Wie reagiere ich, wenn mein Kind schreit: „Ich hasse dich!“

Zurückhaltendes Kind

Foto: pixabay

Ihr Lieben, weiss eure Kind auch genau, welche Knöpfchen es bei euch drücken müssen, damit ihr wütend werdet? Wie fühlt es sich für euch an, wenn ein Kind euch anschreit: „Ich hasse dich! – obwohl ihr von früh bis spät euer Bestes gebt?  Wie können wir ruhig bleiben, ob wohl wir uns auch am Liebsten schreiend auf den Boden legen würden wie ein Kind in der Trotzphase? Genau das haben wir Familientherapeut und Gründer des Instagram-Kanals @eltern.survival.guide Sebastian Reisinger gefragt:

Lieber Sebastian, dann frag ich mal direkt: Wie reagiere ich als Eltern, wenn mein Kind mich anschreit: “Ich hasse dich”?

Erst mal: nicht persönlich nehmen. Das ist das Wichtigste. In den allermeisten Fällen hasst dich dein Kind nicht, sondern es ist wütend auf eine Grenze, die du gesetzt hast. Und es hat große Gefühle, die es noch gar nicht steuern kann.

Ich sage Eltern oft: Wenn du gerade ein “Ich hasse dich” abbekommst, hast du in vielen Fällen eine richtige Entscheidung getroffen. Richtige Entscheidungen stoßen bei Kindern regelmäßig auf große Gefühle. Das gehört dazu.

Dazu kommt noch eine zweite Ebene. Wenn Kinder so etwas sagen, geht es oft auch um Autonomie. Um das Bedürfnis, sich abzugrenzen, ein eigener Mensch zu sein. Das klingt hart, ist aber für die Entwicklung wichtig.

Konkret heißt das: Erkenne das Gefühl an und bleib trotzdem bei deiner Grenze. Beides gleichzeitig. Und ja, du darfst auch sagen, dass dich das verletzt hat. Über eigene Gefühle zu sprechen ist erlaubt und sogar gut. Nur eben nicht als Vorwurf und nicht als Gegenangriff.

Wie sollten wir also auf keinen Fall reagieren?

Nimm dein Kind nicht beim Wort. Nimm es beim Gefühl. Das ist mein Satz dazu.

Ernst nehmen sollst du dein Kind unbedingt, aber eben das Bedürfnis dahinter, nicht die Formulierung. Im Idealfall gehst du auf die Suche nach dem guten Grund. Es gibt immer einen guten Grund für ein Verhalten. Oft ist das Kind müde oder hungrig, oft fehlt gerade Verbundenheit, oft ist es der Wunsch, in diesem Moment selbst etwas entscheiden zu dürfen.

Was Eltern vermeiden sollten: selbst auf Distanz gehen. Nicht ignorieren, nicht Auge um Auge, nicht zurückzahlen. Und bitte nicht zurückschreien und sagen “Dann mag ich dich auch nicht”. Die Botschaft muss lauten: Du kannst mich als Mama oder Papa nicht kündigen. Ich liebe dich immer. Du bist gerade wütend auf mich, und das ist okay.

Kinder brauchen dieses Gefühl von bedingungsloser Liebe. Das heißt aber nicht, dass du nicht klar sagen darfst, was für dich geht und was nicht. Bedingungslose Liebe und klare Grenzen sind kein Widerspruch.

Du sagst: “Wenn dein Kind seine Ruhe verliert, braucht es deine.” Was ist aber, wenn ich selbst keine Ruhe mehr habe?

Dann kannst du den zweiten Schritt trotzdem nicht vor dem ersten gehen. Es ist sehr schwer, ein Kind zu beruhigen, wenn du selbst keine Ruhe mehr hast. Schritt eins ist also, deine eigene Ruhe zu finden. Und das Schöne ist: Diesen Prozess kannst du ganz plakativ vor deinem Kind machen. Das nennt man Co-Regulation. Wenn ich mich vor meinem Kind sichtbar selbst beruhige, schaut es sich das ab und findet seine Ruhe durch meine.

Wenn ich aber wirklich gerade sehr wütend bin, ist es absolut erlaubt, den Raum kurz zu verlassen und durchzuatmen. Vorausgesetzt, die Situation gibt das her, also es ist nichts Gefährliches im Gange.

Mir helfen dabei zwei kleine Worte: “Ich merke”. Ich merke, dass ich gerade wütend werde, ich geh mal kurz raus und atme durch. Ich merke, dass du gerade wütend bist. Dieses “Ich merke” ist so etwas wie ein Fixstern, an dem sich Kinder orientieren können. Und es bringt Zeit zwischen dich und deine Reaktion. Genau das wollen wir: nicht impulsiv handeln, sondern bewusst.

Kannst du konkrete Tipps geben, wie ich mich selbst regulieren kann, wenn es zu Hause mal wieder herausfordernd wird?

Es gibt unglaublich viele Techniken, und es hilft, eine zu finden, die wirklich zu dir passt. Aber vor allen Techniken steht die Selbstkenntnis.

Wisse, wo deine roten Knöpfe sind. Also die Dinge, bei denen du sofort auf 180 bist, wenn dein Kind sie drückt. Und dein Kind drückt sie übrigens nicht mit Absicht. Es hilft enorm zu verstehen, was für einen Rucksack du mit dir herumträgst, was dir leicht fällt und was schwer. Das kommt fast immer aus der eigenen Herkunftsfamilie, die prägt uns sehr. Und es hilft genauso, dein Kind besser zu verstehen. Wenn ich weiß, wie mein Kind tickt und warum es tut, was es tut, fällt mir vieles leichter.

Und dann kommen die Techniken. Ein paar, die schnell funktionieren:

  • Länger ausatmen als einatmen. Zum Beispiel vier zählen beim Einatmen, sechs oder acht beim Ausatmen.
  • Innerlich rückwärts zählen, ein kleiner Countdown.
  • Sich im Raum verankern: fünf Dinge sehen, vier hören, drei spüren. Das holt dich aus dem Gedankenkarussell.
  • Klopftechniken, zum Beispiel abwechselnd links und rechts über Kreuz auf die Oberarme.
  • Kurze Achtsamkeitsübungen, wenn du dafür Zugang hast.

In meinem Buch habe ich einige davon ausführlicher beschrieben. Im Idealfall wählst du eine Technik, die du spielerisch mit deinem Kind zusammen machen kannst. Denn Kinder schauen sich alles bei uns ab. Sie machen mehr das, was wir tun, als das, was wir sagen.

Was sind die typischen Alltagssituationen, in denen es in fast allen Familien kracht?

Meiner Erfahrung nach kracht es am häufigsten dann, wenn zwei Bedürfnisse aufeinanderprallen. Deins und das deines Kindes. Ganz oft passiert das in Situationen, wo die Erwachsenenwelt auf die Kinderwelt trifft. Wir müssen pünktlich los, das Kind ist noch tief im Spiel. Das Kind will vorgelesen bekommen, du hast Termindruck. Das Kind langweilt sich, du musst gerade etwas erledigen.

Kinder tun sich mit Übergängen sehr schwer. Und das hat weniger damit zu tun, dass sie keine Lust auf das Neue haben. Sie können das, was sie gerade tun, nur sehr schwer loslassen.

Dazu kommt: Dinge, die in unserer Erwachsenenwelt total vernünftig sind, Zähneputzen, sich warm anziehen, sind für Kinder schlicht uninteressant. Kinder fühlen mehr, als sie logisch denken. Ihr Gefühl ist größer. Und wenn sie sich gerade nicht danach fühlen, sind sie mit Vernunft nur schwer zu überzeugen.

Mal ganz persönlich: Was hat dich am Elternsein am meisten überrascht?

Wie schön und wie anstrengend es gleichzeitig sein kann. Elternsein ist unglaublich erfüllend und unglaublich anstrengend, oft im selben Moment. Das hätte ich vorher so nicht gedacht.

Und ehrlich gesagt auch, wie schwer es ist, selbst nicht impulsiv zu handeln. Man hat als Elternteil extrem große Gefühle in alle Richtungen. Riesige Freude, aber eben auch Wut, und manchmal auch Wut auf das eigene Kind. Darüber wird wenig gesprochen, und ich glaube, viele Eltern würden sich darin wiedererkennen. Das zu wissen entlastet.

Viele Eltern denken, sie seien die Einzigen, die es nicht perfekt hinkriegen. Was kannst du da aus deiner Erfahrung sagen?

Alle Familien haben ihre Themen. Wirklich alle. Nur passiert das meistens hinter verschlossenen Türen, und deshalb kriegen wir es voneinander nicht mit.

Was hilft, ist, sich Hilfe zu holen und darüber zu reden. Dann merkst du sehr schnell, dass fast alle Eltern im gleichen Boot sitzen. Mit unterschiedlichen Herausforderungen, klar, keine ist hundertprozentig gleich, und jede Familie findet andere Strategien. Aber das Grundgefühl teilen fast alle. Deshalb mein Wunsch: Macht die Türen auf. Sehr wahrscheinlich machen dann andere Familien ihre auch auf.

Wenn du unseren Leserinnen und Lesern einen Tipp mitgeben könntest, welcher wäre das?

Holt euch Hilfe. Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen, und an diesem Sprichwort ist etwas dran. Nur leben viele Eltern heute isolierter als früher, manche alleinerziehend, das hat sich verändert.

Also baut euch ein Netzwerk auf, auch wenn es klein ist. Sprecht mit dem Kindergarten, mit der Schule, mit Menschen in eurer Umgebung. Natürlich nur da, wo ihr euch gut dabei fühlt. Es gibt Beratungsstellen und andere Anlaufstellen. Ihr müsst das nicht alleine schaffen.

Und noch etwas: Der Kinderarzt und Psychoanalytiker Donald Winnicott hat den Begriff der “ausreichend guten” Eltern geprägt. Es reicht, gut genug zu sein. Kinder brauchen keine perfekten Eltern, sie brauchen verlässliche. Das heißt nicht, dass man aufhört, an sich zu arbeiten. Man wächst an dieser Aufgabe. Aber der Anspruch, es fehlerfrei zu machen, ist der falsche.

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