ADHS verstehen – ohne als Familie den Verstand zu verlieren

Aktive Kinder

Foto: pixabay

Ihr Lieben, viele Familien merken früh, dass ihr Kind „irgendwie anders“ tickt, wenn dann eine Diagnose da ist, kann sich das erstmal wie eine Erleichterung anfühlen. Aber wie können wir ADHS verstehen? Wie lässt sich der Alltag in der Familie so gestalten, dass alle klarkommen? Berit Hullmann weiß Rat.

Liebe Berit, dein Buch heißt „ADHS verstehen – ohne als Familie den Verstand zu verlieren“. Wie hast du es bislang geschafft, als Mutter über dein Kind mit ADHS nicht den Verstand zu verlieren?

Das Buch heißt so, aber ich behaupte darin nicht, das sich es selbst geschafft habe 😊. Das ist dauerhaft Work in Progress. An manchen Tagen gelingt es gut, an anderen weniger. Das sollte man akzeptieren. Humor hilft auf jeden Fall. Kleinigkeiten einfach Kleinigkeiten sein lassen. Choose your battles: Ich muss nicht jeden Kampf kämpfen – und schon gar nicht jeden gewinnen. Nicht jede offene Schranktür ist einen Konflikt wert.

Wann hast du zum ersten Mal den Verdacht gehabt, dass da etwas anders sein könnte mit deinem Kind?

ADHS verstehen
Berit Hullmann

In der Kitazeit ist sie als Energiebündel aufgefallen. Wir haben sie das „Duracell Häschen der Kindergartengruppe“ genannt. Sie war laut, wild und frech, aber auch neugierig, kreativ und sensibel. In dem Buch „So viel Freude, so viel Wut“ von Nora Imlau habe ich das erste Mal über „gefühlsstarke Kinder“ gelesen. Das hat mich zu der Zeit sehr abgeholt und „Gefühlsstärke“ genügte mir als Erklärung. An ADHS hat da niemand gedacht. Rückblickend waren die Anzeichen da, die muss man aber auch erstmal kennen und einordnen können.

Was hat es mit dir und deinem Umgang mit deiner Tochter gemacht, als die Diagnose ADHS gestellt wurde?

Am Anfang dachte ich: Das kann ja gar nicht sein. Das haben doch nur Jungs, die in der Schule nicht still sitzen können und immer den Feueralarm auslösen. Je mehr ich mich mit ADHS in allen Facetten und abseits von Klischees beschäftigt habe, umso mehr erkannte ich sie darin. Damit wuchs die Erleichterung. Wir hatten endlich eine Erklärung und sind ihr – so hoffe ich – mit mehr Verständnis begegnet. Auch zu uns selbst als Eltern sind wir milder geworden.

Wo stoßen wir als Eltern mit Kindern mit ADHS heute gesellschaftlich noch an Grenzen? Was müsste sich da ändern?

Kinder mit ADHS und damit auch deren Eltern stoßen auf Vorurteile: ADHS gilt als Ausrede für schlechte Erziehung, als Modediagnose oder als Social Media Trend. So etwas hören Familien oft, und das meist, wenn sie bereits seit Jahren am Limit sind und sich fragen, was sie falsch gemacht haben, obwohl sie sich doch alle Mühe geben.

Gleichzeitig ist unsere Gesellschaft nicht auf ADHSler ausgelegt. Denn Menschen – Kinder wie Erwachsene – werden meist danach bewertet, wie gut sie funktionieren: Wie sie sich benehmen, wie ordentlich das Haus ist, wie gut sie in der Schule sind.

Ich wünsche mir weniger Urteile, mehr Wissen über ADHS und Neurodivergenz. Wir brauchen eine vielfältige Gesellschaft und dazu gehören auch Menschen, die zwar etwas anders ticken, oft aber auch neue Perspektiven und kreative Lösungen mitbringen. Familien, die sowieso schon struggeln, brauchen nicht noch mehr Druck.

Schildere uns doch mal eine Situation aus deinem echten, heutigen Leben, die es so in Familien ohne Neurodivergenz vermutlich nicht so oft gibt.

Wir waren gerade erst in Österreich mit andren Familien und dort in einem Kletterpark. Die Kinder sollten sich ein Infovideo ansehen, bevor sie losklettern durften. Diese fünf aufgereihten Kinder waren ein schönen Symbolbild für neurotypisch versus neurodivergent: Die anderen drei Kinder standen ruhig vor dem Bildschirm und schauten andächtig zu.

Daneben standen meine, die nur an sich herumgezupft haben. Der Gurt drückt, der Schuh ist zu eng, der Helm zu locker und oh schau mal, da fliegt jemand den Flying Fox, das will ich auch! Und im Alltag natürlich: Offene Schränke und Schubladen, Kleidung auf dem Boden – es sieht bei uns oft so aus, als sei eingebrochen worden.

Nun lesen hier viele Eltern von Teenagern mit, was ist in der Pubertät von Kindern mit ADHS nochmal ganz besonders herausfordernd?

ADHS verstehen
ADHS verstehen

Die Risikobereitschaft ist stärker ausgeprägt, gleichzeitig ist die Impulskontrolle verringert. In dieser Phase spüren Eltern die mangelnde gesellschaftliche Akzeptanz besonders. Denn unter das Risikoverhalten fallen Themen, die für Eltern schambehaftet sind: Mein Teenager raucht oder vapt, trinkt Alkohol, schwänzt die Schule, klaut, lügt, streitet viel, macht Dinge kaputt, bleibt sitzen, hängt mit komischen Leuten rum, kommt immer zu spät, nimmt Drogen, räumt nie auf, prügelt sich.

Das sind keine Themen, die man beim Schulfest am Würstchenstand bespricht. Für ADHS-Eltern entsteht da schnell der Eindruck: Alle haben ihre Teens im Griff, nur ich nicht. Natürlich trifft das nicht alles gleichzeitig zu und nicht alle ADHS-Teenies sind ständig so drauf. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass in der Pubertät etwas aus dem Ruder läuft, ist einfach höher.

Wie gehe ich mit der anders funktionierenden Impulskontrolle, wie mit dem anderen Gefahrenverständnis meines ADHS-Kindes in der Teen Time um?

Das ist ein tägliches Abwägen und Austarieren. Was erlaube ich, was nicht? Und dann die spannende Frage: Hält mein ADHS-Teen sich an ein Verbot oder findet er/sie einen Weg drumherum? Denn die kreativen Köpfe haben da sicher einen „guten“ Einfall.

Insgesamt ist es glaube ich am wichtigsten, dass man die Beziehung zum Kind immer vor schulische Leistungen oder aufgeräumte Jugendzimmer stellt. Dass man sich entschuldigt, wenn man hart reagiert hat. Das wird sicher passieren denn viele ADHS-Teens finden einen Kick darin, immer weiter zu provozieren und zu eskalieren. Die Tür der Eltern sollte immer offen sein, und zwar nicht nur einen Spalt.

Frag doch mal deine Tochter, was sie über dich als Mutter sagen würde… 

Ich habe sie gefragt und ihre spontane Antwort: „Wenn du Fehler machst, machst du es mit Shoppen wieder gut.“ Wahrscheinlich ist das pädagogisch (und finanziell) nicht sehr wertvoll. Ich würde das auch nicht als mein Erziehungskonzept bezeichnen, aber – volle Transparenz – das war ihr erster Gedanke dazu.

Was möchtest du als abschließenden Mutmacher noch allen Eltern von Kindern mit ADHS mit auf den Weg geben?

An manchen Tagen geht es nur ums blanke Überleben. Informiert euch über ADHS und: Haltet durch! Wenn die Kinder groß sind, seid ihr die mit den guten Geschichten.

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