Lehrerin packt aus: Warum ich meine Verbeamtung aufgegeben habe

Schulangst

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Ihr Lieben, eigentlich hätte es sich unsere Leserin Christin gemütlich machen können: Sie hatte eine Verbeamtung in der Tasche und einen sicheren Job. Doch sie fühlte sich mehr und mehr unwohl in ihrer Rolle und dem gesamten Schulsystem – und zog die Konsequenzen.

Warum ich meine Verbeamtung aufgegeben habe

Mein Name ist Christin, ich bin 37 Jahre alt, habe zwei Kinder und war Studienrätin am Gymnasium für die Fächer Mathematik und Physik. Schon als Schülerin wurde ich regelmäßig um Hilfe für die „schwierigen Fächer“ gebeten, so dass ich mich nach dem Abitur für einen Lehramtsstudiengang entschieden habe. Je näher aber der Studienbeginn kam, umso lauter wurde meine innere Stimme und ich fragte mich: „Will ich wirklich dahin zurück?“ 

Kurzentschlossen änderte ich meinen Studiengang und machte erst einmal einen Bachelor in Physik. Und obwohl mir das viel Spaß machte, zog es mich danach doch wieder Richtung Schule. Also habe ich die für das Lehramt fehlenden Kurse absolviert, das Referendariat abgeschlossen und wurde verbeamtet. So weit, so gut. Oder auch nicht. 

Weil, eigentlich arbeite ich gerne mit jungen Menschen. Aber trotzdem hat etwas nicht gepasst, hat sich nicht richtig angefühlt. Je länger ich in der Schule war, je mehr Geschichten ich hörte, je mehr Frust und Druck ich wahrnahm, umso mehr festigte sich der Eindruck, dass unser Schulsystem im Ganzen nicht in Ordnung ist. Dieses Gefühl war zuerst sehr diffus. Und vielleicht hat es mir deshalb so sehr zugesetzt. Es hat sich falsch angefühlt auf die Lehrplaninhalte zu pochen, weil es doch viele wichtigere Dinge zu lernen und Erfahrungen zu machen gibt. 

Ich entschied für mich, dass ich kein Teil mehr von diesem System sein möchte. Doch Schule lies mich einfach nicht los. Meine Eindrücke waren nicht verarbeitet und mein Gefühl noch immer diffus. Ich begann meine Gedanken aufzuschreiben und mit der Zeit wurde das Bild klarer. Gleichzeitig wurde mir bewusst, dass ich für mich entscheiden kann, das System zu verlassen, aber die Kinder bleiben müssen. Sie haben keine Wahl und zu viele leiden darunter. Sie passen sich an und lernen regelmäßig ihre eigenen Grenzen zu übergehen, um den (manchmal auch sehr unsinnigen) Anforderungen gerecht zu werden. 

Wir stecken Kinder früh in ein System aus Druck, Vergleich, Bewertung und Leistung. Schule bestimmt häufig den Alltag ganzer Familien. Freiräume fehlen und ein Hamsterrad entsteht. Angetrieben wird dieses Rad oft durch eine extrinsische Motivation. Das bedeutet, eine Motivation von außen: dem Streben nach guten Leistungen, dem Erfüllen von Erwartungen.  Es geht wenig um die Beschäftigung mit Inhalten aus einer intrinsischen Motivation heraus – also einer Motivation von innen. 

Für mich ist das mehr als schade. Es ist fatal. Denn was passiert mit einem Menschen, der seine Motivation und sein Handeln über Jahre nach äußeren Anreizen ausrichtet?

Aber es geht noch weiter: Die Inhalte werden gelernt, bis zur nächsten Prüfung irgendwie behalten und anschließend vergessen. Bei Noten wird um halbe Punkte gefeilscht, obwohl ihre Aussagekraft nachgewiesenermaßen begrenzt ist. Jedes Fach liefert lediglich isolierte Anknüpfungspunkte, Verbindungen werden selten genutzt, entgegen wissenschaftlicher Erkenntnisse findet phänomenorientiertes Lernen kaum statt.

Lernprozesse werden im 45-Minuten-Takt abgebrochen, so dass das Verinnerlichen von neuem Wissen mindestens erschwert wird. Die Folge ist die meist zeitaufwändige Nacharbeit am Nachmittag. Sichtbare Defizite jeglicher Art sollen in der Regel mit einer On-Top-Logik behoben werden. Die Ursachen aber bleiben bestehen und wirken weiter. Die Liste ist lang und könnte noch fortgesetzt werden.

Ich stelle mir vor, wie schön es wäre, wenn sich Kinder und Jugendliche aus eigenem Antrieb mit verschiedensten Themen auseinandersetzten. Wenn Lernen keine lästige Pflicht wäre, sondern Freude bereiten würde. Nach der sogenannten Selbstbestimmungstheorie von L. Deci und R. Ryan entsteht eine intrinsische Motivation dort, wo Menschen Autonomie, Kompetenz und Zugehörigkeit erfahren. 

Werden diese Grundbedürfnisse an Schulen erfüllt? Nur drei Punkte dazu:

  • Regelmäßig wünschen sich Kinder und Jugendliche mehr Mitbestimmung und fühlen sich nicht gesehen oder gehört. Themen werden vorgegeben. Es mangelt an Autonomie. 
  • Werden Inhalte regelmäßig und über Jahre gelernt und anschließend vergessen, entsteht eher wenig Gefühl von Kompetenz.
  • Mobbing im Klassenzimmer, genauso wie im digitalen Raum prägt den Umgang. Laut dem deutschen Schulbarometer ist fast jedes dritte Kind davon betroffen. Die Gemeinschaft leidet darunter. 

Wer noch immer behauptet, es sei alles halb so wild, braucht sich nur die Ergebnisse verschiedenster Untersuchungen und Studien ansehen.  Und das Paradoxe ist doch: EIGENTLICH bietet Schule einzigartige Möglichkeiten. Sie stellt einen Raum dar, in dem soziales Lernen stattfinden kann und in dem wir ein Miteinander etablieren könnten. Ein Miteinander, das unsere Gesellschaft dringend braucht. 

Wir könnten Kinder und Jugendliche auf das Leben nach der Schule vorbereiten und ihnen die Kompetenzen und Fähigkeiten vermitteln, die sie wirklich brauchen. 

Wir könnten Individualität, Kreativität und Persönlichkeitsentwicklung fördern, statt Gleichschritt zu fordern. Lernen und Entwicklung könnten Spaß machen, wenn wir uns trauen würden neue Wege zu gehen. Aber das passiert an Schulen wenig. Stattdessen hält die Politik an einem System fest, das aufgebaut wurde, um funktionierte Menschen hervorzubringen. 

Ich muss raus aus dem System

Nein, ich kann auf keinen Fall zurück in dieses System. Verbeamtung hin oder her. Ich möchte nicht gegen meine Überzeugungen handeln oder arbeiten. Aber genauso wenig kann ich gehen und meine Gedanken für mich behalten. In meinen Augen ist unser Schulsystem nicht richtig. Und ich denke, dass wir genug über Entwicklung und Lernen wissen, um ein besseres System bauen zu können.

Ich wollte meine Verbeamtung hinter mir lassen, aber die Frage, wie ein gutes oder zumindest besseres Bildungssystem aussehen könnte, trieb mich um. So sehr, dass ich unbewusst und ungeplant damit begonnen habe ein neues Konzept zu bauen. Es beinhaltet unter anderem kooperatives Lernen, die Idee von Kompetenz und Feedback statt Noten, Raum für Individualität, Gemeinschaft und Projekte. Ich habe das in meinem Buch „Mama, ich will die Schule abfackeln!“ aufgeschrieben. Der Titel ist ein reales Zitat eines Zweitklässlers. Das Buch ist mein Beitrag zur Schulentwicklung und richtet sich an alle, die das Thema bewegt. 

Für mich ist es aber noch mehr. Es ist meine Art mit Schule, wie wir sie aktuell gestalten, abzuschließen. Ich habe damit meine Gedanken geklärt und konnte dieses diffuse Gefühl loslassen. Ich habe mir selbst gezeigt, dass ein anderes System möglich ist und dass wir als Gesellschaft Möglichkeiten haben, Veränderungen anzustoßen. Es kann eine fundierte Richtung vorgeben und möchte dabei eine Brücke zwischen Reformpädagogik und Leistungsorientierung bauen. Vielleicht kann es Diskussionen anregen. Denn je mehr Menschen sich Gedanken über unsere Schulen machen, sich ernsthaft darüber austauschen und nach alternativen Wegen suchen, umso besser. Ich bin überzeugt, wenn wir viele sind, dann können wir Schule verändern.

Ich kann mich damit guten Gewissens von unserem veralteten Schulsystem und meiner Verbeamtung verabschieden und bin gespannt auf das, was als nächstes kommt.


Mehr Infos zu Christin findet ihr auf Ihrer Homepage.

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