Ihr Lieben, als ich neulich bei Instagram ganz melancholisch wurde, weil demnächst auch mein jüngstes Kind erwachsen bzw. volljährig ist und dass mir da direkt die Tränen kommen könnten, schrieb uns Helena. Ihre Tochter ist auch schon ausgezogen, ihr Sohn wohnt noch daheim, aber sie sagt, die hat das mit diesen Melancholie-Tränen nicht. Sie freut sich einfach sehr über die größer werdenden Kinder und über mehr Freiraum für dich selbst. Und hier schreibt sie uns, wie sich das für sie anfühlt.
Du Liebe, neulich hatte ich wieder einen emotionalen Anfall, weil demnächst alle meine Kinder 18 sind. Du schriebst, dass das nicht allen so Müttern so geht…
Ja, nicht allen Müttern kommen da die Tränen. Und Mütter die nicht weinen, weil ihr Kind kein Baby mehr ist oder 18 wird, bekommen durch solche Verallgemeinerungen immer wieder gespiegelt, sie seien nicht normal.
Verallgemeinerungen sind ja generell schwierig für die Elternschaft, wie geht es dir also mit dem Gedanken daran, dass dein Kind erwachsen wird?
Das mit dem Erwachsen werden, schrieb ich neulich meiner 19jährigen Tochter, ist eine komische Sache. Denn sie passiert nicht wirklich plötzlich, sondern ist ein leise schleichender Prozess. Man bekommt ihn mit, wie man mitbekommt, dass das Gras im Garten wächst. Jeder Tag ist gleich und irgendwann steht man da und dann ist es nicht zu leugnen. Das Kind ist erwachsen.
Du sagst, du bist wenig wehmütig, überwiegt bei dir der Stolz? Oder ist es auch ein Tschakka, endlich das Ding mit der aktiven Mutterschaft geschafft?
Es ist okay, wehmütig zu sein, wenn ein Lebensabschnitt endet. Aber das ist nun echt nicht bei allen so. Was genauso ok ist. Bei mir kam das auch einfach nicht mit dem 18. Geburtstag. Denn da ging meine Tochter noch zur Schule und hat bei uns zuhause gelebt. Es war erst vor kurzem, fast ein Jahr nach ihrem Auszug, wo ich zum ersten Mal wirklich realisiert habe, dass ihre Kindheit nun vorbei ist.
Das war so ein Gedanke, der in einem Alltagsmoment aufgeblitzt ist. Und mir wurde klar, dass dieses Kapitel nun abgeschlossen ist. Das war ein seltsames Gefühl. Ich glaube, staunen ist da meine stärkste Emotion zu. Da ist eine junge Frau, meine Tochter, und ich habe sie durch ihre gesamte Kindheit begleitet. Was für eine Reise für uns beide.
Sonst gibt es dazu noch ganz viele andere Gefühle. Also natürlich bin ich stolz auf sie. Zugleich würde ich lügen, wenn ich sagen würde, dass eine Person weniger im Haushalt keine Erleichterung ist. Aber vor allem ist sie nun in einem Alter, in dem es zunehmend schwierig war zusammen als Mutter und Kind bzw. Familie zu leben. Da ist man als erwachsenes Kind oft in so einer komischen Doppelrolle, was sich beißen kann.
Welche Jahre mit Kindern fandest du besonders herausfordernd und warum?
Welche Jahre ich besonders herausfordernd fand, kann ich im Rückblick gar nicht genau sagen. Ein Kind groß zu ziehen ist immer herausfordernd. Ich glaube, für mich sind die ersten vier Jahre am anstrengendsten, wenngleich sie auch unglaublich schön sind. Aber so lange die Kinder noch so klein sind, ist da wenig Freiraum für einen selbst. Später sind die Herausforderungen andere. Für mich persönlich ist es jedoch einfacher geworden, seit alle Kinder so groß sind, dass ich wieder Hobbies haben kann und mir Auszeiten nehmen.
Du hast befürwortet, dass deine Tochter nach dem Abi früh auszieht, dein Umfeld hat teils heftig reagiert… erzähl mal.
Dass meine Tochter nach der Schule auszieht, also das der nächste logische Schritt ist, hatten wir schon früh als Thema. Es fing damit an, dass ich meinem Kind aus meinem Leben erzählt habe. Und ich bin nach dem Abitur ausgezogen, was die Beziehung zu meiner Mutter damals enorm verbessert hat.
Ich hab ihr erzählt, wie angenehm es ist, wenn man als Erwachsene nicht mehr zuhause lebt. Zuhause bekommt man ja viel mehr voneinander mit. Wann man kommt und geht. Mit wem man telefoniert usw. Das sorgt automatisch auch für etwas mehr Kontrolle, die man von Eltern ja eher nicht so mag.
Die Freundinnen meiner Tochter fanden es ungewöhnlich, weil deren Mütter eher später wollten, als früher, dass die Kinder ausziehen. Eine Mutter hat meiner Tochter auch mal gesagt, dass man damit jeder Mutter das Herz brechen würde. Das hatte sie mir ganz verwundert erzählt. Auch mir wurde von anderen immer wieder gesagt, ich würde schon noch anders denken, wenn es so weit wäre. Das ist aber tatsächlich nie eingetreten.
Als sie auszog habe ich mitgeholfen. Ich habe mich sehr gefreut, dass sie so eine tolle WG gefunden hat zu einem guten Preis. Habe mich mit ihr über die Deko gefreut, die sie sich für ihr Zimmer gekauft hat und die Einrichtung gefeiert. Es hat mich gerührt, was für ein schönes zuhause sie sich eingerichtet hat. Das hat sich gut angefühlt, zu sehen, wie bedacht sie das alles macht.
Wie ist das Verhältnis zu deinen Kindern heute?
Ich würde sagen, dass das Verhältnis zu meinen Kindern eng ist. Zu meiner Tochter nochmals besonders eng, weil sie einfach 5 Jahre älter ist als mein Zweitgeborener und ich mit ihr dadurch mehr Themen teile. Wir reden auch über bspw. Beziehungen mit Männern und Erfahrungen, die wir gemacht haben.
Diese Ebene fällt bei meinem 14jährigen Sohn verständlicherweise weg. Darüber teilen wir die Liebe zum Essen, wir sind beide echte Foodies und kochen super gerne zusammen oder backen.
Letztes Jahr kam sie vor Weihnachten und wir haben exzessiv Plätzchensorten gebacken und uns da gemeinsam bisschen reingesteigert. Und wir lieben das Reisen. Im Januar waren wir zu zweit in Bosnien. Das war sehr toll. Und über Gesellschaft und Politik tauschen wir uns viel aus. Passenderweise studiert sie Politikwissenschaften.
Auf was freust du dich, wenn wieder mehr Ruhe daheim einkehrt?
Ich habe nachdem meine Erstgeborene ausgezogen ist, mich einem Frauenlesekreis angeschlossen. Damit ich nicht, wenn ich irgendwann in Rente bin und alle Kinder aus dem Haus wie meine verstorbenen Eltern nur noch auf dem Sofa vor dem Fernseher sitze. Da mein Jüngster diesen Sommer erst auf die weiterführende Schule kommt, hab ich noch mindestens 9 Jahre lang ein Schulkind zuhause. Oder wenn er nach der 10. abgehen will nur 6, aber dann käme ja auch noch eine Lehre oder ähnliches.
Bis dahin stelle ich mir vor, dass ich meine Hobbies ausweiten will. Mein Mann und ich reisen gerne. Das außerhalb von Ferienzeiten zu tun, wäre toll. Ansonsten träume ich von mehr Zeit zum Lesen, Wandern, Backen, Gärtnern. Bis jetzt ist mir in meinem erwachsenen Leben noch nie langweilig gewesen. Weil ich meist mehr Ideen als Zeit habe.
Ach ja: ich will unbedingt ein Ehrenamt machen, wenn ich keine Care-Arbeit mehr habe. Derzeit denke ich an Nachhilfe/Lesepatenschaft für Kinder, die aus benachteiligten Familien kommen. Aber das dauert noch ein paar Jahre und die Pläne sind entsprechend unkonkret.“

