ist das schon kraft- und zeitaufwändig, aber durch mehrmaliges Wiederholen, funktioniert es immer besser.

Wie seid ihr als Familie und Paar durch die letzten Jahre gekommen? 

 Es mag sich jetzt für einige merkwürdig anhören, aber wir haben die Coronazeit mit Homeschooling sehr genossen. Ich war mit den Kindern viel in der Natur unterwegs und wir haben uns intensiv mit unserem Nutzgarten beschäftigt. Das hat uns als Familie eine wahnsinnig großartige Auszeit ermöglicht. Jonas konnte sich in dieser Zeit frei austoben, ohne darauf zu achten, irgendwo reinpassen zu müssen. Mein Mann und ich haben durch Familientherapien wieder mehr zueinander gefunden und arbeiten im Team. Wir sind gelassener geworden und entspannen uns immer mehr.

Was sind gerade die besten Momente?

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Jonas glücklich zu sehen, was seine Leistungen in der Schule betrifft. Er ist wahnsinnig stolz, Einsen und Zweien mit Nachhause zu bringen. Außerdem ist Jonas sehr Technik-orientiert. Er baut und programmiert so gerne Roboter und Maschinen. Dafür hat er ein Händchen! Oder wenn wir an einer Schranke stehen und er mir erklärt, dass ein Sensor die Achsen des Zuges zählt und somit weiß, wann die Schranke wieder aufgehen muss… Diese Momente liebe ich einfach.

Was wünscht du dir für die Zukunft und von anderen Eltern?

Dass auch solche Kinder nicht einfach in eine Schublade gesteckt werden, sondern gesehen und akzeptiert werden solltemn. Jedes Kind ist einzigartig und hat sein Päckchen zu tragen. Leichter geht es, wenn die Gemeinschaft es dabei unterstützt.

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8 comments

  1. Ich stelle mir es nicht leicht vor, Mutter eines solchen Kindes zu sein 🙁 Die Sorgen an sich und auch das „abgestempelt werden“. Mein erster Gedanke beim Lesen war auch, dass es ein wenig nach Autismus klingt? Wenig Empathie, lieber für sich allein, braucht keine festen Freunde. Habt ihr darauf mal testen lassen? Da ergeben sich möglicherweise noch weitere Ansatzpunkte für den Umgang und eine Therapie? Schön, dass ihr einen Weg mit eurem Kind gefunden habt!!
    Trotz allem an dieser Stelle auch eine andere Sichtweise: in der Klasse meines Kindes (1.Klasse) ist ein Kind welches vermutlich einen ähnlichen Hintergrund mitbringt. Das neuste Vorkommnis von letzter Woche: er hat die Lehrerin mit einer Schere bedroht und ist auf Klassenkameraden mit der Scherenspitze drauf zugerannt. Die haben sich vor Panik im Klo eingeschlossen. Und nein, ich möchte mein Kind auch nicht zu diesem Kind zum Kindergeburtstag geben, dieses Kind nicht zu uns einladen und rate meinem Kind auch, sich von diesem Jungen möglichst fernzuhalten 🙁 Dieses Problem zu lösen ist aus meiner Sicht Sache der Erwachsenen, Eltern und Lehrer, (zB mit Therapien usw) und nicht der Kinder durch bessere Integration

  2. Schön auch so Gutes zu lesen! Wenn allerdings Empathie fehlt, ist das nicht “ nur“ ADHS. Andere Menschen ( Gestik, Mimik, Gefühle) garnicht zu erkennen geht weiter (in Richtung Autismus?).

    1. Silvia, hab ich nicht schon mal an Sie geschrieben, dass es übler Stil ist, wenn man so kategorische Urteile fällt, wenn man a) die Menschen nicht in echt erlebt und kennengelernt hat znd was schwerer wiegt…b) weder Ausbildung noch Erfahrung mitbringt? Ich hab beides und tue es auch nicht. Wenn es so funktionieren würde, wär mein Beruf sooo viel leichter. Hier berichten Eltern, die sich kümmern und es hilft. Mehr ist nicht zu wollen oder?

  3. Hallo liebe Mama von Jonas

    Wurde euer Jonas in der Praxis für Kinder- und Jugendpsychiatrie mal auf Autismus (F 84.5) „Asperger“ getestet?
    Und falls nein, wäre solch eine Diagnostik für euch denkbar ?

    Viele Grüße von einer Mama

  4. Ich bin echt beeindruckt, wie konsequent und intensiv ihr auf eine Verbesserung für Jonas hingearbeitet habt. Und dass die ganze Familie mitwirkt. Hut ab!

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