Fehlgeburten: „Nach meinen Verlusten erkannte ich mich selbst nicht mehr“

Fehlgeburten

Julia Sellinat

Ihr Lieben, unsere Leserin Julia Sellinat hat 2019 zwei Fehlgeburten erlebt. Julia ist Jahrgang 1987 und arbeitet als systemische Coachin, Personalerin. Sie ist Mutter von drei Töchtern und begleitet Frauen dabei, nach einem frühen Verlust wieder Halt zu finden – und sich innerlich auf eine neue Schwangerschaft vorzubereiten: mit Zuversicht anstatt mit Angst. Wir haben mit ihr über ihre zwei Verluste gesprochen, über Sätze aus dem Umfeld, die wehtaten und über das, was Frauen in dieser Situation wirklich brauchen.

Julia, du begleitest Frauen nach einer Fehlgeburt und auf dem Weg zu einer neuen Schwangerschaft. Wie erlebst du deine Klientinnen beim ersten Kontakt?

Nach dem schmerzhaften Verlust funktionieren viele Frauen nur noch. Eine Klientin beschrieb ihre Situation neulich so: „Bevor ich morgens zur Arbeit gehe, ziehe ich nicht nur meine Schuhe an, sondern auch eine Maske auf. Nach außen funktioniere ich. Wenn ich abends heimkomme, lege ich die Maske ab und fühle mich innerlich hohl, voller Traurigkeit.“

Viele Frauen reißen sich nach einer Fehlgeburt über Wochen, manchmal gar Monate zusammen – für den Partner, die Arbeit, vielleicht für ältere Geschwisterkinder. Die Welt um sie herum dreht sich weiter, ihre eigene steht still. Mit einer Fehlgeburt geht nicht nur eine Schwangerschaft verloren, sondern eine Zukunft, die man sich schon in allen Farben ausgemalt hatte.

Und dann soll man einfach weitermachen, als sei nichts gewesen. Dabei trifft das viel mehr Frauen, als die meisten ahnen: Rund 15 bis 20 Prozent aller klinisch bestätigten Schwangerschaften enden in einer Fehlgeburt. Und trotzdem bleibt dieser Verlust gesellschaftlich fast unsichtbar.

Du kennst diesen Schmerz selbst. Wie war das damals bei dir?

Herz
Foto: pixabay

2019 wurde ich zum ersten Mal schwanger, nachdem wir zwei Jahre auf diese Schwangerschaft gewartet hatten. Ich erinnere mich noch genau an diesen Moment bei der Gynäkologin: dieses kleine Herzchen auf dem Monitor, das wie wild schlug. Ein Moment, den ich nie vergessen werde.

Nur wenige Wochen später saß ich wieder in diesem Stuhl. Und dann dieser eine Satz: „Es tut mir leid, aber ich kann keinen Herzschlag mehr finden.“ Ich saß da. Fassungslos. Unfähig, etwas zu sagen. Wenige Monate später erlitt ich eine zweite Fehlgeburt.

Ich war nicht mehr nur traurig, sondern bis in den Kern erschüttert, wie ausgehöhlt, ohne Boden unter den Füßen. Und ich spürte plötzlich eine unendliche Distanz zu meinem eigenen Körper. Dieser Körper, dem ich immer vertraut hatte, hatte mich zweimal enttäuscht. Ich weiß heute, dass das nicht stimmt. Aber dieses Misstrauen war einfach da. Es hat gedauert, bis ich meinem Körper wieder vertrauen konnte.

Du hast erzählt, dass dein Umfeld dich bis dahin als fröhliche „Macherin“ kannte. Wie hat die Fehlgeburt dich verändert?

Ich hatte mein Leben immer geliebt und als echte Rheinländerin gelebt: mit offenem Herz, mit viel Lachen und dem festen Glauben: „Et hätt noch immer jot jejange.“ Die erste Fehlgeburt traf mich dann wie ein Schlag ins Gesicht, völlig unerwartet und unglaublich schmerzhaft.

Die zweite Fehlgeburt fühlte sich an wie ein K.o.-Schlag. Ich stand manchmal vor dem Spiegel und fragte mich: Wer bin ich eigentlich? Ich erkannte mich selbst nicht mehr. Und genau das ist etwas, worüber kaum jemand spricht: Eine Fehlgeburt ist nicht nur der Verlust eines Babys. Sie ist oft auch der Verlust eines Stücks von sich selbst.

Was haben die Menschen um dich herum gesagt?

Vieles, was mein Umfeld sagte, war gut gemeint und hat trotzdem wehgetan. „Es war ja noch ganz früh.“ Oder: „Wenigstens weißt du jetzt, dass du schwanger werden kannst.“ Diese Sätze sagen zwischen den Zeilen: Dein Schmerz ist nicht wirklich wichtig. Es wird schon wieder, komm darüber hinweg und schau nach vorne.

Ich wollte aber nicht nach vorne schauen. Ich wollte sagen dürfen: Ich habe mein Baby verloren. Ich bin traurig. Und ich brauche Zeit. Was Frauen nach einer Fehlgeburt am meisten brauchen, ist genau das: das Gefühl, dass ihr Verlust gesehen wird und ihre Trauer Raum bekommt.

Was hat dir nach den Fehlgeburten geholfen?

Abschied von Omi
Foto: pixabay

Vier Dinge haben mir nach meinen Fehlgeburten wirklich geholfen. Erstens: Gespräche – mit meinem Mann, meiner Familie, Menschen, die einfach da waren. Dazu gehörte für mich auch der Austausch mit anderen Betroffenen, die ich nach meiner zweiten Fehlgeburt kennenlernte, als ich mich öffnete und über das Erlebte sprach.

Zweitens: Bewegung und Natur. Beim Fahrradfahren merkte ich, dass die Welt sich weiterdrehte und ich noch ein Teil davon war. Drittens: Arbeit und Routine. Der Alltag im Job gab mir Struktur, einen Rhythmus, der mich hielt und gleichzeitig forderte. Und viertens – vielleicht das Wichtigste: die Erlaubnis, schlechte Tage haben zu dürfen. Trauer braucht keinen passenden Moment. Sie kommt, wann sie kommt. Und das ist in Ordnung.

2020 wurdest du wieder schwanger. Wie war das?

Ich hätte mich so gerne zu 100% auf diese neue Schwangerschaft freuen können. Aber nach den beiden Fehlgeburten gelang mir das nicht. Meine erste Schwangerschaft nach Verlust – auch „Pregnancy after Loss“ genannt – war keine normale Schwangerschaft.

Ich zählte die Wochen und lebte von Ultraschalltermin zu Ultraschalltermin. Die Angst vor einem erneuten Verlust war ständig da – bei jedem noch so leichten Ziehen und Zwicken, bei jedem Gang zur Toilette – immer dieser kurze Moment: Ist noch alles gut? Hinzu kamen die Sorgen und Ängste inmitten der Corona-Pandemie.

Gleichzeitig wollte ich mich bedingungslos auf mein Baby freuen können. Das war anstrengend und gleichzeitig das Normalste der Welt für Frauen in dieser Situation. Nach langen Wochen und Monaten hielt ich dann endlich meine kleine Tochter im Arm. Das war Magie pur. 2022 und 2025 durfte ich zwei weitere Töchter zur Welt bringen.

Was gibst du Frauen mit auf den Weg durch eine Folgeschwangerschaft?

Kinderwunschklinik
Foto: pixabay

Das Erste und vielleicht Wichtigste, was ich Frauen mit auf den Weg gebe ist: Lasst die Ambivalenz zu. Trauer und Vorfreude dürfen gleichzeitig da sein. Ihr dürft euer verlorenes Baby vermissen und euch gleichzeitig auf euer nächstes Baby freuen. Das eine schließt das andere nicht aus.

Zweitens: Schafft euch kleine Routinen, die euch guttun. Nicht weil Routinen alles einfacher machen, sondern weil sie euch auch an schwierigen Tagen Halt geben. Drittens: Ihr dürft Grenzen setzen. Zur Babyparty der Kollegin müsst ihr nicht hingehen, wenn es euch nicht gut damit geht.

In bestimmten Situationen „Nein“ zu sagen, kann unglaublich wertvoll sein. Viertens: Sprecht mit eurem Baby. Teilt eure Gedanken, Sorgen und auch eure Angst. Die Bindung zu eurem Baby muss nicht sofort da sein, sie darf mit der Schwangerschaft langsam wachsen.

Was sagst du einer Frau, die gerade eine Fehlgeburt erlebt hat?

Es tut mir von Herzen leid, dass du dein Baby verloren hast. Du trägst keine Schuld. Manchmal passieren Dinge, für die es keine Erklärung gibt. Nimm dir die Zeit, die du brauchst – für den Abschied und für die Trauer. Du darfst so trauern, wie es sich für dich richtig anfühlt. Es darf irgendwann leichter werden, ohne dass du das Gefühl haben musst, dein Baby zu verraten. Du trägst dein Baby immer in deinem Herzen.

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