Schwanger: Hört auf, mir mit euren Ratschlägen Angst zu machen!

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„Schlaf besser schon mal vor“, meinte eine Bekannte, die ich neulich bei einem meiner letzten Spaziergänge traf. „Genieß die Ruhe. Die wirst du nie. Wieder. Haben.“

Ja, super – denke ich. Danke fürs gute Zureden. Überhaupt bekomme ich sehr viele Tipps, seit ich schwanger bin. Und zwar in der Regel ungefragt. Die meisten davon finde ich nicht nur anmaßend und übergriffig, sondern fast ein bisschen doof. Denn wie soll ich denn bitte vorschlafen?! Als wenn es ein Schlafkonto geben würde, dass ich jetzt fleißig auffüllen und dann später nach Bedarf aufbrauchen könnte. Wäre ja geil. Ist aber nicht so. Auch das mit dem Ruhe-Genießen empfinde ich als überflüssigen Hinweis. Ich bin absolut nicht der Typ für Ruhe. Mich stresst es regelrecht, dass mein körperlicher Zustand mich aktuell dazu zwingt, einen Gang herunterzuschalten und nur herumzuliegen.

Was soll das bitte?!

Aber was noch viel schlimmer ist: Manche von den „gut gemeinten Ratschlägen“ machen mir regelrecht Angst. Zum Beispiel, wenn wieder einmal eine Mutter (ja, meistens sind es tatsächlich die Frauen) mich mitleidig anschaut und mir versichert, dass sich jetzt mein ganzes Leben verändert und nichts mehr so sein wird, wie es war. Natürlich wird sich mein Leben verändern. Denken die denn, dass man mir das sagen muss? Dass ich unter Schlafentzug leiden werde, fremdbestimmt bin, meine Brüste wie zeitgesteuerte Rasensprenger werden und ich mir beim Niesen unter Umständen in die Hose pinkle? Und dann erst diese schmerzhafte Geburt, bei der ich im Zweifelsfall vor den Augen anderer Menschen quasi öffentlich kacken werde. Wusste ich das schon? Ja, wusste ich. Danke.

Bitte mehr Zuspruch!

Was ich hingegen wesentlich seltener erlebe, ist positives Zureden. Und ich frage mich wirklich, warum das so ist. Denn wenn jemand einen schmerzhaften Eingriff beim Zahnarzt vor sich hat, sagt doch auch niemand: Uuuuh, das wird bestimmt richtig heftig! Ich könnte mir vorstellen, dass man sich viel besser fühlen würde mit Sätzen wie: Ach, das wird bestimmt gar nicht so schlimm. Und im Notfall gibt’s doch auch eine Betäubung!“
Was das Ganze aus meiner Sicht noch ad absurdum führt, sind die Fragen, die nahezu im selben Atemzug gestellt werden. „Du freust dich bestimmt schon riesig, oder?“ Wie jetzt: Ich soll mich darauf freuen, dass es super schmerzhaft wird, ich quasi mein eigenes Leben an den Nagel hängen und nie wieder schlafen kann?! Leuchtet mir nicht ein. Entscheidet euch bitte, ob ich nun Angst haben soll oder mich gefälligst freuen muss.

Wie es auch anders gehen könnte

Um jetzt nicht nur zu motzen, sondern auch etwas Konstruktives zu sagen: Was mir geholfen hat, war, wenn mein Gegenüber ganz bei sich geblieben ist. Denn Erfahrungsaustausch tut gut und ist wichtig – gerade beim ersten Kind. Doch es ist ein maßgeblicher Unterschied, ob jemand aus der Ich-Perspektive die subjektiven Eindrücke des Kinderkriegens schildert  – oder ob mich jemand darüber belehrt, wie es für mich sein wird. Denn am Ende kann das doch keiner wissen. Jede Geburt, jedes Kind, jede Mutter ist anders. Was die eine toll findet, ist für die andere der Horror. Das eine Kind dreht fünf Extrarunden, das andere flutscht nur so heraus. Und wie das am Ende nun alles für mich sein wird, das werde ich sehen. Und sonst niemand.

—–
Über die Autorin: Christina Rüschhoff aus Hamburg ist 36, freie Journalistin (www.einfrauunternehmen.de) und schreibt unter anderem Artikel für BILD der FRAU und Welt am Sonntag.  2019 hat sie gemeinsam mit einer Freundin das Start-up „Einhorn-Coaching“ gegründet. Ende September kam ihr erstes Kind zur Welt. (Und nein, ihr Leben ist nun nicht vorbei)

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13 comments

  1. Ein sehr gelungener Artikel. Wer kennt es nicht? Diese Ratschläge..Aber ich glaube bei dem Thema Schwangerschaft kommen sie aus allen Ecken gekrochen. Ich glaube viele Ratschläge sind oft gar nicht so „böse“ gemeint, aber können durchaus anstrengend werden. Ich kann beide Seiten verstehen. Ein gut gemeinter und ehrlicher Ratschlag kann was super tolles sein. Ich denke hier macht auch der Ton die Musik und ob ein Tipp ehrlich und aufrichtig gemeint ist. Viele sind eben doch nur die üblichen Floskeln, a la „schlaf schon mal vor“ und „dein Leben wird sich verändern“ etc. Darauf kann man auch sehr gut verzichten.

  2. Ich muss sagen, ich bin
    Ich muss sagen, ich bin dankbar, dass heute über viele Dinge rund um Schwangerschaft, Geburt und Kinderhaben so offen gesprochen wird. Aber wie du schon schreibst, es ist ein großer Unterschied, ob jemand bei sich und dem eigenen Weg bleibt oder anderen Ratschläge gibt. Ich war so gut informiert über alle potentiell negativen Dinge, dass ich letztlich einfach erleichtert war, wie unkompliziert bei uns vieles war (ich bin jetzt seit sieben Monaten Mama). Ein Satz aus der Anfangszeit ist mir zu dem Thema auch im Ohr geblieben. Da erzählte ich einer Freundin, dass ich die erste Babyzeit wirklich VIEL entspannter finde, als gedacht und sie sagte “Na warte, das kommt noch. Spätestens, wenn die Zähne kommen.” Jetzt kommen die Zähne und bislang ist alles ok und bald werden uns vermutlich die ersten vor den Terrible Twos warnen 😉

  3. Vorsatz einer Neu-Mama 🙂
    Ich bin erst seit kurzem Mutter und musste schon ein paar Mal der Versuchung widerstehen, einer Erstschwangeren ungefragt Tipps zu geben. Bin froh, dass ich es bislang geschafft habe. Definitiv möchte ich nicht die Mutter sein, die zu einer Schwangeren sagt, wie deren Leben ab Geburt des Kindes „sein wird“. Ich habe schwanger ungebeten z.B. die Prophezeiung erhalten, dass ich „einen unglaublichen Hormonrausch erleben werde“ (habe ich nicht) und dass „meine Nächte im ersten halben Jahr der Horror sein werden“ (kann ich auch verneinen).
    Es ist einfach jede Frau, jedes Baby, jede Lebenssituation so unterschiedlich, außerdem hat jede ihr ganz individuelles Bündel an Positiv- und Negativ-Faktoren in der Beziehung zum Kind und im Familienleben…so dass solche Prophezeiungen im schlimmsten Fall Ängste wecken oder aber hohe Erwartungen, die sich dann nicht erfüllen (Stichwort „Hormonrausch“ in meinem Fall…) und zu Enttäuschung oder Unzulänglichkeitsgefühlen führen.
    Und solche Tipps und Ratschläge sind außerdem letzten Endes nichts anderes als ein narzisstisches „Ho ho, ich bin hier die Erfahrene und zeige dir jetzt mal, wo‘s langgeht“. Braucht kein Mensch!

  4. Willkommen im Leben einer
    Willkommen im Leben einer Mutter! Ungebetene Ratschläge gibts umsonst an jeder Ecke und zu jeder Gelegenheit. Der Trick dabei: Alles anhören und dann machen was man selber für richtig hält. Manchmal ist bei den ungebetenen Tipps sogar was brauchbares dabei.
    Ich wünsche dir und deinem Kind nur das Beste!

  5. Es wird unglaublich !
    Liebe Christina,
    da Du Dein Kind schon hast, brauchst Du die positiven Worte nicht mehr!
    Ich sage allen werdenden Eltern immer: es wird alles intensiver – Lachen, Weinen, Freuen, Mitleiden, stark sein, etc..
    Kinder bekommen und beim groß werden begleiten ist ein Riesenabenteuer. Und alles, was dazu notwendig ist – Geburt, Schlafentzug, Freiheitseinbuße – ist nebensächlich im Vergleich dazu!
    Und: es ist alles nur eine Phase 😉 wirklich !
    Liebe Grüße und Alles Gute!

  6. Kann dich gut verstehen
    Während meiner Schwangerschaft gab es auch viele ungebetene Schwangerschaften und indiskrete Nachfragen (war es geplant? Leute, ich bin 33 und das war kein Teenieunfall…) bis hin zu ungefragten Geburtsberichten anderer Mütter. Da hab ich mir geschworen, nie ungefragt von meiner Entbindung zu reden. Ich will auf gar keinen Fall werdenden Müttern Angst machen. Wenn sie fragten, würde ich schon von den Komplikationen reden, aber auch das tolle Klinikpersonal erwähnen, das alles richtig gemacht hat.
    Ich wünsch dir alles alles Gute für die Geburt!

  7. Leider immer wieder aufs Neue….
    Liebe Christina, ich kann dich so gut verstehen. Auch bei meiner aktuellen dritten Schwangerschaft höre ich gut gemeinte Ratschläge und Kommentare, Angefangen bei der Größe meines Bauches „Huch der ist aber schon groß..ist da tatsächlich nur 1 Kind drin????“ über „Ach das Dritte!?Das war aber nicht geplant oder???“ die mich schon manchmal im Nachhinein noch beschäftigen obwohl ich es gar nicht möchte.
    Zum Glück gibt es dann aber auch noch die aufbauenden Gespräche und Erfahrungsaustausche mit anderen Müttern/Vätern/Großeltern…..
    Ich fürchte vieles wird „einfach so“ daher geredet ohne die Wirkung der Worte auf das Gegenüber zu beachten. Gerade beim Thema Schwangerschaft, Geburt und Kinder haben weiß jeder etwas zu berichten ob aus eigener Erfahrung oder auch oft von der Bekannten einer Bekannten…..
    Wie so oft im Leben bleibt wohl nichts anderes übrig als das Beste aus der Masse für sich selbst zu filtern und den Rest am besten so schnell wie möglich zu vergessen, es lohnt einfach nicht 😉
    Alles Gute und liebe Grüße

  8. Bei mir war es eher umgekehrt
    Bei mir war es eher umgekehrt-ich hätte gern mehr ehrlich gewusst was auf mich/uns zu kommt. Ohne Horror Geschichten und du musst oder sollst aber über sovieles wird einfach nicht geredet sondern nur über die tollen Sachen. Mehr Realität hätte ich toll gefunden. Klar , ratSCHLÄGE , vor allem ungefragt, sind immer doof, aber Erfahrungen mitteilen finde ich super.

    1. Ich kann dich so verstehen
      mir ging es ähnlich. Ich hätte gerne VOR der Schwangerschaft gewusst, was auf mich zukommt. Die vielen eher unschönen Dinge wurden mir erst kurz vor der Geburt erzählt. Da war es aber schon zu spät. Gerne hätte ich zu der Zeit, in der ich nur ein Kind haben wollte aber noch nicht schwanger war, so manches gewusst. Ich hätte mich nicht anders entschieden aber wäre nicht ganz so blauäugig an die Sache ran gegangen. Außerdem hätte ich die Zeit vor den Kindern mehr genossen.

  9. Ratschläge
    Ratschläge sind auch Schläge… da hilft echt nur gepflegtes Weghören, bzw. abbrechen des Redeschwalls. Es scheint oft so als möchte der oder diejenige von sich und den eigenen Strapazen erzählen, da kommst du eigentlich gar nicht mehr vor…
    Das gibt es aber auch bei anderen Themen…

  10. Diese nachgeplapperten Rätschläge
    Nervig. Danke! Dem kann ich nur beipflichten.
    Im Artikel stört mich nur ein Satz.
    „Zum Beispiel, wenn wieder einmal eine Mutter (ja, meistens sind es tatsächlich die Frauen) mich mitleidig anschaut und mir versichert, dass sich jetzt mein ganzes Leben verändert und nichts mehr so sein wird, es war. “

    Heißt es nicht… „, wie es war.“

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