Ihr Lieben, Kinder und Jugendliche verbringen hierzulande unter der Woche täglich ca. 2,4 Stunden und am Wochenende ca. 3,3 Stunden in den sozialen Medien – macht allein schon 18,8 Zeitstunden pro Woche. Hinzukommen die digitalen Spiele: Gezockt wird unter der Woche knapp 1,5 Stunden am Tag und am Wochenende noch zweimal über zwei Stunden – pro Woche also ziemlich exakt 12 Zeitstunden. Und Netflix, Amazon Prime & Co. gibt’s ja auch noch: Streaming-Dienste nutzen die Kids unter der Woche im Schnitt über 1,8 Stunden pro Tag und über 2,5 Stunden am Wochenende – macht noch einmal 14 Stunden.
Diese Zahlen stammen aus dem Buch „Allein mit dem Handy – So schützen wir unsere Kinder“ von Daniel Wolff. Daniel Wolff ist Digitaltrainer, der seit 2017 an Hunderten von Schulen im intensiven Austausch mit SchülerInnen, Lehrkräften und Eltern steht. Auch als Gymnasiallehrer und Universitätsdozent an der LMU München (Kompetenznetzwerk Medienbildung und Digitalisierung/KMBD) sammelte er einschlägige Erfahrungen. Wir haben mit ihm über Smartphones und Regeln für die digitale Welt gesprochen.
Lieber Herr Wolff, Sie sind als Digitaltrainer schon seit fast 10 Jahren an Schulen unterwegs. Was hat sich in dieser Zeit am meisten verändert?
Die Schere für die Smartphone-Übergabe geht immer weiter auseinander: Es gibt einerseits immer mehr Kinder, die schon sehr früh (also im Kindergarten) ein eigenes Smartphone bekommen – während etwa seit letztem Jahr auch die Zahl der Kinder deutlich zunimmt, die sagen, sie bekommen ein Smartphone erst in der 7. oder 8. Klasse. Einige Eltern sind also sorglos wie noch nie – während andere sich der Problematik mehr und mehr bewusst werden. Letzteres macht mir große Hoffnung!
Wie gut aufgeklärt erleben Sie die Schüler, was die Gefahren im Internet angeht?
In der Grundschule oft gar nicht – in den 5./6. Klassen auch nur mäßig. In den 7./8. Klassen ändert sich das schlagartig: Bis dahin haben die Kids schon derart viel erlebt, dass sie nahezu alle mehr über das Internet wissen als ihre Eltern. Viele 9. und die meisten 10. Klassen erlebe ich dann als äußerst selbstreflektiert, gerade was die eigenen Medien-Konsum angeht.
Wo sehen Sie die größten Gefahren für Kinder im Netz?
Ich reihe mal nur die wichtigsten auf: Sucht durch Short-Form-Videos (à la YouTube Shorts, TikTok oder Instagram-Reels), Handyspiel-Sucht, Cybermobbing, Cybergrooming (Nachstellung durch Pädokriminelle, Sexting, also Verschicken von „sexy“ Fotos oder Nacktbildern mit anschließender Gefahr durch Erpressung), Schlafmangel (durch heimliche Nutzung Nachts), Überreizung, Abstumpfung durch unfassbar grausame Inhalte, Unsicherheit durch Hardcore-Pornographie, sinkende Aufmerksamkeitsspannen / Lernfähigkeiten und parasoziale Beziehung zu KI-Chatbots.
Wer mehr sehen will, dem empfehle ich, mal einen Blick in den „Gefährdungsatlas“ der Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz zu werfen: Da gibt es noch etwa 40 weitere Risiken zu lesen…
Was können Eltern tun, um ihre Kinder fit fürs Netz zu machen?
Eltern sollten vor allem erst einmal sich selbst fit in der Thematik machen – damit sie wissen, was für ein lebensverändernder Moment die Smartphone-Übergabe im Leben ihrer Kinder ist. Dann würde ich VOR der Übergabe noch alle wichtigen Regeln in der Familie im Rahmen eines „Mediennutzungsvertrages“ abstimmen, zum Beispiel auf www.mediennutzungsvertrag.de. Die wichtigste Regel sollte von Anfang an lauten: Kein Bildschirm im Bett. Niemals!
Gibt es einen Fall aus Ihrer Erfahrung, der Sie besonders betroffen oder berührt hat?
Ja, ehrlich gesagt passiert es mir in meinem Job immer wieder, dass sich ein Kind in seiner Not an mich wendet, weil ich den Kids verspreche, dass sie immer mit allem zu mir kommen können ohne Bestrafung. Erst vor vier Wochen hatte ich ein 14-jähriges Mädchen, die nach dem Workshop sichtbar gequält zu mir kam und mir erzählte, dass sie genau an diesem Tag damit rechne, dass jederzeit Nackt-Videos von ihr in den Klassen-Chats der Schule auftauchen könnten. Sie erwähnte, dass sie nicht mehr weiß, ob sie dann überhaupt noch weiterleben wolle.
Natürlich bin ich so lange in der Schule geblieben, bis die Eltern eingetroffen sind, ein gemeinsames Gespräch mit der Schulleitung stattgefunden hat und ein Termin bei der Polizei vereinbart war. Es stellte sich heraus: Der Erpresser war ein Mann aus Indien! Kaum zu fassen, was im Internet alles passieren kann – zum Glück ist am Ende alles gut ausgegangen!
Wo sehen Sie die Chancen der digitalen Nutzung für unsere Kinder?
Die Nutzung digitaler Medien – vor allem auch von Künstlicher Intelligenz – ist aus unserem Leben kaum noch wegzudenken. Schnelle Informationen, bessere Kommunikation, tolle Bildungsangebote und das Weltwissen in der Hosentasche – Smartphones sind das „Schweizer Messer“ der digitalen Welt. Es kommt darauf an, was man daraus macht! In schulischer oder elterlicher Begleitung sollen Kinder das in meinen Augen alles ausprobieren dürfen – alleine aber lieber nicht.
Welche Folgen hat aber der zu hoher Medienkonsum?
Bei den ganz jungen Kindern, etwa in den 3. und 4. Klassen, ist sich die Wissenschaft noch nicht einmal sicher! Aber Lehrkräfte landauf und landab – ich war selbst bislang an etwa 500 Schulen – berichten von chronischer Müdigkeit, Apathie, generellem Desinteresse, Aggressivität, immer kürzeren Aufmerksamkeitsspannen und sozialen Defiziten im Umgang miteinander.
Und dann ist da noch etwas, das ich „Verlust an Urvertrauen“ nenne: Viele sehr junge Kinder haben heute schon – ohne Absicht! – derart schreckliche Dinge gesehen, dass ihnen die Hoffnung auf eine schöne Zukunft früh abhandenkommt. Die meisten Eltern wissen davon noch nicht einmal was – denn fast alle Kinder erzählen diese Erlebnisse aus Angst vor einem Handy-Verbot lieber nicht…
Wenn Sie Eltern einen Tipp geben könnten, welcher wäre das?
Kauft bitte für ALLE Familienmitglieder einen eigenen Wecker – und eine Familienladestation! Die baut Ihr dann an einem geeigneten Punkt in Wohnzimmer, Flur oder Küche auf – jetzt können alle Smartphones, Tablets und Nintendo-Switch-Mobilkonsolen hier aufgeladen werden. Dann sammelt Ihr alle Stecker-Netzteile ein – und verkündet die „Zähneputzen-Zähneputzen-Regel“: Niemand in der Familie nutzt Abends nach dem Abendessen noch digitale Geräte (also auch die Eltern nicht!), und vor dem Zähneputzen am nächsten Morgen bitte auch nicht.
So schlafen die Kids ausreichend und gut – und können auch in der Schule ihr Potential entfalten. Das funktioniert erfahrungsgemäß deshalb, weil die Kids Nachts immer mal wieder auf Toilette gehen und dabei nachsehen können, ob auch die Eltern sich an die neue Regel halten. Wir können unseren Kindern eine vernünftige Mediennutzung nur beibringen, wenn wir sie selbst vorleben…
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