„Stark gegen Mobbing“: Mobber fühlen sich oft selbst klein…

Stark gegen Mobbing

Elisabeth Raffauf. Foto: SWR

Ihr Lieben, immer wieder erreichen uns Nachfragen von Eltern, wie sie ihr Kind stark gegen Mobbing machen können, Elisabeth Raffauf hat ein tolles Buch für Kinder darüber geschrieben und wir haben sie gefragt, wie wir reagieren können, wenn wir merken, dass Kinder zu Opfern oder gar zu Mobbern („War doch nur ein Witz!“) werden.

Wie kamst du auf die Idee, ein Kinderbuch zum Thema Mobbing zu schreiben?

Es war gerade mein letztes Kinderbuch „Wann ist endlich Frieden?“ beim Fischer Verlag erschienen. Ich kam auf die Buchmesse und traf die Lektorin Julia Scheit. Wir standen an einem Stehtisch und sie fragte: „Worüber möchtest du dein nächstes Buch machen?“

Ich hab‘ ganz spontan gesagt „Zum Thema Mobbing“, weil ich aus Gesprächen mit Kindern wusste, dass das ist ein Thema ist, dass sehr viele beschäftigt. Beim Herzfunk, unserer Serie im WDR Mausradio, kommen zu dem Thema immer die meisten Anrufe und Nachrichten.

Hast du da auch eigene Erfahrungen gemacht? 

Ich habe mitgemacht, als eine Mitschülerin im Landschulheim geärgert wurde, weil sie angeblich stinken würde. Dafür schäme ich mich heute noch.

Kannst du erklären, wie es überhaupt zu Mobbing kommt? Man geht doch davon aus, dass Kinder nicht als schlechte Menschen geboren werden…

Mobbing ist ja ein Ausagieren von Aggressionen. Es wurde nicht gelernt, zum Beispiel über seine Wut, seine Enttäuschungen und Frustrationen zu sprechen und Gehör dafür zu finden. Menschen, die mobben, fühlen sich innerlich selbst klein, wurden vielleicht selbst runtergemacht und machen das jetzt mit anderen, um sich groß zu machen. Das erhabene Gefühl hält aber nicht lange an, so müssen sie es immer wieder machen.

Kann man sagen, wer sich eher als MobberIn und wer eher zur gemobbten Person entwickelt?

Mobbing
Stark gegen Mobbing

Es gibt verschiedene Faktoren, die dazu führen können, dass jemand mobbt. In der Regel wurde man selbst schon mal klein gemacht, runter gemacht und hat so runtermachen gelernt. Gleichzeitig hofft man – unbewusst – seine alten Wunden zu heilen, indem man es jetzt selbst macht.

Gemobbte Personen sind Menschen, die aus irgendeinem Grund anders sind oder anders wahrgenommen werden. Das kann am Ende alles sein, denn gemobbt wird man, weil man zu klein, zu groß, zu gut oder zu schlecht in der Schule ist, zu einfache Klamotten trägt oder zu schicke.

Kinder, die eine körperliche Besonderheit haben, eine andere Hautfarbe oder aus einem anderen Land kommen, erleben häufiger Mobbing.

Mein Kind erzählt mir zu Hause von einer Situation, wo es ein Kind aufgezogen hat und dass das aber nicht schlimm war, weil das Kind sogar mitgelacht habe… Wie kann ich ihm da erklären, dass das andere Kin vermutlich zu Hause trotzdem traurig darüber sein wird?

Dann könnte man mit seinem Kind überlegen, wie man es selbst auffassen würde. Würdest du dich selbst gekränkt fühlen, wenn das jemand zu dir sagen würde? Also sozusagen die andere Seite überlegen und das Mitgefühl aktivieren. Und dann natürlich schauen: Wie kann man es herausfinden, ob das Kind darüber traurig war? Nochmal nachfragen? Oder nochmal hingehen und sagen: „Es war nicht doof gemeint.“

Welche Gefühle stecken in gemobbten Kindern?

Sie sind sehr traurig, fühlen sich allein, ausgeschlossen, wertlos. Sie haben Angst vor der nächsten Situation und viele denken sogar, dass sie selbst schuld daran haben, dass sie gemobbt werden.

Und wieso gehen viele eher in den Rückzug als sich zu wehren?

Aus Angst. Sie machen die Erfahrung: Wenn ich mich wehre, wenn ich sauer werde oder wenn ich es Erwachsenen erzähle, dann wird es noch schlimmer. Und auch, weil sie das Gefühl haben, dass sie es irgendwie verdient hätten oder selbst schuld daran haben.

Es gibt Kinder, die selbst gemobbt wurden und dann die Seite wechseln, wie kommt es dazu?

Das hat mir mal ein Mädchen erklärt, die gemobbt wurde und dann selbst gemobbt hat. Sie sagte: „Ich habe mir geschworen, dass ich sowas nie mehr erleben möchte. Wenn ich selbst mobbe, dann gehör‘ ich zu den Mobbern und nicht zu den Gemobbten.“ Also sozusagen in das sicherere Lager.

Welche Tipps hast du für Kinder, die sich anders fühlen als andere?

Es ist wichtig zu wissen: Ganz viele Kinder fühlen sich anders als andere. Und normal ist ganz viel. Sucht euch Kinder, die vielleicht ähnlich seltene Interessen haben. Oft hat man das Gefühl: Ich bin anders als Alle. Das stimmt nicht.  Schaut euch um. Und: Sprecht mit Menschen, denen ihr vertraut, über eure Gefühle. Ihr seid einzigartig und das ist wunderbar!

Wie werden Kinder NICHT zu MobberInnen?

Indem Kinder selbst Mitgefühl erfahren, lernen sie auch Mitgefühl mit Anderen zu haben. Und indem sie lernen, dass schlechte Gefühle angeschaut werden dürfen und besprochen werden können. Dass man sie sie sich bewusst machen darf und darüber reden darf. Dann muss man sie nicht ausagieren. Das lernen sie früh und immer wieder, in erster Linie von den Erwachsenen, mit denen sie zusammen sind.

Hast du das Gefühl, dass es durch das Internet nochmal heftiger wird für Kinder/Jugendliche?

Ja, weil das Internet anonymer ist. Weil die Dimension „Mitgefühl“ fehlt. Ich sehe nicht, wie die anderen weinen und traurig sind, wenn ich sie beleidigt habe.  Und ich kann mich selbst verstecken, mir einen anderen Namen, eine andere Identität zulegen, so erfährt erstmal niemand, dass ich das war, der oder die so gemein war.  Das beides senkt die Hemmschwelle. Gleichzeitig sehe ich, was andere alles raushauen und sich trauen zu schreiben und das stiftet mich möglicherweise an, auch mehr rauszuhauen.

Hast du eine schöne Geschichte, wie es jemand rausgeschafft hat aus der Mobbingmühle?

Angst
Elisabeth Raffauf. Foto: Tina Niedecken

Eine kleine Geschichte: Ein Mädchen hat mir erzählt, wie sie von Drei Anderen immer wieder gemobbt wird, wegen ihrer Kleidung, wegen ihrer Noten, weil sie beliebt, ist bei Jungen. Sie war sehr traurig und wollte nicht mehr gern in die Schule gehen.

Wir haben uns ungefähr eine dreiviertel Stunde unterhalten. Sie hat mir alles genau geschildert, was passiert und dass es schon sehr lange so geht. Ich habe zugehört und mit ihr überlegt, woran es liegen könnte und ihr erklärt, dass die anderen sich in Wahrheit klein fühlen.

Am Ende des Gespräches war sie erleichtert und sagte: „Das Beste, das du zu mir gesagt hast, ist, dass ich keine Schuld habe. Ich habe gedacht, es liegt an mir.“

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