Ihr Lieben, Umfragen von Krankenkassen und Instituten zeigen, dass geschlechterübergreifend rund 37 bis 42 Prozent der Menschen in Deutschland angeben, in ihrem Leben bereits Burnout-Symptome oder eine entsprechende Phase erlebt zu haben. Christian ist einer von ihnen, er hat sich lange zwischen Beruf und Familie aufgerieben – so lange, bis er krank wurde.
Hier erzählt er, wie er sich früher und heute als Vater erlebt hat und warum er glaubt, dass es vielen Männern immer noch schwer fällt, nicht immer nur stark zu sein….
Lieber Christian, Du warst früher einmal Führungskraft und hattest viel berufliche Verantwortung. Was genau hast du gemacht und wie sah dein Arbeitsalltag aus?
Insgesamt war ich rund acht Jahre Führungskraft, in drei verschiedenen Positionen und Firmen. Angefangen habe ich als Marketing-Assistent und hab mich schließlich bis zum Marketingleiter hochgearbeitet. Ich trug Verantwortung für ein Team von über zwanzig Menschen, von denen ein Teil auch am Wochenende im Einsatz war, sodass auch ich regelmäßig am Wochenende arbeitete – in Zeiten, die eigentlich für die Familie vorgesehen waren… Ich war ehrgeizig und fleißig – vor vier Jahren kam dann der Burnout…
Du bist und warst eben auch damals aber auch schon Vater. Wie würdest du dich damals in dieser Zeit als Vater beschreiben?
Wir lebten die leider „klassische“ Aufteilung. Ich hatte den Vollzeitjob und trug die finanzielle Hauptlast der Familie, meine Frau war in Teilzeit und trug den größten Teil der Care-Arbeit. Durch die viele Arbeit habe ich einiges vom Alltag der Familie verpasst, manchmal war ich werktags zwölf Stunden nicht zu Hause.
Am Wochenende versuchte ich das auszugleichen, im Rückblick war das vor allem eine Überkompensation. Meine Ex-Frau hatte Erwartungen an mich im Alltag, abends kochen, mit den Kindern Hausaufgaben machen, die ich nicht so erfüllen konnte und deshalb am Wochenende mein schlechtes Gewissen beruhigen wollte.
Unter deinem beruflichen Pensum hat also auch deine Ehe gelitten. Wann hast du das erste Mal gemerkt, dass die Ehe so nicht weitergehen kann?
Es war schleichend. Wir hatten viele Erwartungen aneinander nie ausgesprochen und uns im Alltag schlecht koordiniert. Unsere Erziehung war sehr „bedürfnisorientiert“, mit wenig Grenzen, und wir gerieten in eine Art Reaktionsspirale: Die Bedürfnisse der Kinder standen immer vor unseren eigenen.
Wir haben uns als Paar verloren, Umarmungen und selbst flüchtige Küsse wurden immer seltener. Ich habe lange gedacht, das sei eben eine Phase und würde auch wieder von selbst weggehen – aber das tat es natürlich nicht.
Du bist in einen Burnout geraten. Kannst du erzählen, wie es dir damals körperlich und psychisch ging?
In meinem Buch habe ich es so beschrieben: Ich brannte von beiden Seiten. Beruflich war ich damals gerade drei Jahre im Vertrieb angekommen und hatte mir selbst den Anspruch gesetzt, das unbedingt gut zu machen. Zu Hause hatte ich denselben Anspruch als Vater.
Ich habe versucht, zu Hause präsenter zu sein, weil ich ein schlechtes Gewissen gegenüber meiner Frau und den Kindern hatte. Wenn ich dann zu Hause ab 16 Uhr übernommen habe, hatte ich ein schlechtes Gewissen meinem Arbeitgeber gegenüber – selbst, wenn ich schon vorher acht Stunden gearbeitet hatte. Aus diesem schlechten Gewissen und dem eigenen Anspruch wurde eine permanente Erschöpfung, die ich lange nicht wahrhaben wollte.
Es folgte dann auch die Trennung. Warum war diese wichtig und richtig für dich?
Ich hielt diesen Stress und die Dauerbelastung lange für normal, weil auch im Freundeskreis alle mit Kindern, Erziehung und der Vereinbarkeit von Beruf und Familie kämpften. Doch dann bekam ich eines abends Sehstörungen, ich sah alles doppelt und es ging nicht von alleine weg. Es folgte eine Odyssee durch Krankenhäuser und schließlich die Diagnose: Multiple Sklerose.
Wenn man so eine Diagnose bekommt und weiß: Das ist nicht heilbar – dann merkt man plötzlich: Man hat nur dieses eine Leben und die Lebenszeit ist begrenzt. Da machte es Klick und ich wusste, dass ich so nicht weitermachen will.
Wir machten dann eine Paartherapie, die etwas Normalität zurückbrachte, aber am eigentlichen Thema vorbeiging: Die Therapie legte den Fokus aufs Funktionieren im Alltag, nicht auf das, was uns wirklich fehlte. Meine Frau hatte in der Therapie selbst zweimal die Frage gestellt, ob eine Trennung nicht besser wäre, aber wir wollten unbedingt wegen der Kinder zusammenbleiben und funktionieren. So pendelten wir uns wieder auf das alte Niveau ein…
Ein Jahr später merkte ich aber im gemeinsamen Urlaub, dass es so einfach nicht mehr geht und habe es auch ausgesprochen.
Wie ist die Situation momentan?
Nach der Trennung lebten wir eineinhalb Jahre im Nestmodell, was sehr herausfordernd war. Parallel hatte ich meine jetzige Partnerin kennengelernt, die ich zunächst bewusst nicht in den Alltag der Kinder eingebunden hatte. Erst als ich eine eigene Wohnung fand, in der auch die Kinder Platz hatten, um wirklich anzukommen, wurde sie Teil dieses Lebens… Heute erziehen wir im Wechselmodell und es läuft sehr viel besser als früher.
Wie würdest du dich heute als Vater beschreiben? Auch im Gegensatz zu früher?
Ich bin ruhiger und gelassener geworden. Früher wäre ich vermutlich die Extra-Meile gegangen, um meinen Kindern jeden Wunsch zu erfüllen. Heute sage ich ihnen, dass da eine Grenze ist, und dass sie lernen müssen, damit umzugehen. Ich habe meinen Kindern auch offen gesagt, dass ich Multiple Sklerose habe und dass damit eine Erschöpfung einhergeht, die ich so vorher nicht benannt habe.
Ihre Akzeptanz kam schnell und war groß, seitdem unterstützen sie mich sogar tatsächlich etwas mehr dabei. Das gibt mir das Gefühl, der ruhige, klare Vater zu sein, den sie brauchen. Ich setze heute mehr Grenzen und kommuniziere klarer. Ich richte mich weniger danach, was meine Kinder im Moment wollen, sondern danach, was ihnen langfristig guttut.
Du hast dich auch beruflich neu orientiert. Was machst du heute und wie geht es dir damit?
Wegen eines Eigentümerwechsels habe ich meine alte Firma auf eigenen Wunsch verlassen, weil es sich dort einfach nicht mehr gut angefühlt hat. Ich werde im Herbst eine neue Position im Vertrieb bei einer neuen Firma antreten. Die Zwischenzeit habe ich genutzt, um ein Buch zu schreiben, zur Ruhe zu kommen und mich ganz auf meine Kinder und ihre Erziehung zu konzentrieren. Das hat mir und uns sehr gutgetan.
Hast du das Gefühl, dass Männer heute immer noch „stark“ sein wollen und weniger auf ihre Grenzen achten?
Ja, unbedingt. Viele Männer wollen sich beweisen, vor allem über den Job. Ich glaube, viele nehmen ihre Arbeit erst dann ernst, wenn sie sich hart und schwer anfühlt, so wie ich es früher auch getan habe. Dabei geht es eigentlich darum, herauszufinden, welcher Job wirklich zu einem passt.
Viele Männer definieren sich noch immer stark über Status und Karriere und leben oft ein Außenbild, das ihrem eigentlichen inneren Zustand kaum entspricht. Dieses Delta zwischen Außenbild und Innenleben aufrechtzuerhalten kostet Kraft, die irgendwann aufgebraucht ist. Manche reden sich diese Erschöpfung klein, andere landen im Burnout.
Hinzu kommt, dass Männer leider im Schnitt immer noch mehr verdienen als Frauen, was viele Familien fast automatisch in diese „klassische“ Aufteilung drängt: Er macht Vollzeit, weil es finanziell naheliegt. Das ist historisch gewachsen, und ich sehe das kritisch, weil die Arbeitswelt Männer noch immer eher als vollwertigere Arbeitskräfte betrachtet als Frauen. Dieser Wandel geht mir viel zu langsam.
Was ist dein größtes Learning aus den letzten Jahren?
Dass ich nicht weiterkomme, indem ich stärker werde, sondern dadurch, dass ich aufhöre, gegen mich selbst zu arbeiten.
Seine Geschichte und seine Learnings hat Christian in einem Buch niedergeschrieben. Hier bekommt ihr es.





