Das klassische Familienleben fühlte sich nicht richtig an – vom Traum durch die Welt zu reisen

sammy

Es war ein schöner, sonniger Herbsttag, als unser jahrelanger Kampf, eine Familie zu werden, endlich belohnt wurde: Wir, Sammy und Max, wurden überglückliche Eltern unserer wundervollen Tochter Carlotta. Von jetzt auf gleich lag sie da, in unseren Armen und blinzelte in die Welt.

Dank Elternzeit und vier Wochen Urlaub konnten wir unseren Glücksmoment vier Wochen lang gemeinsam genießen. All die Höhen und Tiefen, die so ein Baby mit sich bringt, die vielen Kuschelstunden im Bett, das nächtliche Aufwachen, das Umhertragen, das erste Lächeln – wir haben alles in uns aufgesogen.

Und dann kam der Alltag: 

Papa geht morgens um 7 Uhr aus der Tür zur Arbeit, Mama und Baby bleiben zu Hause, kuscheln noch weiter, erledigen den Haushalt, treffen Freunde, verlieren die Nerven, weil die Koliken schmerzen und liegen danach wieder friedlich eingekuschelt zusammen auf der Couch. Abends gegen 17.30 Uhr kommt der Papa wieder nach Hause, hilft noch ein paar liegengebliebene Dinge weg zu sortieren, kuschelt mit allen und dann ist der Tag auch schon wieder rum. Nach einigen Wochen schlichen sich die ersten Zweifel an dieser Routine ein: War das das, was wir uns immer gewünscht hatten? Sollte der Alltag wirklich so bleiben? Besonders für Max war es ernüchternd, denn die meiste Zeit des Tages war er nicht da. 

Die meisten Augenblicke, wie das erste Drehen, die ersten glucksenden Lacher erlebten wir nicht gemeinsam als Familie, sondern meist waren Sammy und Carlotta da alleine. Max war traurig, weil er nur Videos dieser Meilensteine beschickt bekam, die er am Schreibtisch anschauen musste. 

Wir fühlten es immer deutlicher: So hatten wir es uns eigentlich nicht vorgestellt. Wobei – eigentlich war das, was wir lebten, doch unsere klassische Vorstellung: Ein Elternteil geht arbeiten, der andere ist mit den Kindern zu Hause. Wenn die Kinder größer sind und in die Kita gehen, können wieder beide arbeiten. Das "klassische" Familienbild eben. 

Aber jetzt, wo Carlotta bei uns war, konnten wir uns dieses klassische Leben plötzlich nicht mehr vorstellen. Es fühlte sich so unpassend für uns an. Wir spürten, dass es uns nicht gut tut. Wir wollten mehr gemeinsame Zeit, aber das Leben besteht nunmal nicht nur aus Urlaub und Elternzeit. Und irgendwo muss ja auch das Geld reinkommen und wir hatten ja auch nicht studiert, um jetzt rumzuhängen…

Bis zu der Geburt hatten wir ein festes Weltbild mit Glaubenssätzen – doch nun war da dieses neue Gefühl mit neuen Bedürfnissen und Wünschen. Wie geht man damit um, wenn plötzlich die alten Vorstellungen mit den neuen nicht mehr übereinstimmen. Noch dazu, wenn das Modell, das plötzlich dich nicht zu uns passte, das gängigste ist und in den meisten Familien so gelebt wird? Es war gar nicht so leicht, unseren Weg herauszufinden…

Wir überlegten also, wie unser Leben aussehen könnte. Unser Hauptpunkt war, dass wir durch die Arbeit zeitlich und örtlich eingeschränkt waren und dass wir durch den Job kaum Zeit miteinander hatten. Wir wollten an einem Mittwochmorgen, wenn er sonnig ist, zusammen Eis essen gehen und nicht darauf hoffen, dass am Wochenende auch noch schönes Wetter ist. Wir wollten wegfahren – ohne Rücksicht auf die 6 Urlaubswochen im Jahr. Wir wollten die schönsten und anstrengendsten Momente in unserem Alltag teilen und uns gegenseitig stärken. Wir wollten uns gegenseitig auch Freiraum ermöglichen, damit der andere Kraft sammeln kann. 

Aber wie sollte das klappen? Vorerst reduzierte Max seine 40 Stunden Woche auf 30 Stunden – in den neu gewonnenen 10 Stunden baute er eine kleines, selbstständiges Standbein als Webdesigner auf. Das Ziel war, unabhängiger vom Ort arbeiten zu können und so drei Monate herumreisen zu können, um mal in unseren "Wunsch-Alltag" hineinschnuppern zu können. Wie soll man sonst feststellen, ob man es wirklich mag? 

Nach fünf Monaten beantragten wir eine gemeinsame Elternzeit. Der Antrag wurde leider abgelehnt und wir standen ratlos da – schließlich war die ganze Reiseroute schon ausgearbeitet und wir hatten uns auch schon komplett überlegt, wie wir die Zeit finanzieren. 

Es war nicht geplant und es war ein ziemlich krasser Schritt – aber Max kündigte tatsächlich dann seinen Job. Wir wollten uns nicht mehr aufhalten lassen, die Selbstständigkeit entwickelte sich zudem gut und wir beschlossen, es einfach zu wagen. 

So heftig es auch war, die Sicherheit des festen Jobs aufzugeben, so toll war auch die Freiheit, die es uns gab. Wir hatten nun keinen Termin zu dem wir zu einem bestimmten Ort zurückkehren mussten. Drei Monate vor dem letzten Arbeitstag in Festanstellung bauten wir einen Transporter zum Wohnmobil um und starteten im April 2018 in unsere Freiheit. In einen Alltag, den wir ab nun 24 Stunden zusammen verbringen würden. In einen Alltag, den wir komplett frei und nach unseren Bedürfnissen gestalten können.

Wir merkten schnell: Dieses neue Leben hat nicht nur positive Zeiten. Wir merkten, wie wichtig es ist, dem anderen Freiräume zu geben, weil man sonst einen Lagerkoller bekommt. Außerdem beschlossen wir, dass es feste Zeiten zum Arbeiten geben muss. Eigentlich ist dieser neue Alltag wie das Leben selbst. Es ist nicht immer nur alles super und ohne Konflikte. Aber es fühlt sich gut an, dass wir unser Leben in der Hand haben, wie sind nicht mehr abhängig von den Vorgaben und Terminen anderer Menschen. Momentan hat dieses Leben für uns mehr Vorteile als Nachteile. 

Wir haben seitdem mehr gemeinsame Zeit, mehr individuelle Zeit und mehr Abwechslung. Wir verbringen einen großen Teil unseres Alltags an wunderschönen Orten. Wir waren schon in de Schweiz, Frankreich (inkl. Korsika) Spanien, Portugal, Italien (inkl. Sardinien). Wenn wir Sehnsucht nach unseren Freunden haben, fahren wir einfach wieder nach Hause. Und wenn wir merken, dass wir wieder los wollen, können wir jederzeit den Spielplatz hinterm Haus gegen den großen Strand mit Felsen eintauschen. Wir können jederzeit entscheiden, wer wie lange eine Auszeit braucht und wir können jederzeit entscheiden, was unserer Tochter gerade gut tut. Geht sie abends später ins Bett, kann sie jederzeit morgens ausschlafen, hat sie Lust andere Kinder zu treffen, können wir uns jederzeit verabreden.

Es ist ein anderer Alltag als der der meisten Familien. Kein bisschen besser oder schlechter als der vieler anderer Familien. Er ist für uns persönlich genau richtig. Wie es in ein, zwei oder drei Jahren aussieht? Das wissen wir nicht genau. Sicher ist, dass wir immer schauen werden was uns als Familie gut tut und den Alltag und das Leben daran anpassen werden. Nicht anders herum.

Mehr über die Familie könnt Ihr unter http://4wheels5souls.de lesen samfinal

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4 comments

  1. Das muss man sich trauen
    Respekt für diesen Schritt.
    Ich denke, jede Familie wünscht sich das fast genauso. Nur leider können sich viele nicht so „einfach“ selbstständig machen. Dafür braucht man ja auch Geld und muss was investieren. Oder es fehlt an gewisse Kompetenzen etc. Viel Spaß beim Reisen und ich hoffe, dass ihr euren Traum auch in 2,3,4 Jahren noch weiter leben könnt.

    1. Danke für dein Feedback,
      Danke für dein Feedback, Sandra. Du hast Recht, so einfach ist das nicht, war es auch für uns nicht. Ich denke aber, dass jeder der bereit ist Kompromisse einzugehen und genug Anspurn hat es auch schaffen kann, das kann eben ein sehr langer Prozess sein. Wir hatten übrigens überhaupt kein Startkapital.
      Wir sind gespannt wo es uns die nächsten Jahre hinträgt, liebe Grüße und alles Gute Sammy

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