Erziehung: Warum viele Eltern sich nicht mehr trauen, Grenzen zu setzen

Grenzen

Ihr Lieben, wie würdet ihr eure Erziehung beschreiben? Setzt ihr Grenzen, seid ihr konsequent, ärgert ihr euch abends manchmal über falsche Entscheidungen, die ihr getroffen habt? Wisst ihr manchmal gar nicht mehr genau, was euer Bauchgefühl euch sagen will, habt ihr manchmal das Gefühl, ihr versinkt im Chaos?

Klar ist: Erziehung ist doch schwerer, als man sich das vor der Elternschaft so vorstellt, oder? Gabriele Reichart ist Diplom-Sozialpädagogin, Erzieherin und zweifache Mutter sagt: „Viele Eltern haben heute so große Angst, ihrem Kind Grenzen zu setzen – und genau das führt Familien ins Chaos.“ Hier gibt sie Tipps für mehr Struktur und Grenzen:

Erziehung: Warum Kinder unbedingt Grenzen brauchen

Es ist Sonntagmittag. Die Familie sitzt beim Essen, das Kind will wieder mal nicht. Zu viel auf dem Teller, falsches Besteck, die Nudeln berühren die Soße. Nachgeben? Beharren? Ablenken? Irgendwo stand, dass man Kinder nicht zum Essen zwingen soll. Irgendwo anders, dass klare Strukturen wichtig sind. Und der Partner sieht das sowieso komplett anders. Das Essen endet mit einem Kompromiss, den keiner wollte, und einem Schweigen, das noch länger anhält.

Bindungsorientiert. Bedürfnisorientiert. Montessori, Waldorf, Reggio. Täglich neue Studien, Podcasts, Instagram-Accounts, die alle irgendwie recht haben und alle irgendwie was anderes sagen.

Ich erlebe das in meiner Arbeit als Elterncoach seit Jahren: Eltern, die nicht zu wenig wissen, sondern viel zu viel. Die so viele Ratschläge gehört und gelesen haben, dass sie irgendwann gar nicht mehr wissen, was sie selbst denken, was sich richtig anfühlt und was zu ihrer Familie passt.

Und in diesem Durcheinander passiert Folgendes: Je unsicherer man wird, desto schwerer fällt es, Grenzen zu setzen. Weil man sich nie sicher ist, ob das gerade das Richtige ist. Ob man damit das Kind verletzt oder sein Selbstvertrauen bremst. Das Ergebnis kennen viele: Man überlässt die Entscheidung dem Kind und ärgert sich im selben Moment darüber.

Woher kommt diese Angst überhaupt?

Viele Eltern haben selbst eine Kindheit erlebt, in der Grenzen mit Härte gleichgesetzt wurden. Strafen, Drohungen, Verbote, Liebesentzug. Sie haben sich geschworen: „Meinem Kind wird das nicht passieren. Ich mache es ganz anders“. Doch das Pendel schlägt dann oft zu weit ins Gegenteil: Aus „Ich will nicht zu hart sein“ wird „Ich wage es nicht, Nein zu sagen“.

Dazu kommt der gesellschaftliche Druck. Social Media zeigt scheinbar perfekte Familien, in denen Kinder kooperieren und Eltern immerzu geduldig lächeln. Ratgeber warnen vor Traumata, Kontrollverlust oder falscher Strenge. Das Umfeld flüstert: „Bloß nicht zu streng sein.“ Am Ende sitzen viele Eltern zwischen allen Stühlen.

Und dann ist da noch die emotionale Seite: Wenn das Kind weint oder vor Wut tobt, spüren Eltern das körperlich. Der Impuls, diesen Schmerz sofort zu beenden, ist tief in uns angelegt: Biologisch und evolutionsgeschichtlich sinnvoll, denn das sichert einem Neugeborenen das Überleben. Wenn das Kind weint, fühlen sie sich schuldig: „Hätten wir das anders machen sollen? Was braucht mein Kind denn nun? Wie können wir unser Kind schnell wieder zufriedenstellen?“. Dabei zeigt das Kind schlicht, was es ist: ein Kind, das ausprobiert und sich entwickelt. Das ist sein Job.

Wenn Grenzen fehlen – was dann passiert

Kinder, die keine verlässlichen Grenzen erleben, suchen diese dauerhaft weiter. Sie brauchen einen klaren Rahmen so wie ein Fluss seine Ufer braucht. Ohne Ufer würde er versickern.

Je weniger Struktur vorhanden ist, desto unruhiger werden die Kinder. Das morgendliche Anziehen, das Zähneputzen, das Zu-Bett-Gehen werden zu täglichen Dramen. Das Kind gerät in eine permanente Herausforderung Entscheidungen treffen zu müssen und hat keine Möglichkeit diese zu regulieren.

Die Folge: Daueranspannung und Überreizung. Und die Eltern? Die funktionieren irgendwann nur noch. Sie drohen, weil sie sich nicht gehört fühlen. Sie geben nach, weil sie erschöpft sind. Genau die Dynamik, die sie vermeiden wollten, holt sie durch die Hintertür wieder ein.

Ein Kind, das das Heft in der Hand hat, ist kein glückliches Kind, sondern ein überfordertes. Kinder müssen geführt werden, von Erwachsenen, denen sie vertrauen können, damit sie zu innerer Ruhe kommen können. Von Eltern, die standhaft und gleichzeitig liebevoll sind.

Grenzen setzen ist ein Akt der Liebe

Eine klare Grenze ist nicht herzlos. Sie ist Ausdruck von Verantwortung, Fürsorge und echter Liebe. Nur in einem sicheren Rahmen kann eine gesunde Selbstbestimmung wachsen. Stell dir vor, dein Kind spielt in der Nähe der Straße und du sagst: „Geh nicht auf die Fahrbahn.“ Kein Kind käme auf die Idee zu denken, du liebst es deshalb weniger. Es fühlt sich sicher, beschützt. 

Genauso funktioniert es im emotionalen Bereich: Wenn dein Kind wütend ist, auf dem Boden schreit und du ruhig bleibst und sagst „Ich sehe, dass du sehr wütend bist. Ich bin hier“, dann gibst du seinem Gefühl Raum, ohne es zu übernehmen. Dein Kind lernt, dass starke Gefühle ausgehalten werden können.

Dafür braucht es einen Perspektivwechsel: weg von der Vorstellung, dass Grenzen Strenge bedeuten, hin zu dem Verständnis: Ich setze eine Grenze, weil ich für dich Verantwortung trage. Weil ich dich liebe.

Was Mut zur Grenze im Alltag bedeutet

Mut braucht es. Denn es ist nicht leicht, Weinen, Wüten, Protest und Trotz auszuhalten. Auch nicht den Satz „Du bist die blödeste Mama der Welt!“ der tief trifft und trotzdem nicht bedeuten muss, dass die Grenze falsch war.

So klingt das konkret: Dein Kind will abends noch 30 Minuten länger aufbleiben. Statt zu diskutieren sagst du ruhig: „Ich verstehe, dass du noch nicht müde bist. Trotzdem ist jetzt Schlafenszeit. Ich liebe dich und genau deshalb sorge ich dafür, dass du genug Schlaf bekommst.“ Und du bleibst dabei.

Das klingt nach wenig, ist aber sehr viel: Du hast das Gefühl deines Kindes anerkannt, die Grenze klar benannt und die Beziehung gehalten. Du brauchst keine Macht, keine Drohung, kein „wenn … dann“. Du bist klar geblieben. Das braucht Übung, und es gelingt nicht immer beim ersten Mal. Bereitschaft zählt mehr als Perfektion.

Raus aus dem Chaos – drei erste Schritte

Du musst nicht von heute auf morgen alles verändern. Diese drei Schritte kannst du sofort angehen:

1. Innehalten, bevor du handelst. Mach einen kurzen Zwischenstopp. Atme tief durch und frag dich: Was braucht mein Kind gerade? Was hilft ihm langfristig? Was will ich eigentlich? Und: Bist du gerade in der Lage, diese Grenze durchzuhalten? Wenn nicht, lass es für heute. Ein Nein, das sich in ein Vielleicht und dann in ein Na gut verwandelt, verunsichert dein Kind viel mehr als ein klares Ja. 

2. Gefühl anerkennen, Grenze halten. Du musst dich nicht zwischen Empathie und Klarheit entscheiden. Beides geht zusammen: „Ich sehe, dass du das gerne möchtest. Und trotzdem ist die Antwort Nein.“ Punkt. Kein langes Erklären, kein Verhandeln. Damit entlastest du dein Kind, weil es gar nicht erst weiter diskutieren braucht.

3. Dich selbst nicht vergessen. Erschöpfte Eltern geben schneller nach. Das ist keine Schwäche, das ist Biologie. Wer auf ausreichend Schlaf, Unterstützung und kleine Ruheinseln achtet, hat mehr innere Kraft. Selbstfürsorge ist deshalb die Basis für Gelassenheit.

Fazit: Grenzen als Geschenk

Kinder, die in klaren, liebevollen Strukturen aufwachsen, sind zufriedene Kinder. Sicher, selbstbestimmt und belastbar. Sie wissen: auf meine Eltern kann ich mich verlassen, sie sind immer für mich da, egal, was passiert. 

Grenzen setzen aus Liebe bedeutet: Ich bin bereit, deinen kurzfristigen Protest auszuhalten, weil ich dein langfristiges Wohlergehen im Blick habe. Das ist vielleicht die mutigste Form von Elternschaft.

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Über die Autorin: Gabriele Reichart ist Diplom-Sozialpädagogin, Erzieherin und zweifache Mutter. Als Gründerin der Eltern Akademie begleitet sie seit vielen Jahren Familien auf dem Weg zu mehr Leichtigkeit, Vertrauen und Verbindung im Alltag. Ihr Buch „Mut zur Erziehung“ ist als praktischer Begleiter für Eltern erschienen, die liebevoll und klar zugleich erziehen wollen. 

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2 comments

  1. Toller Artikel, würde ich genau so unterschreiben. Kinder haben ein Recht auf liebevolle Grenzen und souveräne Führungspersonen um in Sicherheit wachsen zu können.

  2. Schöner Text.

    Meine Kinder bekommen u.a. klare Grenzen bei der Nutzung technischer Geräte.
    Jedoch kommt mir dabei der Gedanke „ich würde es tun, weil ich sie liebe“ nicht über die Lippen. Auch wenn er genau so stimmt und schon oft in meinem Kopf war.
    Aber andere, die die Grenzen nicht setzen, lieben ihre Kinder genauso.

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