Wie geht man mit Wut um? Eine Expertin gibt Alltags-Ratschläge

Wut

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Ihr Lieben, sicherlich habt ihr in eurer Elternschaft Erfahrung mit dem Thema Wut gemacht. Entweder weil euer Kind wütend war oder ihr selbst, weil irgendwas nicht so lief, wie ihr euch das vorgestellt habt. Wir hören immer wieder von Eltern, die von den Wutausbrüchen ihrer Kinder an ihre Grenzen geraten – und darunter auch der ganze Familienalltag leider.

Melanie Wunderling ist Fachergotherapeutin für Kinder, sie leitet zwei Ergotherapiepraxen in Magdeburg und betreibt mit
@ergoling außerdem den größten deutschsprachigen Ergotherapie-Account auf Instagram. Nun hat sie ein Buch geschrieben. In „Starke Gefühle in der Familie sicher begleiten Selbstregulation für Kinder und Eltern“ erklärt sie, wie das Nervensystem unser emotionales Erleben beeinflusst und warum starke Gefühle oft eine biologische Grundlage haben. Ein eigenes Kapitel widmet sich zudem der Neurodivergenz und den besonderen Bedürfnissen von Kindern mit ADHS, Autismus und hoher Sensibilität. Wir haben Melanie ein paar wichtige Fragen gestellt:

Mein Dreijähriger wird manchmal scheinbar aus dem Nichts wütend – und manchmal werde ich selbst total wütend. Woran liegt das?

Das kenne ich – als Ergotherapeutin und als Mutter. Kinder im Vorschulalter haben ein Nervensystem, das noch richtig viel lernen muss. Der Teil im Gehirn, der Impulse bremsen kann, ist noch gar nicht fertig entwickelt. „Aus dem Nichts“ gibt es dabei eigentlich nie – meistens steckt dahinter Hunger, Müdigkeit oder das Gefühl, nicht gehört zu werden.

Ich habe in meiner Praxis hunderte Familien begleitet und sehe das immer wieder: Die Wut des Kindes ist fast immer ein Signal, kein Angriff. Dass du selbst manchmal in die Wut rutschst, ist übrigens völlig menschlich – und hat oft damit zu tun, wie voll dein eigenes Fass gerade ist. Das kenne ich aus meinem eigenen Alltag als Mutter nur zu gut.

Hast du einen Tipp, wie Eltern ihre eigene aufkommende Wut einfangen können?

Erstmal: Lernt euren Körper kennen, bevor die Wut ausbricht. Bei mir ist es der Kiefer, der eng wird. Bei anderen ist es die Schulter oder die Atmung. Wenn man das erkennt, hat man noch einen kurzen Moment, um umzusteuern. Drei bewusste Atemzüge klingen nach wenig, aber sie unterbrechen tatsächlich den Stresskreislauf im Körper. Was langfristig aber viel mehr bringt: zu verstehen, was da eigentlich getriggert wird. Weil es oft gar nicht um das geht, was das Kind gerade macht. Das ist eine Erkenntnis, die mich persönlich auch immer wieder einholt.

Wo sind aus deiner Erfahrung die größten Stressfallen im Familienalltag?

Übergänge. Morgens, nach dem Kindergarten, abends. Immer dann, wenn Kinder am meisten brauchen und Eltern gleichzeitig am wenigsten haben. Das sehe ich in der Praxis bei fast jeder Familie. Dazu kommt der ganze unsichtbare Kram, der im Kopf läuft und den niemand sieht. Und dann noch dieser Vergleich mit irgendwelchen Idealbildern aus dem Internet, bei dem man eigentlich nur verlieren kann. Den kenne ich bei mir selbst auch und muss aktiv aufpassen, nicht reinzurutschen.

Hast du da einen einfachen Tipp, wie man diese Fallen umgehen kann?

Ich hab sogar eine Methode entwickelt, mit der man verstehen lernt, was da genau los ist. Die ANKER-Methode. Ein kurzer Check, den ich selbst täglich anwende, bevor eine Situation eskaliert. Im Kern geht es darum, kurz innezuhalten und zu fragen: Was braucht mein Kind gerade wirklich? Und genauso wichtig: Wie geht es mir selbst gerade? Weil wenn ich selbst schon am Limit bin und dann noch der Nachmittag anfängt, ist meine Reaktionsschwelle eine völlig andere. Die Methode gibt Eltern einen Kompass für genau diese stürmischen Momente, ohne dass man dafür Therapeutin sein muss.

Ein Kapitel in deinem Buch heißt „Wut als Grenzsignal“ – was meinst du damit?

Wut ist kein Fehler – sie ist Information. Sie sagt: Hier ist etwas zu viel, hier wurde eine Grenze überschritten. Das gilt für Kinder genauso wie für Erwachsene. Als Ergotherapeut

in habe ich gelernt, Verhalten immer als Kommunikation zu lesen – und Wut ist dabei eines der lautesten Signale. Im Buch zeige ich, wie Familien gemeinsam lernen können, diese Signale zu entschlüsseln. Nicht mit der nächsten Technik, die nach drei Tagen einschläft, sondern mit echtem Verständnis dafür, was hinter der Wut steckt. Das ist der Ansatz, der in meiner Praxis wirklich trägt.

Warum triggert Geschwisterstreit so viele Eltern so massiv?

Weil er uns sofort in unsere eigene Kindheit zieht. Auch wenn man selbst keine Geschwister hat, kennt man dieses Gefühl: Streit, Ungerechtigkeit, das Gefühl nicht gehört zu werden. Das sitzt tief. Und im Streit der eigenen Kinder kommen diese alten Gefühle blitzschnell hoch, oft ohne dass wir es merken. Dazu kommt eine stille Selbstbewertung, die viele Eltern kennen: Mache ich das falsch, wenn meine Kinder sich so streiten? Diese Frage im Hintergrund macht die eigene Reaktion viel heftiger als die Situation eigentlich erfordert. Und er passiert immer dann, wenn man selbst schon kaum noch Luft hat. Das ist kein Zufall, das ist einfach Alltag mit Kindern.

Warum ist es wichtig, dass Kinder lernen, dass alle Gefühle erlaubt sind?

Weil Gefühle nicht verschwinden, wenn wir sie wegdrücken. Sie gehen nur woanders hin. Das erlebe ich in meiner ergotherapeutischen Arbeit regelmäßig: Kinder, die gelernt haben, bestimmte Gefühle zu verstecken, zeigen das irgendwann über den Körper, über ihr Verhalten oder über eine tiefe Unsicherheit darüber, was in ihnen vorgeht. Wenn wir ihnen zeigen, dass Wut okay ist, dass Trauer okay ist, dass Angst okay ist, geben wir ihnen etwas, das sie ihr ganzes Leben trägt. Die Fähigkeit, sich selbst zu kennen. Das ist für mich der rote Faden durch das ganze Buch.

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