Ihr Lieben, vor fast 1,5 Jahren haben wir über die kleine Selma berichtet, die an Leukämie erkrankt ist (hier nachzulesen). Leukämien sind die häufigsten Krebserkrankungen des Kindes- und Jugendalters. In Deutschland erkranken jährlich etwa 600 Kinder unter 15 Jahren an einer Leukämie. „Gestern war mein Kind noch in der Kita, am Tag drauf hatte es plötzlich Krebs“, sagte Selmas Mama Josefina damals noch unter Schock. Über 400 Tage war Selma im Krankenhaus, wir haben Mama Josefina gefragt, wie es Selma und der ganzen Familie heute geht.
Liebe Josefina, die allerwichtigste Frage zuerst: Wie geht es Selma?
Selma geht es soweit gut. Sie kann wieder in die Kita gehen und kommt immer mehr zu Kräften. Sie befindet sich derzeit in der Erhaltungstherapie, was bedeutet, dass sie nach wie vor täglich Chemotherapie und Antibiotika in Tabletten- und Saftform zu Hause bekommt. Alle zwei Wochen sind wir dann im Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH), um ihre Blutwerte zu kontrollieren. Man merkt nach wie vor, dass sie körperlich nicht mit den anderen Kindern mithalten kann. Wir hoffen, dass das auf die Medikamente zurückzuführen ist.
Zwischendurch gab es aber noch einen richtigen Schreckmoment, richtig?
Im Februar und März hatte Selma leider extrem schlechte Blutwerte, sodass der Verdacht eines Rezidivs aufkam und wir wieder täglich zu Untersuchungen im Krankenhaus waren. Sofort waren all die Ängste zurück. Wenn man wieder täglich auf der Kinderkrebsstation ist, wird einem bewusst, dass unser hart zurück erkämpfter Alltag stets an einem seidenen Faden hängt.
Auch die beiden Schwestern sind nun älter und stellen mehr Fragen, warum Mama und Papa voller Angst und Sorge waren. Ein Infekt war schlussendlich Auslöser der schlechten Blutwerte, sodass wir im April wieder auf wöchentliche Kontrollen zurückkehren konnten. Dieser Krebs bestimmt leider noch immer unseren Alltag, weshalb wir uns entschieden haben, noch eine Reha im Dezember zu machen.
Beim letzten Interview hast du erzählt, dass ihr nur noch im Funktioniermodus wart. Auch damals hattet ihr eine Reha in Aussicht. Hat euch die Reha wie erhofft geholfen?
Die letzte Reha hat uns als Familie gerettet. Diese ständige Zweiteilung der Familie – Selma und ich im Krankenhaus, mein Mann mit den beiden Schwestern zu Hause – hat sich doch extrem auf uns als Familie ausgewirkt. Umso schöner, dass es solche Institutionen wie die SyltKlinik für Familien wie uns gibt. Wir alle haben uns sofort entspannt und wir Eltern konnten endlich mal wieder durchatmen.
Wir haben viele Gespräche mit Psychologen als Paar und alleine geführt. Das, was passiert war, musste benannt werden und es gab Raum für Tränen, aber auch für den Blick in die Zukunft. Als Paar hat das sehr gut getan, genau wie die Gespräche mit anderen betroffenen Eltern.
Wir konnten in dieser Zeit auch endlich mal wieder in uns selbst reinhorchen: Was mache ich eigentlich gerne? Was tut mir gut?Gemeinsam als Familie haben wir eine Kunsttherapie gemacht und ein Bild von einem Leuchtturm gemalt. Er soll uns den Weg weisen und uns immer an diese wunderbaren vier Wochen erinnern.
Wie geht es den beiden Schwestern von Selma?
Den Schwestern geht es soweit gut. Sie werden älter und stellen viele Fragen. In den Ferien versuche ich sie mit ins Krankenhaus zu nehmen, damit sie dort auch Teil von Selmas Welt sind und wissen, was dort passiert. Mittlerweile sagen wir, dass sie alle drei Superheldinnen sind, weil Selma all das ohne ihre tollen Schwestern nur schwer hätte ertragen können. Ansonsten versuchen wir auch, Nachmittage zu schaffen, wo jedes Mädchen ihrem Hobby nachgeht und alleine im Mittelpunkt stehen kann.
Nach dieser langen Zeit der großen Sorge – hast du das Gefühl, dass du noch völlig unbeschwert sein kannst?
Völlig unbeschwert zu sein, fällt mir schwer. Wir müssen nun einen Weg finden, mit der Angst zu leben, dass Selma wieder erkranken könnte. Wir versuchen, den Fokus immer wieder auf unsere drei Mädchen zu richten und zu sehen, wie lebensfroh und glücklich sie sind. Wir genießen tatsächlich viel mehr die kleinen Dinge im Leben und regen uns nicht mehr über Kleinigkeiten auf. Die ganze Situation gibt einem schon einen anderen Blick auf das Leben und wir leben sehr im Hier und Jetzt.
Was gibt dir Kraft? Wo tankst du auf?
Ich habe das Laufen für mich entdeckt. Ich brauche Momente nur für mich. Am Wochenende laufe ich einen Halbmarathon in Hamburg. Zeit als Paar und Zeit mit Freundinnen tut mir gut. Gleichzeitig freue ich mich sehr auf unseren Familienurlaub in den Ferien.
In wenigen Wochen steht dann der nächste Meilenstein an – erzähl mal, was dann passiert.
In drei Wochen werden alle Medikamente radikal abgesetzt. Das ist ein großer Schritt für uns alle. Seit zwei Jahren begleiten uns tägliche Medikamentengaben. Auf der einen Seite freuen wir uns riesig, auf der anderen Seite bleibt die Angst. Angst, dass genau dann der Krebs zurückkommt. Wir werden direkt in unseren Urlaub starten und sind zuversichtlich, dass Selma dann mit jedem Tag stärker wird und wir den Kopf frei bekommen.
Selma hat wegen der Leukämie so viele Tage im Krankenhaus verbracht und vieles durchstehen müssen – hat das ihr Wesen verändert?
Wir haben im Krankenhaus ein zweites Zuhause bekommen. Es klingt hart, aber das UKSH schafft es mit seinem Personal diesen Ort zu einem Ort mit Kinderlachen zu verwandeln. Somit ist Selma gerne dort, was total wichtig ist.
Sie spricht jeden Tag von ihrer Krankheit und wir versuchen alle Fragen so gut es geht zu beantworten. Sie tut sich noch schwer darin, Freunde im gleichen Alter zu finden und Konflikte mit ihnen auszutragen. Irgendwie verständlich, wenn man ein Jahr extrem isoliert von Menschen war. Ansonsten ist sie zum Glück unser lebensfrohes, glückliches Mädchen geblieben und das gibt uns extrem viel Kraft.




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Alles Liebe und Gute für Euch!