Ihr Lieben, von Heidemarie Brosche seid ihr ja längst Fans, nun hat sie mit Anja Küpper das Buch „Wieso denn plötzlich Nein?“ geschrieben, um für Kinder und Eltern den Unterschied klarzumachen: Wunsch oder Bedürfnis? Anja ist Diplom-Heilpädagogin, Autorin, Beraterin und Fortbildnerin für pädagogische Fachkräfte und Eltern und ihr ist es wichtig, dass wir den entscheidenden Unterschied kennen…
Wunsch oder Bedürfnis? Das ist die Frage im Umgang mit Kindern
„Bedürfnisorientierung ist der sichere Weg ins Familien-Chaos“. Ein Satz, den ich so oder so ähnlich leider viel zu häufig höre. Von Eltern, Großeltern, Fachkräften. Dabei ist es nicht die wissenschaftlich fundierte Bedürfnisorientierung, die die Probleme verursacht. Im Gegenteil, sie ist die Basis für eine gesunde kindliche Entwicklung.
Leider sind auf Instagram und Co. jede Menge Halbwahrheiten, Mythen und zum Teil haarsträubender Quatsch über all das im Umlauf, was Bedürfnisorientierung angeblich ist. Und wenn sich Eltern daran orientieren, kann es wild werden. Als Beraterin und Fortbildnerin für Eltern und Fachkräfte begegne ich immer wieder diesen vier Top-Mythen rund um die Bedürfnisorientierung:
1: Bedürfnisorientierung produziert verwöhnte Tyrannen.
Nope, stimmt nicht. Was man an dieser Stelle verstehen muss: Das Erfüllen von Bedürfnissen ist kein nice-to-have. Bedürfnisse sind existentiell. Mit anderen Worten: Werden grundlegende Bedürfnisse von Kindern nicht erfüllt, ist ihre gesunde Entwicklung gefährdet. Was also sind diese Bedürfnisse, über die alle sprechen?
Wir unterscheiden zwischen körperlichen und seelischen Bedürfnissen. Körperliche Bedürfnisse sind z.B. Schlaf, Erholung und Ruhe, Nahrung, körperliche Nähe, Bewegung und Schutz vor Hitze und Kälte. Bei den seelischen Bedürfnissen wird es etwas komplizierter.
Hier geht es um Bindung, also Verbindung und Zugehörigkeit, um Trost und Geborgenheit, um Vertrauen und Sicherheit. Es geht um Orientierung und Halt, um Integrität und Grenzen, um Kontrolle und Resonanz. Es geht um den Selbstwert eines Kindes, also um Würde, Respekt, Wertschätzung und das Gesehenwerden, um Verständnis, Akzeptanz und Toleranz.
Es geht um Kreativität, Spiel, Spaß und Inspiration. Und es geht um Autonomie. Um Freiheit, Selbstbestimmung und Individualität, um Teilhabe und Mitbestimmung, ums Entdecken der Welt und sich selbst – und ums Selbstwirksam sein. Das Erfüllen von Bedürfnissen hat also nichts mit Verwöhnen zu tun, es sorgt lediglich für das stabile Fundament einer gesunden Entwicklung.
2: Man soll den Kindern alle Wünsche erfüllen.
Nope, auch falsch. In der Bedürfnisorientierung geht es – wie der Name schon sagt – darum, Bedürfnisse zu erfüllen (s.o.). Von Wünschen war nie die Rede. Oder anders formuliert: Bedürfnisse sind existentiell, Wünsche austauschbar. Aber: hinter jedem Wunsch steckt ein Bedürfnis, das sich das Kind zu erfüllen versucht. Unsere Aufgabe als Eltern und Fachkräfte ist es, herauszufinden, welches.
Will das Kind unbedingt ein bestimmtes T-Shirt anziehen, so kann dahinter z.B. das Bedürfnis nach Sicherheit stecken, nach Selbstbestimmung und Individualität, nach Kontrolle oder Zugehörigkeit (wenn dieses T-Shirt grade „in“ ist). Das T-Shirt ist nur Mittel zum Zweck, nicht mehr und nicht weniger.
Im Bilderbuch „Wieso denn plötzlich Nein?“, das gerade von Heidemarie Brosche und mir im mvg-Verlag erschienen ist, möchte Erdmännchen Erdi unbedingt noch ein weiteres Eis. Erdis Mutter sagt NEIN zum Eis-Wunsch, aber JA zu den Bedürfnissen, die sie hinter dem Wunsch wahrnimmt: Erdi braucht nach einem anstrengenden, fremdbestimmten Tag einen Moment der Ruhe und Geborgenheit in inniger Verbindung zu seiner Familie.
Erdi hat dies mit gemeinsamem Eisessen am Tisch verknüpft. Erdis Mutter versteht und gibt Erdi, was er/sie braucht: Ruhe und Genuss inmitten der Familie… aber mit Wassermelone, statt einem dritten Eis. Es geht also darum, hinter den Wunsch zu schauen, abzuwägen und Kompromisse zu finden.
Und es geht darum, auch mal Nein zu sagen, wenn die Wunscherfüllung schädlich oder nicht umsetzbar ist. Oder wenn Eltern nach der Abwägung ihre eigenen Bedürfnisse priorisieren (ja, auch das ist erlaubt und im Sinne der Selbstfürsorge enorm wichtig).
Auch wenn die Stimmung erst mal kippt, auch wenn das Kind schreit und tobt – nur so versteht ein Kind, dass alle Menschen – auch Eltern – Bedürfnisse haben und nur so kann es lernen Frust auszuhalten, Grenzen anderer Menschen zu respektieren und Kompromisse zu schließen.
3: Es geht immer nur um die Bedürfnisse der Kinder.
Nope, zum dritten Mal falsch. Wie gesagt: Bedürfnisorientierung funktioniert nur, wenn die Bedürfnisse aller Mitglieder eines Systems (Familie, Kitagruppe usw.) gesehen und beachtet werden. Also auch die der Erwachsenen! Die unterschiedlichen Bedürfnisse müssen dann immer wieder gegeneinander abgewogen und aufs Neue priorisiert werden. Welches Bedürfnis ist hier grade wichtiger? Welches ist so dringend, dass es erfüllt werden muss und keinen Aufschub duldet?
Ein Beispiel: Nehmen wir an, ich habe lange vor dem Rechner gesessen und deshalb das dringende Bedürfnis, mich zu bewegen. Ich habe grade begonnen, ein paar Dehnungsübungen zu machen, da kommt meine Tochter weinend ins Zimmer. Vollkommen selbstverständlich, dass mein Bedürfnis nach Bewegung plötzlich nicht mehr so wichtig ist und ich erstmal das Bedürfnis meiner Tochter nach Trost priorisiere. Meine Bewegungspause muss warten.
Ein anderes Beispiel: Meine Tochter hat keine Lust, zu Oma und Opa zu gehen, weil sie lieber weiter mit ihrer Ritterburg spielen will. Ich habe aber einen Beratungstermin, den ich nicht absagen kann und möchte. An dieser Stelle priorisiere ich meine Arbeit über das Bedürfnis meiner Tochter nach Selbstbestimmung. Gemeinsam überlegen wir, welches andere Spiel bei Oma und Opa Spaß machen könnte, bevor sie später am Nachmittag wieder mit der Ritterburg spielen darf.
Ich sollte mich also immer fragen: Wer kann/muss hier grade zurückstecken, welche Bedürfnisse können grade nicht erfüllt und müssen deshalb aufgeschoben werden? Können vielleicht gar Kompromisse gefunden werden?
4: Ziel ist es, Kindern negativen Emotionen zu ersparen. Bedürfnisorientierung meint deshalb, man sollte keine Grenzen mehr setzen.
Nope, gefährlich falsch! Unser Problem: das eigene schlechte Gewissen und die Überforderung, die die intensiven Gefühle unserer Kinder in uns auslösen. Deshalb versuchen wir, Gefühlsausbrüche zu vermeiden, die mit unerfüllten Wünschen einhergehen können – und verhalten uns deshalb oft nicht authentisch.
Einen Gefallen tun wir damit niemandem, weder uns noch unseren Kindern. Wir verbringen unser Leben in Erwartungsangst und geraten in all der Aufopferung und Harmoniesucht immer mehr an unsere Grenzen. Und unseren Kindern verweigern wir dadurch die Sicherheit, die sich aus zugewandter Klarheit ergibt, aus dem Gefühl, das die Erwachsenen genau wissen, was sie tun.
Wir Eltern müssen unseren Kindern Orientierung geben und ihnen durch einen stabilen Rahmen Halt geben. Wenn wir Ja sagen, um negative Gefühle zu vermeiden, tun wir genau das nicht! Wir nehmen unseren Kindern die Chance, alle Emotionen kennen- und mit ihnen umgehen zu lernen – eine der wichtigsten Aufgaben überhaupt im Leben eines Menschen.
Das Problem ist also nicht die Bedürfnisorientierung, sondern dass wir viel zu oft etwas kaufen, auf dem zwar Bedürfnisorientierung draufsteht, ohne dass Bedürfnisorientierung drin ist. Und dass wir nicht verstehen, dass die richtig verstandene Bedürfnisorientierung ein Gewinn ist. Und zwar für Alle – auch für Eltern.


