Ihr Lieben, Kathy Weber ist Elternberaterin, ausgebildete Trainerin für Gewaltfreie Kommunikation, Host des meistgehörten Elternpodcasts in Deutschland „Familie Verstehen“ und dreifache SPIEGEL-Bestseller-Autorin. Sie plädiert nicht nur bei ihren eigenen Kindern für eine Pubertät ohne Strafen.
Mit ihrem Erziehungs- und Beratungskonzept LilaLiebe® hilft sie Eltern, ihre Kinder zu verstehen und Schluss zu machen mit Machtkämpfen und Liebesentzug im Familienalltag. Ihr neues Buch „Ich mach, was ich will!“ ist ein Ratgeber für Eltern, die ihre Teenager besser verstehen wollen, inklusive ABC zu häufigen Konflikten in der Pubertät. Für uns hat sie diesen Gastbeitrag formuliert.
Wie bei vielen Kindern dieser Zeit war meine eigene Pubertät von Liebesentzug, Leistungsdruck und dem Glaubenssatz „Ich muss funktionieren und etwas leisten, um geliebt zu werden“ geprägt. Machte ich in den Augen meiner Eltern etwas „falsch“, war beispielsweise zu laut, zu wütend, zu fröhlich oder habe die Erwartung an mich nicht erfüllt, zog mein Vater sich oft zurück und sprach mitunter tagelang nicht mit mir – er entzog mir seine Liebe. Um den Frieden wiederherzustellen, versuchte meine Mutter mich dann davon zu überzeugen, mich bei meinem Vater zu entschuldigen.
Als ich 2017 selbst Mama wurde, war für mich klar: Das werde ich mit meinem Sohn anders machen. Ich werde ihn ohne Strafen, ohne Belohnungen und ohne Drohungen erziehen. Stattdessen werde ich ihm immer mit bedingungsloser Liebe und auf seiner jeweiligen Augenhöhe begegnen.
Die Reaktionen aus meinem Umfeld waren eindeutig: „Kathy hat nicht mehr alle Tassen im Schrank, wie die mit ihrem Sohn redet!“. Und je näher mein Sohn der Pubertät kam, desto lauter wurden die Warnungen: „Bald ist Schluss mit deinem Kuschelkurs! Dann musst du durchgreifen, sonst tanzt er dir auf der Nase herum.“
Ich blieb trotzdem bei meinem Weg. Und was passierte? Heute ist mein Sohn volljährig und ich kann aus tiefstem Herzen sagen: Es hat sich gelohnt.
Pubertät ohne Strafen: Warum sie nicht funktionieren
Um zu verstehen, warum es für Eltern und die Verbindung zu ihren Kindern so wichtig ist, auf Strafen zu verzichten, dürfen wir uns anschauen, was mit Teenagern eigentlich passiert: Die Pubertät, beginnend mit circa neun Jahren, ist die dritte Autonomiephase.
In dieser Entwicklungsphase wollen Teenager (anders als Klein- und Schulkinder in den vorherigen Phasen) nicht mehr nur selbst machen oder selbst entscheiden, sie wollen vor allem eigene Erfahrungen sammeln. Das ist der Kern der Pubertät: Teenager streben nach Autonomie.
Wenn wir als Eltern jetzt mit Strafen kommen – Handy weg, Hausarrest, Liebesentzug –, nehmen wir unseren Kindern genau das: den Raum, den sie brauchen, um sich auszuprobieren. Dabei kann ich den Impuls, den viele Eltern spüren, nachvollziehen: „Wenn ich jetzt nicht durchgreife, verliere ich komplett die Kontrolle.“ Es ist ganz normal, dass Eltern dieser Gedanke mal durch den Kopf schießt. Die entscheidende Frage ist, ob sie dem Impuls nachgeben oder einen anderen Weg wählen.
Was Teenager wirklich brauchen: Achtung
In meinem Erziehungs- und Beratungskonzept LilaLiebe® steht die dritte Autonomiephase unter dem Oberbedürfnis Achtung. Darunter fallen Bedürfnisse wie Freiheit, Individualität, Respekt und Wertschätzung. Wenn aus deinem Kind ein Teenager wird, sucht er eigene Wege, um diese Bedürfnisse für sich zu erfüllen. Er darf sagen „Scheiß drauf. Ich mach, was ich will!“ und er darf sich ausprobieren – auch wenn das dir an manchen Stellen nicht gefällt.
Das heißt nicht, dass es keine Grenzen mehr gibt. Es heißt, dass wir diese Grenzen anders kommunizieren: Nicht als Drohung, sondern im Sinne unserer elterlichen Verantwortung, also mit altersgerechter Führung, voll bedingungsloser Liebe, und voller Achtung vor dem Teenager, der da vor uns steht.
Schauen wir uns das mal anhand eines Beispiels an. Versetz dich dabei gern einmal in die Lage eines Teenagers: Du bist genervt von der Schule, die Hausaufgaben sind dir gerade viel zu viel und statt dich nachmittags an den Schreibtisch zu setzen und zu lernen, spielst du lieber ein neues Computerspiel mit deinen Freunden.
Ihr verabredet euch, tauscht euch aus und habt jede Menge Spaß. Nun schreibt dein Lehrer eine E-Mail an deine Mama und/oder deinen Papa, dass du bereits seit drei Wochen keine Hausaufgaben mehr gemacht hast. Mist!
Und jetzt stell dir mal vor, wie du dich fühlst, wenn deine Eltern dir als Reaktion dein Handy oder deine Konsole wegnehmen oder dir das Spielen mit deinen Freunden verbieten. „Kein Handy mehr, bis du die Schule wieder ernstnimmst!“ Wie motiviert wärst du, nun aus freien Stücken deine Hausaufgaben zu machen? Wie viel Freude hättest du dabei?
Jetzt stell dir stattdessen vor, deine Eltern würden sagen: „Es gibt keinen Ärger. Du hattest keinen Bock auf Hausaufgaben und hast ausprobiert, was passiert, wenn du sie einfach nicht mehr machst. Das Ergebnis war nicht so cool. Lass uns daher zusammen eine andere Lösung finden. Ich möchte dir helfen, das hinzukriegen.“
Wo genau liegt der Unterschied? Im ersten Szenario lernen die Kinder: Ich muss funktionieren, sonst werde ich bestraft. Im Miteinander voller Achtung können sie lernen: Ich mache Erfahrungen und trage Verantwortung für mein eigenes Leben.
Die Pubertät als Geschenk, statt als Schreckgespenst
Eltern haben knappe neun Jahre Zeit, um sich auf die Pubertät vorzubereiten. Und ich würde mir wünschen, dass mehr von uns sie nicht mehr als Damoklesschwert sehen, vor der wir uns gegenseitig warnen, sondern als das Finale der Elternschaft. Die Teenie-Phase ist die letzte Chance, dem eigenen Kind auf Augenhöhe zu begegnen, bevor es erwachsen wird. Mit meinem Sohn habe ich diese Zeit nun beendet, meine Tochter steht kurz davor – und ich freue mich wahnsinnig darauf!
Das bedeutet nicht, dass bei uns immer alles reibungslos läuft. Auch bei uns gab und gibt es Konflikte. Aber Eltern dürfen diesen mit der Haltung der Gewaltfreien Kommunikation und voll bedingungsloser Liebe und Achtung statt mit Macht begegnen und versuchen, das Bedürfnis hinter dem Verhalten zu verstehen, statt nur die Oberfläche zu bewerten.

