Stille Geburt: Zwingt Frauen nach einem Verlust nicht, vaginal zu entbinden

Stille Geburt

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Ihr Lieben, wenn es um eine stille Geburt geht, müssen wir immer auch an die Frauen in ihrer absolut verletzlichen Lage denken. Wenn ein Kind im Mutterleib verstirbt wir den Müttern in Deutschland in der Regel empfohlen, das Kind auf vaginalem Wege zur Welt zu bringen. Nicht alle Frauen möchten das. Unsere Leserin Alexandra Noll fühlte sich nahezu bedrängt und entmündigt und setzt sich jetzt für mehr Selbstbestimmung nach Verlusten in der Schwangerschaft ein.

Liebe Frau Noll, Sie sind schwanger ins neue Jahr gestartet, erzählen Sie mal, wie die Schwangerschaft zunächst verlief.

Körperlich ging es mir leider nicht sehr gut. Ich hatte erhebliche Kreislaufprobleme, habe eine Schilddrüsenüberfunktion entwickelt und litt unter Übelkeit. Ich konnte es kaum erwarten, die ersten 12 Wochen hinter mich zu bringen, da die Risiken dann deutlich sinken.

In der 11. Schwangerschaftswoche habe ich dann erfahren, dass ich mit Zwillingen schwanger bin und zwar mit monochorial-monoamnioten (mono-mono) Zwillingen. Dabei handelt es sich um die seltenste und risikoreichste Form von eineiigen Zwillingen. Aufgrund der Risiken sollten meine Zwillinge in der 32. Schwangerschaftswoche per Kaiserschnitt geholt werden, was bei einer solchen Schwangerschaft üblich ist.

Am 20.03.26 haben Sie Ihre Zwillinge verloren, 13 Wochen bevor sie auf die Welt gekommen wären. Wie und wo haben Sie davon erfahren?

Herz
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Bei einem Kontrolltermin bei meiner Gynäkologin. Ich hatte keine weiteren Beschwerden und habe nicht damit gerechnet. Beim Ultraschall wurde festgestellt, dass beide Herzchen nicht mehr schlagen.

Wie waren Ihre ersten Gefühle in diesem Moment?

Ich war am Boden zerstört und konnte es kaum glauben. Ich habe gehofft, dass es sich um einen Alptraum handelt und ich gleich aufwachen würde. Aber leider war es nicht so. Ich war unglaublich traurig.

Im Krankenhaus legten die Ärzt:innen Ihnen eine stille Geburt nahe, Sie sollten Ihre Kinder vaginal zur Welt bringen. Kam das für Sie in Frage?

Meine Gynäkologin hat mich ins Krankenhaus geschickt und ich wusste nicht, was mich da erwartet. Als mir dort gesagt wurde, dass man die Geburt einleiten würde und ich meine Kinder still zur Welt bringen soll, war das ein erneuter Schock für mich. Ich habe gesagt, dass ich das nicht möchte.

Nun geht man davon aus, dass es für die Verarbeitung der Trauer sinnvoll sein kann, diese letzten Momente mit dem Kind – oder in Ihrem Fall mit den Kindern – noch einmal bewusst zu erleben. Begründete das Klinikpersonal das auch so vor Ihnen?

Ja, mir wurde gesagt, dass es für meinen Körper am schonendsten wäre und dass so eine stille Geburt allen Frauen bei der Trauerverarbeitung helfen würde. Aber das klang für mich nicht stimmig, denn jeder Mensch verarbeitet Trauer doch anders.

Was unschön war: Sie fühlten sich in dieser verzweifelten Situation überhaupt nicht in Ihren Wünschen ernstgenommen…

Mir wurde gesagt, die stille Geburt sei alternativlos. Man hat mich belogen und versucht, mich mit Angst und Druck zur Zustimmung zu bewegen. Ich habe im Internet recherchiert und herausgefunden, dass es einen anderen Weg gibt, für den ich mich letztendlich auch entschieden habe. Das war gut so. Sowohl für meinen Körper als auch für meine Psyche und die Trauerverarbeitung.

Welcher Weg war das?

Arzt
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Der Eingriff nennt sich D&E (Dilatation und Evakuierung; eine Absaugung/Vakuumaspiration) und wird in Holland bis zur 22. Schwangerschaftswoche durchgeführt. Dort ist dies ein Routineeingriff und gilt auch im Vergleich zur stillen Geburt als sehr risikoarm.

Unter einer 20-minütigen Vollnarkose wurde der Eingriff durchgeführt, ich konnte eine Stunde danach die Klinik verlassen. Ich hatte gar keine Schmerzen, keine Verletzungen und keine Nebenwirkungen. Ich konnte sofort wieder alles machen. Meine Krankenkasse hat die Kosten für den Eingriff bis auf 50 Euro Bearbeitungsgebühr vollumfänglich übernommen.

Haben Sie sich mit anderen Frauen dazu ausgetauscht, die das ähnlich empfunden haben?

Ich war in verschiedenen Trauergruppen. Viele Frauen berichteten ebenfalls von Bevormundung und Druck, sie hatten keine Wahl. Häufig wird fälschlicherweise versprochen, die Geburt würde aufgrund der großzügigen Vergabe von Schmerzmitteln schmerzfrei sein. Es gab zwar Frauen, denen die stille Geburt tatsächlich bei der Trauerverarbeitung geholfen hat, für die meisten war es jedoch eher eine traumatische Erfahrung und sie hätten sich, wenn sie von dem Eingriff gewusst hätten, ebenfalls dafür entschieden.

Da der Körper für eine Geburt noch nicht bereit ist, kann der Vorgang mehrere Tage dauern und wird medikamentös eingeleitet. Dadurch unterscheiden sich die Wehen von natürlichen Wehen und zum Teil muss anschließend noch eine Ausschabung unter Vollnarkose durchgeführt werden, da Gewebereste zurückbleiben können.

Meine persönliche Meinung: Ich empfinde es als grausam, Frauen nach einem so schweren Verlust so etwas gegen ihren Willen zuzumuten und die stille Geburt als den einzigen und besten Weg vorzugeben.

Sie möchten sich nun für mehr Selbstbestimmung im Kreißsaal einsetzen...

Ja, ich möchte mich dafür einsetzen, dass auch andere Frauen eine Wahl bekommen, dass besser aufgeklärt wird und sich in Deutschland etwas ändert, denn leider ist das, was mir im Krankenhaus passiert ist, keine Ausnahme, sondern die Regel. Nach der 22. Schwangerschaftswoche sollte ein Kaiserschnitt nicht komplett verwehrt werden, auch, wenn die Risiken hierbei höher sind, als bei einer stillen Geburt.

Nach entsprechender Aufklärung sollte jede Frau selbst entscheiden dürfen, ob sie bereit ist, die höheren Risiken auf sich zu nehmen. Ich hoffe, irgendetwas erreichen zu können, damit Frauen ein Mitspracherecht über ihren Körper bekommen.

Wie genau haben Sie das vor?

Indem ich darüber spreche und meine Erfahrungen teile, so viel es geht. Ich habe mit den Ärzt_innen aus dem Krankenhaus gesprochen und ihnen von dem Ablauf des Eingriffs berichtet. Außerdem habe ich mich an mehrere Schwangerschaftsberatungsstellen gewendet und dort Unterstützung für mein Vorhaben erfahren.

Ich habe sowohl Journalisten und Podcastbetreiber angeschrieben als auch verschiedene Organisationen, wie z.B. „Doctors for Choice Germany e.V.“ und „Gerechte Geburt e.V.“, kontaktiert. Dort setzt man sich u.a. dafür ein, dass der Eingriff (D&E) auch in Deutschland standardmäßig durchgeführt werden soll.

Aktuell läuft eine Verfassungsbeschwerde aufgrund der Verletzung der Mitbestimmungsrechte von Frauen und mein Erfahrungsbericht wird dabei berücksichtigt werden. Da der Eingriff mit erheblich weniger Kosten verbunden ist als eine stille Geburt habe ich auch die KBV (Kassenärztliche Bundesvereinigung) informiert.

Wie geht es Ihnen heute, drei Monate nach dem Verlust?

Deutlich besser als am Anfang. Die Trauer kommt in Wellen, aber die Wellen werden schwächer. Ich lerne, damit zu leben, aber ich denke, das Gefühl, dass etwas fehlt, wird bleiben.

Was möchten Sie allen von einem Verlust in der Schwangerschaft betroffenen Eltern noch mit auf den Weg geben?

Gebt euch die Zeit, zu trauern. Es wird besser werden.

Den Frauen möchte ich sagen: Bitte gebt euch auf keinen Fall die Schuld. Das scheinen leider fast alle Frauen zu tun, aber es liegt so gut wie nie an der Mutter. Und bitte lasst euch zu nichts drängen, was ihr absolut nicht möchtet. Es gibt immer andere Wege.

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10 comments

  1. @Katja: eine natürliche Geburt verursacht auch Kosten, auch wenn ich Ihr Argument pietätlos finde. es handelt sich hierbei nicht um Schönheitschirurgie, sondern um eine Operation in einer extrem traumatischen Situation.

    1. Ich habe mich auf den Kommentar von Sternchen bezogen. Da ging es um einen Wunschkaiserschnitt bei komplikationsloser Schwangerschaft.

    1. Doch, aber auch dieser wird einem häufig in so einer Situation verwehrt, da er mit mehr Risiken verbunden ist als eine natürliche Geburt. Ist mir leider auch so passiert bei einer Totgeburt in der 37. Woche.

  2. @Alex.ub: ihr Kommentar mag sachlich korrekt sein, aber als Antwort auf das persönliche Erleben im Artikel finde ich ihn trotzdem einigermaßen unsensibel

  3. Liebe Frau Noll,
    ihr Verlust tut mir sehr, sehr leid. Ich wünsche Ihnen viel Kraft bei der Verarbeitung.(Hab das auch schon hinter mir, allerdings in einer früheren SSW). Stark, wie Sie sich für andere Frauen einsetzen.
    Ich weiß, das passt jetzt nicht ganz zum Thema, aber bei meiner besten Freundin wurde auch unglaublich viel Druck ausgeübt
    Sie wollte einen Wunsch – Kaiserschnitt bei einer komplikationslosen SS und gesundem Baby. Egal welche Gründe Sie dafür hatte, finde ich es ist Ihr gutes Recht selbst zu entscheiden wie Sie Ihr Kind zur Welt bringen will. Es kann nicht sein, dass vorher mit der Krankenkasse über die Kostenübernahme diskutiert werden muss. Sowas macht mich unglaublich wütend, mit uns Frauen kann man es ja machen…..

  4. Liebe Alexandra,
    stark, wie du dich so kurz nach diesem schweren Verlust für andere Frauen einsetzt und etwas verändern willst. Ich denke, es wird dir auch gelingen, denn du hast schon viele wichtige Player im Boot.
    Zwar glaube ich nicht, dass sich die Mehrheit der Betroffenen – wenn sie die Wahl hat- für die Absaugung entscheiden wird. Was mit den Babys passiert ist nämlich gruselig. Das darf gerne jeder selbst nachlesen und für sich bewerten. Trotzdem ist es gut, eine Wahl zu haben.

    1. Liebe/r Alex.ub,
      da Frauen häufig dahin erzogen werden zuerst an alle anderen zu denken und dann erst an sich selbst, möchte ich hier kommentieren.
      Ihr Kommentar impliziert, man solle nachlesen und bewerten, was da mit den Babys passiert. Erstmal: es passiert nur den toten Körpern der Babys. Oder möchten sie ebenfalls diskutieren, wie gruselig es ist, einen toten Körper in einer Kiste in der Erde zu vergraben oder zu verbrennen?
      Zweitens: die Babys sind tot, die Mutter lebt. Von Müttern wird erwartet selbstlos zu handeln. Das allein kann man schon diskutieren. Aber warum in dieser speziellen Situation auch noch verlangen? Die Babys werden davon nicht wieder lebendig.

      1. Der eigentliche Kernpunkt ist doch nicht zu entscheiden was in einer solchen Situation die beste Methode, sondern den Betroffenen die Wahl zu lassen.

        Und das ist ja ein generelles Problem, das Frauen in der Medizin haben: Sie werden nicht als kompetent genug erachtet über ihren eigenen Körper zu entscheiden.

        Ich finde es stark dass sich die betroffene Frau dagegen wehrt und jetzt Aufklärungsarbeit leistet!

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