Ihr Lieben, wenn das Familienleben aus den Fugen zu fliegen droht, machen sich Eltern natürlich so ihre Gedanken. So erging es auch unserer Leserin, deren Sohn bis zur Diagnose ADHS einen ordentlichen Weg zurückgelegt hat. Was ihnen da alles widerfahren ist, lest ihr hier.
Du Liebe, euer Sohn hat letzte Woche die Diagnose ADHS erhalten, was war das für ein Gefühl für dich als Mutter, die Bestätigung jetzt Schwarz auf Weiß vor dir liegen zu haben?
Einerseits war ich erleichtert, weil ich wusste, dass er jetzt in der Schule die Unterstützung erhalten kann, die er braucht. Andererseits brachte es einige Sorgen und Ängste mit sich. Würden wir das als Familie schaffen, ihn so zu unterstützen und zu fördern, wie er das braucht? Hat er Komorbiditäten wie Autismus oder LRS und können wir ihn vor weiteren wie Depression, Angst- und Suchterkrankungen schützen?
Ich bin selbst mit Post Covid chronisch krank und habe Sorge, ihn nicht genug unterstützen und fördern zu können oder, dass ich zwar alles für ihn gebe, aber mein eigener Zustand sich durch die Belastung verschlechtert. Ich versuche aber auch, dass diese Sorgen nicht zu viel Platz in meinen Gedanken einnehmen und bin jetzt dabei, mich gründlich über ADHS zu informieren. Das hilft sehr, weil ich auf einmal so viel vom Verhalten meines Sohnes besser verstehe. Dadurch habe ich auch mehr Handlungsmöglichkeiten im Umgang mit ihm und das macht den Alltag jetzt schon etwas einfacher.
Wie alt ist euer Sohn und wie kamt ihr auf die Idee, euren Sohn testen zu lassen?
Unser Sohn wird jetzt im Mai 7. Er war schon immer sehr quirlig, zappelig und dauernd in Bewegung. Allerdings konnte er auch ruhig sitzend Geschichten zuhören und sich z.B. beim Legobauen und Puzzeln sehr gut konzentrieren. Deswegen dachten wir lange Zeit, er hätte kein ADHS.
Damals wusste ich nicht, dass es beim ADHS einen sogenannten Hyperfokus gibt, der eben genau dieses hochkonzentrierte Arbeiten darstellt. In der Kita wurde deutlich, dass seine Entwicklung in einigen Bereichen nicht altersgerecht war (Sprache, Motorik, soziale Interaktionen), deswegen meldeten wir ihn bei dem Sozialpädiatrischen Zentrum (SPZ) vor Ort an.
Wir wollten, dass jemand allgemein auf seine Entwicklungsdefizite und die Gründe dafür schaut. Aber die Wartezeiten bei den SPZs sind oft ein- bis anderthalb Jahre. Er bekam dann, seit er 5 ist, schon Ergotherapie. Aber auf ADHS wies uns zu diesem Zeitpunkt noch niemand hin.
In den Vorschulstunden der Kita fiel dann etwas auf…
Im letzten Kitajahr hatte er an zwei Vormittagen Vorschulstunden. Dort wurde dann schnell deutlich, dass er nicht alleine an einem Aufgabenblatt arbeiten konnte. Er war immer abgelenkt. Wenn jemand neben ihm saß, klappte es allerdings. Da unser Sohn kognitiv jedoch gut war, war die Idee der Erzieherinnen, eine Schulbegleitung zu beantragen, statt einer Rückstellung. Diese wurde im ersten Anlauf nicht bewilligt, da wir keine Diagnose hatten, die ihn dafür berechtigte.
Daraufhin haben wir unseren Sohn bei allen SPZs in der Umgebung auf die Warteliste setzen lassen, die fahrtechnisch erreichbar waren. Das erste SPZ hat sich bis heute, zwei Jahre später, noch nicht gemeldet. Da unser Sohn in der Entwicklung in mehreren Bereichen zurückhing und auch Einschränkungen (wie z.B. starke Weitsichtigkeit mit -6,5 Dioptrin und Hörprobleme) hatte, die vielleicht einige seiner Probleme erklären könnten, wollten wir ihn ursprünglich nicht rein auf ADHS testen lassen.
Wir wollten, dass jemand ganzheitlich auf ihn guckt, um eine Falschdiagnose zu vermeiden. Deshalb hatten wir ihn nur bei den SPZs angemeldet und nicht nach einem Kinderpsychologen gesucht. Nach der Einschulung wurden die Probleme jedoch sehr schnell noch deutlicher. Unser Sohn hatte von Anfang an keine Lust, zur Schule zu gehen und arbeitete dort kaum mit. Er konnte nicht gut sitzen bleiben, hörte nicht zu und war ständig dabei, mit Sachen in der Hand rumzuspielen.
Die Lehrerin war zum Glück sehr verständnisvoll und wir versuchten gemeinsam viele Methoden, um ihn zu unterstützen. Sie sah eindeutig ADHS bei ihm und bat darum, dass wir nochmal einen Antrag auf Schulbegleitung stellen sollten. Da wir jedoch in der Zwischenzeit immer noch keinen Termin bei einem SPZ und keine weitere Diagnose bekommen hatten, scheiterte auch dieser Antrag.
In der Kita war alles noch nicht so schlimm, aber jetzt litt unser Sohn deutlich und es musste sich dringend etwas ändern, damit er nicht irgendwann zum Schulverweigerer wird. Wir mussten schon jeden Morgen motivieren oder kämpfen, damit er zur Schule geht. Also telefonierten wir die Kinderpsychologen in unserer Umgebung ab und fanden zum Glück jemanden, der sich viel mit ADHS beschäftigt und keine so lange Wartezeit hatte, wie die SPZs.
Habt ihr das Gefühl, dass sein Gehirn schon immer etwas anders tickt als bei anderen oder gab es da einzelne Schlüsselmomente?
Da gab es tatsächlich schon mehrere Situationen, wo wir diesen Eindruck hatten. Allerdings haben wir es früher nicht mit ADHS in Verbindung gebracht. Er war ein Schreibaby und hat von Geburt an täglich nur 10 Stunden geschlafen. Er war sehr reizempfindlich.
In Babykursen oder bei der Rückbildung mit Kind mussten wir immer früher raus, weil er anfing zu schreien. Sobald wir draußen waren, beruhigte er sich. Er hatte als Baby nie eine Fremdelphase und hat als Kleinkind fast nie Rollenspiele mit oder ohne Spielzeug gespielt. Dieses richtige Spielen mit Figuren, fing erst mit 5 Jahren richtig an. Dies könnte auch auf Autismus hindeuten, was auch noch untersucht werden soll, aber da sind wir noch nicht so weit in der Diagnostik.
Und dann gab es noch Situationen, die uns beeindruckt haben, wo wir aber nicht wissen, ob es daran liegt, dass sein Gehirn nicht neurotypisch arbeitet, oder an seiner Intelligenz. Vielleicht spielt das auch zusammen. Schon mit einem Jahr, bevor er sprechen konnte, machte er durch Gesten deutlich, dass er Orte wieder erkannte und wusste, wo wir gerade längs fuhren. Sobald er sprechen konnte, sagte er uns immer, in welche Richtung die Sachen waren, die er kannte. (In die Richtung geht es zu Obi, da muss man abbiegen, um zu meiner Tagesmutter zu kommen. Mama, wenn wir zu Oma wollen, müssen wir hier abbiegen, etc.)
Mit 4 Jahren habe ich ihm die Stunden auf der Uhr beigebracht, dabei habe ich den Zeiger verstellt und ihm die Stunde gesagt. Ein paar Wochen später sah er irgendwo eine geschriebene Vier und sagte zu mir: „Mama, da ist eine Vier!“ Damals kannte er noch keine Ziffern, weder von zuhause noch in der Kita. Also fragte ich ihn: „Woher weißt du, dass das eine Vier ist?“ „Das hast du mir doch auf der Uhr gezeigt! Ich dachte, er hätte sich nur gemerkt, wie der Zeiger der Uhr steht, aber er hatte sich die Namen der Ziffern gemerkt.
Auch Addieren im Zehnerbereich, hat er sich vor Schulbeginn selbst beigebracht. Und wenn er jetzt rechnet und das Ergebnis nicht rausbekommt, sucht er sich von alleine andere Lösungswege, die ihn zum Ergebnis bringen (wenn er z.B. nicht weiß, was 8+8 ist, rechnet er erstmal 7+7 und dann noch 2 dazu.)
Beim Lesenlernen hat er sich von Beginn an ganze Silben gemerkt, obwohl in der Klasse nicht mit der Silbenmethode gearbeitet wird. Und er hat einen enorm großen Wortschatz für ein Kind in seinem Alter und eine ungewöhnliche Ausdrucksweise. Wir bekommen oft zu hören: „Der spricht ja wie ein Erwachsener.“ Und das, obwohl er bis zum Alter von 3,5 Jahren große Probleme mit dem Sprechen hatte.
Wie seid ihr dann vorgegangen, um die Diagnostik einzuleiten? Und wie habt ihr eurem Sohn erklärt, was da jetzt ansteht?
Es war uns wichtig, nicht irgendeinen Arzt oder Psychologen zu nehmen, der „auch“ ADHS-Diagnosen macht, sondern jemanden, der sich damit gut auskennt, damit keine vorschnelle oder falsche Diagnose gestellt wird. Ich habe dann im Internet recherchiert und wir haben bei uns in der Nähe einen guten Kinderpsychologen gefunden. Bis zum Erstgespräch dauerte es allerdings 2 Monate und bis zum Diagnosetermin nochmal ein halbes Jahr.
Unserem Sohn haben wir den Begriff ADHS noch nicht erklärt. Er hat ja selbst gemerkt, dass es ihm in der Schule schwer fällt, mitzukommen. Dann haben wir ihm gesagt, dass der Arzt schaut, wie gut er sich konzentrieren kann und wie schlau er ist (denn ein IQ-Test gehört auch dazu) und dass der Arzt ihm helfen möchte, sich besser zu konzentrieren. Dass die Tests auf einem Tablet stattfanden, machte die Sache auch interessanter für ihn. Er fühlte sich in der Praxis und mit dem Therapeuten wohl und führte den Test, so gut er konnte, durch.
Bei dem ADHS-Test am Tablet war er laut Arzt zu schnell mit dem Drücken der Tasten. Er hat wohl oft das Richtige gesagt, aber das Falsche gedrückt. Dadurch war dieser Test nicht auswertbar. Allerdings sei, laut Psychologe, genau diese Impulsivität ein Kriterium und Kennzeichen für ADHS und anhand der Fragebögen und seiner eigenen Beobachtungen, sei er trotzdem sicher, dass unser Sohn ADHS habe.
Ich habe nach der Diagnose angefangen, mich genauer mit ADHS zu beschäftigen. Und immer, wenn ein typisches Verhalten dieser Kinder beschrieben wird, erkenne ich mein Kind darin wieder. Für mich ist diese Diagnose also schlüssig, auch, wenn der „offizielle“ Test nicht ausgewertet werden konnte.
Jetzt stehen wir noch vor der Herausforderung, unserem Sohn zu erklären, was mit ihm „los ist“. Damit haben wir noch gewartet, weil wir uns erstmal selbst besser informieren wollten. Denn nur, wenn wir gut informiert sind, können wir auch seine Fragen beantworten. Dabei bin ich auch auf ein Erklärvideo für Kinder gestoßen. Ich denke, das ist eine gute Hilfe, um ihm zu erklären, was ADHS ist. Mir ist auf jeden Fall wichtig, dass er nicht den Eindruck bekommt, dass er krank oder fehlerhaft sei.
Wie werdet ihr jetzt weiter vorgehen, habt ihr schon eine Idee, ob ihr medikamentös unterstützen werdet oder eher nicht? Wovon hängt eure Entscheidung da ab?
Wir haben im Sommer noch einen Termin in einem SPZ. Diesen werden wir wahrnehmen, denn falls er Medikamente kriegen soll, bräuchten wir genau dafür diesen Termin, da ein Kinderpsychologe die Medikamente nicht verschreiben kann. Dort kann der Test, der nicht auswertbar war, ggf. auch wiederholt werden.
Wir sind Medikamenten gegenüber nicht automatisch abgeneigt. Wir möchten da hören, was die Ärzte empfehlen und dann schauen, was wir für unser Kind für sinnvoll halten. Uns ist wichtig, dass er selbst nicht unter der ADHS leidet und das ist hauptsächlich in der Schule und bei den Hausaufgaben der Fall.
Möglicherweise macht es da Sinn, dass er vormittags mit Medikamenten unterstützt wird, aber vielleicht nicht den ganzen Tag. Aber wir finden das auch nicht zwingend. Wenn er in Zukunft mit einer Schulbegleitung den Unterricht gut schafft, dann braucht es aus unserer Sicht auch nicht zwingend Medikamente.
Außerdem werden wir einen weiteren Antrag für eine Schulbegleitung stellen, der diesmal mit der Diagnose eigentlich genehmigt werden müsste. Unser Sohn hatte im letzten Halbjahr schon eine liebe Betreuerin aus dem Hort der Schule, die mit ein paar Integrationsstunden in seiner Klasse eingesetzt war.
Er kam gut mit ihr zurecht, sie mag ihn gerne und macht einen tollen Job und sie hat sich bereit erklärt, die Schulbegleitung zu übernehmen, wenn wir es genehmigt bekommen. Das ist ein großes Glück, dass wir so schnell jemanden gefunden haben und dann ist es auch noch eine Person, die unseren Sohn schon gut kennt und sie verstehen und mögen sich.
Werdet ihr mit den Lehrkräften über die neue Entwicklung sprechen?
Bei uns war es ja die Klassenlehrerin, die uns dazu gedrängt hat, so schnell wie möglich, eine ADHS-Testung durchzuführen. Auch die zweite Klassenlehrerin weiß schon Bescheid, da sie bei den offiziellen Elterngesprächen dabei war. Dazu muss ich erwähnen, dass ich selbst vor meiner chronischen Erkrankung in dieser Schule als Grundschullehrerin arbeite und dadurch die meisten Lehrer gut kenne und mich mit ihnen gut verstehe. So bleibt es nicht aus, dass auch die meisten Lehrer meinen Sohn kennen. Und wenn er eine Schulbegleitung bekommt, ist es sowieso für jeden Lehrer offensichtlich, dass er einen Integrationsstatus hat.
Mehr Sorgen macht mir da die Familie und die Gesellschaft. Ich weiß nicht, wem wir das erzählen, denn leider hatten einige aus der Familie schon Vorurteile geäußert, als wir von unserem Verdacht erzählten. Es herrschen sehr viel Unwissenheit und Vorurteile in der Gesellschaft über die Diagnose und einige halten es für eine reine Modediagnose und/oder Erziehungsversagen der Eltern. Dabei gibt es inzwischen wissenschaftliche Nachweise, dass das Gehirn von ADHS-Betroffenen anders funktioniert, als von Nichtbetroffenen.
Was erhofft ihr euch nun in allen weiteren Schritten?
Wir hoffen, dass wir die Schulbegleitung möglichst schnell bewilligt und weitere Fördermöglichkeiten für unseren Sohn empfohlen bekommen und umsetzen können. Dadurch hat unser Sohn dann hoffentlich weniger Frust in der Schule und wir bekommen Alltagssituationen besser gehändelt.
Erzählt doch gern zum Schluss noch, was euren Sohn fern seiner Diagnose ausmacht…
Ich würde das gar nicht von seiner Diagnose trennen, denn es gibt durchaus einige Aspekte, die man bei ADHS positiv sehen kann. Außerdem bin ich noch zu wenig im Thema drin, um sagen zu können, welche Aspekte seines Charakters durch das ADHS geprägt sind und welche nicht.
Wir lieben an unserem Sohn, dass er allen Menschen sehr offen und aufgeschlossen gegenüber ist, gerne mit uns kuschelt und sich leicht für etwas begeistern lässt. Er erzählt gerne und viel, liebt Hörspiele und ist Fan von Spiderman und Detektivgeschichten (Die drei ???, TKKG, Fünf Freunde, etc.) Er geht gerne Schwimmen und macht seit Kurzem Ju-Jutso. Er ist ein super Kerl.