Mobbing: Michelle über ihre schwere Schulzeit

First they ignore you, then laugh at you and hate you. Then they fight you, then you win. (Erst ignorieren sie sich, dann lachen sie dich aus und hassen dich. Dann kämpfen sie gegen dich, dann gewinnst du)“

Diese Lyrics aus dem Song „Tripping“ von Robbie Williams beschreiben eine Zeit in meinem Leben ziemlich gut. Ich war in der Unterstufe eines Gymnasiums, als sich Mobbing in mein Leben schlich. Es fühlte sich an wie eine Welle, die sich langsam Stück für Stück aufbaute, höher und höher wurde – bis sie einen schließlich verschluckt. Ich hatte damals nicht den geringsten Schimmer, was Mobbing eigentlich ist und es war nicht abzusehen, dass sich aus einzelnen scheinbar unbedeutenden Situationen eines Tages so etwas Bedrohliches entwickeln würde. 

Anfangs waren es Gerüchte und Lästereien, die hinter meinem Rücken gestreut wurden – und von denen ich doch immer irgendwie Wind bekommen sollte. Die Absicht, die dahintersteckte, war nicht greifbar. „Lass sie reden“, dachte ich mir gutgläubig, „das legt sich wieder.“ Doch in Wirklichkeit wurde es von Tag zu Tag schlimmer. Ich war plötzlich in etwas hineingeraten, mit dem ich nicht gerechnet hatte, dass ich niemandem auch nur ansatzweise wünschen würde und aus dem ich alleine nicht mehr herausfinden sollte. Diese Welle, sie verschluckte mich für zwei ganze Jahre und von Tag zu Tag blieb mir ein wenig mehr die Luft weg.

Beleidigungen, körperliche Angriffe, Ausgrenzung

Zettel gespickt mit Beleidigungen, die in der Klasse kursierten, ein mir unbekanntes Mädchen, das mich in einer Pause aus dem Nichts gegen eine Säule schubste und mir „Ich hasse dich“ zu zischte. Alle gegen eine, eine gegen alle. Denn meine „Freunde“ stellten sich auf die Seite derjenigen, die scheinbar nichts von all dem mitbekommen würden.

Wenn etwas passierte, ignorierten sie es und schafften so den perfekten Nährboden, um es einer Gruppe zu ermöglichen eine willkürlich ausgewählte Person in der Klasse grundlos fertigzumachen. Damals verstand ich die Welt nicht mehr, denn ich hatte nichts verbrochen. Ich war wie ich immer gewesen war. Doch plötzlich hatte jemand etwas an mir, meiner Art oder meinem Äußeren auszusetzen. Ich wehrte mich lange, versuchte allem ein Ende zu setzen – doch ein Ende war außer Sichtweite. Also versuchte ich mich zu ändern, suchte den Fehler solange bei mir selbst bis ich merkte, dass keine Veränderung der Welt dazu führen könnte, dass sich die Attacken gegen mich legten. 

Viele Gespräche – doch die führten zu nichts

Meine Eltern setzten jeden Hebel in Bewegung, um die Lehrkräfte nicht nur auf die Vorfälle aufmerksam zu machen, sondern sie auch zum Handeln zu bewegen. Es fanden etliche Gespräche statt. Etliche Gespräche, die schlussendlich zu so gut wie nichts führten. Eine einzige Lehrerin schlug sich letztlich doch auf meine Seite, erkannte die Situation, in der ich mich befand und machte den Unterricht durch winzige Aktionen, wie beispielsweise eine neue Sitzordnung, erträglicher.

Der Gedanke die Schule doch irgendwann zu wechseln, war dabei fast jeden Tag präsent, wenn ich mit Unbehagen und einem flauen Gefühl im Magen die Klasse betrat. Doch irgendwie konnte ich einen Schulwechsel nicht mit mir vereinbaren. Der Gedanke einfach zu gehen und diese unabgeschlossene Geschichte für immer mit mir zu tragen, war so ausschlaggebend für mich persönlich, dass ich blieb und mir das Versprechen gab, all das zu überstehen. Das bedeutet natürlich nicht, dass in jedem Mobbing-Fall ein Schulwechsel keine Lösung sein kann. Eine solche Entscheidung kann einem niemand abnehmen. Für mich persönlich aber war ein Schulwechsel keine Option. 

Eines Tages hetzte mich dann eine Gruppe auf dem Heimweg mit dem Fahrrad über eine Straße. Ich geriet so sehr in Panik, dass ich eine rote Ampel übersah und gerade noch rechtzeitig bremsen konnte. Ich kam mit der Hälfte des Fahrrads auf der Straße zum Stehen und ein Auto raste knapp an mir vorbei. Die Gruppe zerrte mich und mein Rad auf den Gehweg, warf meine Tasche in ein Gebüsch, beleidigte mich auf das Übelste. Alles schien in Zeitlupe abzulaufen und den einzigen Gedanken, den ich fassen konnte, war „Weg hier!“

Ein Mädchen kam mir schließlich zur Hilfe, ich packte meine Tasche und fuhr unter Gegröle, Beleidigungen und in die Höhe gestreckte Mittelfinger auf die andere Straßenseite zurück. „Was habe ich euch nur angetan?“, fragte ich mich damals verzweifelt. Es war die Hölle und das Gespräch, das am kommenden Schultag zwischen mir und der Gruppe stattfand, sollte es nicht besser machen – im Gegenteil. Die beiden Lehrkräfte, die anwesend waren, gaben mir schließlich einen Tipp mit auf den Weg und ich wusste ehrlich nicht, ob vielleicht irgendwo eine Kamera versteckt war und alles vielleicht doch nur ein unglaublich schlechter Witz war. „Wenn du gemobbt wirst, dann ignoriere es doch einfach“, wurde mir geraten. Mir fiel auf diese Aussage im Zusammenhang mit dem, was mir widerfahren war, keine Antwort mehr ein und ich konnte mir bei besten Willen nicht vorstellen, wie all das jemals enden sollte. 

Meine Eltern drohten den Mobbern mit der Polizei

Doch just in dem Moment, in dem meine Eltern der Schule im Anschluss an das Gespräch mit dem Einschalten der Polizei drohten, kam plötzlich Bewegung in die Sache. Der Gruppe wurden Konsequenzen angedroht und – endlich – ebbte das Mobbing von Tag zu Tag mehr ab. Ein halbes Jahr später schaffte ein Großteil der Beteiligten den Sprung in die nächsthöhere Jahrgangsstufe nicht und es war irre zu beobachten, wie viel der Einfluss einiger weniger Menschen auf das Klassenklima ausmachen konnte. 

Trotzdem war ich noch lange Zeit auf der Hut, mal dachte ich mehr, mal weniger an diese Mobbing-Zeit zurück – doch die Erinnerungen waren immer da und so richtig schloss ich mit den Erlebnissen erst mit dem Abitur ab. Mit dem Abschlusszeugnis in der Hand schien es, als würde ich aus dieser Welle, die mich einst verschluckt hatte, endlich auftauchen. Kurz darauf war das Schicksal dann auf meiner Seite und ich durfte die Person treffen, die mit ihrer Musik jeden Tag dafür gesorgt hatte, dass ich in der Lage gewesen war „gute Miene zu bösem Spiel“ zu machen. Ich kannte Robbie Williams Musik seit ich ein kleines Mädchen war. Doch in der Zeit, in der ich gemobbt wurde, waren seine Songtexte neben der Unterstützung meiner Familie der Strohhalm, an den ich mich klammerte, wenn ich in der Schule alleingelassen wurde. Mich persönlich zu bedanken für die Lyrics, die teils wie die Faust aufs Auge zu meiner Geschichte passen, war einer der wunderbarsten Momente. Einer der Momente, die mich mit all den Geschehnissen ein für alle Mal abschließen ließen.

Geblieben sind mir aus dieser Zeit nur mein Buch „How To Survive Mobbing“ und Songtexte wie „then they fight you, then YOU win“. Eine Zeit, an dich ich heute sogar lächelnd zurückdenken kann. Denn, was am Ende wirklich zählt, ist nur eines: eine negative Zeit nutzen, um sie in etwas Positives zu wandeln. Ich weiß, was Mobbing ist und wie es sich anfühlt – aus keinem anderen Grund habe ich mein Buch geschrieben und erzähle von dem, was ich durchgemacht habe. Mit meiner Geschichte kombiniert mit theoretischen Aspekten ein Zeichen gegen Mobbing zu setzen ist mir ein unglaublich wichtiges Anliegen, denn zu viele Menschen schweigen das Thema tot, verleugnen es und geben denjenigen die Schuld, die keine Schuld trifft. 


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8 comments

  1. Danke liebe Michelle für deine Geschichte! Ich selbst habe Mobbing in der Schule erlebt, bei weitem nicht so extrem wie du, doch es hat mich wahnsinnig geprägt und ich bin so gewachsen! Ich habe mir damals außerhalb der Schule einen neuen Freundeskreis aufgebaut und ich gebe (mittlerweile) wenig auf die Meinung anderer, und mache einfach mein Ding & komme mit so gut wie jedem Typ Mensch klar. Ich finde es so wichtig, dass das Thema präsenter ist und mehr darüber gesprochen wird und sowohl Kinder als auch Erwachsene nicht wegschauen. Je früher jemand von außen mal was sagt, desto besser. Da kann sich jeder einzelne mal an die Nase packen ;). Mir hat damals wahnsinnig geholfen, dass ich mit meinen Eltern offen über das Thema sprechen konnte. Deine Eltern standen ja zum Glück auch immer hinter dir. Vllt ein Tipp an die Eltern, ein entsprechenden Vertrauen aufzubauen :). Und euren Kids ganz viel Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein mit auf den Weg geben. Alles Liebe für dich Michelle :), deine Maike

  2. Liebe Michelle, ich lese aus diesem Text so viel Hilflosigkeit. Meine Kinder sind noch klein 6, 3 und 1 Jahr. Aber wie kann ich denn verhindern dass Sie selbst in keine so ausweglose Situation geraten? Hättest du irgendwie besser darauf vorbereitet werden könnnen? Wie kann ich als Elternteil aus deiner Sicht am besten reagieren bzw. wann muss ich eingreifen und meine Kinder schützen, mir Hilfe holen? Was mach ich wenn die Schule nicht kooperiert? Das Thema ist so komplex und es macht wirklich betroffen und hilflos dass die eigenen Kinder eventuell wehrlos diesen Intrigen ausgeliefert sind . . . Dir alles Gute und nutze deine Kraft, die du aus deiner leider schwierigen Situation gewonnen hast! Liebe Grüße!

    1. Liebe Tanja, danke für Deinen Kommentar. Ich glaube, dass man eigentlich nicht wirklich darauf vorbereitet werden kann. Ich war damals noch so jung – ich wusste gar nicht, was Mobbing eigentlich ist bzw. verstand lange nicht, dass das was passierte Mobbing war und wollte es dann später auch lange nicht als solches anerkennen.

      Mobbing entwickelt sich oft untergründig und schleichend. Letztlich kann es jeden treffen. Ich war im Jahr bevor alles bei mir begann Klassensprecherin – dann machte eine Gruppe Stimmung gegen mich – oft so, dass ich es gar nicht mitbekam.

      Für Eltern ist es denke ich noch einmal schlimmer, weil man nicht vor Ort in der Schule dabei sein kann, um direkt einzugreifen. Hier stehen Lehrkräfte in der Pflicht. Ich denke, du kannst sicherlich mit deinen Kindern über Mobbing sprechen, ihnen aufzeigen, was das eigentlich ist, dass das ein No-Go ist und sie dahingehend für das Thema sensibilisieren.

      Generell ist es nie verkehrt sich von Beginn an, sollte es zu einem Mobbing-Fall kommen, Hilfe zu holen – es gibt viele Beratungsstellen, die einem Tipps geben können. Eltern sollten sich hinsichtlich eines Mobbing-Falls eigentlich immer auch an die Schule wenden. Es wird beispielsweise davon abgeraten, sich an die Eltern der Mobbing-Täter zu wenden, weil diese ihr eigenes Kind immer in Schutz nehmen werden – und das oft dann zu wenig führt. Vielleicht ist bei all diesen Fragen mein Buch ein guter Ratgeber für dich – die meisten deiner Fragen beantworte ich dort ziemlich ausführlich und gehe auch darauf ein, wie sich Mobbing definiert, wie es sich entwickelt, wie können Eltern reagieren – welche Anlaufstellen für Eltern gibt es, wie kann man reagieren, was kann bei Mobbing helfen usw. Ich hoffe aber, dass ich deine Antworten hier zum Großteil zumindest ein bisschen beantworten konnte? Sonst schreibe mich gerne persönlich via Facebook an (Michelle Rodriguezz) Ganz liebe Grüße, Michelle

  3. Liebe Michelle, vielen Dank für deinen Artikel! Ich finde es sehr wichtig dass darüber gesprochen wird und auch vermeintlich belanglose Situationen erwähnt werde , die schon oft auf Mobbing hindeuten und sich diese Sache eigentlich nur von Tag zu Tag verschlimmer wird. Und du dich als Opfer siehst auf die Schuld bei dir selbst suchst. Das nagt so sehr am Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen. Wichtig finde es ich, dass die Pädagogen dahingehend noch besser geschult werden. Das es einen Mobbingbeauftragten an jeder Schule geben muss. Und dass die Kinder lernen selbstbewusst zu sein und füreinander einzustehen Respekt voreinander zu haben und vor allen Dingen bestärkt werden im Zusammenhalt. Das keine einzelnen zur Zielscheibe werden können. Das es keine Opfer und Sündenböcke mehr gibt. Mich macht das unglaublich trauri, dass sowas immer wieder passiert und einzelne einfach zu schwach sind um sich gegen die Gruppe wehren zu können… aber da heißt es Augen auf und helfen! Und auch frühzeitig die Kinder aufklären. ich wünsche dir alles Gute! Und ich werde mir gleich mal dein Buch anschauen.
    Liebe Grüße
    Anne

  4. Vielen Dank für diesen Artikel. Ich bin selbst Mobbing Opfer gewesen und es gäbe für mich nichts schlimmeres als, dass es eine meiner Töchter evtl. auch treffen könnte. Die Hilflosigkeit ist grenzenlos und schmerzt unheimlich.
    Wie es der Zufall will, bin ich einer der Beteiligten jetzt wieder über dem Weg gelaufen und habe zwangsläufig leider mit ihr zu tun. Sie tut so als sei nichts gewesen. Einfach traurig….
    Ich bewundere Michelle, alles richtig gemacht.

    1. Liebe Andrea, lieben Dank für deine Worte und dass Du all das teilst. Ich wünsche dir und deinen Töchtern nur das Beste! Ganz liebe Grüße, Michelle

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