Ihr Lieben, als Nele und Edith sich kennenlernten waren sie beide noch mit ihrem jeweiligen Mann verheiratet und hatten je zwei Kinder. Schnell merkten sie, dass das hier aber mehr als Freundschaft werden würde und so stellte die Begegnung ihre Leben ziemlich auf den Kopf. Was dann alles geschah, erzählen uns die beiden, die auch auf Instagram über ihre Erlebnisse berichten, hier im Interview.
Wie und wo und wann habt ihr euch zum ersten Mal gesehen und… hat es dann direkt Zoom gemacht?
Wir waren beide jeweils mit unseren Familien (Ehepartnern und Kindern) reisend und haben uns in Österreich getroffen. Wir hatten so viele Gemeinsamkeiten und Kinder im gleichen Alter, dass wir uns damals einfach riesig darüber gefreut hatten, uns gefunden zu haben, und insgeheim gehofft haben, in der Zukunft ein stückweit gemeinsam zu gehen – vielleicht sogar als beste Freundinnen.
Was schätzt ihr an der jeweils anderen ganz besonders?
Edith: „Deine Weichheit und Zärtlichkeit und gleichzeitig deine Stärke, und dass du für Sachen einstehst und kämpfst, wenn sie für dich wichtig sind.. Weil ich mich dadurch auf dich verlassen kann! Du merkst es in den richtigen Momenten, wenn ich dich brauche.“
Nele: „Deine Abenteuerlust und dass das Leben so viel lebendiger mit dir ist. Deine Stärke, Dinge anzupacken und dass du mir damit das Gefühl gibst, dass wir es schaffen können. Dass du so feinfühlig bist und immer direkt siehst, wenn es mir nicht gut geht. Dass du ein offener, reflektierter Mensch bist und wir gut über alles reden können.“
Ihr wart beide seit ca. 5 Jahren verheiratet – jeweils mit dem Vater eurer Kinder –, als ihr gemerkt habt: Uff, wir haben uns ineinander verliebt. Welche wilden Gefühle steckten zu der Zeit in euren Herzen, was zeigte euch, dass das mehr als Freundschaft war?
Einerseits dieses unglaubliche Gefühl auf Wolke sieben zu schweben, das Kribbeln im Bauch, wir konnten kaum essen und wollten ganz viel Zeit miteinander verbringen. Aber gleichzeitig auch die Angst – was bedeutet das jetzt für die Ehe? Wir hatten beide zu dem Zeitpunkt nicht vor, uns zu trennen und haben unsere Begegnung erstmal als Ergänzung gefühlt – für Aspekte, die wir in unserer Ehe vermisst hatten. Das hat so aber nicht funktioniert, weil wir schnell gemerkt haben, dass es mehr ist zwischen uns.
Für euch war es nicht nur eine Trennung, sondern auch ein Outing. Wie habt ihr euren Familien davon erzählt?
Edith: „Ich hab’s ganz salopp ausgesprochen. „Ich habe mich in Nele verliebt“. Ich empfand das Outing selbst erstmal als einfach, denn im Fokus stand zu dem Zeitpunkt eher, dass ich mich überhaupt neu verliebt habe, während meiner Ehe! Was ein Outing bedeutet und die Tragkraft des Ganzen wurde mir erst in den Monaten danach bewusst.“
Nele: „Für mich war es schon ein größeres Ding, dass ich mich in eine Frau verliebt habe. Weil sich damit meine ganze Identität verändert hat. Trotzdem wollte ich meine Familie und Freunde von Anfang an mitnehmen und es fiel mir nicht schwer, es zu erzählen. Die größte Hürde waren wohl meine Eltern. Ich dachte mir zwar, dass sie mit meiner Sexualität kein Thema haben werden, aber dass ich mich von meinem Mann trenne, hat sie mehr mitgenommen.“
Waren die Reaktionen aus eurem Umfeld dann so, wie ihr sie erwartet hattet? Ihr erzählt ja auch, dass ihr den gesamten Freundeskreis und die sichere Umgebung verlassen musstet.
Unsere Freunde haben sich durchweg für uns gefreut und unsere Entscheidung verstanden. Die Familie war teilweise eher verhalten aus den oben genannten Gründen. Ich (Nele) hatte das so nicht erwartet und dachte, sie würden sich einfach alle mit mir freuen. Aber ich verstehe auch, dass das nicht für alle so einfach war, besonders, weil sie selber schwere Trennungen durchgemacht hatten.
Dass wir unser bekanntes (soziales) Umfeld verlassen haben, lag daran, dass wir dann auf Reisen gehen wollten, und hatte erstmal nichts mit dem Outing zu tun. Allein die Tatsache, dass wir in Deutschland weit auseinander wohnten, erleichterte uns den Schritt, ins Ausland zu gehen und gemeinsam neu anzufangen.
Wenn ihr einander heute anschaut: Ist da ein Gefühl in euch, das sagt „Dafür hat sich das alles gelohnt? Dieser Weg war alternativlos?
Ja, definitiv. Auch wenn wir die letzten Jahre oft unsere Entscheidungen angezweifelt haben, hat das Leben, als auch unser Gefühl zueinander uns immer wieder darin bestärkt, dass es das Richtige war.
Wie lebt ihr heute? Soweit ich weiß, seid ihr auch nach Jahren nicht zusammengezogen, wie kommt’s?
Wir haben in den letzten vier Jahren viele Wohnmodelle ausprobiert, jedoch hat keines dauerhaft richtig gepasst. Für uns ist es jeweils wichtig, dass alle sich damit wohlfühlen und jede von uns auch mit ihren eigenen Kindern Raum für sich hat, deshalb leben wir aktuell auf einem 500qm Grundstück und haben jede unsere eigene kleine Wohneinheit.
In welchem Modell leben die Kinder, wie verstehen sie sich untereinander und wie kommen sie und die Väter damit zurecht?
Unsere Kinder sind in unsere große bunte Familie ziemlich organisch hineingewachsen. Sie waren noch klein als wir uns kennenlernten und haben gar nicht direkt verstanden, dass eine Trennung zwischen ihren Eltern stattgefunden hat. Einer der Väter war von Anfang an weiterhin vor Ort und ist auch gemeinsam mit uns auf Reisen gegangen.
Erst jetzt nach über 4 Jahren gehen wir die ersten zaghaften Schritte in Richtung Wechselmodell, wohnen aber weiterhin sehr nah aneinander. Zum anderen Vater haben wir guten Kontakt und versuchen ihn so oft es geht zu sehen. Die Kinder untereinander verstehen sich sehr gut!
Natürlich gibt es auch mal Streit und besonders am Anfang musste sich jeder in seiner neuen Rolle finden und auch verarbeiten, dass Familie auf einmal so viel größer, lauter und turbulenter ist. Teilweise mit neuen/anderen Regeln oder Ritualen. Für uns war der Weg, nicht dauerhaft alle zusammen in einem Haushalt zu wohnen, deshalb bisher der stimmigste.
Wenn ihr an eure Zukunft denkt: Was schwebt euch da alles noch so vor?
Oh, da haben wir einiges im Kopf. Zwischen gemeinsamen Selbstversorgerhof, bis hin zur Weltreise mit den vier Kids (und irgendwann auch zu zweit, wenn die Kinder größer sind) ist alles möglich… Wir sind ein gutes Team und haben Lust auf gemeinsame Projekte in der Zukunft.
Mögt ihr allen, die vielleicht grad struggeln und überlegen, ob ein solcher Weg für sie auch in Frage käme, noch einen kleinen Mutmacher mit auf den Weg geben?
Vertraut auf euer Gefühl und folgt eurem Herzen! Es lohnt sich, sich selber treu zu bleiben und das ist die Basis von allem und hilft in schwierigen Zeiten enorm. Gebt nicht zu schnell auf, denn es braucht Zeit eine Trennung der Kernfamilie zu verarbeiten und als Patchwork-Familie neu zusammen zu wachsen.



2 comments
Mich hätte noch interessiert, wie es den beiden Ehemännern und den Kindern mit dem Outing und den Trennungen geht. Auch wie die Patchworksituation mit den vielen wechselnden Wohnmodellen für die Kinder aufgeht.
Wir haben die Frage unter dem Foto auf der Brück noch ergänzt. Danke für den Hinweis!