PISA-Ergebnisse miserabel: „Kein Wunder in diesem Bildungssystem“

PISA-Ergebnisse

Foto: pixabay

Ihr Lieben, als wir von den niederschmetternden PISA-Ergebnissen der deutschen Schülerinnen und Schüler hörten, meldete sich eine besorgte Lehrkraft bei uns, die schrieb: „Es ist einfach so furchtbar – ich bin Mama und Lehrerin an einem Gymnasium. Man ackert, man schuftet, man versucht für sein Kind und seine Schüler*innen alles Mögliche rauszuholen, aber das System lässt kaum Raum für Innovation und Veränderung. Und die braucht es so dringend!“

„Wir Lehrkräfte jammern nicht, wir prangern die Umstände an“

Als wir sie fragten, ob wir ihr ein paar Fragen schicken dürften, war sie sofort am Start, weil sie es so wichtig findet, auch die Perspektive der Lehrkräfte nicht aus dem Blick zu verlieren. „Viele Mitglieder der Gesellschaft schimpfen ja sehr schnell auf die Lehrkräfte. Unsere Perspektive wird dann schnell als Jammern aufgefasst. Das finde ich sehr schade“, schrieb sie.

Vielleicht noch zu ihrem Hintergrund: Sie ist in der erweiterten Schulleitung einer weiterführenden Schule in Niedersachsen tätig und unterrichtet in den Naturwissenschaften. Und obwohl sie promoviert hat, war ihr immer klar, dass sie Lehrerin werden wollte. Hier kommen ihre Einblicke:

„Die schlechten PISA-Ergebnisse wundern mich nicht“

Lehrerin
Foto: pixabay

Ich wundere mich nicht über die schlechten PISA-Ergebnisse, da ich jeden Tag in der Schule sehe, wie sich Kinder verändert haben und gleichzeitig noch ein sehr starres System vorliegt. Es gibt viele wissenschaftliche Erkenntnisse darüber, wie Lernprozesse in der heutigen Welt unterstützt werden können. Leider können wir davon nur wenig umsetzen, da das Schulgebäude und die Ausstattung der Schule nur wenig Möglichkeiten für Veränderung lassen.

Gleichzeitig braucht es so dringend eine Veränderung um auf die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen besser eingehen zu können. Wir unterrichten in einem veralteten System, wobei gleichzeitig die Schülerinnen und Schüler ganz anders aufwachsen als zum Beispiel noch vor zehn Jahren. Weder wir als Lehrkräfte noch die Kinder können in diesem System das leisten, was sie zu leisten in der Lage sind. Und dann kommen dabei eben solche PISA-Ergebnisse heraus.

Ursachen für die momentane Situation im Bildungssystem

Es gibt viele kleine Ursachen für die momentane Situation. Die Klassen sind viel zu groß, es gibt insgesamt zu wenig Lehrkräfte, der Medienkonsum und auch die Handynutzung der Kinder und Jugendlichen hat sich sehr erhöht und damit sind sie natürlich auch schnell abgelenkt.

Meiner Meinung nach ergibt sich aus der Nutzung des Handys und Nutzung einer KI, die dauerhaft für die Kinder zur Verfügung steht, für sie die Schlussfolgerung, dass sie eigentlich gar nichts mehr lernen müssen, denn die Lösung können sie ja ganz schnell nachschauen.

Schulangst
Foto: pixabay

Auch der Bewegungsmangel aufgrund von vermehrtem Medienkonsum spielt sicher eine Rolle. Man kann, glaube ich, nicht den einzelnen Faktor ausmachen, es ist ein Zusammenspiel aus allen Veränderungen der letzten Jahre und Jahrzehnte. Was die Nutzung der KI angeht, kann ich sagen, dass ein kritischer Umgang wichtig wäre. Den Kindern diesen beizubringen, kostet aber Zeit und Lehrerstunden. Diese haben wir nicht.

„Hausaufgaben machen kaum noch Sinn“

Ich für meinen Teil gebe kaum nach Hausaufgaben auf, weil ich keine KI generierten Lösungen bekommen möchte. Dazu kommt in meinen Augen vor allem bei den jüngeren Schülerinnen und Schülern, dass die Lebensrealität im Vergleich mit dem Zeitraum vor 20 Jahren sich deutlich verändert hat.

Viele Schülerinnen und Schüler sind in der Nachmittagsbetreuung und kommen erst spät nach Hause. Auch bei meiner Tochter war das so. Sie dann noch dazu zu motivieren, Hausaufgaben zu machen, war sehr schwierig. Außerdem haben einige Kinder zu Hause Hilfe, andere müssen alles allein machen. Das ist eine Ungleichbehandlung und nicht in Ordnung.

„Ich versuche in unserer Schule ganz viel zu bewegen“

Lernen

Ich versuche in unserer Schule ganz viel zu bewegen. Ich setze mich für die Schulentwicklung ein, ich setze mich für die Schülerinnen und Schüler ein, ich versuche, eine Beziehung zu den Kindern aufzubauen und ich versuche, letztendlich auch guten Unterricht zu machen, dennoch sieht man dann diese Ergebnisse und fragt sich, was soll ich denn noch machen?

Insgeheim weiß ich aber, dass im laufenden System nicht mehr herauszuholen ist. Die Schulentwicklung ist leider eine schwierige Aufgabe, ein Professor sagte neulich zu mir, es ist so ähnlich, wie wenn man einen Airbus im Flug zu einem Schiff umbauen müsse.

Diesen Vergleich fand ich sehr passend. Wir können eine Schule nicht schließen, um dann mit neuem Konzept wieder anzufangen. Es muss im laufenden Betrieb passieren und gleichzeitig ist es eine Mammutaufgabe. Das Kerngeschäft Unterricht bleibt leider häufig Nebensache, weil die Verwaltung und die Schulentwicklung so viel Raum einnehmen. Das kann ja nicht das Ziel sein.

„Welche Veränderungsmöglichkeiten helfen könnten“

Veränderungsmöglichkeiten sehe ich im Kleinen schon dann, wenn man zum Beispiel die Räume neugestalten könnte, so dass sie freundlicher aussehen. Wenn man dann beim Schulträger anfragt, heißt es aber immer es sei nicht möglich, vor allem wegen des Brandschutzes. Also keine Gardinen, keine Teppiche keine Sitzsäcke oder Ähnliches.

Wir benötigen dringend flexibles Mobiliar für die offenen Bereiche, werden aber immer nur vertröstet. Eine schnelle Möglichkeit der Umsetzung wäre vielleicht, dass wir mit den Schülern gemeinsam Hand an den Klassenräumen anlegen. Das wiederum wäre eine zusätzliche Aufgabe, die auch kaum zu schaffen ist.

Was ich mir wünschen würde? Mehr Lehrkräfte, gut ausgebildete Lehrkräfte, Lehrkräfte mit Zeit für ein persönliches Gespräch, eine Schule, in der man sich wohl fühlen kann. Ihr merkt vielleicht, das Thema beschäftigt mich sehr.

Ich würde gerne so viel verändern, komme aber immer wieder an meine Grenzen – sowohl, was die Ausstattungsmittel, als auch meine persönliche Energie angeht. Das finde ich sehr schade. Trotzdem gebe ich weiterhin mein Bestes, weil die Kinder es verdient haben.

452f942a0a214435b9f7e535feca7f37


8 comments

  1. und noch ein Nachtrag: Nachmittagsbetreuung habe ich tatsächlich bei meinen Kindern immer als Vorteil gesehen, nie als Nachteil: dort wurden Hausaufgaben gemacht, Mittag gegessen, die Kinder haben dort mit ihren Freunden gespielt und sind in coole AGs gegangen, außerdem war diese Zeit medienfrei. Zwei von drei Kindern wollten oft lieber noch länger bleiben, wenn ich sie abholte. Gleichzeitig ermöglichte mir diese Zeit meine Berufstätigkeit. Win-Win.

    1. Die Qualität der Nachmittagsbetreuung ist entscheidend. Bei Freunden in der benachbarten Stadt ist sie toll, in unserm Ort bescheiden. Trotz, dass die Grundschule technisch sogar echt toll ausgestattet ist und Sitzecken hat etc, ist das Nachmittagsprogramm nur als Verwahrung zu bezeichnen! Die Kinder kommen z.B. ohne Hausaufgaben nach Hause. AG’s gibt’s kaum, weil Personalmangel, Angebotsmangel, Geldmangel. Eltern sollen da unterstützen (aber sollten die nicht arbeiten?!)
      Ergebnis ist, innerhalb des ersten Jahres gehen 25-50% aus der Betreuung wieder raus, weil sie schadet! Es ist also wie immer. Glückssache!
      Gesetzlicher Anspruch, Blabla. Die Umsetzung ist halt bescheiden…

    2. Das Ding ist halt einfach, die tollste AG in der Nachmittagsbetreuung ist eben letztlich wieder ein von Erwachsenen angeleitetes und beaufsichtigtes Projekt.
      Meiner Meinung nach brauchen Kinder aber genau das Gegenteil als Ausgleich zum fordernden Schulalltag: echte Freizeit. Ja, in etwa so, wie „wir“ in den 80ern das hatten, wenn wir uns Nachmittags draußen in der Nachbarschaft getroffen haben. Oder stundenlang in unseren Zimmern gespielt, gebastelt, gemalt… was auch immer taten. Hauptsache ganz im Flow und wenn wir keine Lust mehr hatten, dann standen wir einfach auf und gingen wo anders hin. Wahlweise von draußen nach Hause oder von drinnen nach draußen zu Freund/in A oder B oder C, D, E… Oder taten sonst etwas. Aus Langeweile entstand Kreativität.
      Heute sind Kinder nahezu rund um die Uhr unter erwachsener Anleitung und Kontrolle. Ich bin der Meinung, dass das nicht förderlich ist.
      Und natürlich der ausufernde Medienkonsum. Den sehe ich auch sehr kritisch.
      Und zum Teil riesige Klassen von knapp 30 Kindern, da kann der beste Lehrer nicht ordentlich unterrichten.

      1. Muss nicht unbedingt von Erwachsenen angeleitet sein. Bei meinem Sohn war es zum Beispiel so, dass es verschiedene Angebote gab: Bastelraum, Bauraum, Sportplatz, und da konnten sie frei entscheiden, was sie machen möchten. Sie konnten aber auch frei über den großen Schulhof stromern und Spinnen sammeln (das war die Lieblingsbeschäftigung von meinem Sohn). Das war halt im Grundschulalter von 6-10, da würde man die Kinder nachmittags nicht alleine raus lassen, schon gar nicht in der großen Stadt. Und wenn wir ihn um 16 Uhr abgeholt haben war ja immer noch viel Zeit für Hobbies/freies Spiel.

    3. Ich finde es bemerkenswert, wie motiviert und engagiert du bist. Ich bin auch Lehrerin an einer weiterführenden Schule und habe nach zehn Dienstjahren weder Lust noch Kraft mich für ein System aufzuopfern, das weder den Kindern noch uns, Lehrkräften, guttut. Wenn man alles kaputt spart, kommt es zu diesem (PISA-)Ergebnis.
      Back to the Basics wird wohl nicht klappen, dafür haben wir ein ganz anderes Schülerklientel als noch vor 20 Jahren.

  2. @Tess: Du hast sicherlich mit vielem Recht, aber bei einer Sache muss ich als ehemaliges Ostkind widersprechen: dass die Berufstätigkeit der Eltern sich negativ auf den Schulerfolg der Kinder auswirkt. Das stimmt einfach nicht, dieser Glaube ist dem nostalgischen Blick vieler Westdeutscher auf die eigene Vergangenheit geschuldet. Wenn das stimmen würde, müssten die Ostdeutschen früher schlechtere Schulleistungen gehabt haben, eher war das Gegenteil der Fall. Meine Eltern waren berufstätig, meine Geschwister und ich haben ein sehr gutes Abi. Mein Mann und ich sind berufstätig, zwei unserer drei Kinder haben bisher ein Einserabi und der dritte ist auf dem Weg dahin. Berufstätige Eltern sind für Kinder Vorbild und Vorteil, kein Nachteil, es ärgert mich einfach, wenn immer wieder so unhaltbare Behauptungen wiederholt werden. Die Frage ist eher, haben die berufstätigen Eltern trotzdem noch genug Zeit und Lust, sich mit ihren Kindern zu befassen: wir haben Abend für Abend insgesamt 15 Jahre lang unseren Kindern vorgelesen, haben sie zu hobbies gebracht, sind verreist, was man halt für seine Kinder tut, egal ob berufstätig oder nicht.
    Die Zeiten haben sich einfach so sehr geändert: die Medien sind zu verlockend, die Ablenkung ist groß, die Konzentrationsspanne wird geringer, Internet und KI machen Lernen vermeintlich unwichtiger und so weiter. Ich finde wirklich, dass es für Eltern schwerer geworden ist. Früher mussten sich Kinder einfach selbst beschäftigen können, heute ist es ein ewiger Kampf der Eltern gegen Handy, Tablet, PC.

    1. Ich bin ganz bei dir. MeinKommentar war zum Thema Nachmittag auch missverständlich. Meine Kinder sind/waren auch in einer tollen Nachmittagsbetreuung und in Ganztagsschulen. allerdings sehe ich es schon so, dass der Alltag der Familie durch die doppelte Berufstätigkeit und die vollen Nachmittage stressiger geworden ist. Und dadurch auch die Zeit für eine individuelle Förderung der Kinder fehlt, die häufig in der Betreuung nachmittags auch nicht geleistet werden kann. Und ja, da kommt sicher ein Stück Westdeutsche Nostalgie bei mir rein. Es war einfach toll, mittags zu Hause zu sein, die Mama für Essen und Hausaufgaben da zu haben, in Ruhe Hausaufgaben und ein paar wenige Hobbys zu machen… Aber vielleicht ist der Blick da verklärt. Das Hauptproblem ist aus meiner Sicht die Mediennutzung, die verkürzte Aufmerksamkeitsspanne durch die schnellen Videoformate.

  3. Ich finde es toll, dass eine so engagierte Lehrerin wie die interviewte sich so viel Gedanken um Schulentwicklung macht und so motiviert ihre Schüler unterrichtet.

    Trotzdem denke ich, dass Sitzsäcke, Gardinen und Unterricht im Fach Glück (als Beispiel) nicht die Wende bringen werden. Mein Eindruck als dreifache Mutter: Back to the Basics! Ich war wenige Stunden am Vormittag in der Grundschule, in den achtziger Jahren. Nach vier Jahren hatte ich eine ordentliche Rechtschreibung, eine sehr schöne Schreibschrift, und das Verhalten in einer sozialen Gemeinschaft (Klasse) war eingeübt. Heute sind die Kids den dreiviertel Tag in der Schule, und trotzdem gibt es riesige Probleme mit Basiskompetenzen (Rechtschreibung, Grundrechenarten, soziales Verhalten). Ich denke, Schule wird überfrachtet. Wir müssen zurück zu lesen, schreiben, rechnen, Klassengemeinschaft. Außerdem brauchen Kinder am Nachmittag Natur, Spiel und andere Kinder. Weder einen durchgetakteten Tag mit Hobbys und Betreuung, noch ausufernde Medienzeiten. Eigentlich ist es alles nicht so schwer. Aber die Rahmenbedingungen haben sich so geändert (Berufstätigkeit bei der Eltern, Verfügbarkeit der Medien), dass es schwer geworden ist für Familien, diese entwicklungsförderlichen Rahmenbedingungen zu setzen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert