Sechs Fehlgeburten: Wie ich die innere Leere danach füllte

Fehlgeburt

Ihr Lieben, das Leben hat manchmal einfach andere Pläne mit uns, als wir uns das so vorstellen. Christina Diehl wünschte sich jahrelang Kinder, wurde auch immer wieder schwanger. Doch nach sechs Fehlgeburten zog sie einen Schlussstrich. Heute ist sie kinderlos glücklich und hilft als Coach und Speakerin Menschen in ähnlichen Lagen. Sie sieht den Schmerz der anderen. Darüber, wie sie die Lücke füllte, die nach ihren Schicksalsschlägen entstand, hat sie nun ein selbstbewusstes Buch geschrieben: Netter Versuch, Schicksal: Wie ich die innere Leere nach meinen sechs Fehlgeburten wieder füllen konnte. Wir durften ihr das Wichtigste schon mal im Interview entlocken.

Liebe Christina, sechs Fehlgeburten hast du hinter dir. Fühlst du dich vom Schicksal auch so ein Stückweit veräppelt?

Das war sicherlich mal so, ja. Als ich noch im Kinderwunsch steckte und eine Schwangerschaft nach der anderen scheiterte, fühlte ich mich sogar gänzlich vom Schicksal verlassen. Zweifelsohne war das die schlimmste Phase meines Lebens und daran gibt es auch nichts schön zu reden. Und trotzdem konnte ich den Blick auf das Erlebte irgendwann ändern, mein Schicksal akzeptieren und loslassen.

Hast du deinen Kinderwunsch mittlerweile aufgegeben? Ist er noch da, aber du hast Wege gefunden damit zu leben, dass er wohl nicht erfüllt wird? Oder wie gehst du mit der aktuellen Situation um?

Ich habe meinen Kinderwunsch schon vor einer Weile zu den Akten gelegt. Mir war irgendwann klar, dass ich keine Kraft mehr für weitere Versuche hatte und es sich nicht für mich lohnen würde, weiter zu kämpfen. Als ich das so eindeutig vor Augen hatte, konnte ich mich Schritt für Schritt aus der Verzweiflung rausholen und mich wieder auf die positiven Dinge des Lebens konzentrieren. Das war nicht leicht und brauchte ein Weile – hat sich aber auf jeden Fall gelohnt: Heute bin ich aus vollem Herzen kinderlos glücklich und vermisse nichts mehr in meinem Leben.

Netter Versuch, Schicksal: Wie ich die innere Leere nach meinen sechs Fehlgeburten wieder füllen konnte

Wie reagierst du auf die Frage Fremder, warum du keine Kinder hast?

Zunächst wundere ich mich über die direkte Frage eines Fremden, der sich offensichtlich nicht darüber bewusst ist, was er damit bei seinem Gegenüber auslösen könnte. Ich kann heute mit solchen Begegnungen umgehen, für andere Betroffene kann diese arglose Neugier allerdings tiefe Wunden aufreißen. Es ist daher Teil meiner Mission, die Gesellschaft dahingehend zu sensibilisieren und aufzuklären – damit solche Fragen bestenfalls gar nicht mehr gestellt werden.

Aber zurück zu mir: Ich entscheide in diesen Momenten nach Sympathie und antworte entweder gar nicht oder erkläre, dass ich mir ursprünglich Kinder gewünscht habe und es nicht geklappt hat. Je nachdem, wie hartnäckig mein Gegenüber nachhakt, erzähle ich die Geschichte auch detaillierter. Damit muss mein Gesprächspartner dann ebenfalls klarkommen: Wer direkt fragt, bekommt im Zweifel auch eine direkte Antwort.

Du hast eine absolute Achterbahn der Gefühle hinter dir. So viele Ups und Downs – was hat dich die Zeit, in der sich Hoffnung und Enttäuschung ständig abwechselten, über das Leben gelehrt?

Dass es Dinge gibt, die wir nicht ändern können. Das war bis zum Zeitpunkt meines Kinderwunsches auch neu für mich, schließlich hatte ich mein Leben bis dahin nach meinen Vorstellungen gestaltet – mir beispielsweise meinen Partner, meinen Job und Wohnort selbst ausgesucht. Der Wunsch nach einem Kind wurde für mich dagegen immer mehr zur Sackgasse: Egal, wie sehr ich mich anstrengte – ich kam nicht ans Ziel. Heute weiß ich, dass es gesünder ist, manche Gegebenheiten zu akzeptieren, anstatt verzweifelt an ihnen festzuhalten. Erst dann kann es Raum für Neues geben.

Wie ging es dir mit dem Leben der anderen? Damit, dass so viele einfach so Kinder kriegen konnten um dich herum, nur du irgendwie biologisch abgehängt wurdest (so fühlte es sich bestimmt an, oder?)… Und wie geht es dir heute damit?

Das ist ziemlich gut beschrieben: Solange man im Kinderwunsch gefangen ist und nur Enttäuschungen erlebt, hat man das Gefühl, dass es bei allen easy klappt – nur bei einem selbst nicht. Das hat bei mir für immer mehr Verzweiflung gesorgt. Heute weiß ich, dass dieses Bild der einfachen Familiengründung nicht immer der Realität entspricht.

Als Coach und Speaker bin ich mit so vielen Betroffenen im Austausch und selbst Paare mit Kindern haben nicht selten schwierige Kinderwunschwege hinter sich. Durch einen offenen Umgang miteinander, sorgt dieses Wissen für gegenseitiges Verständnis. Im persönlichen Vergleich mit vermeintlichen Erfolgsgeschichten kann man hingegen nur verlieren: Es wird immer Menschen geben, die vermeintlich mehr haben, als man selbst – statt sich also daran zu messen, ist es zielführender, nach den eigenen Vorteilen des Lebens zu suchen.

Habt ihr in verzweifelten Momenten auch mal an Trennung gedacht? Weil der Kinderwunsch einfach so groß war, dass ihr die Liebe zueinander fast übersehen hättet?

Nein, nie. Eher im Gegenteil: Mit jedem Tiefschlag sind wir mehr zusammengewachsen und konnten uns immer mehr mit einem alternativen Lebensplan anfreunden. Wir hatten großes Glück, dass wir uns bezüglich der Zukunftsvorstellung einig waren: Lieber glücklich zu zweit – als alleine am unerfüllten Kinderwunsch zu verzweifeln.

Kamen andere Wege für euch in Frage, Pflegekind, Adoption….?

Ich bin innerhalb von fünfeinhalb Jahren ständig auf natürlichem Wege schwanger geworden, daher stellten wir uns diese Frage nie – zumal uns die Ärzte weiterhin Hoffnung auf ein gesundes Kind machten. Als wir uns nach der sechsten Fehlgeburt für einen Schlussstrich entschieden, hatten wir uns zudem schon ausgiebig mit der Möglichkeit unseres kinderlosen Lebens auseinandergesetzt und sahen den Nachwuchs nicht mehr als einzigen Ausweg zum Glück.

Manchmal wolltest du weglaufen vor dem Schicksal. Wohin am liebsten?

Das waren oft diffuse Orte, im Sinne von „einfach nur weg“. Immer wenn ich mich meiner Situation hoffnungslos ausgeliefert fühlte, verführte mich ich die Vorstellung, noch mal neu anzufangen. Oft hatte dieser erwünschte Neuanfang auch etwas mit dem Druck der Gesellschaft zu tun, durch die ich mich als weniger wertvolle Frau abgestempelt fühlte. Heute ist mir egal, in welche Schublade mich andere stecken. Ich bin glücklich – da, wo ich jetzt bin.  

Du hast dich dann nochmal neu kennengelernt, inwiefern?

Nie zuvor sah ich mich so erbarmungslos mit meinen Schmerzpunkten konfrontiert. Das war an manchen Tagen kaum auszuhalten, führte aber dazu, dass ich mir grundlegende Fragen stellte: Was will ich wirklich? Was erfüllt mich bereits? Und will ich für den Rest meines Lebens in dieser Opferrolle gefangen sein? Dadurch kam ich wieder in die aktive Handlung und staunte nach jedem Aufstehen über meine eigene Stärke. Heute stehe ich dem Leben gelassener gegenüber, weil ich weiß, dass ich so manchen Tiefschlag überwinden kann.

Du konntest die Leere nach deinen Fehlgeburten füllen? Wie hast du das geschafft und wie lang hat das gedauert?

Ich habe irgendwann bewusst beschlossen, das „Hätte, Wäre – Wenn“ aus meinem Wortschatz zu streichen. Eine Psychotherapie und Meditation waren dabei eine wertvolle Stütze und irgendwann konnte ich meinen Fokus wieder ganz auf das „Hier und Jetzt“ ausrichten. Das war ein Prozess, der einige Monate dauerte, aber mit jedem Tag für mehr Erfolg sorgte.

Darüber hinaus hat mir die Entscheidung, mit meiner Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen, ganz neue Türen eröffnet: Die Möglichkeit, anderen Betroffenen durch meine Arbeit als Autorin, Coach und Speaker neue Hoffnung zu schenken, erfüllt mich zutiefst und hat meinem Schicksal einen neuen Sinn gegeben.

Du hast dieses Buch auch „Gegen das Schweigen“ geschrieben. Warum sollte viel mehr und viel offener über Fehlgeburten gesprochen werden?

Weil so viele von Fehlgeburten und einem unerfüllten Kinderwunsch betroffen sind und sich niemand damit allein gelassen fühlen sollte! Noch immer erzählen mir Frauen und Paare von unsensiblen Reaktionen aus dem Umfeld und unzulänglicher Aufklärung durch medizinisches Personal. Diese Missstände können nur behoben werden, indem das Thema Gehör findet und für mehr Aufmerksamkeit sorgt – und genau dafür bin ich laut!

Du kannst trotzdem guter Hoffnung sein, schreibst du. Erzähl uns mal davon.

Das ist ganz einfach: Es gibt so vieles, worauf ich mich freue! Früher war ich überzeugt davon, dass mir ausschließlich ein Kind zum Lebenssinn verhelfen würde – heute habe ich mein Glück wieder selbst in der Hand. Ich entwickele ständig neue Pläne, möchte noch viel von der Welt sehen und Menschen durch meinen Weg inspirieren.

Im Austausch mit anderen Betroffenen ist dir wichtig, deinem Gegenüber zu signalisieren, dass du ihn oder sie siehst…

Ja, diese Sichtbarkeit hat mir damals gefehlt und ich kam mir am Tiefpunkt meines Kinderwunsches verlassen und vergessen vor. Mir ist es wichtig zu signalisieren, dass ich Betroffene in ihrem Schmerz verstehe und ihre Erlebnisse niemals über ihren Wert in der Gesellschaft entscheiden. Deshalb: Ja, ich sehe euch! Ihr seid wichtig und es sind eure Geschichten, die gehört werden wollen – weil sie uns verbinden und für mehr Zusammenhalt sorgen!

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