Ihr Lieben, nach einem fiesen Sexismus Vorfall, der leider nicht der erste im Leben unserer Tochter war, lässt hier mal der Land-Papa seinem Groll darüber freien Lauf. Erlebt ihr mit euren Töchtern Ähnliches? habt ihr Ideen oder Strategien zum Umgang damit? Hier kommt der Beitrag.
Wenn drei von drei Kindern einen Führerschein haben und alleine Auto fahren dürfen, ist eine gewisse Hab-Acht-Stellung stets eingepreist: Wer ist gerade wo unterwegs? Warum ist er oder sie noch nicht zuhause? Hoffentlich passiert nichts!
Eigentlich sollte nur ein Auto abgeschleppt werden
Vor einigen Tagen rief unsere Tochter bei mir an: Sie stehe mit ihrem Auto in einer größeren Stadt, glücklicherweise in der Nähe ihrer Wohnung – und das Lenkrad lasse sich kaum noch drehen. Außerdem funktioniere die Tempoanzeige nicht mehr. Mir kam das nicht geheuer vor, also riet ich ihr, den ADAC zu rufen.
Früher nannten wir die Frauen und Männer des ADAC „Gelbe Engel“, und auch für mich waren sie schon mal Engel, als ich vor vielen Jahren auf der Autobahn liegen geblieben war und ein älterer, erfahrener Kfz-Meister mir sagte, nachdem er aus seinem Abschlepper gestiegen war: Machen Sie sich keine Sorgen, wir nehmen Ihr Fahrzeug jetzt mit. Sie steigen vorne ein. Das kriegen wir schon hin!
Jetzt also meine 20 Jahre alte Tochter. Nach knapp zwei Stunden tauchte ein Autofachmann bei ihr auf. Der Fahrer stellte sich als M. vor, setzte sich ans Steuer des Kleinwagens und diagnostizierte einen Schaden, der eine Weiterfahrt angeblich unmöglich machte. Also abschleppen.
Was dann geschah, hatte nur noch wenig mit den Gelben Engeln aus meiner offensichtlich verklärten Erinnerung zu tun. M. brachte das Fahrzeug zwar zur Werkstatt, mehr als sein Job interessierte ihn jedoch meine Tochter: Hast du einen Freund? Sollen wir eine Extrarunde fahren? Gibt’s du mir deine Telefonnummer?
Wohlgemerkt: Meine Tochter saß allein neben ihm im Führerhaus. Sie konnte nicht einfach aussteigen. Der Lkw hatte ihren Wagen Huckepack genommen, M. hatte gesagt, sie solle mit zur Werkstatt. Wir telefonierten. „Hm, ja, war ein komischer Typ, irgendwie aufdringlich.“
Blöde Anmache: Keine Überraschung für die Tochter
„Ich wusste aber schon, was mich erwartete, als ich ihn sah.“ Bääm, der Satz saß! Wirklich jetzt? Sie hatte genau das erwartet? Weil sie es schon kannte? Weil sie weiß, dass, wenn da ein um die 30jähriger Pannenhelfer aussteigt – es so kommen muss?
Die Geschichte ist hier noch nicht zu Ende: Als wir am nächsten Tag zur Werkstatt fuhren, um zu erfahren, was nun mit dem Wagen geschehe, stand das Auto zwar auf dem Hof. Doch Schlüssel und Fahrzeugschein fehlten. M. hatte beides mit nach Hause genommen.
Wenn ein Versicherungsfall für Avancen ausgenutzt wird
Es war nicht das erste Mal, das unserer Tochter so etwas passierte. Vor einigen Monaten hatte sie einen kleinen Auffahrunfall, es ging nur um eine paar Kratzer, kein Drama. Der Fahrer, nur ein bisschen älter als sie, war sehr höflich, sagte, das alles sei nicht schlimm, kriegen wir schon hin. Nummern wurden ausgetauscht, die Versicherung verständigt. Doch kurz danach: Eine WhatsApp. „Würde dich gern zum Essen einladen!“ Und: „Hast du einen Freund?“
Unvergessen ist bei ihr noch etwas anderes: Als sie vor über zwei Jahren ihren Führerschein machte, hatte sie es mit einem Fahrlehrer zu tun, der sie – unglaublich – konsequent „Hase“ oder „Schnucki“ nannte und ihr wie beiläufig zwischen Roter Ampel und dem Hinweis „Jetzt Blinker rechts“ ein Hörbuch laufen lässt, in dem Sätze fallen wie „Dann ist er in mich eingedrungen und ich kam zum Höhepunkt“. Meine Tochter schwieg das damals alles weg – sie wollte einfach nur: ihren verdammten Führerschein machen.
Wenn Töchter den alltäglichen Sexismus verinnerlichen
Ich berichtete damals einer Bekannten davon und war ziemlich empört. Die entgegnete: Das sei leider typisch. Erst wenn es das eigene Kind erwische, erst wenn die eigene Tochter belästigt werde, verstünden auch viele Väter, was es bedeute, in unserer Gesellschaft eine junge Frau zu sein. Und vermutlich hat sie recht.
Anders wäre es bei meinem Sohn. Er wird den ADAC rufen, und der wird ihn auf direktem Wege in die Werkstatt bringen. Mein Sohn macht seinen Führerschein, und der Fahrlehrer hält seine Klappe. Mein Sohn steht am Bahnsteig, und niemand kommentiert sein Aussehen, niemand pfeift ihm hinterher, niemand belästigt ihn.
Er muss sich keine Ausreden zurechtlegen, um einen aufdringlichen Mann loszuwerden. Er muss nicht freundlich bleiben, obwohl ihm längst nicht mehr danach ist. Und er muss sich nicht fragen, ob aus einem harmlosen Kontakt plötzlich eine Bedrohung werden könnte.
Was mich noch mehr erschreckt als die blöde Anmache: Dass meine Tochter all diese Erfahrungen längst als Teil ihres Alltags betrachtet. Als Normalität. Sie hat gelernt, solche Situationen einzuschätzen, ihnen auszuweichen, zu beschwichtigen. Nicht, weil sie das möchte, sondern weil sie offenbar muss. Während ich mich noch über jeden einzelnen Vorfall empöre, hat sie längst Strategien entwickelt, damit umzugehen.
Und vielleicht ist genau das das Erschreckendste: Dass meine Tochter gelernt hat, mit solchen Männern zu leben. Und ich erst lernen musste, wie viele es davon gibt.


