Trauerbegleitung: Vom Leben nach dem Verlust des eigenen Kindes

Trauerbegleitung

Ihr Lieben, lang blieb Ullas Wunsch nach einem zweiten Kind unerfüllt. Dann endlich wurde der Traum wahr, jedoch kam das Baby mit einem Gendefekt zur Welt. Als es letztlich starb, begann für die Familie ein ganz neuer Weg, ein Weg durch die Trauer. Es kam noch ein weiteres Kind, diesmal ein Junge und das Ehepaar machte es sich zur Aufgabe, ihre Erfahrungen zu konservieren und weiterzugeben. Heute arbeiten sie gemeinsam in der Trauerbegleitung und Trauerbegleiterin und helfen Familien, die ein ähnliches Schicksal erleben. Hier kommt Ullas Gastbeitrag.

„Unsere gemeinsame Geschichte begann am 1. August 1990. An einem Baggersee in der Nähe von Linz haben wir uns beim Baden mit gemeinsamen Freunden „zufällig“ getroffen. Für mich, Ulla, war es Liebe auf den ersten Blick. Robert hat noch ein paar Monate gebraucht, bis er sich sicher war. Dass wir über 30 Jahre später noch immer ein Paar sein und ein bewegtes gemeinsames Leben haben werden – wer hätte das gedacht?

Hochzeit, Eigenheim, erstes Kind

Nachdem wir unsere Ausbildungen abgeschlossen hatten, heirateten wir im September 1999 und zogen bald darauf in unser erstes Eigenheim. Als wir beide sichere und gute Jobs hatten, sollte unsere Familie wachsen und so kam 2005 unsere große Tochter Nina zur Welt.

Doch Eltern zu sein, hatten wir uns irgendwie anders vorgestellt. Bald sind wir an die Grenzen der Belastbarkeit unserer sonst so soliden Beziehung gestoßen. Auch der unerfüllte Wunsch nach einem zweiten Kind trug seinen Teil dazu bei. Wir ließen uns von einer Kinesiologin unterstützen und haben uns selbst und als Paar besser kennengelernt. Unsere Ehe war „gerettet“, doch unser so sehr gewünschtes zweites Kind ließ immer noch auf sich warten. Als wir die Hoffnung schon aufgegeben hatten, wurde ich doch noch schwanger. Unsere Freude war riesengroß, als unsere Tochter Emilia im Januar 2015 zu uns kam.

Routineuntersuchung nach der Geburt: Down-Syndrom

Eine Woche nach Emilias Geburt äußerte die Kinderärztin bei einer Routineuntersuchung den Verdacht, dass unsere Tochter Trisomie 21 (Down-Syndrom) haben könnte. Die Vermutung wurde durch eine Genuntersuchung bestätigt. Auch der oft damit verbundene Herzfehler wurde bei Emilia diagnostiziert. Unsere Tochter sollte vier Woche später operiert werden – das ließ uns kurzfristig verzweifeln. In der Zeit bis zur Operation haben wir mit der Unterstützung von großartigen Freunden viele Hebel in Bewegung gesetzt und vor allem an das Wunder geglaubt, dass Emilia ihr Loch im Herzen selber wieder heilt.

Und tatsächlich konnte der Arzt bei der Voruntersuchung zur Operation feststellen, dass der seltene Fall eingetreten ist und Emilia selbst Gewebe gebildet hat, um das Loch kleiner werden zu lassen. Die Operation konnte abgesagt werden!

Emilia war quietschvergnügt und unternehmungslustig

Auch ansonsten entwickelte sich unser kleiner Sonnenschein anders, als von den Ärzten vorhergesagt: Emilia könne blau anlaufen, wenn sie sich anstrengt, könne lethargisch herumliegen oder schnell müde werden. Sie war jedoch quietschvergnügt, unternehmungslustig und strahlte eine unglaubliche Lebensfreude aus. Lediglich die Kontrollen bei der Kardiologin erinnerten uns daran, dass mit Emilia nicht alles in Ordnung war.

Als Emilia ein Jahr alt war, wurde bei einer Kontrolluntersuchung davon gesprochen, dass sie nun doch operiert werden sollte, damit ihr kleines Herz sich nicht so anstrengen müsse. Der OP-Termin wurde auf den 5. April gelegt. Wieder hatten wir unsere Freunde gebeten, Emilia und uns energetisch zu unterstützen, und gehofft, dass Emilia ein zweites Wunder vollbringen würde. Als sie zwei Tage vor dem Operationstermin erkältet war, dachten wir uns: Unsere Maus braucht noch ein bisschen Zeit, bis sie alles wieder in Ordnung gebracht hat. Der Eingriff wurde natürlich abgesagt, weil er nur bei einem gesunden Kind durchgeführt wird.

Unsere Tochter nimmt ihren letzten Atemzug

Den 5. April 2016, also den Tag, an dem Emilia eigentlich operiert worden wäre, haben Emilia und ich gemütlich zu Hause verbracht. Unsere Tochter hat viel geschlafen. Und am Abend, als Robert von der Arbeit heimgekommen ist und wir alle vier in einem Zimmer waren, hat Emilia in meinen Armen, in den Armen ihrer Mama aufgehört zu atmen.

Nach fast zweistündigen Reanimationsversuchen durch den Notarzt war klar: Emilias Herz schlägt nicht mehr. Sie hat sich entschieden, im Kreis ihrer Familie diese Welt zu verlassen.

Im Krankenhaus kam nochmal die ganze Familie zusammen, die Großeltern, die Tanten, der Onkel und der Cousin, um sich von ihr zu verabschieden, sie noch ein letztes Mal im Arm zu halten. Irgendwann in der Nacht sind wir mit leeren Händen nach Hause, Emilias Körper haben wir im Krankenhaus zurückgelassen.

Trauerbegleitung: Wie wir uns zurück ins Leben kämpften

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In einem intensiven Prozess haben wir uns Schritt für Schritt ins Leben zurückgekämpft. Direkt nach Emilias Tod überwog das Gefühl, funktionieren zu müssen. Auch für unsere große Tochter. Dann kam bald die Frage nach dem Warum. Warum muss es unsere Familie treffen? Wir waren auch wütend auf Emilia, die uns einfach ohne irgendwelche „Vorwarnungen“ verlassen und in einem Schmerz zurückgelassen hat, den wir vorher überhaupt nicht gekannt hatten. Ergab es überhaupt noch Sinn, hier auf dieser Erde zu sein, wenn doch ein so wichtiger Teil in unserer Familie fehlte?

Der Gedanke an unsere große Tochter hielt uns davon ab, Emilia nachzufolgen. Und wunderbare Menschen an unserer Seite unterstützten uns dabei, trotz und mit dem großen Schmerz weiterzuleben. Wir haben zwar drei Schritte nach vorne gemacht und wieder zwei zurück, aber es ging weiter. Dass es irgendwie weitergehen wird und wir geführt werden, haben wir von Anfang an gespürt. Und in uns wuchs die Gewissheit, dass es Emilias Entscheidung war, zu gehen.

Drei Jahre später kam unser Felix zur Welt

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Emilia hat uns noch zwei Geschenke gemacht: Im Januar 2018 ist unser Sohn Felix auf die Welt gekommen. Und wir haben unsere große Herzensaufgabe in Von Grau zu Bunt gefunden.

In unserem Seelen-Kreis, in Begleitungen und Workshops bieten wir Müttern, Vätern und Familien, die einen Verlust erlebt haben, einen geschützten Raum an, um zu trauern, zu heilen und wieder zurück ins Leben zu finden.

In unserem Buch Von grau zu bunt – Wie du nach dem Tod deines Kindes zurück ins Leben findest erzählen wir von unserer Heilreise aus einer grauen und dunklen Zeit wieder zurück ins Helle und Bunte.

Wir laden unsere Leser:innen herzlich ein, diesen Weg mit uns zu gehen. Und auch alle Menschen aus dem Umfeld von Trauernden: Freunde, Nachbarn, Arbeitskollegen. Um eine Ahnung zu bekommen, was verwaiste Eltern durchmachen und wie sie ihnen auch zur Seite stehen können.

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