Regenbogen-Familie: Wichtig ist Liebe, nicht Blutsverwandtschaft

Liebe Nicole, wer gehört alles zu deiner Familie?

Zur Familie gehören meine Frau und ich – Alter so in den späten 30ern bzw. frühen 40ern, beide tätig im sozialen Bereich, wohnhaft in Süddeutschland in einer größeren Stadt, dabei mitten in dieser ohne Garten, aber immerhin mit Balkon etc. in einer „Durchschnittsmietwohnung“.

Dann K1 – 8 Jahre alt, besucht die 2. Klasse der Grundschule, falls diese gerade geöffnet hat, leibliches Kind aus der früheren (Hetero-)Ehe meiner Frau und damit mein Stiefkind – hat aber auch noch einen Vater, den es regelmäßig sieht.

K2 – 2 Jahre alt, besucht theoretisch eine Kita, war praktisch nun aber seit Mitte März nicht mehr dort. Unser gemeinsames Kind, ausgetragen von mir. Hat einen „Gefrierpapa“ in Dänemark, den es kennenlernen kann, wenn es volljährig ist. Wurde von meiner Frau mit einem knappen Jahr als Stiefkind adoptiert.

Außerdem haben wir zwei Sternenkinder, wovon wir eines auch in unser Stammbuch eintragen ließen, da es bereits als kleiner Mensch mit Herzaktion im Ultraschall sichtbar war. Ein paar Haustiere wuseln auch noch mit rum.

Wo habt Ihr Euch kennen und lieben gelernt?

Wir haben uns tatsächlich (so unwahrscheinlich das für Andere klingt) auf der Arbeit kennengelernt. Meine Frau lebte damals noch mit ihrem jetzigen Ex-Mann zusammen. Deswegen hatte ich nicht auf dem Schirm, dass sie sich überhaupt für mich interessieren könnte, aber sie war hartnäckig. Schließlich hat sie sich von ihrem Ex-Mann getrennt und danach begann unsere Beziehung. Das ist mittlerweile 6 Jahre her. 

Du hattest ja auch zwei Fehlgeburten. Kannst du mehr darüber erzählen?

Die Fehlgeburten erfolgten kurz nacheinander und liegen nun ca. 3,5 Jahre zurück. Ich habe damals sehr darunter gelitten, auch heute denke ich noch oft an die beiden kurzen Schwangerschaften zurück. Ich bin traurig darüber, dass ich diese Kinder nie kennenlernen werde. Da es meine beiden ersten Schwangerschaften waren, habe ich damals total an mir und meinem Körper gezweifelt und weil mein Kinderwunsch übermächtig war, war meine größte Angst, dass ich nie ein leibliches Kind haben werde.

Dabei ging es mir weniger um den Aspekt, ein „eigenes“ Kind zu bekommen, als um die Erfahrung, das Kind austragen und von Anfang an begleiten zu dürfen. Auch körperlich ging es mir länger nicht gut, ich hatte kurz hintereinander zwei Ausschabungen und die plötzlichen Hormonumstellungen waren heftig.

Das dritte Mal hat es aber dann geklappt!

Genau, die Schwangerschaft mit K2 war dann meine dritte und verlief zum Glück sehr unkompliziert, das hat mich in gewisser Weise „entschädigt“ und ich habe auch das Vertrauen in mich zurückgewonnen. Die Fehlgeburten haben unsere Paarbeziehung damals sehr belastet, weil wir sehr unterschiedlich mit den Verlusten umgegangen sind und meine Frau auch an einen Punkt kam, an dem sie die Kinderwunschbehandlung nicht mehr fortsetzen wollte.

Das war für mich aber völlig undenkbar. Wir hätten uns in dieser Zeit sogar fast getrennt, weil die Positionen unvereinbar schienen. Schlussendlich hat sie sich dann darauf eingelassen, nach einer längeren Behandlungspause einen letzten Versuch zu wagen und ich mich darauf, dass wir nicht weitermachen würden, wenn es erneut zu einer Fehlgeburt käme. Zum Glück ging dann alles gut. 

Wir denken ja immer, dass unsere Gesellschaft mittlerweile so weit ist, dass gleichgeschlechtliche Partnerschaften völlig normal sind. Erlebst du das so oder gab es für euch auch schon mal blöde Situationen?

Wir haben nie offene Diskriminierung oder Abwertung erlebt. Insgesamt empfand und empfinde ich die gesamte „Elternwelt“ aber schon noch als sehr (cis-)heteronormativ. Nur als kleine Beispiele, im Geburtsvorbereitungskurs wurde ständig von „den Männern“ oder „den Papas“ gesprochen, obwohl die Hebamme wusste, dass ich mit einer Frau zusammen bin.

Oder ich wurde in Mamatreffs etc. grundsätzlich nach „meinem Freund/Mann“ gefragt, konnte mir dann immer überlegen, ob ich es jetzt einfach so stehen lasse oder mich erkläre. Oft kamen auch Fragen, die ich als distanzlos empfand, z. B. danach, wie unser Kind entstanden ist, welche Kriterien wir bei der Auswahl des Spenders angelegt hätten etc.

Ich bin grundsätzlich ein offener Mensch und ich trage auch gerne zur Aufklärung anderer bei. Aber von wildfremden Menschen recht intime Dinge gefragt zu werden oder immer wieder erklären zu müssen, dass ich nicht heterosexuell bin, das finde ich anstrengend. Ich gehe davon aus, dass das in den allermeisten Fällen nicht böse gemeint ist von den Gesprächspartner*innen. Vielleicht steckt auch teilweise nur die fehlende Übung in inklusiver Sprache dahinter.

Trotzdem würde ich mir wünschen, dass Regenbogenfamilien ganz selbstverständlich mitgedacht und mitbenannt werden, genauso wie alleinerziehende Elternteile, Pflege- und Adoptiveltern etc. und da ist schon noch ein Stück Weg zu gehen aus meiner Sicht.

Wie erleben das Eure Kinder, dass die nicht in einer klassischen Vater-Mutter-Kind-Konstellation groß werden?

Wir sind ja schon eine etwas spezielle Konstellation, mit Regenbogen und Patchwork – zudem dass unsere Kinder verschiedene leibliche Mütter haben. K2 ist aktuell noch zu klein, um da etwas zu sagen zu können. Es weiß, dass K1 einen Papa hat, den es auch kennt. Das wird mit zunehmendem Alter denke ich noch interessant. Für K1 spielt der leibliche Vater eine wichtige Rolle, ich bin eher eine zusätzliche Bezugsperson als „Elternersatz“.

Die Kinder nehmen – denke ich – das als selbstverständlich hin, was sie erleben und wir ermöglichen ihnen auch Kontakte zu anderen Familien, die nicht „dem Standard“ entsprechen, um vorzubeugen, dass sie sich irgendwie „unnormal“ fühlen.

Was bedeutet Familie für Euch? Welche Werte sind Euch wichtig?

„Love makes a family“ ist etwas, was viele Familien eint, die vom „Standardmodell“ abweichen. Für uns ist nicht wichtig, wer mit wem (nicht) blutsverwandt ist, sondern dass wir zusammen leben und uns lieben. Für unsere Kinder ist es uns wichtig, sie zu selbstständigen, eigenständig denkenden Menschen zu erziehen, die anderen Menschen und deren Themen offen begegnen, diese aber auch kritisch hinterfragen können.

Wir versuchen ihnen vorzuleben, dass wir Geschlechterstereotype zwar kennen, ihnen aber nur bedingt folgen und wir möchten sie ermächtigen, sich frei zu entscheiden, ob sie eine Sache mögen, unabhängig davon, ob sie geschlechtstypisch ist oder nicht (das ist im Übrigen gar nicht so einfach und wir tappen auch in die eine oder andere Falle dabei). Wir vermitteln ihnen, dass alle Menschen gleich viel wert sind, unabhängig von Äußerlichkeiten und Gruppenzugehörigkeiten. Ansonsten sind uns denke ich die Dinge wichtig, die anderen Familien auch wichtig sind – zusammen leben, lachen, streiten, sich wieder versöhnen, irgendwie gut durch die Schulzeit kommen etc….

Wenn Du eine Sache für Eure Familie ändern könntest, was wäre das? 

Über diese Frage habe ich jetzt lange nachgedacht und tatsächlich fällt mir nichts ein. Vielleicht finden wir irgendwann ein bezahlbares Haus mit Garten, das wäre schön, aber wenn nicht, ist auch alles gut so, wie es ist 🙂


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