Ihr Lieben, als Eltern können wir versuchen, alles richtig zu machen… und wissen dennoch nicht, ob es bei unseren Kindern auch genauso „richtig“ ankommt. Unserer Leserin und ihrem Mann war ein gutes Verhältnis zu ihren Kindern immer wichtig, trotzdem kam es bei einem Schwierigkeiten und zum Kontaktabbruch des Kindes mit den Eltern, nachdem es selbst eine Familie gegründet hatte. Wie die Eltern damit umgehen, haben wir die Mama gefragt
Du Liebe, hier kommen unsere Fragen zum Kontaktabbruch eures Sohnes. Ist er euer einziges Kind?
Nein, er ist das zweite unserer drei Kinder. Er hat einen älteren Bruder und eine jüngere Schwester.
Wenn du an die Kindheit deines Sohnes zurückdenkst, welche schöne Situation fällt dir da als Erstes ein?
Da fällt mir nicht die eine Situation ein, sondern ganz viele kleine. Ich hatte immer das Gefühl, zu ihm eine ganz besondere, enge Verbindung zu haben, wie ein sehr dickes Band zwischen uns.
Schon als Kind hat er gerne etwas für andere getan. Ihm war wichtig, dass es den Menschen um ihn herum gut geht. Diese Verbundenheit blieb auch bestehen, als er erwachsen war. Fast jeden Morgen kam eine kleine Nachricht: „Guten Morgen, Mama.“ Gerade solche Kleinigkeiten gehören heute zu meinen schönsten Erinnerungen.
Wie hat sich euer Mutter-Sohn-Verhältnis dann zur Jugend hin entwickelt?
Ich habe unsere Beziehung in seiner Jugend sogar als noch enger erlebt. Er war früh sehr selbstständig und hat sich gerne in unser Familienleben eingebracht. Gleichzeitig war mir bei allen drei Kindern wichtig, dass sie ihre eigenen Wege gehen dürfen. Freiheit ist für mich ein sehr hoher Wert.
Heute sehe ich manches differenzierter. Mein Sohn hat durch seine hilfsbereite und sehr präsente Art viel Raum in unserer Familie eingenommen und ich habe ihm diesen Raum auch gegeben. Wenn ich ehrlich bin, war das manchmal ziemlich bequem für mich. Manche Familiendynamiken erkennt man erst, wenn sich plötzlich etwas grundlegend verändert.
Dein Sohn hat dann geheiratet und es kündigte sich Nachwuchs an. Wie hast du darauf reagiert?
Eigentlich war die Reihenfolge andersherum: Erst kündigte sich unser erstes Enkelkind an, danach kam die Hochzeit. Wir haben uns unfassbar auf das Baby und darauf gefreut, Großeltern zu werden. Wir waren viel miteinander im Austausch und haben geholfen, wenn wir gefragt wurden.
Zumindest habe ich diese Zeit so erlebt. Diese Einschränkung ist mir heute wichtig, denn ich habe gelernt, dass zwei Menschen dieselbe Situation erleben und trotzdem mit völlig unterschiedlichen Erinnerungen daraus hervorgehen können.
Das Baby kam. Kurz darauf kam es zum Kontaktabbruch des Kindes. Magst du uns von dem Tag erzählen?
Das war im Sommer 2024. Wir hatten die Wohnung und die Garage der jungen Familie für ihre Rückkehr aus dem Krankenhaus geschmückt: Luftballons, Girlanden, einen großen Storch und selbst gebastelte Wimpelketten aus kleinen Babybodys. An diesem Tag war es ungewöhnlich stürmisch.
Als unser Sohn aus dem Auto anrief und sagte, dass sie jetzt vom Krankenhaus nach Hause fahren, war ich neugierig, ob unsere Dekoration den Sturm überstanden hatte und natürlich auf ihre Reaktion. Der Weg nach Hause dauerte nur wenige Minuten und ich blieb mit ihm am Telefon. Als sie ankamen, fragte ich: „Und, was siehst du?“ Seine Reaktion traf mich völlig unvorbereitet: „Was soll ich schon sehen? Es ist halt dekoriert.“ Das Gespräch war kurz darauf beendet.
Erst im Nachhinein wurde mir klar, wie unterschiedlich wir diesen Moment erlebt hatten. Meine Frage war einfach Ausdruck meiner Freude und Neugier auf ihre Reaktion. In den Gesprächen danach wurde deutlich, dass mein Verhalten bei ihm eher als Einmischung in einen Moment angekommen war, den die junge Familie gerne für sich gehabt hätte.
Natürlich entsteht ein Kontaktabbruch nicht wegen eines einzigen Satzes. Rückblickend weiß ich, dass es auf seiner Seite schon vorher Erlebnisse und Wahrnehmungen unserer gemeinsamen Geschichte gab, deren Bedeutung mir zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst war. Was sich für mich bis dahin noch nach einer sehr engen und grundsätzlich guten Beziehung angefühlt hatte, hat er in Teilen offensichtlich anders erlebt.
Dieser Moment war deshalb vermutlich weniger die Ursache als der Auslöser dafür, dass etwas sichtbar wurde, das schon länger zwischen uns stand. Später entwickelte sich darüber ein Streit. Das war der Beginn unseres ersten Kontaktabbruchs. Heute ist diese kleine Szene für mich fast sinnbildlich für etwas, das ich später erst lernen musste: Ich kann wissen, was meine Intention war. Ich kann aber nicht bestimmen, was beim anderen ankommt.
Als dein Vater ein halbes Jahr später starb, hattest du das Gefühl, es könnte noch einmal zur Annäherung kommen …
Ja. Als mein Vater einige Monate später starb, schrieb ich meinem Sohn eine Nachricht. Nach fast einem halben Jahr mit so gut wie keinem Kontakt rief er mich an. Es entstand wieder vorsichtige Annäherung und wir hatten Hoffnung auf einen Neuanfang. Einige Wochen später kündigte er an, mit uns über die Zukunft sprechen zu wollen.
Mein Vorsatz war: zuhören, nicht rechtfertigen, nicht die Vergangenheit aufrollen. Doch genau um diese Vergangenheit ging es an diesem Abend. Es fielen harte Vorwürfe und mir wurde deutlich, wie unterschiedlich wir unsere gemeinsame Familiengeschichte wahrnahmen. Als ich darum bat, das Gespräch für diesen Abend zu beenden, fiel der Satz, dass wir sie und unser Enkelkind nicht wiedersehen würden, wenn sie jetzt gingen. Dann gingen sie.
Kurze Zeit später waren wir auf allen Kanälen blockiert. Seitdem haben mein Sohn und ich weder miteinander gesprochen noch geschrieben.
Wie lang ist dieser letzte Kontakt jetzt her und welche Trauerphasen hast du seitdem durchlaufen?
Der letzte Kontakt ist inzwischen rund eineinhalb Jahre her. Von klaren Trauerphasen würde ich gar nicht sprechen. Dafür war es viel zu chaotisch. Da waren Wut, Enttäuschung, Traurigkeit, Fassungslosigkeit und Selbstzweifel. Ich fragte mich, was ich falsch gemacht hatte, ob ich eine schlechte Mutter gewesen war und was ich hätte anders machen können.
Der Wendepunkt kam erst Monate später. Im Herbst 2025 war ich mit meinem Mann auf einer griechischen Insel. Eigentlich habe ich Angst davor, ins Meer zu gehen. Eines Tages ging ich trotzdem hinein, stand bis zur Brust im Wasser und fragte mich plötzlich: „Was passiert, wenn ich es trotzdem mache?“
Einige Wochen später waren wir in Berlin. Auf dem Dach unseres Hotels entdeckte ich eine Schaukel in 130 Metern Höhe und buchte einen Termin. Ich stand dort oben mit Winterjacke, Handschuhen und Stirnband und setzte mich, gesichert in einem Klettergeschirr, auf dieses schmale schwarze Schaukelbrett. Dann wurde ich angeschaukelt.
Ich breitete die Arme aus, ließ mich nach hinten fallen und schaute auf Berlin hinunter. Und plötzlich war dieser Gedanke da: Das ist Freiheit. Das ist Leben. Das ist mein Leben. Mir wurde klar: Jeder Tag, an dem ich darauf warte, dass sich etwas verändert, ist ein Tag meines Lebens, den ich im Warten verbringe. Und: mein Warten verändert die Entscheidung meines Sohnes nicht. An diesem Tag habe ich beschlossen, wieder zu leben.
Du weißt nicht einmal, wo er wohnt. Du sagst: Auch Kinder sind freie Menschen und dürfen Entscheidungen treffen. Du hast gelernt, dass du nicht in den Frieden kommst, indem du auf Antworten wartest, sondern indem du aufhörst, sie zu brauchen …
Heute weiß ich tatsächlich nicht, wo mein Sohn lebt. Und es gibt Fragen, auf die ich vermutlich nie eine Antwort bekommen werde. Lange dachte ich, ich müsste verstehen, was passiert ist, um Frieden damit schließen zu können. Heute glaube ich das nicht mehr.
Vielleicht gibt es auch gar nicht die eine Wahrheit, die alles auflösen würde. Es gibt meine Wahrnehmung und seine, die offenbar in Teilen völlig anders ist. Und irgendwann kam bei mir eine Frage auf: Was ist, wenn niemand Schuld hat? Ich muss seine Entscheidung nicht verstehen, um sie zu akzeptieren und Akzeptanz bedeutet nicht Zustimmung.
Was liegt noch in meinem Einflussbereich? Seine Entscheidung nicht. Aber wie ich lebe, welche Beziehungen ich pflege, welche Grenzen ich setze und wer ich nach all dem sein möchte, das liegt bei mir.
Was macht die Situation mit euch als Elternpaar? Wie reagiert euer Umfeld, könnt ihr euch mit Menschen dazu austauschen?
Mein Mann und ich sind sehr unterschiedlich damit umgegangen. Ich musste reden und bei mir war lange viel Wut. Mein Mann zieht sich eher zurück, bei ihm war es eher Trauer. Trotzdem hat uns der Kontaktabbruch als Paar näher zusammengebracht. Wir haben viel gesprochen, reflektiert und auch vor unserer eigenen Tür gekehrt.
Auch unser Familiengefüge hat sich verändert. Unser Sohn hatte immer viel Raum eingenommen und als dieser Raum plötzlich leer war, war das zunächst schmerzhaft. Gleichzeitig haben wir irgendwann aufgehört, ausschließlich auf den leeren Platz zu schauen und so sind die Beziehungen zu unseren anderen beiden Kindern und auch ihre Beziehung zueinander inniger geworden.
Unsere Familie ist ohne unseren Sohn nicht besser. Sie ist anders und auch dieses Andere ist heute wertvoll. Im Umfeld hieß es anfangs oft: „Der kommt schon wieder.“ Später erzählten uns immer mehr Menschen von Kontaktabbrüchen in ihren eigenen Familien. Da haben wir erst gemerkt, wie viele dieses Thema betrifft und wie wenig darüber gesprochen wird.
Wenn du fünf Jahre weiterschaust, was würdest du dir wünschen?
Meine Tochter hat dazu einen Satz gesagt, den ich wunderschön finde: „Egal, was in fünf Jahren ist, es ist gut so.“ Ich stelle mir die Beziehung zu meinem Sohn heute wie eine Tür vor. Sie ist nicht abgeschlossen, sie steht aber auch nicht sperrangelweit offen. Sie ist angelehnt.
Wenn es irgendwann eine Annäherung gibt, würde ich mich darüber freuen und gleichzeitig könnten und möchten wir nicht einfach dort weitermachen, wo wir aufgehört haben. Auch ich habe Grenzen und Bedürfnisse. Mein Sohn darf seine Entscheidungen treffen und ich darf meine treffen.
Er darf einen Platz in unserem Leben haben und dieser Platz ist nicht mehr automatisch derselbe wie früher. Und wenn er keinen Kontakt möchte, darf auch das so sein. Es darf mich traurig machen. Aber mein gutes Leben hängt nicht mehr davon ab.
Was möchtest du anderen Eltern in eurer Situation mit auf den Weg geben?
Als Erstes würde ich wahrscheinlich gar keinen Rat geben. Ich würde sagen: Es tut mir wahnsinnig leid. Ich wünsche niemandem, durch diese Hölle gehen zu müssen. Und dann würde ich irgendwann sagen: Schau dir deinen eigenen Anteil an und übernimm Verantwortung für das, was du heute anders machen möchtest und hör auf, nach dem einen Schuldigen zu suchen.
Die Entscheidung deines erwachsenen Kindes liegt nicht in deinem Einflussbereich. Unsere Kinder gehören uns nicht. Wir geben ihnen Wurzeln und Flügel und manchmal benutzen sie diese Flügel auf eine Weise, die uns sehr wehtut. Und dann würde ich dieser Mutter oder diesem Vater vor allem wünschen, wieder zu leben. Nicht weniger zu lieben, nicht zu vergessen, aber das eigene Leben nicht im Warten zu verbringen.
Wenn der Schmerz dafür noch zu groß ist, darf man sich Unterstützung holen. Das Kind ist ein Teil unseres Lebens, es ist nicht unser ganzes Leben. Das ist mein Leben. Und ich darf es leben.


1 comment
Ja krass und traurig.
Du schließt mit der Metapher der angelehnten Tür.
Und dann ist da dieser Absatz:
„Doch genau um diese Vergangenheit ging es an diesem Abend. Es fielen harte Vorwürfe und mir wurde deutlich, wie unterschiedlich wir unsere gemeinsame Familiengeschichte wahrnahmen. Als ich darum bat, das Gespräch für diesen Abend zu beenden, fiel der Satz, dass wir sie und unser Enkelkind nicht wiedersehen würden, wenn sie jetzt gingen. Dann gingen sie.‘
Ich könnte mir folgendes vorstellen: Genau da hast du (aus der Perspektive deines Kindes) deinem Sohn die Tür ins Gesicht geknallt. Weil es wieder nach deinen Spielregeln gehen musste. Weil dir der emotionale Aufwand zu hoch war sollte er sich zurücknehmen. Wenn das sein grundsätzliches Thema in eurer Familie war, verstehe ich sehr gut, dass er für seinen eigenen Frieden gehen musste. Er hat es ja versucht…
Alles Gute