Kinderaugen stark machen! Hier gibt´s Tipps vom Augenarzt

Kinderaugen

Foto: levaioan from Pixabay

Ihr Lieben, was wisst ihr über Kinderaugen? Wart ihr mit euren Kindern schon mal beim Augenarzt? Tatsächlich beobachten Augenärzte beobachten seit Jahren eine deutliche Zunahme der Kurzsichtigkeit im Kindesalter. Warum das so ist und was Eltern gegen diese Entwicklung tun können, das haben wir Augenarzt Priv.-Doz. Dr. med. Tim Schultz gefragt:

Viele Kinder sagen ja nicht: „Ich sehe die Tafel unscharf.“ Welche Zeichen sollten Eltern im Bezug auf Kinderaugen ernst nehmen?

Das ist tatsächlich die Schwierigkeit: Kinder kennen ihren Seheindruck nicht anders. Ist nur ein Auge betroffen, gleicht das andere zudem vieles aus. Deshalb lohnt sich der Blick auf kleine Veränderungen im Alltag.

Kneift Ihr Kind häufig die Augen zusammen? Hält es Bücher oder Gegenstände auffällig nah ans Gesicht, erkennt Menschen in der Ferne schlechter oder legt den Kopf ungewöhnlich schief? Auch müde Augen, wiederkehrende Kopfschmerzen, verschwommenes Sehen oder Doppelbilder beim längeren Lesen gehören abgeklärt. Konzentrationsprobleme können ebenfalls auffallen, haben aber viele mögliche Ursachen.

Keines dieser Zeichen beweist eine Kurzsichtigkeit. Auch ein kurzer Leseabstand kann reine Gewohnheit sein oder auf ein anderes Sehproblem hindeuten. Heimtests liefern höchstens einen ersten Hinweis. Wenn ein Verhalten neu ist, wiederkehrend auftritt oder Ihr Kind im Alltag beeinträchtigt, empfehle ich eine professionelle Augenuntersuchung. Starke, neue Kopfschmerzen gehören ärztlich abgeklärt. Das gilt besonders, wenn weitere neurologische Beschwerden hinzukommen.

Und woran merken Eltern, ob hinter solchen Beobachtungen dann wirklich eine beginnende Kurzsichtigkeit steckt?

Bei einer Kurzsichtigkeit, medizinisch Myopie, bleibt das Sehen in der Nähe oft klar, während die Ferne unscharf wird. Im Alltag kann das bedeuten: Ein Kind erkennt die Tafel, Straßenschilder oder weiter entfernte Gesichter schlechter. Manche rücken näher an einen Bildschirm oder kneifen die Lider zusammen, um Konturen kurzzeitig schärfer zu sehen.

Trotzdem kann eine beginnende Myopie lange unbemerkt bleiben. Beobachtungen geben Hinweise, aber keine Diagnose. Nahes Lesen allein reicht dafür nicht aus.

Für eine verlässliche Einordnung prüfe ich die Sehschärfe und die Brechkraft des Auges. Bei Kindern sind dafür häufig Augentropfen sinnvoll, die die Naheinstellung vorübergehend ausschalten. Das heißt Zykloplegie. Je nach Befund und Verlauf messe ich zusätzlich die Länge des Augapfels. Erst diese Werte zeigen, ob eine Myopie vorliegt und ob Verlaufskontrollen nötig sind.

Steigt die Zahl der kurzsichtigen Kinder aufgrund der Bildschirmzeit?

Smartphone und Tablet sind Formen der Naharbeit. Auch Lesen, Schreiben, Basteln und Hausaufgaben fordern den Nahblick. Bei digitalen Geräten kommen allerdings oft ein kurzer Abstand, lange ununterbrochene Nutzung und weniger Zeit draußen zusammen.

Neuere Studien finden bei mehr Bildschirmzeit häufiger Kurzsichtigkeit, während ältere Auswertungen keinen klaren Zusammenhang zeigten. Wichtig ist: Diese Daten belegen keine Ursache. Eine zusätzliche Stunde am Bildschirm führt also nicht automatisch zu Myopie. Eine harte, für jedes Kind gültige Stundengrenze lässt sich daraus nicht ableiten.

Ich rate deshalb nicht zu einem pauschalen Bildschirmverbot. Schauen Sie lieber auf das Gesamtmuster: Hält Ihr Kind Abstand? Macht es bei längerer Naharbeit Pausen und blickt zwischendurch in die Ferne? Ist es regelmäßig draußen? Wird die Fernsicht auffällig oder bleiben Beschwerden bestehen. 

Kann man die Augen von Kindern irgendwie „trainieren“ und dadurch Kurzsichtigkeit verhindern oder verbessern?

Die klare Antwort lautet: nein. Eine bestehende Kurzsichtigkeit lässt sich nicht einfach wegtrainieren. Allgemeine Augenübungen verändern die Brechkraft nicht nachweislich und bremsen auch das Längenwachstum des Auges nicht überzeugend. Selbst wirksame Verfahren zur Myopiekontrolle machen die vorhandene Fehlsichtigkeit nicht rückgängig.

Ein Blick in die Ferne, bewusstes Blinzeln oder kurzes Schließen der Lider kann müde Augen entlasten. Das ist angenehm, aber keine Myopietherapie.

Etwas anderes sind gezielte Übungen in der Sehschule. Sie können bei bestimmten Störungen im Zusammenspiel beider Augen sinnvoll sein, etwa wenn ein Kind seine Augen beim Lesen nicht gut gemeinsam nach innen richtet. Dafür braucht es eine konkrete Diagnose. Ein beliebiges Übungsprogramm aus dem Internet ersetzt diese Abklärung nicht.

Zeit im Freien wird ja oft zur Augengesundheit empfohlen. Wie viel Zeit sollten Kinder täglich draußen verbringen, um ihre Augen zu schützen?

Etwa zwei Stunden im Freien pro Tag sind eine sinnvolle Orientierung, aber keine magische Schwelle. Umgekehrt garantiert auch viel Außenzeit nicht, dass ein Kind niemals kurzsichtig wird.

Am besten belegt ist der vorbeugende Effekt: Mehr Zeit draußen kann die Wahrscheinlichkeit senken, dass eine Myopie neu entsteht. Bei bereits bestehender Kurzsichtigkeit ist der Einfluss auf das Fortschreiten weniger sicher. Dann ergänzt Außenzeit die Verlaufskontrolle, ersetzt sie aber nicht.

Vor allem das deutlich hellere und wechselnde Licht im Freien spielt eine Rolle. Es beeinflusst Signalwege in der Netzhaut. Dopamin gilt dabei als möglicher Vermittler, doch der genaue Mechanismus ist beim Menschen noch nicht abschließend geklärt. Mein praktischer Rat lautet: Machen Sie Zeit draußen möglichst zu einem normalen Teil des Tages und denken Sie an angemessenen Sonnen- und UV-Schutz. Direkt in die Sonne zu schauen schützt die Augen nicht.

Wenn die U-Untersuchungen unauffällig waren: Braucht ein Kind trotzdem eine professionelle Augenuntersuchung?

Die U-Untersuchungen sind wichtig. Von der U7 bis zur U9 gehört das Erkennen von Sehstörungen ausdrücklich dazu. Diese Screenings helfen, Auffälligkeiten früh zu entdecken. Sie schließen aber nicht jede Fehlsichtigkeit, Störung des beidäugigen Sehens oder später beginnende Myopie aus.

Eine augenärztliche Untersuchung auf Schielen und Schwachsichtigkeit ist spätestens zwischen dem 30. und 42. Lebensmonat sinnvoll. Bei familiärer Belastung oder anderen Risiken kann eine frühere und engmaschigere Kontrolle nötig sein. Ist der Befund unauffällig, sollte vor der Einschulung erneut untersucht werden. Eine Kurzsichtigkeit kann allerdings erst im Schulalter beginnen. Deshalb ist eine unauffällige U9 keine Garantie für die folgenden Jahre.

Warten Sie nicht auf den nächsten Vorsorgetermin, wenn Ihr Kind schielt, ein Auge auffällig zukneift, in der Ferne schlechter erkennt oder über Doppelbilder und wiederkehrende Beschwerden klagt. Eine vollständige Augenuntersuchung prüft mehr als ein Screening: Dazu gehören unter anderem Sehschärfe, Augenstellung, das Zusammenspiel beider Augen, die Brechkraft und die Gesundheit der Augen.

Was passiert, wenn eine Kurzsichtigkeit früh erkannt wird? Kann man ihr Fortschreiten heute tatsächlich bremsen?

Frühe Erkennung schafft zunächst Klarheit. Eine passende Brille korrigiert die Unschärfe, stoppt das Längenwachstum des Auges aber nicht automatisch. Bei festgestellter Myopie prüfe ich deshalb mit wiederholten Messungen, ob und wie schnell sie fortschreitet. Dazu gehören eine verlässliche Bestimmung der Brechkraft, bei Kindern möglichst nach einer Messung mit Augentropfen, die die eigene Fokussierung vorübergehend ausschalten (Zykloplegie), und je nach Situation die Messung der Augenlänge. Häufig hilft ein dokumentierter Verlauf über etwa zwölf Monate bei der Entscheidung.

Bei fortschreitender Myopie kommen mehrere Ansätze infrage: niedrig dosierte Atropin-Augentropfen, spezielle Myopie-Brillengläser, weiche multifokale Kontaktlinsen oder Orthokeratologie, kurz Ortho-K. Diese Verfahren können die Zunahme bei manchen Kindern bremsen. Sie machen die bestehende Kurzsichtigkeit nicht rückgängig und eignen sich nicht pauschal für jedes Kind.

Welche Option passt, hängt unter anderem von Alter, Ausgangswerten, bisherigem Verlauf, Augenlänge, Alltag und Mitarbeit des Kindes ab. Bei Atropin besprechen wir Dosis und Verträglichkeit; mögliche Folgen sind erweiterte Pupillen und eine stärkere Lichtempfindlichkeit. Kontaktlinsen und Ortho-K verlangen zuverlässige Hygiene, weil selten schwere Infektionen auftreten können. Auch die Studienlage ist je nach Verfahren unterschiedlich. Langzeitwirkungen und mögliche Effekte nach dem Absetzen sind nicht in allen Punkten geklärt. Deshalb gehören regelmäßige Kontrollen immer zur Behandlung.

Müssen Kinder ihre Augen regelmäßig entspannen? Was hilft tatsächlich – Augen schließen, in die Ferne schauen oder einfach rausgehen?

Am meisten hilft ein echter Wechsel der Sehaufgabe: den Blick vom Bildschirm lösen, in die Ferne schauen, bewusst blinzeln oder die Lider kurz schließen. Bei konzentrierter Bildschirmarbeit blinzeln wir oft seltener. Dann kann der Tränenfilm instabil werden, und die Augen brennen oder fühlen sich müde an.

Die bekannte 20-20-20-Regel kann als Merkhilfe für regelmäßige Unterbrechungen dienen: Nach jeweils 20 Minuten Naharbeit sollte man für 20 Sekunden in eine Entfernung von mindestens 20 Fuß – etwa 6 Meter – schauen. Ihre genaue Taktung ist aber nicht überzeugend als Schutz vor Kurzsichtigkeit belegt. Eine Pause sollte außerdem nicht aus der nächsten Nahaufgabe am nächsten Gerät bestehen. Aufstehen, lüften und in die Ferne schauen ist meist sinnvoller.

Wichtig ist die Trennung: Pausen können Beschwerden lindern, verändern aber weder eine bestehende Myopie noch nachweislich die Augenlänge. Kehren Brennen, Kopfschmerzen, Doppelbilder oder verschwommenes Sehen trotzdem wieder, sollten Eltern nicht nur das Pausenschema verschärfen. Dann ist eine Untersuchung sinnvoll.

Wenn Sie Eltern nur drei konkrete Tipps für gesunde Kinderaugen mitgeben dürften: Welche wären das?

Ich würde den Familienalltag nicht mit starren Regeln überladen. Diese drei Punkte sind praktikabel:

●       Täglich rausgehen: Etwa zwei Stunden im Freien sind eine sinnvolle Orientierung, kein Schwellenwert und keine Garantie. Angemessener Sonnen- und UV-Schutz gehört dazu.

●       Naharbeit entzerren: Streben Sie ungefähr 30 Zentimeter Abstand an und sorgen Sie bei längerer, enger Naharbeit für einen echten Fernblick. Das gilt für Bücher, Hausaufgaben und Bildschirme.

●       Veränderungen abklären lassen: Nehmen Sie häufiges Zusammenkneifen, einen auffällig kurzen Abstand, Probleme in der Ferne, Doppelbilder oder wiederkehrende Beschwerden ernst. Warten Sie bei einer Auffälligkeit nicht allein auf die nächste U-Untersuchung.

Diese Gewohnheiten können Risiken senken und die Augen im Alltag entlasten. Sie ersetzen keine Diagnose oder Verlaufskontrolle. Ist Ihr Kind bereits kurzsichtig oder fällt Ihnen etwas auf, ist eine kinderaugenärztliche Untersuchung der nächste sinnvolle Schritt.

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