Pubertäts-Probleme: „In meiner Jugend hätte ich die nie mit Erwachsenen besprochen“

Depression

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Ihr Lieben, Michaela hatte in ihrer eigenen Jugend das Gefühl, Erwachsenen ihre Pubertäts-Probleme nicht anvertrauen zu können, weil sie eher belächelt wurden. Sie wurde auch gemobbt in der Schule und entwickelte irgendwann auch ein suizidäres Verhalten. Mit dem Abschluss der Schulzeit wurde alles besser, heut ist Michaela selbst Mutter eines Teenagers.

Liebe Michaela, wenn du an deine eigene Pubertät zurückdenkst, erinnerst du dich, dass du niemals mit Erwachsenen hättest über deine Probleme sprechen wollen, warum war das so? 

Ich hatte immer das Gefühl, dass Erwachsene mich bzw. mein Erleben der Welt, meine Lebensrealität nicht ernstnehmen, sie belächeln, sie sie nicht verstehen können oder wollen. Wenn ich von Dingen erzählte, die mir wichtig waren, wurde das meist mit einem Grinsen abgetan.

Es wurde als kindisch gewertet. Als wenn man mir sagen wollte, „Deine Probleme möchte ich haben. Von der echten Welt hast du doch keine Ahnung!“ Gesagt hat man mir das nie direkt, es wurde mir eher indirekt vermittelt. 

Was für Pubertäts-Probleme waren das, die du hattest – und die du nicht mit den Eltern teilen wolltest?

Meine Eltern trennten sich, als ich 10 war. Meine Mutter zog aus, mein jüngerer Bruder und ich blieben bei unserem Vater. Wir lebten im Mehrgenerationenhaus mit meinen Großeltern väterlicherseits zusammen. Meine Eltern teilten sich das Sorgerecht, da meine Mutter auch im gleichen Ort wohnen blieb.

Trotzdem versuchte sie, mich immer wieder auf ihre Seite zu ziehen und mir das Leben in ihrer Mietwohnung schmackhaft zu machen, um mich zu überzeiugen, ganz zu ihr zu ziehen. Ich geriet in einen Loyalitätskonflikt und hielt zu meinem Vater, da sie es war, die uns verlassen hatte.

Als ich 12 war, starb mein Großvater väterlicherseits, zu dem ich ein sehr enges Verhältnis hatte. Das hat mich schwer getroffen. Über Tod und Sterben wurde bei uns nie geredet, man wollte alles Leid von uns Kindern fernhalten und verheimlichte uns, wie schlecht es um meinen Großvater stand. 

Ich fühlte mich allein, hatte seit meiner Schulzeit auch nur sehr wenige enge Freunde, einer davon zog nach der Grundschule weg. Quasi mein bester Freund seit dem Kindergarten. Wir hielten zwar Kontakt, aber es wurde eher oberflächlich. Jede neue Freundin, die ich in den Jahren danach fand, zog kurze Zeit später weg, was in mir den Eindruck weckte, dass ich es nicht wert sei, Freundschaften zu haben.

In der Schule wurde ich seit der 5. Klasse übelst gemobbt, die Jungen ärgerten mich, die Mädchen ließen mich links liegen, ich war ihnen zu merkwürdig, weil ich eher ruhig und still war und mit ihren Interessen nichts anfangen konnte (Pferde, Handball, Boygroups). Ich hatte immer nur eine beste Freundin, und eben diese jeweiligen Freundinnen zogen nach kurzer Zeit weg. Ich fühlte mich dadurch grundsätzlich allein und ungeliebt.

Du fühltest dich von Erwachsenen also grundsätzlich unverstanden? Hattest das Gefühl, sie hätten null Ahnung?

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Ja, da sie mir immer zu verstehen gaben, dass ich selbst schuld an dem war, was mir passierte. Lehrer nahmen das Mobbing nicht ernst, sagten, ich müsse mich halt den anderen anpassen, meine Mutter hatte wahrscheinlich nicht genug Kapazitäten, sich um meine Probleme zu kümmern und da sie selbst so erzogen worden war, dass sie allein zurechtkommen musste, erwartete sie das auch von mir.

Mein Vater war hauptsächlich arbeiten und selbst völlig überfordert mit der Trennung und sehr mit seinen Sorgen beschäftigt. Da es in meiner Familie nie vorgelebt wurde, offen über seine Gefühle zu sprechen, habe ich mich schwergetan, mich mit meinen Sorgen Erwachsenen gegenüber zu öffnen. Und jedes Mal, wenn ich es tat, kamen nur oberflächliche Ratschläge, die am Kern des Ganzen völlig vorbeigingen. 

Du hast dann auch ein suizidales Verhalten entwickelt, wie weit ging das?

Es ging soweit, dass ich mit 13 auf der Fensterbank in meinem Klassenraum im 2. Stock der Schule stand und springen wollte. Ich hatte das geplant, war dann aber doch von meinem eigenen Mut überrascht, dass ich mich wirklich auf die Fensterbank am offenen Fenster stellte. Es war definitiv hoch genug, dass ich hätte sterben können.

Meine größte Angst in dem Moment war aber eher, dass das Fenstersims mich aushält und nicht zusammenbricht, ehe ich bereit zum Springen war. Meine Klassenkameraden waren alle vor Ort, einige riefen mir sogar zu „Spring doch, traust dich doch sowieso nicht!“ Meine damalige beste Freundin und ein weiterer guter Freund von mir zogen mich schließlich zurück. 

Wie hat dein Umfeld darauf reagiert? 

Was dann folgte, war die Hölle auf Erden für mich: Gespräche mit dem Schulleiter, der eine Erklärung forderte, meine Eltern wurden informiert, meine Mutter tauchte wütend (und wahrscheinlich völlig verzweifelt) in der Schule auf, um mich abzuholen, fand mich aber nicht, weil mich Klassenkameraden nach Hause gebracht hatten.

Als ich dann die Konfrontation mit meiner Mutter hatte, wollte ich ihr nicht erzählen, warum ich das machen wollte. Sie schimpfte und war unglaublich wütend, weil sie mich ewig gesucht hatte. Abends kam dann mein Vater an mein Bett und rang sichtlich nach Fassung, als er mir nur sagte „Bitte bring dich nicht um“. Ich sagte „Ok“ und damit war das Thema zwischen uns erledigt.

Kurze Zeit später brachte meine Mutter mich zum Kinderpsychologen. Ich wollte da nicht hin, meine Mutter hat ohne mein Wissen den Termin vereinbart und mich vorzeitig aus der Schule zum Termin abgeholt. Ich hatte von Anfang an kein Vertrauen zu dem Psychologen, er korrigierte mich, er wollte, dass ich mein Verhalten ändere aber verstanden hat er mich nicht.

Im Prinzip saß ich da nur, weil ich musste. Nicht, weil ich wollte. Ich musste dort eine ganze Weile hin, was das Ergebnis war, wie seine Einschätzung mir gegenüber war, weiß ich bis heute nicht, mit mir wurde nicht darüber gesprochen. 

Kannst du das aus deiner heutigen Sicht als Mutter alles besser verstehen?

Ich kann aus heutiger Sicht meine Eltern besser verstehen. Sie waren beide völlig überfordert mit der gesamten Situation und wussten sich nicht anders zu helfen. Meine Mutter hat nie gelernt, über ihre Gefühle zu reden, weshalb es ihr schwerfiel, uns Kindern mit Worten zu sagen, was sie empfindet. Sie hat dafür Taten sprechen lassen.

Sie hat mich zum Psychologen gebracht, weil sie mir helfen wollte, es aber selbst nicht konnte. Und mein Vater war zu dem Zeitpunkt auch selbst recht depressiv durch die Trennung und den Verlust seines Vaters, sodass er völlig überfordert mit den suizidären Absichten seines Kindes war. Heute weiß ich, dass wir Kinder der einzige Grund waren, der ihn selbst zu dem Zeitpunkt am Leben gehalten haben.

Wie würdest du selbst reagieren, wenn deine Kinder heut suizidale Gedanken äußern würden? 

Ehrlich gesagt mit extremem Verständnis. Ich weiß, wie es ist, wenn man sich den Tod wünscht oder sich wünscht, dass sich etwas ändert, man aber nur diesen einen Weg sieht, diese Änderung herbeizuführen. Letztendlich wollte ich nicht sterben, ich wollte nur SO nicht weiterleben und hatte gehofft, meinen „Retter“ so auf mich aufmerksam zu machen, der mich an die Hand nimmt und mein Leben verbessert. 

Sollte mein Kind selbst suizidale Absichten haben, weiß ich, dass ich es dafür nie verurteilen werde. Ich würde meinem Kind von meiner Erfahrung erzählen und es ernstnehmen. 

Du sagst, du hast nie geklaut, warst nicht dabei, wenn andere das gemacht haben, was hat dich da so überzeugt sein lassen in so jungen Jahren? 

Als Kind war mein Vater immer der Mensch, an dem ich mich moralisch orientiert habe. Er hat sehr starke moralische Überzeugungen, die mir sehr als Vorbild gedient haben. Diebstahl war nie etwas, was ich nachempfinden konnte. Weil ich mich immer in die andere Seite hineinversetzen kann und der Leitsatz „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.“ für mich ein absolutes Selbstverständnis ist. 

Wann wurde es besser für dich, in welchem Alter hattest du das Gefühl, du bist durch die herausforderndste Phase durch?

Pubertäts-Probleme
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Besser wurde es tatsächlich, als ich etwa 17/18 war und mit der Schule fertig wurde. Die Schule, das gesamte schulische Umfeld, mit dem ich mich 7 Jahre lang täglich umgab, endete und damit auch alle Kontakte, die mir in den Jahren davor täglich das Leben schwergemacht hatten. Außerdem wurde ich selbstbewusster und selbstsicherer, was mein eigenes Bild von mir ins Positive änderte.

Was möchtest du heutigen Eltern von Kindern in der Pubertät noch mit auf den Weg geben?

Denkt einfach an eure eigene Pubertät zurück und versucht, die Dinge aus dem Blickwinkel eurer Teenager zu sehen. Denkt daran zurück, wie ihr euch gefühlt habt, als ihr in dem Alter wart und wie dramatisch sich absolut alles für euch angefühlt hat. Auch, wenn man im Rückblick weiß, dass es nicht dramatisch ist.

Für Teenager fühlt es sich dramatisch an. Weil ihnen die Lebenserfahrung fehlt. Habt Geduld und Verständnis für das Teenager-Gehirn. Es befindet sich im Umbau und ist manchmal vorübergehend wegen Bauarbeiten geschlossen.

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