Vom Holzmobilé, das vom Leben und Sterben unserer Tochter erzählt

Ihr Lieben, heute gibt es einen sehr berührenden Beitrag. Er stammt von Natalie, deren Tochter Lea (geb. im August 2015) im Alter von 16 Monaten an einem Malignen Melanom erkrankte. Das ist schwarzer Hautkrebs, der eigentlich bei Kindern nicht vorkommt. Elf Monate später, am 02.10.2017, ist Lea daran gestorben.

An Leas Sterbebett begann Natalie Briefe an ihre Tochter zu schreiben und hat seitdem nicht aufgehört. Vor einem halben Jahr wurde daraus ein Blog, HIER könnt ihr die Texte nachlesen. Außerdem gibt Natalie auch auf ihrem Instagram-Account mein.tanz.imregen.deiner.asche Einblicke in ihr Leben. Lea hat heute zwei Geschwister, die nach ihrem Tod auf die Welt gekommen sind. Einen Bruder, der fast zwei ist und eine Schwester, die vor kurzem ein Jahr alt geworden ist. Diesen Text hat Natalie am ersten Todestag ihrer Tochter geschrieben und hat ihn uns zur Verfügung gestellt. Wir danken dir sehr für diese Zeilen und dein Vertrauen, liebe Natalie.

Brief an mein Kind, das ich so sehr vermisse

„Geliebtes, kostbares Kind! Heute halte ich wieder dein Mobilé in der Hand. Aus einer Schublade hervorgeholt. Dort, wo ich all die Sachen verstaut hatte von dir, die ich nicht einmal in eine Kiste im Keller packen konnte. Auch nach einem Jahr nicht. 

Ich betrachte es und es erzählt mir dein Leben.

Das bunte Holzmobilé, das du seit deiner Geburt immer wieder auf eine neue Art für dich entdecken konntest. Zuerst ganz weit weg, da oben hängend, unerreichbar und faszinierend. Dann nahm es Konturen an, die einzelnen Farben wurden sichtbar, die einzelnen Tierfiguren erkennbar. Die Bewegung, die die Holztierchen machen, wenn Mama sie behutsam mit einem Finger anschubst. Der Moment, als die eigene, noch so kleine Hand, mit den Fingerkuppen endlich auch die Weite schafft… Und hinkommt, an die bunten Flugtiere. 

Der Tag, als das „Sich-Hoch-Ziehen“ endlich gelingt und das Mobilé auf einmal ganz nah vor deiner Nase herumtanzt. Das selbstbewusste Stehen am Gitter von deinem Bettchen und die Holztierchen kichernd beim Namen nennen können. 

Lachend darunter liegen, die Beine nach oben strecken und mit dem kleinen Zeh an eines der Tierchen hinkommen, sodass sich alle im Kreis drehen. Frech toben im Bettchen, das Mobile herunter reißen und die Figuren einzeln betrachten, Farben benennen, Geschichten erfinden. 

Ich betrachte es und es erzählt mir dein Sterben.

Nur schauen können, wie sich das Mobilé dreht, lauschen auf die Geschichten, die Mamas traurige Stimme erzählt. Liegen im Bettchen, unter dem Mobile, den kleinen Luftwirbel im Gesicht spürend, in dem die Holztiere tanzen, nur noch mit geschlossenen Augen, mit müden Armen – jetzt stupst nur die Mama das Mobilé an.

Wegdrehen von dem wilden Treiben, das die Holztierchen spielen, weil es zu sehr anstrengt. Weil es zu sehr ablenkt von deiner neuen Aufgabe. Weil es zu sehr zurückholt von deinem Weg, den du bereits angetreten hattest.

781 Tage lang hat uns das bunte Holzmobilé begleitet. Bis ich es ein letztes Mal für dich zum Drehen brachte: kurz, nachdem du gestorben bist. Kurz, nachdem meine Hand auf deiner kleinen Brust sich noch einmal überzeugen musste, dass sich nichts mehr bewegt. Nachdem wir zu dir und in den leeren, in Kerzenschein gehüllten Raum gesprochen haben. Die Kabel vom Katheter abgemacht – dein Blut auf mein Shirt tropfte und mir zum ersten Mal keine Angst machte. 

Nachdem ich deinen schwer gewordenen Körper auf dein bunt gestreiftes Lieblingskissen legte – ohne Tücher darauf, ohne Spuckschüsseln daneben, ohne Schläuche und Kabel darüber. 

Kurz nachdem wir dich ein letztes Mal gewaschen und umgezogen hatten. Du sahst wunderschön aus in demselben Kleidchen, das du nicht mal sieben Wochen vorher, an deinem zweiten Geburtstag getragen hast. Die lilafarbene Strumpfhose dazu und eine Mütze. Eine wunderschöne lila Strickmütze mit einem Satinblümchen, die den Tumor ein klein wenig wegkaschierte. 

Nachdem ich dir ein letztes Mal über die noch warme Wange strich, stupste ich das Holzmobilé an… Ein Kreistanz der kleinen Tierchen. Der Schmetterling mittendrin flog… wie du.

Ich betrachte es und es erzählt mir Geheimnisse vom Leben und vom Tod. Ich stupse es an. Und er dreht sich – der Schmetterling in der Mitte. Du.“

Du magst vielleicht auch


Mehr zum Thema





8 comments

  1. Ich bin sehr berührt von deiner Erzählung(Bericht scheint mir nicht passend)Wir begleiten seit Jahren unseren todkranken Enkelsohn.Am heutigen Tag wird der Bub 14 Jahre alt.Es geht immer mehr und schneller auf das unausweichliche zu….aber er ist von so einer Stärke uns gegenüber.Ich bewundere ihn sehr dafür.Wir wünschen uns noch hoffentlich viel Zeit mit unserem Grossen.

  2. Vielen Dank für deinen Beitrag. Ich finde es so wichtig, dass verwaiste Eltern gesehen, gehört und wahrgenommen werden. Die Gesellschaft will so oft nicht wahr haben wie viele Menschen so ein Schicksal das Leben verändert hat und sie jeden weiteren Tag bis zu ihrem eigenen Ende begleiten wird. Statt Mitgefühl und Geborgenheit treffen Eltern von Sternenkindern oft nur auf eine Mauer aus Schweigen und Ignoranz. Ich kann mir nicht vorstellen wie sehr eure gemeinsame Zeit und euer gemeinsamer Weg dein Leben und Sein tief verändert haben muss. Ich zolle dir großen Respekt, dass du uns teilhaben lässt mit dieser Erzählung. Ich kann mir nur ansatzweise vorstellen, wie es für dich sein muss. Wenngleich auch ich regelmäßig das Grab meines Jüngsten besuche, so habe ich nicht diesen Kampf und dieses Bangen und Hoffen durchlebt. Mein Sohn musste uns verlassen noch ehe er geboren wurde. Aber ich verstehe, was für Narben und Leerstellen im Leben durch den Verlust eines Kindes entstehen können. Fühl dich gedrückt. Du bist nicht allein – wir sind so viele, die ihr Leben irgendwie weiter meistern müssen ohne dabei wirklich gesehen zu werden.

  3. Hallo es tut mir sooo weh im ❤️.ich bin beeindruckt das du es so gut verkraftet hast!es muss sooo sooo schwer sein .habe 11 Kinder .und habe große Angst eins davon zu verlieren.ich würde zerbrechen.ich drücke dich ganz dolle

  4. Liebe Natalie,
    Ich bin Oma, meine zwei Buben haben inzwischen selber 3 Buben. Das Autoholzmobile meiner Kinder hängt seit 35 Jahren am gleichen Platz. Mindestens einmal die Woche schubse ich’s an und hab sofort den Geruch meiner „Babys“ in der Nase. Ab sofort fliegen meine Gedanken bei jedem Schubs auch zu deiner Lea.
    Deine Zeilen sind in der ganzen Tragik so wunderschön geschrieben.
    Alles Liebe für die ganze Familie

    1. Ein sehr berührender Beitrag. Danke dafür.
      Ich bin so traurig, dass ich alle Babysachen (Kleidung und Spielzeug) abgegeben habe, nachdem diese nicht mehr „gebraucht“ wurden. Nun sind meine Mäuse fast 6 und ich denke oft: ach, hätte ich doch zur Erinnerung den einen Strampler oder das eine Mobile noch…
      Das hat jetzt wirklich nichts mit deiner Geschichte zu tun, ich weiß.

      Mich hat dein Text einfach sehr traurig und gleichzeitig dankbar (für meine 2 gesunden Kinder) und wehmütig gestimmt.
      Auch ich trage nun deine Lea im Herzen und wünsche Euch weiterhin viel Kraft und Liebe.

  5. ICh musste grade ein paar Tränen verdrücken…so ein schöner Text voller Liebe. Mir fehlen die Worte. Ich zünde eine Kerze für sie an. Liebe Grüße von mir in den Himmel.

  6. Liebe Natalie, beim Lesen deines Briefs an dein Töchterchen ist mein Herz so unendlich schwer geworden. Mit jedem Satz, den du geschrieben hast, fühle ich deine Sehnsucht und deine große Traurigkeit und bin selber so wahnsinnig traurig geworden. Gleichzeitig empfinde ich gerade Dankbarkeit, weil meine Tochter gerade friedlich neben mir schlummert. Es tut mir so unfassbar Leid, dass deine Familie all das erleben musste.

    Meine Tochter hat übrigens genau das gleiche Mobilé und es hat uns, vor allem im ersten Babyjahr, viel als Ablenkung gedient, wenn es mal brenzlige Situationen gab. Ich verbinde also auch sehr viele Momente meiner Tochter mit diesem Mobilé. Nächste Woche wird meine Lena 4 Jahre alt und das Mobilé hängt schon bestimmt seit zwei Jahren relativ unbeachtet in ihrem Zimmer. Ich ertappe mich dennoch ab und zu wie ich manchmal beim Anblick des Mobilés schmunzeln muss. Ab jetzt werde ich sicher auch oft an eure Lea denken, wenn ich es sehe.

    1. Liebe Natalie,

      ich wollte gerade meine Jungs ins Bett bringen, als ich deinen Beitrag gelesen habe. Also ich mit meinen verweilten Augen nun zu meinem Großen (10 Jahre) gekommen bin und ihm erklärt habe, warum ich geweint habe, hatte er auch Tränen in den Augen und fragte mich. ob unser kleinster (15 Monate) das wohl auch bekommen kann…
      Ich finde deine Erzählung sehr ergreifend und kann mir nur schwer vorstellen, wie man den Verlust verkraften kann. Ich selbst hatte nach meinen ersten beiden Kindern einen Abgang ersten Trimester. Meine beiden großen gaben mir zu dieser Zeit ganz viel Kraft und Zuversicht. Ich hatte auch das Glück, dass ich noch einmal ein gesundes Kind zur Welt bringen durfte. Wir können leider nie wissen, wie lange unser gemeinsamer Lebensweg ist. Aber mit deinem Symbol des Schmetterlings begleitet uns auch unsere Oma, die meine zwei großen auch noch kennenlernen dürften. Ich wünsche dir ganz viel Kraft und Zuversicht, dass du mit deinen verbliebenen zwei Kindern ein langes gemeinsames Leben führen darfst, auch wenn ihr euch weiterhin an eure Lea erinnern sollt. Ich wünsche dir, dass du dich immer an die schönen Momente mit ihr erinnerst.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.