Mathe ohne Stress: Wie Kinder ihr Mathe-Trauma überwinden

Mathe ohne Stress

Luise Haeggqwist

Ihr Lieben, mit Mathe verbindet wohl jede von uns ihre eigenen Erfahrungen, wenn dann die Kinder dran sind, geht es noch einmal von vorn los. Luise Haeggqwist macht uns aber Mut und zeigt uns, wie Mathe ohne Stress gelingen kann und wie wir unsere Kinder stärken können, ohne Druck zu machen.

Luise ist Mathematik- und Physiklehrerin und ist zertifizierte Traumapädagogin (DeGPT), sie gibt Workshops zur Montessori- und Traumapädagogik und unterstützt Kinder in Einzel- und Gruppensettings mit Fokus auf traumasensible Mathematikförderung. Ihr Instagram-Kanal „Sicher Mathe lernen“ hat über 30.000 FollowerInnen.

Mathe ohne Stress
Mathe ohne Stress

Liebe Luise, warum ist es dir ein so großes Anliegen, Kindern und Jugendlichen Mathe ohne Stress näherzubringen? 

So viele Kinder, Jugendliche und Erwachsene haben schlechte Erfahrungen mit Mathe gemacht und halten sich für „zu dumm“, obwohl sie einfach nur nicht die richtigen Voraussetzungen hatten oder haben. Das kann und will ich so nicht stehen lassen, denn es stimmt einfach nicht: Niemand ist „zu dumm“ für Mathe!

Mir selbst ist Mathe immer sehr leicht gefallen, es war für mich einfach eine Beschäftigung, die mir Entspannung und Freude gebracht hat. Diese Leichtigkeit gebe ich gerne an möglichst viele Menschen weiter, denn Mathe ist an sich nicht problematisch. Nur die Art, wie es oft vermittelt wird, und die vielen negativen Randerscheinungen wie Abwertung und Beschämung, die leider immer noch in deutschen Schulen an der Tagesordnung sind, sorgen für den immensen Stress bei den Lernenden.

Fast niemand beschäftigt sich mit diesen Ursachen, wenn ein Kind Matheprobleme hat, sondern alle suchen ihr Heil bei der Nachhilfe, bei anderen oder vermeintlich besseren Erklärungen oder neuen Schulbüchern. Das ist völlig am Thema vorbei, denn im Normalfall sind Menschen einfach nur nicht gut genug reguliert, wenn sie Mathe nicht verstehen. Der Stress vernebelt ihnen wortwörtlich ihre Sinne. Deswegen sage ich immer: „Erst regulieren, dann rechnen!“

Du sprichst sogar von einem „Mathetrauma“, was hat es damit auf sich und hattest du so etwas selbst auch?

Eigentlich ist der Begriff Mathetrauma ein bisschen irreführend, denn die Menschen, die Mathe nicht können und blockiert sind, haben normalerweise kein „richtiges“ Trauma im medizinischen Sinne. Die „alltäglichere“ Variante eines richtigen Traumas ist eine Stressreaktion unseres Nervensystems, und das ist eigentlich der korrektere Begriff für die meisten Matheprobleme.

Ich benutze trotzdem den Begriff des Mathetraumas, weil dann alle direkt wissen, was damit gemeint ist. Viele Menschen haben eine ganz direkte emotionale oder sogar körperliche Reaktion, wenn sie an Mathe denken, weil sie so unglaublich negative Erfahrungen damit gemacht haben.

Gleichzeitig sind die Methoden, die bei Stressreaktionen helfen, die gleichen wie in der Traumapädagogik, es ist im Grunde dasselbe Modell nur in einer alltäglicheren Auslegung. Deswegen benutze ich gerne all das, was ich in meiner Ausbildung zur Traumapädagogin gelernt habe und schaue nicht so genau auf die Begrifflichkeiten. 

Dir ist es wichtig, zu betonen, dass SchülerInnen nicht „zu dumm“ für Mathe sind, sondern zu gestresst. Was meinst du damit? 

Bildung
Foto: pixabay

Das ist die wichtigste Erkenntnis und Grundlage für meine ganze Arbeit: Bei Stress geraten wir in einen Stressmodus (auch Überlebenszustand genannt). Unser Nervensystem hat diese Zustände für besondere Momente eingerichtet, in denen wir uns bedroht fühlen und unser Überleben im Vordergrund steht. Leider fühlen wir uns heutzutage häufig bedroht und gestresst, weil unser heutiges Leben für unser Nervensystem nicht so richtig passt.

Ein extremes Beispiel ist eine mündliche Prüfung, wo das oft mit körperlichen Symptomen wie Nervosität oder Schwitzen einhergeht. Auch ein sozial schwieriges Setting kann so etwas sein. Manche Kinde sind den ganzen Schultag in einem Stressmodus, weil sie z.B. in der Klasse gemobbt werden und sich nie sicher fühlen. Schule ist insgesamt für viele Kinder nicht gerade ein Hort an Sicherheit.

In diesen Stresszuständen arbeitet unser Gehirn anders, das ist durch die Traumaforschung gut belegt. Konkret schalten die höheren Netzwerke ab, die Dinge wie Mathe, Sprache und Logik verarbeiten. Stattdessen arbeiten die Netzwerke, die schneller und intuitiver reagieren und aufs Überleben ausgelegt sind.

Das bedeutet für Mathe: Lernen ist nur dann möglich, wenn ein Mensch sich „sicher genug“ fühlt und nicht in einem Stressmodus steckt. Deswegen schaue ich erst, in welchem Regulationszustand ein Kind oder Jugendlicher ist, bevor ich mit Inhalten anfange. Wir Erwachsenen sollten den Kindern dabei helfen, in einen regulierten Zustand zu kommen, damit es mit dem Lernen klappt!

Wenn mich also das Nervensystem blockiert, wenn es um Mathe geht, was kann ich tun, um es wieder in Gang zu bringen? 

Da gibt es ganz viele Möglichkeiten, deswegen habe ich da auch ein ganzes Buch drüber geschrieben. Das wichtigste habe ich schon weiter oben genannt: Beziehung schlägt alles andere, weil Menschen ihr Sicherheitsgefühl vor allem über das Gefühl der Verbindung zu anderen Menschen bilden. Wenn du es schaffst, dass dein Kind sich begleitet und wahrgenommen fühlt mit seinen Nöten, ist das die halbe Miete.

Die zweite Möglichkeit, um ganz konkret die Konzentration in Lernsituationen zu verbessern, ist Bewegung. Aktivität holt uns ganz schnell aus Stresszuständen heraus (da gibt es auch Theorie zu, das führt jettz zu weit), deswegen nutzt das prophylaktisch ganz viel oder auch als Unterbrechung in Lernsituationen, wo es grade nicht weitergeht.

Wenn ein Kind gerade nicht mehr klarkommt, biete ich immer etwas in dieser Richtung an: „Ich glaube, du kannst grad gar nicht mehr nachdenken, magst du dich kurz bewegen, z.B. 5 min Trampolinhüpfen?“. Das ist immer das einfachste und effektivste Mittel. Und am besten baue ich noch ein bisschen Spaß mit ein, denn wer Spaß hat, hat schon mal keine Angst, und das ist immer das allerwichtigste!

Was verstehst du unter einem entspannten und förderlichen Lernumfeld? 

Es ist wichtig zu verstehen, dass „sich sicher fühlen“ die allerwichtigste Voraussetzung zum erfolgreichen und nachhaltigen Lernen ist. Durch die Trauma- und Stressforschung ist das gut wissenschaftlich belegt. Ein sicheres Gefühl kann man gleichsetzen mit „sich wohlfühlen“, denn das ist eigentlich dasselbe. Also alles, womit sich ein Mensch wohlfühlt und entspannter ist, ist förderlich: Das beginnt bei einem Umfeld, wo nicht Abwertung, ständige Bewertung durch Noten und vielleicht sogar Beschämung an der Tagesordnung ist.

Wir Menschen bilden unser Sicherheitsgefühl auch vor allem durch soziale Sicherheit aus. Nicht umsonst heißt es „Kein Lernen ohne Beziehung“. Ich sage immer, das stimmt so fast. Eigentlich sollte es heißen: Kein Lernen ohne Sicherheit, aber der größte Faktor dafür sind tragende Beziehungen. Kinder und Jugendliche sollten sich also vor allem nicht allein gelassen fühlen beim Lernen.

Das gilt für die Schulumgebung genauso wie zuhause. Manchmal sind auch Freunde in der Klasse oder Verabredungen mit Lernbuddys am Nachmittag hilfreich. Ich hatte mal eine Schülerin, die immer dann im Matheunterricht bei meiner Kollegin nicht zurecht kam, wenn ihre Freundin nicht in der Schule war und sie sich an ihrem Gruppentisch alleine gefühlt hat. 

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Schulalltag
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Da gibt es einige. Mein wichtigster Tipp ist, den Fokus auf die Beziehung zu legen statt aufs Erklären. Eltern neigen dazu, ihrem Kind bei Verständnisproblemen alles mehrfach zu erklären. Ein Kind versteht aber normalerweise deswegen nichts, weil es nicht reguliert genug ist und das Gehirn nicht im lernfähigen Zustand ist.

Wiederholte Erklärungen verstärken den Stress beim Lernenden nur noch, denn egal wie gut die Erklärung ist, kann das Kind nichts aufnehmen. Es fühlt sich immer nur noch unfähiger und kommt in eine komplette Blockade. Sätze wie „Schau, das ist doch ganz leicht!“ oder „Das kannst du doch jetzt nicht nicht verstehen!“ verschlimmern es noch mehr.

Besser ist es, weniger zu erklären und vor allem als „Leuchtturm“ auf einer Beziehungsebene präsent zu bleiben. Ich setze mich oft einfach zu den Lernenden dazu, rede wenig, achte auf meine eigene Stressregulation und bin möglichst entspannt und gut gelaunt. Das fällt vielen Eltern gar nicht so leicht, aber durch ihren eigenen Stress verstärken sie die Blockade des Kindes nur noch mehr.

Hast du es schon erlebt, wie ein Kind durch deine Tipps seinen Durchbruch hatte? 

Das habe ich schon oft erlebt, ich hatte schon immer ein gutes Händchen für Kinder mit Matheblockaden und habe schon intuitiv ähnlich gearbeitet, bevor ich diesen ganzen traumasensiblen und nervensystem-fokussierten Ansatz entwickelt habe. In den letzten zwei Jahren habe ich als Klassenlehrerin einen Schüler begleitet, der mir mit Dyskalkulie-Verdacht und einer kompletten Verweigerung, Mathe zu machen, Anfang der dritten Klasse übergeben wurde.

Den wichtigsten Unterschied hat ein Gespräch gemacht, was ich mit ihm geführt habe. Das waren 10 Minuten, in denen ich ihm die Grundzüge der Stressregulation in kindgerechter Sprache erklärt habe. Die Message ist ganz einfach: Wenn du in einen Überlebens- oder Stressmodus gerätst, kann dein Gehirn nicht mehr richtig arbeiten und Mathe verstehen.

In dieser Unterhaltung hatte ich das Beispiel des Säbelzahntigers, der in der Traumatheorie immer als Auslöser für den Überlebenszustand in früheren Zeiten zitiert wird. Am nächsten Tag hat er einen Playmobiltiger mitgebracht, ihm einen kleinen Käfig gebaut und sich selbst eine Struktur mit „immer eine Aufgabe rechnen und dann ein bisschen im Kritzelheft zeichnen zum Entspannen“ auferlegt.

Innerhalb von einigen Wochen war er dann ganz selbstständig am Arbeiten Danach hatte er nur noch ganz selten Rückfälle in seine Matheblockade (einmal, als ich drei Wochen krank war und er mit meiner Kollegin alleine war) und hat eigentlich immer gerne und freiwillig Mathe gemacht. Bis zum Ende der vierten Klasse hatte er den ganzen Stoff aufgeholt und ist jetzt grade auf die weiterführende Schule gewechselt – ich bin gespannt, wie es jetzt dort weitergeht!

Was würdest du Eltern und SchülerInnen als letzten Tipp noch mit auf den Weg geben wollen, wenn das Lernen bislang noch schwerfällt?

Unser Schulsystem passt für viele Kinder gar nicht und ist an ganz vielen Stellen richtig ungünstig zum Lernen. Nehmt eure Wahrnehmung, wenn etwas für euch nicht passt oder sich nicht gut anfühlt, immer ernst. Man kann nicht immer alle Stellschrauben verändern, vielleicht bleibt die Mathelehrerin einfach doof und die Schule ist nicht die allerbeste. Aber man darf immer auf sein inneres Gefühl hören und seinem inneren Kompass vertrauen.

Wenn Kinder und Jugendliche das Gefühl haben, mit ihrer Wahrnehmung ernstgenommen zu werden, ist das meiner Erfahrung nach ein Schlüssel, um in die Handlungsfähigkeit zu kommen, auch wenn sich die äußeren Umstände nur begrenzt verändern lassen. Sag zu deinem Kind also nicht „Ja, aber Frau soundso ist doch eigentlich ganz nett!“, wenn sich dein Kind nicht wohlfühlt. Sag lieber „Ok, das fühlt sich nicht gut an für dich, wie kann ich dich dabei unterstützen, das Beste daraus zu machen.“

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