Ihr Lieben, der Begriff Neurodivergenz ist in aller Munde, aber was macht es eigentlich mit einer Beziehung, wenn eine der beteiligten Personen neurodivergent ist? Wie können Paare damit umgehen? Dieser Frage stellt sich Dr. Rosalie Weigand in ihrem Buch „Zu viel, zu nah, zu sehr: Wie ihr mit unterschiedlichen Bedürfnissen eine liebevolle Beziehung lebt.“ Es geht darum, Neurodivergenz in der Partnerschaft überhaupt erstmal zu verstehen.
Liebe Rosalie, was genau macht die Beziehung zu einer neurodivergenten Person so besonders?
Grundsätzlich kann man sagen, dass eine Beziehung umso herausfordernder wird, je unterschiedlicher die Neurotypen der beiden Partnerpersonen sind. Zwischen neurotypischen und neurodivergenten Personen kommt es zu Besonderheiten oder Konflikten in Beziehungen, weil Wahrnehmung, Reizverarbeitung, Kommunikation und Emotionsregulation unterschiedlich funktionieren. Wenn beide lernen, diese Unterschiede als Unterschiede statt als persönliche Angriffe zu verstehen, kann daraus eine besonders tiefe, ehrliche und kreative Beziehung entstehen.
Kannst du uns Neurodivergenz einmal in drei Sätzen ganz rudimentär erklären?
Neurodivergenz bedeutet, dass das Gehirn Informationen anders verarbeitet als bei der Mehrheit der Menschen. Zu Neurodivergenz gehören unter anderem ADHS und Autismus – das sind keine psychischen Störungen, sondern neurologische Varianten (in den Diagnosemanualen „Neuroentwicklungsstörungen“ genannt) mit eigenen Stärken und Herausforderungen. Personen, die nicht neurodivergent sind, werden als „neurotypisch“ bezeichnet.
Wenn es einer von zwei Personen in der Beziehung zu viel, zu nah, zu sehr doll wird, was empfiehlst du dann als allerersten Schritt?
Der erste Schritt ist, die Situation nicht als Kommunikationsproblem, sondern als mögliches Regulationsproblem zu betrachten. Ein überlastetes Nervensystem kann oft weder gut zuhören noch gut erklären. Deshalb ist oft der beste Ratschlag: Erst das Nervensystem beruhigen (z. B. durch Reizreduktion), dann erst in die Kommunikation gehen und das Problem lösen.
Hast du das Gefühl, dass viele Beziehungen nicht scheitern müssten, wenn allen Beteiligten bewusster wäre, dass ihre Gehirne unterschiedlich funktionieren?
Ja ich glaube, dass eine Bewusstheit über (neurologische) Unterschiede und eine Toleranz gegenüber anderen Denk- und Wahrnehmungsstilen viel dazu beitragen kann, die eigene Beziehungskompetenz zu steigern. Ich glaube nicht, dass Wissen allein jede Beziehung retten kann. Aber ich bin überzeugt, dass viele Paare sich deutlich weniger verletzen würden. Wenn ich verstehe, dass mein Gegenüber mich nicht ignoriert, ablehnt oder absichtlich verletzt, sondern sein Gehirn Informationen anders verarbeitet, verändert das die Bedeutung vieler Konflikte grundlegend.
Hast du das Gefühl, dass Neurodivergenz nicht nur zu Schwierigkeiten führen kann, sondern auch zu unglaublichen Höhen? Ist es einfach in alle Richtungen intensiver?
Viele neurodivergente Menschen erleben Emotionen, Interessen oder Verbundenheit tatsächlich sehr intensiv. Diese Intensität kann zu Überforderung führen, aber genauso zu außergewöhnlicher Begeisterungsfähigkeit, Ehrlichkeit, Loyalität, Kreativität. Deshalb spreche ich lieber von einer anderen Art des Erlebens als von einer pauschalen Verstärkung. Das hat zum Beispiel mit der unterschiedlichen Funktionsweise von Aufmerksamkeit zu tun.
Autistische Menschen zum Beispiel nehmen Dinge detaillierter und dadurch oft auch intensiver wahr. Menschen mit ADHS neigen dazu, einen intensiven „Hyperfokus“ zu entwickeln. Außerdem sind neurodivergente Menschen oft reizsensibler, weswegen sie generell lauter, intensiver, stärker wahrnehmen. Das kann – je nach Kontext – mal positiv, mal negativ sein.
Wenn eine Person in der Beziehung sich mehr Nähe wünscht, die andere aber viel Raum für sich braucht: Ist das eine unüberbrückbare Differenz oder gibt es da Lösungen, die für beide passen?
Das ist einer der häufigsten Konflikte überhaupt und das Problem ist oft nicht Rückzug oder Nähe an sich, sondern die Interpretation davon. Entscheidend ist, dass Rückzug nicht automatisch als Ablehnung und Nähebedürfnis nicht automatisch als Klammern interpretiert wird.
Neurodivergente Menschen haben oft ein häufigeres Bedürfnis nach Rückzug und Ruhe, eben weil das Erleben oft intensiver ist und die Ressourcen dadurch verbraucht sind. Es muss ok sein, sich in solchen Momenten zurückzuziehen. Natürlich können auch Kompromisse ausgehandelt werden. Ein Beispiel: Oft profitieren neurodivergente Menschen in überlasteten Momenten von alternativen Formen der Nähe, zum Beispiel einem gemeinsamen Koexistieren, bei dem nicht geredet wird.
Wenn die neurodivergente Person nun eine andere Impulskontrolle hat: Wie lassen sich da Konflikte am besten lösen?
Das kommt auf das Ausmaß der Impulskontrollschwierigkeiten an. Häufig helfen schon konkrete Vereinbarungen, etwa ein Handzeichen oder Codewort, mit dem ein Konflikt von beiden Seiten frühzeitig unterbrochen werden kann, wenn einer von beiden „hochkocht“. Ziel ist es, den Raum zwischen Reiz und Reaktion zu vergrößern. Sind die Schwierigkeiten stärker ausgeprägt, kann man genau diese Fähigkeit auch sehr gut in einer Psychotherapie trainieren.
Ist es manchmal auch einfach schon das Wissen um die Neurodivergenz, die Paaren helfen kann, sich besser zu verstehen?
Ja, das erlebe ich in der Praxis immer wieder. Wissen über die Wahrnhemungs- und Reaktionsweise des anderen Neurotyps kann bewirken, dass man weniger schnell urteilt und besser versteht. Das kann schnell einen positiven Kreislauf in Gang setzen, denn wenn einem plötzlich mit mehr Verständnis und Offenheit begegnet wird, kann das eigene Nervensystem sich entspannen und man hat automatisch mehr Ressourcen zur Verfügung.
Würdest du Neurodivergenz als Charaktereigenschaft beschreiben?
Nein. Neurodivergenz beschreibt nicht den Charakter, sondern die Art, wie das Gehirn Informationen verarbeitet. Es ist sozusagen die „Hardware“, während der Charakter oder die „Persönlichkeit“, wie man in der Psychologie sagt, die Software beschreibt, die aus Eigenschaften wie Offenheit, Extraversion, Gewissenhaftigkeit oder Verträglichkeit oder emotionaler Stabilität besteht.
Wie kamst du auf die Idee, ein ganzes Buch darüber zu schreiben?
In meiner therapeutischen Arbeit erlebe ich, dass neurodivergente Paare immer wieder dieselben Konflikte schildern und gleichzeitig kaum alltagsnahe, wissenschaftlich fundierte Literatur speziell für Beziehungen finden. Auch in der Einzeltherapie haben Patient:innen sehr oft Beziehungsthemen angesprochen und mich nach Literaturempfehlungen gebeten, die ich ihnen oft nicht geben konnte. Mir war also wichtig, ein Buch zu schreiben, das erklärt, entlastet und vor allem konkrete Werkzeuge an die Hand gibt.
Was möchtest du allen Paaren mitgeben, die in irgendeiner Weise betroffen sind?
Ich wünsche mir, dass Menschen aufhören, neurodivergente Verhaltensweisen vorschnell als mangelnde Liebe oder mangelnden Willen zu interpretieren. Wenn wir Unterschiede besser verstehen und lernen, unsere Nervensysteme (gemeinsam) zu regulieren, entstehen oft wieder Nähe, Verständnis und Verbundenheit.
Ich möchte Paare dazu animieren, neugierig und offen hinsichtlich der neuronalen Funktionsweise des Gegenübers zu sein und weniger schnell zu urteilen. Gleichzeitig bedeutet Verständnis nicht, alles hinzunehmen: Eine gelingende Beziehung braucht auf beiden Seiten die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und nach Lösungen zu suchen.


