Krankschreibung ab 1. Tag? Finde ich gar nicht gut!

Krankschreibung

Ihr Lieben, die schwarz-rote Koalition hat sich im Rahmen ihres Reformpakets darauf geeinigt, dass künftig ab dem ersten Tag der Erkrankung die verpflichtende Vorlage einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) gesetzlich vorgeschrieben sein soll. Zu der Krankschreibung ab dem 1. Tag gab und gibt es viel Kritik, wir haben Frauenärztin Michaela (HIER könnt ihr hier auf Instagram folgen) dazu befragt, was sie darüber denkt:

Liebe Michaela, du bist Frauenärztin. Erzähl mal ein bisschen was über dich!

Genau, ich bin Frauenärztin in Anstellung in einem MVZ, ab Januar arbeite ich dann in einer Gemeinschaftspraxis. Zuvor (bis 2021) habe ich in einer Klinik, zunächst als Assistenzärztin, dann als Fachärztin, gearbeitet, ganze 11 Jahre lang.

Nun soll die Krankschreibung ab dem ersten Tag kommen – was hälst du davon?

Ich halte davon absolut gar nichts, aus verschiedenen Gründen. Häufig sind kleine Infekte nach 1-2 Tagen wieder besser. Und man stelle sich mal vor, man muss mit einem Magen Darm Infekt zum Arzt, wenn man eigentlich nur auf der Toilette sitzen will.

Oder chronische Patent*innen – z.b: Frauen mit Endometriose, die am ersten Tag ihrer Periode sehr geplagt sind. Die sollen nun alle vier Wochen zum Arzt gehen? Was für eine Belastung für die Praxen und die Patient*innen.

Welche Folgen wird diese neue Regel haben?

Zum einen natürlich erhebliche Mehrbelastung für die Praxen, aber ich denke auch längere Krankenzeiten, weil das Praxispersonal die Patient*innen gerade in Infektzeiten nicht täglich im Wartezimmer haben wollen und daher gleich länger krankschreiben. Auch, weil viele Ärzte die Rekonvaleszenzzeit doch größer sehen als der Patient selbst – viele Menschen gehen ja wieder arbeiten, obwohl sie noch nicht 100% wieder fit sind.

Viele vermuten generelles Misstrauen der Regierung hinter diesem neuen Gesetz. Was denkst du darüber? 

Warum die Regierung diesen Schritt geht, kann ich persönlich nicht nachvollziehen. Ob es Misstrauen ist? Das weiß ich nicht, aber jedenfalls wird den Menschen vonseiten der Regierung vermittelt, wir wären faul und würden alle zu wenig arbeiten.

Wie nimmst du deine Patientinnen wahr? Sind wir denn alle faul und verweichlicht?

Nein, absolut nicht. Aber wir haben natürlich heute ganz andere Umstände als noch vor 50 Jahren. Die Mehrbelastungen steigen überall – bei der Arbeit oft durch Personalmangel, im Privaten durch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Welche Maßnahmen würden dich als Ärztin und eure Praxis im Alltag sofort entlasten?

Weniger Bürokratie, mehr Gesundheitsaufklärung, also: wann muss man wirklich zum Arzt, wann in die Notaufnahme, wann sollte ich mich einfach zu Hause zu Hause auskurieren? Und bessere, transparentere Bezahlungen.

Wie Regierung will damit ja die Krankenstände drücken. Was wären deine Vorschläge, um Arbeitnehmer*innen gesünder leben zu lassen?

Gesundheitsprävention in den Betrieben und in den Schulen anbieten, also: Was ist gesunde Ernährung, warum sollte ich mich bewegen, wie kann ich Stress ausgleichen, warum ist Schlaf wichtig, was machen Alkohol und Nikotin mit dem Körper. Es ist so wichtig, diese Themen Menschen zugänglich zu machen. Ich glaube, dass es sich lohnt, Geld in solche Präventionsmaßnahmen stecken und nicht erst handeln, wenn eine Erkrankung da ist.

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4 comments

  1. Du schreibst, dass die Kollegen wegen Überlastung krank werden, wenn sie die Arbeit der kranken Kollegen mit übernehmen müssen.
    Was denkst du, wie sehr es zur Genesung beiträgt, wenn man weiß, dass man die Zeit nacharbeiten muss oder Lohnabzug hat, wenn man krank ist? Gerade für Arbeitnehmer mit Familienverantwortung ist das sicher eine immens hohe Belastung.

  2. Der Artikel ist aus der Warte einer Ärztin geschrieben. Daher geht es verständlicherweise hauptsächlich um die Arbeitnehmer.
    Was mir bei der Beleuchtung des Themas oft fehlt ist das Augenmerk auf den Ausgleich der Kosten durch Krankheitsausfall. Der Arbeitgeber bekommt die Erstattung nur von der Krankenkasse, wenn eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vorliegt. Ansonsten bleibt er auf den Kosten sitzen. bei kleinen Betrieben ist das einfach schwierig zu managen. die Ausfälle sind hoch, die Kollegen fangen das ab und werden wegen Überlastung selbst krank.
    Wir haben unser Büro verkleinert und eine Zweigstelle abgestoßen um mit dem Thema Personal nicht mehr konfrontiert zu sein. Es gab Zeiten, da mussten wir arbeiten um die Personalkosten zu decken und trotzdem die Arbeit vom Personal noch mitleisten.

    Ich könnte mir vorstellen, für den ersten Tag keine AU zu verlangen aber die Zeit nacharbeiten zu lassen oder vom Lohn abzuziehen. ab dem zweiten Tag dann gerne mit Au auch rückwirkend für den ersten Tag und folglich mit Lohnfortzahlung.

    1. Hallo Gastin, dazu zwei Rückfragen: meines Wissens kann der Arbeitgeber doch auch jetzt ab dem 1. Krankheitstag eine AU fordern, muss es nur eben nicht. Daher sehe ich hier für Betriebe/Unternehmen, die an dem 1. Tag eine AU wollen, keinen Vorteil mit der Pflicht dazu.
      Auch, dass der AG eine Erstattung von der Krankenkasse bekommt ist mir neu, kannst du dazu mehr sagen? Mein Stand ist Lohnfortzahlung durch den AG für 6 Wochen, danach Krankengeld direkt von der Krankenkasse an den AN.
      Das Krankheitsausfälle schwierig für AG sind ist sicherlich allen klar, aber man wird ja nicht gesünder, wenn man sich mit jedem Infekt in eine überfüllte Arztpraxis setzt?!

      1. Betriebe mit bis zu 30 Mitarbeitenden bekommen im Rahmen der Entgeltfortzahlungsversicherung einen Teil des bruttolohns für den krankgeschriebenen Mitarbeiter von der Krankenkasse erstattet. das gilt für bis zu sechs Wochen. danach zahlt die Krankenkasse direkt an den Arbeitnehmer in Form des Krankengelds.
        und ja, ich denke schon, dass es eine Rolle spielt, ob für den ersten Tag eine AU vorliegen muss.
        in dem Artikel geht es ja nun gerade darum, dass jemand nicht am akuten Krankheitstag mit Unwohlsein zum Arzt will, nur um den Schein zu holen. Wenn er wirklich krank wäre, wäre die Sache in der Regel ja nicht mit einem Tag erledigt und er könnte am 2. oder 3. Tag zum Arzt gehen und die AU rückwirkend erteilen lassen.
        Wir reden hier also über Leute, die immer und immer wieder genau einen Tag fehlen. wie krank kann man da sein? Und die Kollegen müssen es abfangen.
        Klar, wollen wir alle nicht, dass jemand mit Bauchschuss zur Arbeit muss. aber es ist schon ein soziales Verwöhnprogramm, wegen mimimi zu Hause zu bleiben und bezahlt zu werden.

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