Hitze-Welle: „In den Klassenzimmern ist es unerträglich“

Hitze

Ihr Lieben, Deutschland schwitzt seit Tagen unter der Hitze und in einigen Bundesländern sind die Ferien nicht mehr weit. Schüler*innen und Lehrkräfte haben ein langes Schuljahr hinter sich und dementsprechend ist oft schon ganz schön die Luft raus… Heute erzählt uns Lehrerin Verena mal etwas über die aktuelle Hitze-Situation und die letzten Wochen im Schulbetrieb.

Liebe Verena, erzähl erst mal ein bisschen was über dich.

Ich bin mittlerweile schon fast 20 Jahre im Schuldienst und arbeite zur Zeit an einer weiterführenden Schule in einer Kleinstadt in Baden-Württemberg. 

Warum hast du damals diesen Beruf ergriffen? Und was ist ganz anders, als du dir damals vorgestellt hast?

Nach der Schule war ich zunächst erstmal planlos. Damals gab es die Berufsorientierung und verpflichtende Praktika, die heute im Bildungsplan festgeschrieben sind, noch nicht. Ich bin dann mit einer Freundin zum Arbeitsamt und wir haben dort einen Test gemacht. Dabei kam raus, dass ein sozialer Beruf für mich passend wäre. Das hat mich allerdings noch nicht so wirklich überzeugt. Eigentlich hatte mir vorgeschwebt Architektur zu studieren.

Mein Vater, der auch Lehrer war, wies mich auf die Vorteile der Vereinbarkeit von Familie und Beruf im Lehramt hin. Dies und auch das „Bekannte“ – man war auf der Schule und meint daher auch Schule zu kennen – führten dann dazu, dass ich mich für Englisch und Geografie auf Lehramt einschrieb.

Die Fächerkombi war auch die meines Lieblingslehrers in der Oberstufe. Er hatte begeistert von Exkursionen während des Studiums erzählt. Die gab es dann auch von Großwohnsiedlungen in Ostdeutschland bis nach Australien. Was es nicht gab während meiner Studienzeit, waren Praktika. Somit war es dann erst im Referendariat so weit, dass ich nach einigen Hospitationsstunden, mit klopfendem Herzen zum ersten Mal vor einer Klasse stand.

Was ganz anders ist, als ich es mir vorgestellt habe, ist die ständige Leistungsmessung, die ständigen Korrekturen und der Zwang die Leistung in einer Zahl von 1 -6 festzuhalten. Mir sind individuelle Notenbesprechungen ganz wichtig. 

Als junge Lehrerin dachte ich, dass es doch wohl möglich sein muss, dass die 3 Seiten Englischvokabeln gelernt und die Hausaufgabe in Geo gemacht wird. Ich habe eben nur meine Fächer gesehen. Erst als ich dann Kinder hatte wurde mir das Pensum bewusst, sie mussten eben nicht nur die Englisch- sondern auch noch die Lateinvokabeln, Mathe und Chemie lernen. Durch meine Kinder bin ich auf jeden Fall eine verständnisvollere Lehrerin geworden. 

Ich bin sehr glücklich in meinem Job. Wie schön ist es, wenn die Schülerinnen und Schüler während eines Austausches stolz sind, wenn sie mit der Gastfamilie sprechen können. Oder wie toll ist es, wenn eine Klasse, nachdem wir über Fast Fashion und die damit verbundenen Probleme gesprochen haben, einen Kleidertausch in der Schule organisiert.

Nun haben wir gerade eine Hitzewelle – wie ist die aktuelle Situation bei euch in den Klassenzimmern? 

Unerträglich! Bei den Temperaturen kann man keinen klaren Gedanken fassen. Die Kellerräume sind natürlich „heiß“ begehrt. Ich bin auch schon mit einer Klasse dann auf dem Gang im Keller gesessen, da wir es im Klassenzimmer nicht ausgehalten haben. Die Klassenzimmer sind sehr unterschiedlich und erwärmen sich mehr oder weniger stark. Spitzenreiter sind die Räume in den Containern, da wird man schon in der 1. Stunde gegrillt.

Der Sommer kommt ja nicht überraschend… Gibt es bei euch irgendwelche Vorkehrungen für die heiße Jahreszeit? 

Von Klimageräten können wir nur träumen, ebenso von Hitzefrei. In jedem Raum gibt es vorne und hinten einen Standventilator, damit bekommen schätzungsweise jeweils 4 Menschen kühle Luft ab. Diejenigen, die direkt davor sitzen, beklagen sich über das direkte Anpusten, die in der nächsten Reihe darüber, dass sie nichts abbekommen. Einige Schülerinnen und Schüler sind mit Handventilatoren ausgestattet. 

Unsere Schulleitung hat Pappbecher besorgt und wir sollen alle 45 Minuten dazu auffordern, dass diese (oder natürlich auch mitgebrachte Mehrwegbehälter) mit Wasser gefüllt und getrunken werden. Von den Klassen kam der Vorschlag den Unterricht auf Online-Unterricht umzustellen. Wir sind hierfür gut ausgestattet: alle Klassen haben Tablets und nach der Pandemie haben wir im Schuljahr vier feste Homeoffice Tage. Bei Streik der Verkehrsbetriebe oder Glatteis wird der Unterricht auch immer online gehalten.

Wie erlebst du die Kinder gerade so kurz vor den Sommerferien?

So kurz vor den Sommerferien ist es bei uns noch gar nicht, in Baden-Württemberg starten sie Sommerferien erst in 5 Wochen, Ende Juli. Momentan werden noch viele Klassenarbeiten geschrieben und nächste Woche ist mündliches Abitur.

Auch ohne große Hitze ist vor den Sommerferien natürlich dann irgendwann die Luft raus. Die letzten 10 Tage nach Notenschluss ziehen sich. Ich habe festgestellt, dass die Klassen doch lieber noch etwas machen, statt nur Spiel zu machen und sich von Filmen berieseln zu lassen. Bei uns wird dann auch neben einem Ausflug zum Beispiel ein Erste-Hilfe Kurs oder ein Sozialpraktikum organisiert. 

Findest du, dass dieses zweite Halbjahr eher kurz oder eher lang war? Wo hätte es deiner Meinung nach vielleicht noch mal ein paar Tage frei gebraucht oder wärst du dafür, die Sommerferien einfach eher beginnen zu lassen?

Das zweite Halbjahr geht für mich immer viel schneller vorbei. Wir haben in Baden-Württemberg zwei Wochen Pfingstferien und sind erst in der 2. Juniwoche wieder in die letzte Etappe gestartet. In den Ferien habe ich Schülerinnen, die in Schweden ein von uns organisiertes Praktikum machten, besucht. In Schweden haben die Ferien Mitte Juni begonnen. Ich fände einen früheren Ferienbeginn bei uns auch viel passender. Wir starten ja erst wieder Mitte September in das neue Schuljahr.

Was ist die größte Herausforderung für euch Lehrkräfte momentan?

Schwierig sich auf eine Sache festzulegen. Ganz vorne ist die Heterogenität der Klassen, man kann oft nicht eine Aufgabe für alle stellen, sondern man muss aufgrund der unterschiedlich leistungsstarken Schülerinnen und Schülern differenzierte Aufgaben stellen. Auch haben die psychischen Probleme gerade seit der Pandemie deutlich zugenommen.

Die Aufmerksamkeitsspanne der Jugendlichen ist in den letzten Jahren deutlich kürzer geworden. Eine große Herausforderung ist der Umgang mit KI. Natürlich ist es super easy für die Schülerinnen und Schüler die zu bearbeitenden Aufgaben bei ChatGPT hochzuladen und sich die Antworten ausgeben zu lassen, aber verstehen werden Sie es dadurch nicht unbedingt. Daher müssen sich die Aufgabenformate und das Lernen verändern. Wir zeigen Wege auf, wie man KI sinnvoll und kritisch nutzen kann.

Wie und wann merkst du, dass auch deine Kraft langsam zu Ende geht?

Wenn ich nach Hause komme und ich niemanden mehr sehen mag und mir auch jegliche private Treffen zu viel werden.

Wie wirst du deine Ferien verbringen?

Den Schreibtisch aufräumen, da hat sich mal wieder einiges angesammelt. Dann haben wir Planungstage für das neue Schuljahr, das muss ja alles durchdacht und vorgeplant werden. Ausspannen werde ich auf einer Rundreise in Albanien – Trendziel, ich weiß! Allerdings steht diese Ziel schon einige Jahren auf meiner Liste, seit eine albanische Schülerin uns ihr Heimatland vorgestellt hat.

Und was möchtest du allen Menschen sagen, die behaupten, Lehrer hätten ja sowieso ständig nur Ferien…

Augen auf bei der Berufswahl 😉 Der Lehrerberuf bietet Vorteile, gerade hinsichtlich der Betreuung der eigenen Kinder. Als die Kinder klein waren, konnte ich mir die Zeit am Nachmittag freihalten und saß dann eben dafür bis spät in die Nacht am Schreibtisch.

Auf der anderen Seite nimmt man die Arbeit eben auch immer mit nach Hause, einerseits die Korrekturen und die Vorbereitung, die eben wirklich jedes Wochenende und auch die Ferien ausfüllen, und auf der anderen Seite ist es die emotionale Belastung. Ich bekomme viel anvertraut, von Problemen mit Freunden und Familie, bis hin zu Suizidgedanken.

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3 comments

  1. Zum Ferienstart: ich komme aus einem nördlichen Bundesland, wir haben oft den frühen Ferienstart gepachtet (ich glaube das früheste war mal Mitte-Ende Juni). Dieses, nächstes und letztes Jahr ist es um den 3.7. rum. Das zweite Halbjahr ist relativ kurz, obwohl es keine Pfingstferien gibt und wir keine echten Winterferien haben, sondern zwei Tage „Zeugnisferien“ im Januar/Februar.

    Ich habe immer die anderen Bundesländer mit dem späten Ferienstart beneidet, aber mit der Aussicht auf Hitze macht ein früherer Ferienstart natürlich Sinn. Auch mal gut, diese Perspektive zu hören.

    viele Grüße
    Stiefelkind

  2. Was mich als Lehrerin ärgert ist, dass allerorten über hitzefrei geschwafelt wird. Ich möchte aber gar nicht, dass Unterricht ausfällt. In der Oberstufe und den beruflichen Schulen ist hitzefrei gar nicht vorgesehen.

    Bauliche Maßnahmen wären zwar schön, das dauert aber und kostet viel. Die deutlich einfachere Maßnahme wäre, hier im Südwesten den Ferienbeginn nach vorne zu schieben. Wenn wir Anfang Juli in die Ferien gehen würden, dann wären die mündlichen Prüfungen und Klassenarbeiten bis Mitte Juni durch.
    Wir haben Ferien im August und September, wo es zwar auch heiß sein kann, die Nächte sind aber schon deutlich kühler und würden der Erholung dienen.

  3. Mir tun wirklich alle Schul“insassen“ Gerade leid.
    Unsere Kinder sind auf einer sehr neuen tollen Schule, mit riesige Fensterfronten, alle schmelzen und keiner kann weg…

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