Ihr Lieben, dem Account @liniundthilda folge ich bei Instagram schon länger, nun hat Carolina (aka „Lini“) ein bewegendes Buch zum Weiterleben mit der Trauer geschrieben: Jung, Mama, Witwe. Vor drei Jahren verunglückte Jacek, ihre große Liebe und Vater ihrer kleinen Tochter bei einem Unfall tödlich. Wie sie mit der Trauer umgeht und warum Trauer und Dankbarkeit gleichzeitig existieren können, das erzählt sie uns hier.
Liebe Carolina, wie war es für dich, Mama zu werden?
Mama zu werden, war das Schönste und gleichzeitig das Herausforderndste, was ich je erlebt habe. Von jetzt auf gleich trug ich nicht mehr nur Verantwortung für mich selbst, sondern auch für einen kleinen Menschen. Diese neue Rolle hat mein Leben auf den Kopf gestellt und ich habe wirklich meine Zeit gebraucht.
Die ersten Tage, Wochen und Monate waren alles andere als leicht. Da ich damals auch schon selbstständig war, habe ich bereits zwei Wochen nach der Geburt wieder angefangen zu arbeiten. Als freie Journalistin konnte ich meine Texte zwar theoretisch auch aus dem Wochenbett schreiben, doch die Kombination aus Arbeit und den Anforderungen eines Neugeborenen war eine enorme Doppelbelastung.
Auch psychisch hat mich die Geburt stark gefordert hat. Ich litt unter dem Baby Blues, hatte Panikattacken und Angstzustände (besonders vor den schlaflosen Nächten). Rückblickend war diese Zeit einfach unglaublich intensiv.
Wie hat sich dein Mann verändert, als er Vater wurde und was hat das mit eurer Beziehung gemacht?
Mein Mann ist mit der Geburt unserer Tochter auf seine ganz eigene Weise in die Rolle als Vater hineingewachsen. Es war schön zu sehen, wie selbstverständlich er Verantwortung übernommen hat und wie liebevoll und fürsorglich er mit der Kleinen umgegangen ist. Er hat sich zum Beispiel auch das komplette erste Lebensjahr von Mausi Elternzeit genommen.
Natürlich hat die Elternschaft auch unsere Beziehung verändert. Plötzlich drehte sich vieles um den Alltag mit Baby, Hund, Schlafmangel und Organisation. Für Zweisamkeit blieb oft wenig Zeit, und wir mussten lernen, als Team noch besser zusammenzuarbeiten. Das war nicht immer einfach.
Wir sind oft an unsere Grenzen gekommen, haben wegen jeder Kleinigkeit gestritten und mussten uns wirklich bewusst machen, dass wir nicht gegeneinander, sondern miteinander kämpfen.
Zwei Jahre nach der Geburt starb dein Mann bei einem Unfall. Wie wurde dir die Nachricht mitgeteilt?
Offiziell wurde mir diese Nachricht am 7. September 2023, es war ein Donnerstag, um ca. 17.35 Uhr durch die Einsatzkräfte der Polizei und des DRK-Kriseninterventionsteams zu Hause mitgeteilt. Ich schreibe ausführlich darüber in meinem Buch „Jung, Mama, Witwe“, denn es sind in diesem Zusammenhang viele Dinge schief gelaufen.
Inoffiziell habe ich von dem Tod meines Mannes nämlich durch Google erfahren, weil ich sowas wie eine Vorahnung hatte, dass etwas nicht stimmt und dann gegoogelt habe, als ich meinen Mann abends nicht erreichen konnte.
Wie viel hat eure damals zweijährige Tochter von dem plötzlichen Verlust ihres Papas mitbekommen?
Kaum etwas. Sie war damals ja noch sehr klein. Natürlich hat sie wahrgenommen, dass plötzlich mehrere Menschen in Uniform in unserem Wohnzimmer standen, aber ich habe versucht, sie so gut wie möglich aus der Situation herauszuhalten. Trotzdem war es mir wichtig, ihr auf kindgerechte Weise zu erklären, dass ihr Papa nicht mehr nach Hause kommen wird.
Ich wollte vermeiden, dass sie auf ihn wartet oder hofft, dass er irgendwann zurückkommt. Für sie war das irgendwie alles „okay“. Kinder sind ja ohnehin Trauerpfützenspringer und gehen anders als wir Erwachsenen mit so einem schrecklichen Verlust um.
Am nächsten Tag habe ich sie wie gewohnt in die Kita gebracht, damit ihr Alltag ganz normal weiterläuft. Für sie sollte in dieser Ausnahmesituation so viel Normalität wie möglich aufrechterhalten bleiben.
Was hat dir in der Zeit des ersten Schocks am allermeisten geholfen – und was gar nicht?
Zu funktionieren und weiterzumachen. Ich habe mich nicht verkrochen, sondern mir geschworen, dass ich an dem Tod meines Mannes nicht zerbrechen werde. Ich habe mir direkt professionelle Hilfe gesucht und saß eine Woche nach dem Unfall bei einem Therapeuten zum Erstgespräch. Bis heute bin ich in Therapie (Verhaltenstherapie und Traumatherapie) und ich wüsste nicht, wo ich stehen würde, wenn ich diesen Schritt damals nicht gegangen wäre.
Nicht geholfen haben mir, und das klingt jetzt vielleicht sehr hart, Freundschaften, die sich zurückgehalten und sich nicht gemeldet haben, oder die Verantwortung an mich, als Trauernde, abgegeben haben: „Meld dich, wenn du was brauchst.“ Das macht keiner in dieser Situation – zumindest ich nicht.
Familie, Freunde und Nachbarn, die für mich einkaufen waren oder mir Essen vor die Tür gestellt haben, haben mich so wahnsinnig entlastet. Es muss nichts Großes sein. Mir haben damals schon solche Dinge sehr geholfen.
Drei Jahre lebt ihr jetzt schon im Vorher/Nachher, wie hat sich deine Trauer seither verändert? Wie funktioniert das Weiterleben mit der Trauer?
Die Trauer gehört seit drei Jahren zu mir. Sie ist Teil meiner Identität geworden. Trauer ist kein Zustand, der irgendwann vergeht. Sie ist mal laut und mal leise. Anfangs war da immer diese Schwere auf meiner Brust, die mich kaum atmen ließ. Trauer wird nicht besser oder einfacher, sondern anders. Doch ich habe inzwischen gelernt, mit ihr zu leben, und bin dabei, mir ein neues, anderes Leben aufzubauen.
In welchen Situationen gehst du in die totale Dankbarkeit?
Ich bin unendlich dankbar, dass ich noch hier bin und meine Tochter aufwachsen sehen darf. Trotz allem, was passiert ist, liebe ich das Leben nach wie vor. Ich bin auch dankbar, dass ich eine so große Liebe erleben durfte, denn dieses Glück ist nicht jedem Menschen vergönnt.
Gleichzeitig macht diese Dankbarkeit meine Trauer nicht kleiner. Sie nimmt ihr weder die Schwere noch den Schmerz. Für mich schließen sich diese Gefühle nicht aus. Ich habe gelernt, dass Dankbarkeit und Trauer nebeneinander existieren dürfen. Beide gehören zu meiner Geschichte.
Wer hilft dir in deiner „Mutterschaft ohne Backup“?
Meinen Alltag stemme ich vollkommen allein. Meine Tochter hat zwar wundervolle Großeltern, die uns sehr unterstützen würden, aber sie arbeiten selbst noch in Vollzeit und können deshalb nicht regelmäßig einspringen. Dadurch liegt die Organisation des Familienalltags bei mir.
Gerade als Mama mit ADHS ist diese ständige Planung und Strukturierung oft eine große Herausforderung. Organisation ist unglaublich wichtig, fällt mir aber unglaublich schwer. Was mir sehr hilft, ist der Austausch mit anderen verwitweten und/oder alleinerziehenden Mamas auf meinem Instagram-Account. Dadurch merke ich immer wieder, dass ich mit meinen Mama-Struggles nicht allein bin und dass es völlig in Ordnung ist, nicht alles perfekt zu schaffen und manches auch gar nicht schaffen zu müssen.
Du machst auch einen Podcast für andere junge Witwen, was verbindet euch?
Wir alle mussten viel zu früh einen Menschen verlieren, mit dem wir unser Leben verbringen wollten. Plötzlich sind wir mit Themen konfrontiert, über die in unserem Alter kaum jemand spricht: Tod, Trauer, Alleinerziehen, Existenzängste und die Frage, wie das Leben überhaupt weitergehen kann.
Mit dem Podcast möchte ich jungen Witwen zeigen, dass sie mit all diesen Gedanken und Gefühlen nicht alleine sind. Dort dürfen Trauer, Wut, Hoffnung, Liebe und auch Lachen nebeneinander existieren. Es ist ein Ort, an dem nichts erklärt oder gerechtfertigt werden muss, weil mein Co-Host genau weiß, wie sich dieser Verlust anfühlt. Ich wünsche mir, dass jede jung verwitwete Mama, die den Podcast hört, zumindest für einen Moment das Gefühl bekommt: Da sind zwei Frauen, die mich verstehen.
Was möchtest du Menschen mit auf den Weg geben, die einen ähnlichen Weg gehen müssen wie du und deine Tochter?
Gebt nicht auf. Ich weiß, dass das Leben manchmal unglaublich schwer und ungerecht sein kann und dass es Momente gibt, in denen man am liebsten alles hinschmeißen möchte. Aber ich glaube daran, dass irgendwann wieder mehr Licht als Schatten da ist. Mit der Zeit kommen die Farben zurück, und auch wenn der Schmerz ein Teil der eigenen Geschichte bleibt, entstehen wieder neue schöne Momente und neue Gründe, weiterzumachen.
Was wünschst du dir von Herzen für eure Zukunft?
Mein großer Wunsch ist, dass ich irgendwann den Mut finde, den Traum vom Auswandern nach Skandinavien zu verwirklichen. Den Traum hatten Jacek und ich viele Jahre gemeinsam. Ich hoffe, dass ich diesen Schritt eines Tages mit unserer Tochter gehen und damit auch ein Stück unserer gemeinsamen Geschichte weitertragen kann.





7 comments
Mich stört es null, wenn jemand seine Geschichte hier und auch in einem Buch erzählt. Oder eigene Erkenntnisse und Inspiration teilt und darauf hinweist, dies auch bezahlbar in Coachings zu machen o.ä..
Da ich all diese Bücher vermutlich nie lesen würde (bin für diesed Buch z.B. keine erste Zielgruppe und dafür sehr dankbar) und auch nie diese Coachings besuchen werde, bekomme ich durch diesen Blog aber trotzdem einen ersten Einblick in alles, was diese Frauen zu erzählen haben. Und das empfinde ich als total bereichernd, es ist für mich wie ein Blick über den Tellerrand, den ich hier bekomme.
Und all diese Frauen und auch eine Lisa und eine Katharina müssen doch ihre Rechnungen bezahlen. Also bei aller Liebe, lasst sie doch ihre Produkte zeigen, lasst sie doch auch ein Stück Eigenwerbung machen. Bei fehlendem Interesse kann man doch locker drüber weggucken.
Danke Taylor für diesen Kommentar. Ich stimme voll zu.
Carolina wünsche ich viel Kraft für ihren weiteren Weg.
Sehe ich ganz ähnlich 😁
Ein Artikel hier kann einfach interessant sein, kann eine Anregung zum Kauf sein oder manchmal auch so gar nicht mein Thema…
Aber der Mix macht den Blog für mich aus!
Hallo,
ich finde das Interview interessant. Die Betroffene schreibt, die Trauer ist seit dem Schicksalsschlag ein Teil von ihr. Es ist wichtig die Trauer anzunehmen. Vor 17 Jahren hab ich meine Mutter durch Suizid verloren. So eine Geschichte wird ein Teil von uns. Hier gibt es ein Vorher und Nachher. Ich kann bezeugen, dass das Leben wieder bunter und farbiger wird. Die Zeit heilt tatsächlich Wunden.
Die Geschichte der Autorin tut mir sehr leid. So jung den Mann und Vater des Kindes zu verlieren ist mit Sicherheit sehr schwer!
Dennoch stört es mich sehr, dass überwiegend Artikel von Personen erscheinen, die ein Buch verkaufen wollen oder als Coach gebucht werden können. Einen Bericht frei von einer Werbung habe ich lange nicht gelesen. Das stört mich sehr. Sollte sich dies nicht ändern, werde ich diesen Blog nicht mehr besuchen.
Danke für die Rückmeldung. Dass wir Menschen interviewen, die Bücher geschrieben haben, hängt natürlich mit der Tatsache zusammen, dass sie dadurch eh eine Offenheit haben, um über ihr Thema zu sprechen. Das fällt ja, vor allem wie hier nach einem Schicksalsschlag, nicht allen gleich leicht. Oft es ist so, dass uns Verlage ihre Bücher schicken und wir dann schauen, welche Themen interessant für uns sein könnten. In diesem Fall hier war das aber andersherum. Ich folge Carolina und ihrem Trauerweg schon lange auf Instagram. Als sie dann erzählte, dass sie ein Buch rausbringt, hab ich gedacht: Jetzt trau ich mich, sie mal nach einem Interview für uns zu fragen. Dass wir, nachdem sie sich so viel Zeit für unsere Fragen genommen haben, auch ihr Buch verlinken, finde ich da nur eine Selbstverständlichkeit. Aber wir zwingen ja niemanden zum Kauf, sondern sehen es eher als Service. Wer noch mehr dazu lesen mag, kann in die Buchhandlung gehen und sich das Werk zusätzlich zum Artikel kaufen.
Wie lange dauert denn so ein Interview? (Ohne abtippen und …)
Kann mir irgendwie gerade nicht vorstellen, dass die Interviewten da nicht verhältnismäßig mehr Gewinn aus kostenloser Werbung als Aufwand haben.
Und nicht wenige Menschen reden gern, die geschenkte Aufmerksamkeit kommt für sie on top.