Gastbeiträge

21/06/2018 - 06:30

Stadt-Mama Katharina

Gastbeitrag: Darum ist mein Ex auch nach all den Jahren immer noch mein wunder Punkt

Ich hatte die Szene gedanklich tausend Mal durchgespielt. Was ich anhaben würde, was ich sagen würde. Ich wäre witzig und gut drauf, ich würde strahlen und glücklich sein. Und er würde sich beim Weglaufen denken, was für ein riesen Idiot er gewesen war, mich gehen zu lassen. 

Was soll ich sagen. Es kam ganz anders. Aber lasst mich die Geschichte von vorne erzählen. 

Ich heiße Mira, bin 37 Jahre alt und habe vor acht Wochen mein zweites Baby bekommen. Meine große Tochter ist drei und ich bin seit fast fünf Jahren mit Hannes zusammen. Bevor ich Hannes kennenlernte, hatte ich eine Affäre mit Max. Die Zeit mit ihm hat mich umgehauen. Er war alles, was ich wollte. Wild, lustig, erfolgreich, verdammt sexy. Ich war total verschossen, er hat meine Gefühlswelt auf den Kopf gestellt. Nie zuvor habe ich mich von einem Mann so begehrt gefühlt. Unsere körperliche Anziehungskraft war einfach magisch.

Das hört sich perfekt an, richtig? War es aber nicht. Denn Max hatte keine Lust, sich fest zu binden. Das hat er mir von Anfang an gesagt. Er sagte, dass er mich toll findet, aber dass keine feste Beziehung sucht und auch keine Familie gründen möchte. 

Anfangs hat mich das nicht gestört, weil ich ja auch gar nicht wusste, wie sich die Sache entwickelt. Wir hatten einfach eine gute Zeit. Max war großartig zu mir, wir hatten Spaß und verstanden uns prächtig. Ich habe mich nie austauschbar gefühlt. Und so habe ich mich irgendwann verliebt und wollte mehr. Ich hatte gehofft, dass ihn die letzten Monate zum Nachdenken gebracht hätten. Also gestand ich ihm meine Gefühle und dass ich mehr wollte. Aber Max wollte diesen Schritt nicht gehen. 

Wir sprachen lange, wir waren beide traurig, aber es war klar, dass wir nun einen Schlussstrich ziehen mussten. Er hatte von Anfang an mit offenen Karten gespielt, deshalb konnte ich ihm nicht mal einen Vorwurf machen. Aber dass er nicht bereit für mehr war, riss mir den Boden unter den Füßen wag. 

Ich hatte schlimmsten Liebeskummer, konnte nicht essen, nicht schlafen. Ich vermisste ihn und unsere Zeit. Ich litt entsetzlich. Ich glaube wirklich, dass das nicht mal unbedingt an mir mir lag, Max liebt einfach seine Unabhängigkeit. Zumindest rede ich mir ein, dass ihn auch keine andere Frau jemals bekehren wird. 

Es dauerte fast ein Jahr, bis ich wieder halbwegs auf dem Damm war. Ich lernte Hannes kennen. Er bemühte sich um mich, war liebevoll und freundlich. Er war loyal und bodenständig. Er gab mir das Gefühl, die Einzige für ihn zu sein und sprach schnell von Kindern. Und so wurde ich auch irgendwann schwanger. Er ist ein wunderbarer Vater, der beste, den ich mit für unsere Kinder wünschen könnte. Ich weiß, er wird mich nie enttäuschen und er gibt uns ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit, wie ich es vorher nicht kannte. 

Und dennoch: Manchmal, wenn ich nachts wach liege, denke ich an Max. Daran, wie er mich umgehauen hat. Wie kein Stein meiner kleinen Welt auf dem anderen blieb. Ich rede mir ein, dass ich nie auf Dauer glücklich geworden wäre mit ihm. Aber wer weiß das schon. Max spielt in meinem Alltag keine Rolle mehr, ich denke auch nicht mehr oft an ihn - aber wenn ich an ihn denke, dann bekomme ich ein echt flaues Gefühl im Magen und Herzklopfen. 

Glücklicherweise bin ich Max bisher nie wieder begegnet. Die Großstadt macht es möglich. Aber natürlich habe ich mir immer wieder darüber Gedanken gemacht, wie es wohl sein wird, wenn wir uns treffen. Ich wollte, dass er hinterher sauer auf sich selbst ist, weil er mich hätte haben können. Und es nicht wollte. Ich wollte, dass er wehmütig auf meine Kinder guckt und sich denkt, dass er auch eine Familie hätte haben könne. Ich wollte, dass er sich über sich selbst in den Arsch beißt  - um es mal deutlich zu sagen. 

Und dann letzte Woche traf ich ihn. Ich saß auf einer Parkbank, mein Baby schlief im Kinderwagen und die Große schleckte an einem Eis. Ich hatte keine Haare gewaschen und nichts Tolles an. Ich war müde und hielt mein Gesicht in die Sonne. Als ich die Augen aufmachte, sah ich ihn. Und sie. Eine wunderschöne Frau, die neben ihm lief. Die beiden lachten und redeten wild gestikulierend. Mein Herz setzte aus. Und ich schrie innerlich: Nicht hier, nicht so, nicht heute!!!!

Unsere Blicke trafen sich. Ich dachte kurz darüber nach, die Kinder zu packen und wegzurennen, aber das wäre albern gewesen. Also blieb ich sitzen. Dann stand er vor mir und sagte: "Hey!" Ich bekam kein Wort raus. Dann sagte er, auf die Schönheit neben sich zeigend: "Das ist Jana." 

Ich krächzte: "Hallo! Ich bin Mira. Und hänge hier so mit meiner Gang ab. Was macht ihr Schönes?" 

Beide lächelten: "Wir gehen nur schnell zum Thai da an der Ecke."

Ich: "Ah, cool."

Max: "Und sonst? Alles gut? Hab gehört, Du hast jetzt zwei Kinder!"

Ich: "Jaja, das Baby ist erst acht Wochen alt. Deshalb bin ich so müde und habe es heute auch noch nicht unter die Dusche geschafft." (HATTE ICH DAS EHRLICH GESAGT???)

Beide lächelten. Max: "Das Baby ist ja süß. Glückwunsch."

Peinliche Pause.

Dann Max: "Also, wir müssen dann mal. Es war schön, Dich zu sehen," 

Und dann ging er, die langbeinige Schönheit neben ihm. Bilder, wie er mich im Hauseingang küsste, mich begehrte, mich zum Lachen brachte, blitzten vor meinem inneren Auge auf. Meine Tochter fragte: "Wer war das?"

Hinter meiner Sonnenbrille fing ich an zu weinen. 

Es ist nicht so, dass ich Hannes gegen Max eintauschen würde. Ich bin glücklich mit ihm. Und ich weiß auch nicht, ob ich aus Scham weinte, weil ich so fertig auf dieser Parkbank saß, während Max wie ein Halbgott durch die Straßen schlenderte. 

Vielleicht habe ich auch geweint, weil ich einfach so schrecklich verliebt in ihn war und er mich nicht wollte. Oder weil die Frau neben ihm jünger und schöner war als ich. Oder aus schlechtem Gewissen Hannes gegenüber. Oder weil ich darüber nachdachte, wie mein Leben mit Max verlaufen wäre. Oder weil ich wusste, wie gut sich die andere Frau fühlt, wenn sie morgens neben Max aufwacht. Oder weil ich mich schuldig fühlte, dass ich nicht nur pures Glück mit meinen beiden Kindern fühlte. 

Vermutlich war es alles zusammen. Ich saß und weinte still. Irgendwann schüttelte ich mich, stand auf und sagte zu meiner Tochter: Komm, wir gehen noch auf den Spielplatz. 

Ich glaube, wir sind die Summe all der Dinge, die wir erlebt haben. Und Max gehört eben zu meinem Leben dazu. Er hat mich damals emotional berührt und tut es auch heute noch. Ich will mich nicht deshalb schuldig fühlen. Es ist eben wie es ist. Ich glaube, fast jeder von uns hat im Leben so einen wunden Punkt. Max ist meiner. 

 

 

 

 

 

Tags: Ex, Beziehung, Liebe, Verlust, Trennung, Trauer

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Kommentare

Annabelle — Do, 06/21/2018 - 07:37

Der Text ist wundervoll geschrieben. Ich kenne diese Situation. Wobei es bei mir etwas anders ablief, da mein damaliger Partner eine Familie wollte und ich mir auch. Nur hat er dann festgestellt, dass er das nicht mit mir möchte. Ist mir im übrigen schon zweimal passiert. Man bekommt das nicht aus dem Kopf, obwohl man jetzt eine perfekte Beziehung hat.

Christina — Do, 06/21/2018 - 08:36

Bei mir gibt es den Mann und den wunden Punkt auch - mit dem Unterschied, dass wir nie zusammen waren, weil ich für ihn nie mehr als die enge Freundin war. Und ich bin heute auch überzeugt, dass eine Beziehung zwischen uns nicht funktioniert hätte. Trotzdem wird mir dieser Mann nie so egal sein, wie er vielleicht sollte, jede der mittlerweile eher seltenen Begegnungen löst gemischte Gefühle aus. Ich würde meinn Mann nie eintauschen wollen, aber auch mir geht es so, dass ich die Verliebtheit bei ihm nicht in dem Maße hatte wie für den anderen - die Liebe zum Glück schon, aber eben anders, alltagstauglicher...

Claudia — Do, 06/21/2018 - 08:40

Ganz wundervoll geschrieben. Ich spüre sofort meinen wunden Punkt. Sie hat Recht, das alles ist die Summe unseres Lebens.

Melli — Do, 06/21/2018 - 09:11

Lange Zeit Hat mich nun kein Text mehr so berührt. Ich sitze hier und weine, weil ich das sehr gut verstehen kann.

Julia — Do, 06/21/2018 - 12:43

Liebe Mira, ich glaube jede(r) kennt diese Situation und hat diesen "special someone" in seinem Leben, ob nun aus früheren Zeiten (aber immer wieder mal im Herzen und Kopf), aktuell oder bei manchen Leuten sogar parallel. Und auch wenn das eigene Leben inzwischen ganz anders und bestens läuft, geht einem diese Person nicht aus den Gedanken. Dass wir die Summe unserer erlebten Dinge sind, bringt es super auf den Punkt! Und wenn man dann einfach versucht, dankbar für die Zeit mit dieser Person zu sein, egal wie lange oder kurz, wie intensiv und aufreibend sie war, sie vielleicht sogar als "Geschenk" ansehen kann, dass man ihr begegnet ist - macht so ein Blickwinkel das Leben vielleicht soar einfacher und bereichernder. Auch wenn Du für Max nicht "the One" warst und das, na klar, ziemlich weh tut - Du bist ganz sicher nicht alleine und hast dafür eine wunderbare Familie - er nicht. Wer weiß ob es diese Jana in ein paar Monaten überhaupt noch gibt, vielleicht muss sie sich genauso anstrengen und täglich fragen, ob sie alles richtig macht, ob sie ihn "umstimmen" kann und und und. Du hingegen hast diesen Stress nicht mehr :-)

Paula — Do, 06/21/2018 - 20:40

Diesem Text gibt es nichts hinzuzufügen. Er trifft dieses Gefühl so perfekt. Danke.

Mary — Do, 06/21/2018 - 22:17

Was für ein wunderschöner Text. Ich möchte Mira einfach nur in den Arm nehmen und sagen: i feel you

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