Lifestyle-Teilzeit: Florian Hacke könnte als Vater schreien (manchmal auch vor Glück)

Lifestyle-Teilzeit

Florian Hacke. Foto: Mona_Harry

Ihr Lieben, ihr wisst ja, wie sehr uns Humor oft den Hintern im Familienalltag rettet, deswegen freuen wir uns heut enorm, den Comedian und Dreifachpapa Florian Hacke bei uns zu Gast zu haben, um mit ihm über Lifestyle-Teilzeit und all die aberwitzigen Ideen der Politik für uns Eltern zu sprechen.

Lieber Florian, na, genießt du grad deine Lifestyle-Teilzeit in Elternzeit und überlegst dir günstige Hobbys für die Altersarmut? 

Genau, schließlich arbeite ich ja nicht. Ich lasse nur alle zehn Minuten den Paketboten ins Haus, der für die Nachbarn was abgibt. Der guckt schon immer ganz mitleidig. Und dann sitze ich manchmal abends auf der Couch und schäme mich: nix Produktives gemacht heute, sorry, Herr Merz. Weil, Staubsaugen, Einkaufen, Kochen und so ist ja keine Arbeit. Höchste Zeit, dass ich wieder auf die Bühne gehe, da fragen die Leute wenigstens nur „Und was machst du tagsüber?“

Manche Leute überlegen sich ja, in ihrer Elternzeit zu imkern, zu promovieren oder Porsche zu fahren (ich schreib mal Zynismus dazu für alle, die denken, mir hätte jemand das Hirn geklaut), du scheinst dich für das Hobby Bücher schreiben entschieden zu haben… 

Schreiben ist leiser als Schreien, und es hat schon durchaus was Therapeutisches, nach einem Nachmittag auf dem Gemüsestick-Spielplatz die Gedanken zu ordnen.

Aber im Ernst: Das Buch ist in über zehn Jahren entstanden, so lange hat’s gedauert, aus vielen Begegnungen und Beobachtungen die Gewissheit zu entwickeln, was vielleicht nicht nur für mich und meine Familie gilt, sondern für alle lohnenswert zu lesen ist.

Und selbst Christian Lindner, auf den dein Seitenhieb zurecht zielte, hat inzwischen öffentlich kundgetan: „Kindererziehung ist nicht nur stressfrei“. Ihr solltet ihm dafür direkt einen Award verleihen, sofort (jupp, auch Zynismus).

Dein Buch heißt „Ich könnte schreien (manchmal auch vor Glück): Familienalltag für Furchtlose“. Erzähl doch mal, wann du zuletzt geschrien hast? 

Florian Hacke
Ich könnte schreien

Ich KÖNNTE oft, aber ich mach´s ganz selten. Nicht nie. Früher auf der Bühne habe ich regelmäßig „VATER!“ oder „OH ZEUS!“ geschrien, aber im Familienalltag ist das eigentlich immer ein Zeichen der Kapitulation. Wer schreit, ist schwach, glaube ich, aber manchmal passiert das (allen) und dann ist das halt auch okay.

Meine Kinder lernen zum Beispiel im Straßenverkehr immer richtig schlimme Schimpfwörter von mir und sagen dann „Also PAPA!“. Einmal habe ich im Schwimmbad meine Theaterstimme ausgepackt, da haben ein paar Halbstarke oben auf der Rutsche geschubst, und mit einer guten Sprecherziehung kann man schonmal ein volles Hallenbad zum Schweigen bringen. Das war schon auch cool.

Und wir wollen ja auch serviceorientiert bleiben: Wo können wir uns unsere Furcht hinpacken, wenn Elternsein eher was für Furchtlose ist?

In Ehrlichkeit. Eltern haben oft das Gefühl, sie müssten alles total gut machen, auf jeden Fall besser als ihre eigenen Eltern. Und als die anderen Eltern. Aber Familienleben ist eine wilde Mischung aus Chaos, Liebe, Dreck und Erschöpfung.

Wenn mir dann wieder jemand erzählt, wie TOLL bei ihnen zuhause IMMER ALLES ist, dann frage ich mich, wovor der Angst hat. Dass ich ihn verurteile? Nee, bei uns ist es immer wie Weihnachten bei den McAllisters.

Frau Prien sagt, dass Eltern einfach zu wenig bildungsambitioniert sind für ihre Kinder. Herr Merz sagt, alle (auch Alleinerziehende!) müssten einfach nur mehr arbeiten. Wir sind ja ein Mütterblog und denken, wir könnten statt Eltern auch einfach Mütter sagen. Mütter sind an allem schuld. Arbeiten zu wenige Stunden, kümmern sich zu wenige Stunden um Hausaufgabenbetreuung. Findest du das nicht auch?

Jetzt schrei ich doch gleich. Es ist ein uraltes Rezept, systemische Verantwortung auf Einzelne abzuwälzen, das klingt immer besorgt und besonnen und ist am Ende nur eins: unfair. Das Elterngeld zum Beispiel wurde seit seiner Einführung 2007 noch nie an die Inflation angepasst, das hat ja direkte Konsequenzen für alle Betroffenen.

Und jetzt wird uns dessen Kürzung als Zeichen der Gleichberechtigung verkauft, obwohl Frau Prien genau weiß, dass Väter, die kaum zwei Monate Elternzeit nehmen, nicht plötzlich mehr nehmen.

Und Friedrich Merz hat selber nur zwei Tage die Woche bei Blackrock gearbeitet, und jetzt wünscht man sich, er möge doch mal in Rente gehen, vielleicht ist er nicht der richtige Posterboy für Vollzeit. Wenn die Politik wirklich bessere Bildungschancen für alle wöllte, würde sie nicht in genau dem Bereich Milliarden kürzen. (Ihr braucht das „Das Lied von der Lifestyle-Teilzeit„? Hört mal rein!)

Du hast drei Kinder, lass uns mal ein Ranking machen, was am schlimmsten ist: Eltern-Whats-App-Gruppen, die Conni-macht-immer-alles-richtig-Bücher oder Alptraum-Influencer, die beim Käseherzen-Ausstechen auch noch gute Laune haben UND gut aussehen?

Florian Hacke
Florian Hacke. Foto: Pepe Lange

Im Moment sind für mich das Schlimmste diese unzähligen Videos auf Social Media, wo Inkompetenz als Humor abgefeiert wird. Guckt mal, der Torsten kann nicht einkaufen, außer seine Alte (die er „Die Regierung“ nennt, was bei mir sofort Brechreiz auslöst) klebt ihm die Shampooflasche auf einen Bastelblock. Hahaha.

Manfred ist Ingenieur bei der Deutschen Bahn, aber die Geschirrspülmaschine kann er leider nicht einräumen, das muss genetisch sein. Und der Jürgen erklärt seiner Gattin, dass sie einen magischen Wäschekorb haben, weil er da abends immer seine Bremsspur-Buchsen reinlegt und am nächsten Tag liegen die gefaltet im Schrank.

Hunderttausend Likes, hahaha, kennze kennze echt Hamma isso. Das bringt mich nicht zum Lachen, sondern zur verzweifelten Erkenntnis: „Männer können das einfach nicht so gern“ ist ein viraler Gag und das zeigt, wie weit wir als Gesellschaft noch zu gehen haben bis zur Augenhöhe.

Du sagst, der Kreißsaal ist eine Zeitmaschine, die uns straight in die 60er katapultiert, wie kommen wir da wieder raus?

Augen auf, Strukturen durchschauen, Kritik annehmen. Wenn man als Paar immer wieder an dem Punkt landet, dass es Streit gibt und Unzufriedenheit, weil die täglichen Aufgaben unfair verteilt sind, kann man das ändern. Zum Beispiel mit dem Mental Load Test, der zuerst einmal überhaupt sichtbar macht, was täglich nötig ist im Familienhaushalt. Und dann Ausdauer und Humor bewahren: Es ist nicht schwer, es ist bloß viel.

DANKE, dass du in all dem Wahnsinn so gut gelaunt bleibst und den Humor hochhältst! 

Es ist in der Tat nicht leicht dieser Tage, es gibt viel, was zurecht Sorgen macht. Aber dranbleiben lohnt sich, auch wenn mein Rentenberater mir gerade nahegelegt hat, mit dem Rauchen anzufangen. Nein, Kinder sind toll und der beste Grund für Revolution.

6adb0d1bc5a94b1fab684f37fa80c8e8


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert