Über das Muttersein am Tag und in der Nacht – Gastbeitrag von Inga

inga fotor

Schlaflosigkeit ist der Horror! Schlaflosigkeit neben einem (noch) schlafenden Baby ist Folter. Ich liege seit 6 Stunden im Bett und habe davon eine geschlafen. Mein Geist schwirrt. Ich bin zu müde um einen klaren Gedanken zu fassen. Aber die Gedanken kreisen trotzdem ununterbrochen, ohne dass etwas Sinnvolles dabei herauskommen könnte. Das ist keine verschwendete Zeit, das ist schädliche Zeit. Es macht mich verrückt und jede schlaflose Minute bringt mich weiter weg vom Schlaf und tiefer in die Verzweiflung. Verzweiflung ist auch nicht schlaffördernd. Ich versuche die üblichen Tricks. Mit dem Einatmen "Ruhe" mit dem Ausatmen "Loslassen". Der rechte Fuß wird schwer, das rechte Bein wird müde und schwer…

In zwei Stunden ist sie wieder dran mit Stillen. Lohnt es sich jetzt überhaupt noch zu schlafen oder bin ich dann nicht noch nervöser? Doch lohnt sich… Von 300 rückwärts zählen und mit jeder Zahl werde ich müder und müder. Die Wade juckt extrem… Ich glaube ich muss aufs Klo. Wenn ich jetzt gehe, bin ich richtig wach, dann brauche ich noch länger, um wieder einzuschlafen. Einmal umdrehen, ruhig atmen. Ach scheiße, ich gehe aufs Klo und versuche es dann nochmal neu.

So. In den Bauch atmen, gleich schläfst du bestimmt. Die Kleine seufzt laut und rekelt sich etwas. Scheiße, gleich hat sie bestimmt wieder Bauchweh und dann ist schlafen sowieso vorbei. Oh Gott, mein Kopf tut weh. Ich gebe ihr den Schnulli, sie schläft wieder seelenruhig. Ich muss die Zeit jetzt nutzen! Ich kann nicht mehr. Ich will endlich schlafen! Gott, ich bin so müde und ich muss morgen wieder fit sein. Ich könnte heulen. Nein, ich heule. Es geht nicht mehr. Das ist so gemein. Heulen ist aufgeben und wieder eine halbe Stunde weniger Schlaf. Ich gucke auf die Uhr. Noch eine Stunde bis zum Stillen. Vielleicht hält sie jetzt aber auch länger durch? Dann hätte ich jetzt vielleicht noch zwei Stunden Schlaf. Ok, ich versuche es nochmal. Ich drehe mich um und versuche es jetzt nochmal ganz neu und frisch. Draußen ist ein Geräusch. Ich liege da mit aufgerissenen Augen. Scheiße, Scheiße, Scheiße. Tränen laufen über mein Gesicht. Ich bin so müde! Ich will schlafen verdammt nochmal!

Die Tatsache, dass ich nach dieser Horrornacht einen ganzen Tag vor mir habe, an dem ich funktionieren muss und nicht nur das: ich muss und will für die Kleine liebevoll da sein, macht mich noch mürber. Ich hasse es, wenn ich dann den ganzen Tag mürrisch bin und mir nichts Freude macht. Ich hasse diese Nächte und ich hasse die Tage die darauf folgen. Zu wissen, dass ich die darauffolgenden Tage hasse, macht die Schlaflosigkeit in der Nacht noch schlimmer. Versuche nicht daran zu denken, das bringt dir ja auch nichts. Man soll auch nicht auf die Uhr gucken. Noch 40 Minuten bis sie gestillt werden muss. Wenn ich jetzt sofort schlafen würde, würde es sich noch lohnen. Wenn ich jetzt allerdings noch eine halbe Stunde brauche und dann wieder rausgerissen werde, dann flippe ich aus. Ich flippe sowieso aus. Mir ist danach den Kopf gegen die Wand zu schlagen. Ich muss aus dieser schrecklichen Situation raus. Unbedingt! Aber wie? Es gibt keinen Ausweg außer schlafen und diese Straße ist versperrt. Ich renne die ganze Zeit vor der Absperrung hin und her, versuche drüber zu klettern, sie kaputt zu schlagen. Umsonst. Hilft nicht. Ich sehe keinen anderen Weg.

Ok, eine Möglichkeit wäre vielleicht es anzunehmen, dass ich nicht schlafen kann und wenigstens entspannt zu liegen und mich darüber zu erholen. Ich glaube, das schafft keine echte Erholung, aber wenn es mir gelingen würde, dann würde ich bestimmt doch einschlafen. Aber inzwischen kann ich auch nicht mehr entspannt liegen. Ich bin nervös und überreizt. Die wenigen Geräusche, die zu hören sind scheinen übermäßig laut. Mein Körper juckt und piekt, die Augen brennen. Ich könnte etwas lesen, aber ich will doch schlafen. Aber ich schlafe sowieso nicht. Aber wenn ich jetzt etwas lese, gebe ich auch die letzte Chance doch noch zu schlafen auf… Ich glaube, ich war gerade eingenickt. Sie ist unruhig. Es ist Zeit sie zu stillen. Sie trinkt, ich weine.

Beim Trinken gibt sie ganz leise knarzende Geräusche von sich. Ich blicke zu ihr hinunter und muss zwischen meinen Tränen lächeln. Sie ist so zart. Sie schläft beim Schlucken ein und als sie fertig ist, kneift sie leicht die Lippen zusammen. Ich lege mich neben sie auf die Seite und denke daran, dass ich ihr noch vor ein paar Wochen nicht den Rücken zu drehen konnte; ich wollte, dass sie spürt, dass ich ihr zugewandt bin.Ich habe mich immer ganz nah an sie gekuschelt und meine Lippen an ihre Stirn gelegt, damit ich wirklich ganz sicher mitbekomme, wenn etwas mit ihr ist, sie Hunger hat, wach wird oder unglücklich ist.

Am nächsten Morgen scheint die Sonne ins Zimmer. Die Schreckgespenster der Nacht, die immer alles in den schwärzesten Farben malen, verziehen sich langsam. Ich bin leicht verspannt, da ich den Rest der Nacht eine Hand auf ihren Bauch gelegt habe, um ihr das Pupsen zu erleichtern und ich in jeder Position, die ich einnahm nicht meine Hand wegnehmen wollte. In ihrem kleinen Bäuchlein, das genau unter meine Handfläche passt, rumort und gluckert es, wie bei einem Erwachsenen. Das muss ganz schön weh tun. Immer wieder spannt sich der Bauch an, sie biegt den Rücken durch und drückt ihre Vorderseite meiner Hand entgegen. Wenn sich endlich ein Pups löst, fällt der kleine Körper erschöpft in sich zusammen. Ein paar Augenblicke hat sie Ruhe und kann sich erholen, bis eine neue Druckwelle durch ihren Körper zieht.

Ich sehe sie an. Sie hat eine engelsgleiche Aura. Das klingt so kitschig, aber es entspricht absolut der Wahrheit und ist in Wirklichkeit überhaupt nicht kitschig, sondern tief berührend. Ihr winziger Brustkorb hebt und senkt sich nur ganz leicht. Ihre kleinen Fingerchen bewegen sich im Halbschlaf elegant hin und her, als würde sie mit ihren Händen tanzen. Ich liebe diese wunderbar kleinen Händchen. Ich muss an mich halten, um sie nicht total abzuschmusen. Die Liebe durchflutet mich immer wieder unvermittelt und löst in meinem System den Handlungsimpuls aus entweder seltsame Laute von mir zu geben oder sie zu küssen und zu herzen.

Aber ich will sie in ihrer Ruhe nicht stören, also halte ich an mich, während mir das Herz überläuft vor Liebe. Ihre kleine Nase ist so süß. Ich kann mich nicht beherrschen und streiche ihr einmal ganz sanft über ihre perfekte Nase. Sie seufzt und windet sich kurz. Ich habe ein schlechtes Gewissen, bin aber auch hingerissen von ihren Bewegungen. Nach einer Weile des Anhimmelns wird sie von sich aus unruhig, bewegt sich einige Male von rechts nach links und öffnet schließlich ganz verschlafen die Augen einen winzigen Spalt, sie schließt sie wieder und öffnet sie erneut. Langsam blinzelt sie sich in die Welt und zieht dabei die Stirn kraus. Ich flüstere ihr liebevolle Worte zu, um ihr bei einem sanften Übergang behilflich zu sein.

Sie schaut mich weiterhin mit gekrauster Stirn an, bis sich schließlich ihr rechter Mundwinkel ganz leicht nach oben hebt, die Augen verengen sich etwas und mit einem geöffneten, zahnlosen Mund verwandelt sich ihre gesamte Mimik zu einem Strahlen. Ich wünsche ihr einen guten Morgen und sie antwortet mit einem zart gurrenden "Hörö". Ich bin erfüllt von warmen Gefühlen, in meiner Brust spüre ich ein angenehmes Ziehen, mein Herz schlägt etwas schneller. Es fühlt sich an wie verliebt sein nur ohne die ganze Unsicherheit und das unbedingte Wollen. Ich will nichts weiter, ich will nur hier liegen und ihre Wärme spüren. Ich gebe ihr einen sanften Kuss auf die Wange. Ihre Haut ist so weich und sie riecht ganz zart nach Glück.

Ihr kleiner runder Kopf schmiegt sich in meine Handfläche. Sie ist wunderschön und ich bin so tief berührt. Ich liebe sie unendlich! 

 

 

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9 comments

  1. All das kenne ich…
    …nur allzu gut! Als Mama von 6 Monate alten Zwillingen kommt man immer wieder nah an die Belastungsgrenze. Dass man sich nach einem Tag voll permantem Machen und Tuns abends nicht einfach wie einen Computer herunterfahren kann, ist nicht überraschend.
    Meine Therapeutin versichert mir, dass es keine postpartale Depression ist. Es sei einfach wichtig sich irgendwie Auszeiten im Laufe des Tages (oder der Nacht) zu verschaffen, um Kraft zu sammeln. Sei es Meditation oder Spaziergänge. Und unbedingt Hilfe annehmen, wenn sie jemand anbietet.
    Wir Mütter erwarten von uns selbst häufig viel zu viel. Ich ertappe mich selbst oft dabei und spüre schon gegen frühen Abend, ob ich mal wieder über mein vorhandenes „Energiepensum gewirtschaftet“ habe und so verläuft dann auch meine Nacht. Da ist sicher viel Kopf dabei und self fulfilling prophecy. Aber das zu erkennen, ist schonmal der erste Schritt. Und was mich immer wieder bestärkt und zuversichtlich macht: es wird wieder besser!

  2. Postpartale Depression
    Dein EIntrag ist schon älter, aber ich denke mittlerweile, dass es vielen Mamas so geht und das bestimmt die ein oder andere noch liest, der es genauso geht. Aus eigener Erfahrung kann ich nur dagen: Das soll und das muss nicht so sein! Als Mama steht man vor vielen Herausforderungen und man sollte gut für sich sorgen. Dazu gehört es auch, sich Hilfe und Unterstützung zu holen. Für mich hört sich das sehr nach postpartaler Depression an, ich hatte das auch und es ist furchtbar! Leider ist es immer noch ein Tabu-Thema aber man ist damit wirklich nicht allein. Und es gibt Hilfe. Mit einer Therapie, einer guten Hebamme, Entlastung durch den Partner / die Familie etc. kann man die Zeit mit seinem Kind wieder genießen. Und schlafen. Wenn es Dir als Mama gut geht, geht es auch Deinem Kind gut. Alles Liebe!

  3. Achtung!
    Ihr Lieben,
    bei allem Verständnis – Schlaflosigkeit und Gedankenkreisen in diesem Ausmaß sind meistens Anzeichen für eine manifeste postpartale Depression. Die kann nicht nur im Wochenbett (im Deutschen heißt es irreführend „Wochenbett-Depression“) auftreten, sondern während des gesamten 1. Lebensjahr des Kindes.
    Guckt mal bei „Schatten und Licht e.V.“, da gibt es einen Fragebogen, der bei der Selbsteinschätzung hilft. Gute Tips gibt es in dem Buch „Wie kann ich dich halten wenn ich selbst zerbreche“ von Ulrike Schrimpf (wird in einem Artikel in diesem blog vorgestellt) und, wie immer, bei der Hebamme oder Hausärztin Eures Vertrauens.
    Schlafmangel bitte nicht auf die leichte Schulter nehmen, kann im schlimmsten Fall (z.B. bei Schlaflosigkeit über mehrere Tage) bis zu Psychosen und epileptischen Anfällen führen, daher wird Schlafentzug auch als Foltermethode eingesetzt…

    1. Postpartale Depression
      Dem kann ich mich nur anschließen, habe es genauso erlebt.
      Bei mir war es auch der Beginn einer postpartalen Depression vier Monate nach der Geburt. Ich war total erschöpft, habe aber keine Ruhe mehr gefunden. Das hat mich wahnsinnig gemacht.
      Mit professioneller Hilfe bekommt man das aber wieder in den Griff. Leider immer noch ein Tabuthema…

  4. Ja, dieser Text hätte auch
    Ja, dieser Text hätte auch original von mir seien können, vor ca. 1 Jahr, als mein Sohn noch klein war. Ich lag so oft wach, während mein Kind schlief, und habe die Gedanken kreisen lassen. Schlimm war für mich vor allem, dass keiner Verständnis zeigte. Mittlerweile weiss ich, es geht ganz vielen Müttern so! Somit danke ich Dir für den Artikel. Heute schlafe ich deutlich besser! Ich habe immer mal wieder 1-2 Nächte im Monat, in den ich wach liege, aber ich kann damit umgehen. Ich vertraue darauf, dass es nicht mehr Nächte werden. Somit weiß ich, dass ich mich bald wieder erholen kann. Und ich weiß, dass ich den Tag trotzdem gut meistere, auch nach einer durchwachten Nacht. Es ist die Akzeptanz dessen, die mich entspannt.

  5. Ich hatte auch extreme
    Ich hatte auch extreme Schlafstörungen – habe mich sehr wieder gefunden in deinem Text. Schlafentzug ist Folter! Irgendwann wurde es besser. Viel Kraft und alles Gute!

  6. Ohje
    Der Anfang des Textes hat mich sehr schockiert… Der restliche Teil war wunderschön.

    Versuch es doch mit Hörspiel beim einschlafen. Klappt eigentlich bei jedem. Man hört aufmerksam zu und irgendwann ist man eingeschlafen.

    Liebe Grüße und alles Gute

  7. Schlaflos
    Inga, du schreibst mir aus der Seele! Dies hätte mein Text sein können. Meine neun Monate alte Tochter schläft einfach nicht – bis zu sechs Mal in der Nacht muss sie gestillt werden um wieder zur Ruhe zu finden. Anderenfalls weint sie so lange bis die Wände wackeln.

    Und ich bin am Ende. Wenn sie schläft, dann bin ich wach. Ich warte nahezu panisch darauf, dass das Geschrei wieder losgeht. Wenn ich wach liege, dann singt mein Kopf Kinderlieder oder überlegt sich, was am nächsten Tag zu tun ist. Besonders wenn mein Kopf “Bruder Jakob“ in endlosschleife singt, zweifle ich an meinem Verstand. Ist Schlaflosigkeit Folter? Ich glaube ja.

    Und doch: Am nächsten Morgen geht es weiter, das Baby pupst und lacht und ich bin glücklich, aber müde. So ist wohl das Muttersein.

    1. HAH!
      Bruder Jakob in Dauerschleife – das bin ich! Und ja, auch ich zweifle in solchen Momenten an meinem Verstand. Auslöser der schlaflosen Nächte war bei mir ebenfalls mein unglaublich schlecht schlafendes Baby. Wenn das Kind alle 1-2 Stunden wach wird und sich nicht alleine wieder beruhigen kann, ist man einfach die ganze Nacht in Alarmbereitschaft. Jedes kleinste Geräusch lässt einen aufhorchen. Und dann kommt der Frust dazu, der Druck endlich schlafen zu wollen uns zu müssen, wenn das Kind mal ruhig ist. Furchtbar. Bei mir ist es besser geworden, seitdem die Kleine nicht mehr neben meinem Bett schläft. Sie wird immer noch 2-3 mal pro Nacht wach und ich muss dann halt nach nebenan laufen, aber das wieder Einschlafen klappt bei mir wieder problemlos. Einfach weil ich nicht mehr jeden Seufzer und jedes Umdrehen von ihr mitbekomme und denke „jetzt wacht sie gleich wieder auf“…