Katastrophisieren: 5 in Mathe! Wird aus meinem Kind noch was werden?

Katastrophisieren

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Ihr Lieben, Jennifer Koslik ist psychologische Psychotherapeutin und beobachtet seit längerem ein Phänomen bei Eltern: das Katastrophisieren. Jeden Tag erlebt sie Frauen mit Schuld, Überforderung, Mental Load, Ambivalenz und der Frage, ob sie eigentlich „gute Mütter“ sind. Und dann leistet sich ihr Kind einen Faux Pas und schon steht die ganze Zukunft in Frage. Nicht in echt, aber im Kopf der Betroffenen… hier (und übrigens auch bei Insta) schreibt sie darüber:

Kennst du das auch? Es passiert eine Sache und dein Kopf ist innerhalb weniger Sekunden schon bei der Katastrophe. Dein Kind schreibt eine Fünf in Mathe. Und plötzlich denkst du nicht mehr nur: „Okay, Mathe läuft gerade nicht gut.“ Sondern: „Wenn das so weitergeht, schafft es die Schule nicht. Dann bekommt es keinen Ausbildungsplatz. Was soll bloß aus ihm werden?“

Oder dein Kind erzählt, dass es auf dem Schulhof geärgert wurde. Und dein Kopf ist sofort weiter: „Was, wenn es gemobbt wird? Was, wenn es zum Außenseiter wird? Was, wenn es nie richtige Freunde findet?“ Mit etwas Abstand merken wir manchmal selbst, wie groß dieser Sprung war. In dem Moment fühlt er sich aber nicht übertrieben an. Er fühlt sich real an.

Ein Denkmuster namens Katastrophisieren

Katastrophisieren
Jennifer Koslik

Wenn aus einer Möglichkeit plötzlich Gewissheit wird: In der kognitiven Verhaltenstherapie nennen wir dieses Denkmuster Katastrophisieren. Es gehört zu den sogenannten Denkfehlern: typische Muster, durch die wir Situationen verzerrt bewerten, oft ohne zu merken, dass wir gerade interpretieren. Etwas Reales passiert. Aber unser Kopf bleibt nicht dort. Er denkt die Geschichte weiter. Aus „Mein Kind hat eine Fünf geschrieben“ wird „Mein Kind wird schulisch scheitern“.

Aus „Mein Kind wurde heute geärgert“ wird „Mein Kind wird keine Freunde haben“. Dabei wird aus einer möglichen Entwicklung innerlich schnell eine gefühlte Gewissheit. Vielleicht ist deshalb nicht die entscheidende Frage: „Kann das passieren?“ Theoretisch kann vieles passieren. Hilfreicher ist:„Wie viele Schritte bin ich gerade gedanklich weitergegangen, ohne zu wissen, ob es überhaupt in diese Richtung geht?“

Warum macht unser Kopf das? Weil unser Gehirn versucht, Gefahren früh zu erkennen. Und wenn es um unsere Kinder geht, kann dieses Warnsystem besonders empfindlich reagieren. Wir lieben sie, fühlen uns verantwortlich und wollen nichts Entscheidendes übersehen. Je stärker unsere Angst ist, desto schwerer kann es uns fallen, zwischen „Das könnte passieren“ und „Das wird passieren“ zu unterscheiden. Dann reagieren wir nicht mehr nur auf das, was vor uns liegt, sondern auch auf die Zukunft, die unser Kopf bereits entworfen hat.

Manchmal lohnt sich der Blick durch die eigene Brille. Unsere Bewertungen entstehen nicht völlig losgelöst von dem, was wir selbst gelernt und erlebt haben. Das heißt nicht, dass hinter jedem Katastrophengedanken eine alte Verletzung stecken muss. Aber es kann sich lohnen, neugierig zu fragen:

Warum trifft mich gerade das so stark? Waren schlechte Noten früher mit Druck verbunden? Kenne ich selbst das Gefühl, nicht dazuzugehören? Spielen eigene Erwartungen oder Glaubenssätze mit hinein? Vielleicht ja. Vielleicht auch nicht. Es geht nicht darum, zwanghaft eine Erklärung in der eigenen Vergangenheit zu finden. Sondern darum, zu prüfen, ob meine Geschichte gerade mitredet. Denn unser Kind ist nicht wir. Und seine Geschichte muss nicht genauso weitergehen wie unsere.

Warum das für die Beziehung wichtig ist

Gedanken beeinflussen Gefühle.Und Gefühle beeinflussen unser Verhalten. Wenn ich denke: „Mein Kind hat gerade Schwierigkeiten in Mathe“, kann ich neugierig bleiben: Was war schwierig? Braucht es Hilfe? Wenn ich dagegen denke: „Mein Kind wird schulisch scheitern“, hängt plötzlich viel mehr an dieser einen Note.

Vielleicht kontrolliere ich stärker, werde drängender oder übe mehr Druck aus. So kann eine Befürchtung anfangen, die Beziehung mitzubestimmen. Ein Kind könnte irgendwann lernen: „Fehler sind gefährlich.“ Oder sogar: „Wenn etwas schiefläuft, erzähle ich es lieber nicht.“ Dabei wollten wir eigentlich schützen.

Wie komme ich aus der Gedankenspirale heraus?  Katastrophisieren zu erkennen bedeutet nicht, Probleme kleinzureden. Verhaltenstherapie heißt nicht: „Ach, wird schon.“ Es geht darum, zwischen Fakt und Befürchtung wieder etwas Platz zu schaffen. Vier Fragen können helfen:

  1. Was weiß ich wirklich?
  2. Was befürchte ich?
  3. Welche anderen realistischen Entwicklungen sind möglich?
  4. Warum trifft mich das gerade so stark? Spielen eigene Erfahrungen,
    Erwartungen oder Glaubenssätze mit hinein?

Bei der Fünf heißt das: Ich weiß: Mein Kind hat eine Fünf geschrieben. Ich befürchte: Es verliert den Anschluss und wird später schulisch scheitern. Möglich ist aber auch: Dieses Thema war schwierig, es wurde zu wenig gelernt oder mein Kind braucht Unterstützung. So wird wieder sichtbar:

Psychotherapeutin

Meine Angst ist verständlich. Aber sie ist noch keine Vorhersage. Manchmal gehen wir in der Therapie noch einen Schritt weiter. Manchmal verfolgen wir einen Katastrophengedanken ganz bewusst bis zu seinem Ende. „Mein Kind hat eine Fünf.“ „Vielleicht schreibt es noch mehr schlechte Noten.“ „Vielleicht schafft es die Schule nicht.“ „Vielleicht bekommt es keinen Ausbildungsplatz.“

Und irgendwann sind wir bei: „Mein Kind wird niemals auf eigenen Beinen stehen.“ Das soll die Sorge nicht lächerlich machen. Es macht sichtbar, wie viele ungesicherte Annahmen zwischen dem tatsächlichen Ereignis und der befürchteten Katastrophe liegen. Dann können wir prüfen:

Wie wahrscheinlich ist jeder einzelne Schritt? Welche anderen Wege wären möglich? Und selbst wenn etwas Schwieriges eintreten sollte: Welche Möglichkeiten hätten mein Kind und ich dann? Denn beim Katastrophisieren überschätzen wir häufig, wie wahrscheinlich der schlimmste Ausgang ist, und unterschätzen gleichzeitig unsere Möglichkeiten, mit Schwierigkeiten umzugehen.

Was braucht mein Kind heute? Vielleicht ist deshalb eine andere Frage hilfreicher als „Was, wenn daraus etwas ganz Schlimmes wird?“ Nämlich: „Was braucht diese konkrete Situation heute von mir?“ Nicht in fünf Jahren. Nicht in der schlimmsten Version meiner Fantasie. Heute.

Vielleicht braucht mein Kind Hilfe bei Mathe. Vielleicht braucht es nach einem Konflikt jemanden, der zuhört. Und vielleicht brauchen wir Eltern selbst einen Moment, um zu bemerken: Mein Kopf versucht gerade, mich zu schützen. Aber ich muss deshalb nicht jeden Gedanken glauben. Denn ein Gedanke ist noch keine Tatsache. Eine Sorge ist noch keine Prognose.

Und nur weil mein Kopf eine Geschichte schon bis zum Ende erzählt hat, heißt das noch lange nicht, dass das Leben sie genauso schreiben wird.

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